Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.): “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“

Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass sich im New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) die weltweit wohl wichtigste Fotosammlung befindet. Sie ist eine wahre Fundgrube von ikonischen Meisterwerken der Photographie, und es lassen sich in ihr auch immer wieder neue und überraschende Entdeckungen machen. Schon in den 1930er Jahren begann man hier, photographische Kunst zu sammeln und in Ausstellungen zu zeigen.

Wenn ein so grundlegendes Buchprojekt wie „Die große Geschichte der Photographie“, die auf insgesamt drei umfangreiche Bände ausgelegt ist, sich auf die Sammlungen des MoMA New York stützt, so hat es die richtige Wahl getroffen, weil sich in eben jenen Sammlungen nahezu alle Inkunabeln der Photographie-Geschichte finden lassen.

Der vorliegende zweite Band, der nach dem Band III (1960 bis heute) als zweiter der Trilogie erscheint, beschreibt die Geschichte der Photographie in den entscheidenden Jahren von 1920 bis 1960. Der dritte und letzte Band (1839 bis 1920) wird aller Voraussicht nach im Laufe dieses Jahres (2017) erscheinen.

Die 1920er Jahren waren noch entscheidend von den traumatischen Erlebnissen des Ersten Weltkriegs geprägt, deren Erschütterungen auch in der Kunst zu spüren waren. Es kam nach dem Ende des Kriegs zu einer neuen Aufbruchsstimmung, die sich in einer Vielzahl von Stilen und Bewegungen ausdrückte.

Parallel zu diesen Entwicklungen eroberte auch die Photographie in jener Zeit ganz neue Terrains. Man denke nur an die von Oskar Barnack entwickelte Leica, die ab 1924 in Serie gefertigt wurde und dem Photographen eine bis dahin ungekannte Mobilität und ganz neue künstlerische Freiheiten ermöglichte. Die Erfindung der Kleinbildkamera befreite den Photographen von den Fesseln des Stativs, die schwerfällige Plattenkamera bekam eine schnelle Konkurrenz: die kleine Schwester war flink und leichter zu bedienen — und sie war billiger.

So war die Geschichte der Photographie auch immer mitgeprägt von den technologischen Entwicklungen und der künstlerischen Auseinandersetzung mit ihnen. Doch vor allem ging es um die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität, also mit der künstlerischen Interpretation und Konstruktion der Wirklichkeit. Es ist das Verdienst dieses aufwändigen Buchprojekts, die internationale Geschichte der Photographie in ihren Bildern darzustellen.

Der zweite Band spannt den Bogen von der europäischen (und hier besonders der deutschen) Avantgarde bis zur amerikanischen Avantgarde, vom Surrealismus bis zum „dokumentarischen Stil“ und die Subjektive Photographie, von der Street Photography bis zur Studio-Photographie. Um dem Leser dieser Besprechung eine genauere Vorstellung vom Inhalt des Buches zu geben, seien hier ausnahmsweise die acht Abschnitte genannt: „Die amerikanische Moderne 1920-1940“; „Der neue Photograph 1920-1940“; „Surrealismus und Alltag 1920-1940“; „Amerika und der dokumentarische Stil 1930-1950“; „Geschichten aus dem öffentlichen Raum 1920-1960“; „Studio und Schnappschuss 1929-1960“; „Subjektive Experimente 1940-1960“; „Kreative Photographie 1940-1960“.

Die hochwertig gedruckten Reproduktionen dieser Buchreihe werden von ergänzenden Texten der Herausgeber begleitet, die jeweils eine kompetente und interessante Einführung in einen der acht Abschnitte des Buches geben und den Leser mit dem nötigen Hintergrundwissen versorgen. Der eigentliche Schwerpunkt dieser Reihe liegt jedoch ganz klar auf der möglichst farb- und tonwertgetreuen Wiedergabe jener Ikonen der Photographie-Geschichte; es ist also in erster Linie ein Bilderbuch der Photographie-Geschichte.

Nicht nur der an Photographie interessierte Leser dürfte sich an dieser repräsentativen und umfangreichen Fotosammlung erfreuen, sondern vor allem der aktive Photograph: Er findet hier ein geradezu unerschöpfliches Schatzkästlein an Ideen und Motiven für die eigene kreative Arbeit. Somit gehört dieses Buch nicht nur ins Regal, um dort den Besucher zu beeindrucken, sondern es muss gelesen, angesehen und immer wieder durchblättert werden!

 

Autor: Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.)
Titel: “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“
Gebundene Ausgabe: 392 Seiten
Verlag: Schirmer Mosel
ISBN-10: 3829607784
ISBN-13: 978-3829607780

 

Habbo Knoch: „Grandhotels — Luxusräume und Gesellschaftswandel in New York, London und Berlin um 1900“

Wenn man die Stichworte „Grandhotel“ und „1900“ hört, spulen sich vor dem geistigen Auge sofort die entsprechenden Filmszenen ab: mondäne Gesellschaften, die sich in großzügigen Hotelhallen und opulent ausgeschmückten Speisesälen treffen; Treffpunkte für die High Society; Kristallisationspunkte der Urbanität; unbeschreiblicher Luxus und exklusive Räume für ein weltgewandtes Publikum; eine perfekte Bühne für Dandys und halbseidene Schönheiten; Auftrittsorte und Meeting Points für die Aristokratie und den Geldadel.

Auch die Literatur hat uns mit vielen Klischees versorgt, die unsere Vorstellung davon prägen, was in den Luxushotels der Zeit um 1900 vor sich ging, wer dort residierte und wie sich das Leben im Hotel abspielte. Filme und Literatur prägen unser Bild und unsere Vorstellungen vom Luxushotel und vom mondänen Treiben in den Grandhotels der Metropolen der klassischen Moderne.

Doch entsprechen diese medialen Bilder auch der historischen Realität? Der Historiker Habbo Knoch hat sich diese Frage gestellt und sich intensiv mit der Kulturgeschichte der Grandhotels um 1900 beschäftigt. Das Ergebnis dieser Forschung liegt seit einer Weile in Form eines umfangreichen Buches im Wallstein-Verlag vor: 496 prall gefüllte Seiten mit zahlreichen Abbildungen sowie mit einem umfangreichen Apparat und Literaturverzeichnis, wie es sich für die wissenschaftlichen Publikationen im Wallstein-Verlag gehört.

Habbo Knoch hat sich in seiner Untersuchung auf drei zentrale Orte der klassischen Moderne um 1900 konzentriert: New York, London und Berlin. Diese Beschränkung ist durchaus sinnvoll, da sich die je unterschiedliche Entwicklungsgeschichte der Grandhotels in jeder dieser drei Städte exemplarisch nachzeichnen lässt.

„Die modernen Metropolenhotels spiegelten dabei nicht nur die Dynamiken, komplexen Funktionen und Schattenseiten des urbanen Lebens wider, sie verkörperten auch Utopien einer besseren Zukunft“, schreibt der Autor in seiner Einleitung. Die immensen sozialen und wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen der Jahrzehnte um 1900 bleiben natürlich nicht vor den Eingangstüren der großen Hotels stehen, sondern beeinflussen auch das gesellschaftliche Miteinander innerhalb der Hotelhallen.

Mit dem Aufstieg des Bürgertums, mit den technologischen und infrastrukturellen Entwicklungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde auch das Ende des feudalen Zeitalters eingeläutet. Der Adel öffnete sich dem Dialog, verließ seine hochherrschaftlichen Anwesen und begab sich verstärkt in die Öffentlichkeit, zeigte sich im öffentlichen Raum, und die Grandhotels boten für diese erste Öffnung den adäquaten und stilvollen räumlichen Rahmen.

Um 1900 trat mit dem ungebändigten Wachstum der Städte auch ein neuer Menschentypus auf den Plan: der Metropolen-Mensch, der Großstadtmensch, der urbane Mensch. Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat diesen neuen Typus des Großstädters immer wieder charakterisiert; in seinem wohl berühmtesten Text zu diesem Thema („Die Großstädte und das Geistesleben“, 1903) beschreibt er den Stadtmenschen als einen Menschen, der sich gegen die Reizüberflutung der Großstadt zu schützen sucht, indem er eine reservierte, betont nüchterne und „blasierte“ (heute würde man sagen: coole) Haltung einnimmt. Welcher Typus wäre anhand dieser Merkmale treffender beschrieben als der typische Hotelgast in einem luxuriösen Ambiente?

Der Autor möchte nicht nur ein realistisches Bild der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Hotelwesens jener Zeit liefern, sondern es geht ihm um mehr. Er interessiert sich für den Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen den Luxusräumen und dem gesellschaftlichen Wandel dieser Umbruchszeiten um 1900. Wie bereits angedeutet, wurde durch die Zweite Industrialisierung eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung angestoßen, die zu einem explosionsartigen Wachstum der großstädtischen Ballungsräume führte.

Bereits in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden in den USA, im Britischen Königreich und im deutschen Kaiserreich die ökonomischen und technologischen Grundlagen geschaffen, die eine auf Massenproduktion und Effizienzsteigerung ausgerichtete Wirtschaft ermöglichten, die ihrerseits zu einer verstärkten Landflucht in die wachsenden Städte und zur Heranbildung einer neuen proletarischen Gesellschaftsschicht führte, deren Lebensbedingungen prekär war.

Am anderen Ende des sozialen Spektrums sah sich der Adel mit einer zunehmenden Zahl von (Neu-)Reichen aus dem Bürgertum konfrontiert: Unternehmer, gesellschaftliche Aufsteiger und Menschen, die in der Gründerzeit ihr Glück machten und reich wurden. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wuchs das gesellschaftliche Ansehen und das Selbstbewusstsein jener neuen wohlhabenden Schichten. Man wollte sich zeigen, seinen Reichtum präsentieren und natürlich auch auf Reisen sich in den entsprechenden Kreisen bewegen und zeigen, was man sich leisten kann.

Wir lernen schnell, dass es „den“ Großbürger genauso wenig gab wie „das“ Grandhotel. Wenn man heutzutage vom Grandhotel als Erinnerungsort der Moderne spricht, so sind damit mindestens zwei Leitbilder verbunden: das Palast-Hotel des Fin de Siècle (wie man es in den europäischen Urlaubsregionen der Schweiz und in Frankreich kannte) und das Grandhotel als Adaption der amerikanischen „Modern Hotels“ mit ihren perfekt durchrationalisierten Strukturen und ihrem bis in ungeahnte Dimensionen gesteigerten Luxus.

Der Autor identifiziert fünf Faktoren, die für die Entwicklung der Grandhotels in der Zeit zwischen 1880 und 1914 entscheidend waren. Erstens die wachsende Bedeutung der Metropolen für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Austausch; zweitens die Entstehung eines finanzstarken Bürgertums in den Metropolen; drittens die Einbeziehung der Grandhotels in die öffentliche Vergnügungs- und Konsumkultur; viertens die Funktion der Grandhotels als Trendsetter und Drehscheibe des transatlantischen Austausch im Bereich der technischen Neuerungen und fünftens der direkte Einfluss der Kapitalmächtigen im globalen Handel auf diese Entwicklungen in einem kolonialen Zeitalter.

Habbo Knoch ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Köln. Er hat bereits einige interessante Publikationen über die Zeit der Klassischen Moderne veröffentlicht. Wie nicht anders zu erwarten, sind seine Bücher sehr übersichtlich und logisch gegliedert, exzellent recherchiert und (trotz allen wissenschaftlichen Anspruchs) sehr gut zu lesen und leicht verständlich. Zahlreiche Abbildungen machen den Text noch anschaulicher und unterstützen den Leser in seiner Lektüre auch längerer Abschnitte.

Wer sich mit jener mondänen Welt der großen Luxushotels der Jahrhundertwende beschäftigen möchte, findet in diesem Buch eine Vielzahl von spannenden Fakten und erhält einen wissenschaftlich fundierten Einblick in die Gesellschaftsräume einer verlorenen Zeit und einer untergegangenen Welt.

Aber ist der Luxus jener Zeit wirklich verloren? Schwingt nicht auch in den heutigen Fünf-Sterne-Häusern noch jener Geist der vergangenen Zeiten mit? — Ja und nein. Natürlich gibt es auch heute noch exklusive Orte der Gastlichkeit, jene Inseln der Glückseligen, die nur den Reichen und Superreichen vorbehalten sind, die sich gerne mit Luxus umgeben und sich von der Öffentlichkeit abschotten möchten. Und doch sind es heute natürlich andere Zeiten, ist die Gesellschaft eine andere, und die Art und Weise, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegt, hat sich selbstverständlich auch gewandelt.

Deshalb ist es umso wichtiger und umso faszinierender, mit dem Autor auf eine Zeitreise in die Vergangenheit zu gehen und sich an der kundigen Hand eines Historikers durch jene Welt des Luxus zu bewegen, die vor über hundert Jahren in den Grandhotels der Metropolen die Reichen der Gesellschaft umgab.

 

Autor: Habbo Knoch
Titel: „Grandhotels — Luxusräume und Gesellschaftswandel in New York, London und Berlin um 1900“
Gebundene Ausgabe: 495 Seiten
Verlag: Wallstein
ISBN-10: 3835319116
ISBN-13: 978-3835319110

 

Karl Kraus: “Ausgewählte Werke” in vier Bänden (Hg.: Christian Wagenknecht)

Karl Kraus wurde 1874 Jičín, einer Kleinstadt im heutigen Tschechien, geboren und starb 1936 in Wien. Von 1899 bis 1933 gab er die Zeitschrift „Die Fackel“ heraus, deren alleiniger Autor er die meiste Zeit war; nur vor 1912 gab es noch andere Autoren, wie zum Beispiel Peter Altenberg, Houston Stewart Chamberlain, Egon Friedell, Else Lasker-Schüler, Adolf Loos und Frank Wedekind.

„Die Fackel“ darf zurecht als das Hauptwerk von Karl Kraus angesehen werden. Doch obwohl die Zeitschrift insgesamt mehr als 20.000 Seiten umfasst, ist Kraus´ Werk damit noch nicht hinreichend umrissen. Zahlreiche Theaterstücke, Dramen, Gedichte, Aphorismen-Sammlungen und weitere Texte zeichnen Karl Kraus als einen Ausnahme-Schriftsteller aus. Betrachtet man die schier unglaubliche Produktivität von Karl Kraus, so kommt man zu der Ansicht, dass der Mann sein Leben vorwiegend schreibend verbracht haben muss.

Wer viel zu sagen hat, erzeugt auch schnell Widerspruch. Karl Kraus hatte nicht viele Freunde, dafür jedoch umso mehr Feinde. Stefan Zweig bezeichnete Kraus in seinen Memoiren „Die Welt von Gestern“ als den „Meister des giftigen Spotts“. Ein Sprach-Erzieher ersten Ranges, war Karl Kraus stets darauf bedacht, der Presse, die er abfällig als „Journaille“ bezeichnete, die Leviten zu lesen.

Peter Altenberg, Else Lasker-Schüler und Georg Trakl wurden von Kraus gefördert, aber die Liste seiner Feinde ist deutlich länger. Er legte sich mit vielen Zeitgenossen an: hier sind exemplarisch Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Maximilian Harden, Sigmund Freud und Alfred Kerr zu nennen. Allen voran bekam Alfred Kerr, der berühmte Theaterkritiker der Weimarer Zeit, seine literarischen Giftspritzen zu spüren.

Die vorliegende vierbändige Auswahl aus den Werken von Karl Kraus, die jetzt bei Lambert Schneider erschienen ist, stellt sich die schwere Aufgabe, aus dem riesigen Text-Berg, den der sprachbesessene Autor im Laufe seines Lebens geschaffen hat, eine repräsentative Auswahl zu treffen.

So werden im ersten Band über den Überschriften „Sittlichkeit und Kriminalität“ sowie „Die chinesische Mauer“ Texte aus der „Fackel“ versammelt, die das ganze Spektrum dieser Zeitschrift abbilden soll, von den Glossen und Randnotizen bis zu den großen Kritiken und Essays. Im zweiten Band („Literatur und Lüge“, „Untergang der Welt durch schwarze Magie“) setzt sich Karl Kraus explizit mit seinen literarischen Zeitgenossen auseinander und beschwört in zahlreichen zeitkritischen Texten den Untergang der alten Welt.

Der dritte Band ist dem „Weltgericht“ gewidmet, den Texten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Zeit danach. Im vierten und letzten Band sind nach zahlreichen wunderbaren Sprachglossen schließlich – wenigstens auszugsweise – zwei der wichtigsten Texte von Karl Kraus versammelt: das Bühnenstück „Die letzten Tage der Menschheit“ und „Dritte Walpurgisnacht“, jene erst nach dem Ende des zweiten Weltkriegs postum veröffentlichte Anklageschrift gegen den Nationalsozialismus.

Alfred Polgar nannte Kraus in seinem Nachruf einen „Hüter im Bezirk des Geistes“; er war jene kritische Instanz, die die literarische Welt seiner Zeit stets im Blick hatte und keinen Moment aus den Augen ließ. Wie eine Gouvernante wachte er darüber, dass die Sprache sauber und rein, die Gedanken klar blieben und die Ideen nicht verwässert werden. Sein Sprachwitz und die Treffsicherheit seiner Aphorismen und Bonmots machen Karl Kraus auch heute noch zu einer zeitlosen Instanz, wenn es um den kunstvollen und genauen Einsatz der deutschen Sprache geht.

„Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?“ fragte er einmal in der „Fackel“. – Diese Frage sollte man sich jederzeit stellen, wenn man sich in einem der überfüllten Paläste der großen Buchhandelsketten von zigtausend uninteressanten Neuerscheinungen umzingelt sieht! – Aber in Bezug auf Karl Kraus selbst stellt sich diese Frage nicht: Hier gibt es so viel zu lesen und zu entdecken, dass der eine oder die andere vielleicht sogar durch diese schön gestaltete und gelungene Auswahl aus dem Werk von Karl Kraus dazu verführt wird, sich über diese vier Bände hinaus mit der „Fackel“ und anderen Schriften von ihm zu befassen.

 

Autor: Karl Kraus
Titel: “Ausgewählte Werke” in vier Bänden (Hg.: Christian Wagenknecht)
Gebundene Ausgabe: 2400 Seiten
Verlag: Lambert Schneider
ISBN-10: 3650401746
ISBN-13: 978-3650401748

 

Andreas Mayer: „Sigmund Freud zur Einführung“

„Wer sich um ein Verständnis der Kulturen der westlichen Welt des 20. Jahrhunderts bemüht, wird eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Sigmund Freud schwerlich vermeiden können.“ — So beginnt die Einführung in das Werk von Sigmund Freud, die jüngst von Andreas Mayer im Junius-Verlag erschienen ist.

Andreas Mayer lehrt in Paris und kann bereits auf eine stattliche Liste von Publikationen zur Geschichte der Humanwissenschaften, zum Verhältnis von Wissenschaft und Kunst sowie zur Geschichte der Psychoanalyse verweisen. Die im Junius-Verlag erscheinende Reihe der Einführungen möchte Interessierten die Möglichkeit eröffnen, sich über einzelne Autoren oder Themen zu orientieren; kompetent, fundiert und ansprechend geschrieben, zeigen diese Einführungstexte einige wenige Berührungspunkte auf, die dem Leser einen ersten Zugang zum Leben und Werk eines Autors bzw. zu einer Thematik eröffnen.

Der Name Sigmund Freud ist untrennbar mit einem neuen theoretischen Denkgebäude der Psychologie verbunden, das von ihm maßgeblich entwickelt wurde: der Psychoanalyse. Freuds Schriften bildeten nicht nur die theoretische Grundlage für jene ganz neuartige Form des therapeutischen Umgangs mit den Patienten, sondern die Schriften boten ihrerseits vom Anbeginn bis heute genügend Anlässe zu kritischen Auseinandersetzungen mit seinen Theorien.

Der Studienanfänger sieht sich demnach nicht nur einer Vielzahl von Originaltexten Sigmund Freuds gegenüber, die selbst schon schwierig einzuordnen und zu verstehen sind, sondern er wird darüber hinaus von einer noch größeren Menge an Sekundärtexten über Freuds Psychoanalyse förmlich erschlagen. Andreas Mayer hat sich der schwierigen Aufgabe gestellt, hier ein wenig für Ordnung zu sorgen und dem Anfänger eine leicht verständliche und trotzdem brauchbare Einführung in das Werk von Sigmund Freud zu geben.

Diese Einführung von Andreas Mayer versucht einen Neuzugang, wie es auf dem Klappentext heißt: Mayer unternimmt eine sowohl historische als auch inhaltliche Kontextualisierung von Freuds Schriften. Sie werden sowohl kulturhistorisch als auch wissenschaftshistorisch kontextualisiert und bereiten den Studierenden auf diese Weise auf eine neue und zeitkritische Lektüre vor.

„Ein solches Vorgehen kann sich auf Freud selbst berufen, denn dieser hat die Wahl einer historischen Perspektive als zentral für die Vermittlung der Psychoanalyse angesehen“, schreibt der Autor in seiner Einleitung. Folgerichtig wird in dieser Einführung eine „genetische Form der Präsentation [der Schriften Freuds], die die historische Dimension der Freud´schen Theorien reflektiert“, angestrebt. Hierbei wird der Prozesshaftigkeit vieler wichtiger begrifflicher Prägungen der Freud´schen Theorien Rechnung getragen, was sowohl den Zugang zur psychoanalytischen Praxis als auch zum Verständnis ihres komplexen Theoriegebäudes erleichtert.

Wer also am Beginn eines Psychologie-Studiums steht oder sich einen ersten Überblick über die psychoanalytischen Theorien Sigmund Freuds verschaffen möchte, ist mit dem Kauf dieser knappen und kompetent verfassten Einführung bestens beraten.

 

Autor: Andreas Mayer
Titel: „Sigmund Freud zur Einführung“
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Junius Hamburg
ISBN-10: 3885060906
ISBN-13: 978-3885060901

 

Ingmar Arnold: “Luftzüge — Die Geschichte der Rohrpost“

Die Entwicklung der Rohrpost ist eng mit der Entwicklung der Eisenbahn verbunden. Neben den dampfbetriebenen Eisenbahnen gab es zu Anfang Versuche mit so genannten „atmosphärischen“ und „pneumatischen“ Eisenbahn-Antrieben. Während beim „atmosphärischen“ Antrieb die Waggons durch eine zentrale Druckluft-Röhre nach vorne bewegt wurden, dachte man bei der „pneumatischen Eisenbahn“ daran, die Züge direkt in einer großen Röhre mittels Druckluft zu bewegen. Dieses zweite Prinzip bildet auch die Grundlage der späteren Rohrpost-Systeme.

Ingmar Arnold hat mit diesem Buch (jetzt in einer erweiterten Neuauflage erschienen) eine sehr schöne Dokumentation der Technikgeschichte der Rohrpost vorgelegt; er befasst sich vor allem mit dem Berliner Rohrpost-System, wie es nahezu unverändert von 1865 bis 1972 existierte. Das Netz der Stadtrohrpost wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bereits 1948 geteilt, doch selbst während der Zeit der Trennung beider Stadthälften wurde die Rohrpost in Ost und West für verschiedene Zwecke benutzt.

Das Buch legt seinen Fokus auf die Berliner Rohpost-Geschichte. Was Berlin für die Geschichte der Rohrpost so bedeutend macht, ist nicht nur die lange und wechselvolle Geschichte der stadteigenen Rohpost-Anlagen, sondern die Tatsache, dass die Stadt selbst ein wichtiger deutscher Produktionsstandort für die Rohrpost-Technik war: allen voran ist hier natürlich die Firma Siemens & Halske zu nennen.

Doch ihren Anfang nahm die Rohrpost in England, dem Land, in dem die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug in der westlichen Welt begann. Während George und Robert Stevenson in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Dampflokomotive nicht nur das Transportwesen, sondern die Welt veränderten, beschäftigten sich andere Tüftler mit alternativen Antriebstechniken (wie z. B. die oben erwähnten atmosphärischen und pneumatischen Systeme). Ja, die Idee eines durch Druckluft angetriebenen Röhrensystems, in dem man kleine Frachten und Päckchen transportieren konnte, ging sogar zurück auf einen Franzosen aus dem 18. Jahrhundert.

Doch es war der englische Ingenieur George Medhurst, der schließlich in mehreren kleinen Schriften auf die Möglichkeiten hinwies, wie man „mittels der Kraft und Geschwindigkeit von Luft“ Personen und Sachen in Röhren transportieren könne. Geradezu zwangsläufig findet die Rohrpost damit auch in London, der Weltmetropole und Zentrum der Welt damaliger Zeit, ihren ersten Einsatzort.

Der vorliegende Band ist beim Ch. Links-Verlag in der „Edition Berliner Unterwelten“ erschienen, und so verwundert es nicht, dass die Berliner Rohrpost nach den einführenden Kapiteln zur Entwicklungsgeschichte der Rohrpost in England und ihren Siegeszug um die Welt den eigentlichen Schwerpunkt und den Hauptteil des Buches ausmacht. Exemplarisch für Rohrpost-Anlagen anderer westlicher Großstädte, zeigt der Autor in fünf Kapiteln anhand der Geschichte der Berliner Rohrpost, wie die „kleine U-Bahn Berlins“ durch die gut 100 Jahre ihres Bestehens (1865-1972). 1972 wurde das westliche Teilnetz stillgelegt, das Ost-Berliner Netz bestand zwar bis zur Wende 1989, wurde jedoch nicht mehr weiterentwickelt.

Das Buch bietet einen spannenden Überblick über die technische Entwicklungsgeschichte der Rohrpost. Interessant wäre eine Ergänzung jener Technikgeschichte durch eine Kulturgeschichte der Rohrpost, die ihre Nutzer, ihren Einfluss auf die Kommunikation und das urbane Leben mehr in den Mittelpunkt rückt; diese Einflüsse klingen zwar auch in diesem Buch immer wieder an, jedoch liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Bereich der Technik.

Diese Konzentration ist jedoch beileibe kein Nachteil, sondern verleiht dem Text eine sehr schöne Stringenz. Die Publikation glänzt durch zahlreiche interessante und sehr detailreiche Abbildungen, und der umfangreiche Anhang bietet auch dem Technikinteressierten einen tieferen Einstieg in die Materie. Mit anderen Worten ist „Luftzüge — Die Geschichte der Rohrpost“ eine spannende und lehrreiche Lektüre über einen bewegten und leider vergangenen Abschnitt unserer Kommunikationsgeschichte.

 

Autor: Ingmar Arnold
Titel: “Luftzüge — Die Geschichte der Rohrpost“
Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
Verlag: Ch. Links Verlag
ISBN-10: 3861539241
ISBN-13: 978-3861539247