Harald Welzer: „Wir sind die Mehrheit – Für eine Offene Gesellschaft“

In den letzten Jahren sieht man den Soziologen und Mitbegründer der gemeinnützigen Stiftung FuturZWEI, Harald Welzer, immer öfter im Fernsehen, und das ist gut so! Denn im Unterschied zu vielen anderen „Experten“, die von den Medien herangezogen werden, um ihre Beschäftigung mit einem aktuellen Thema mit einer Aura der Wissenschaftlichkeit zu umgeben, handelt es sich bei dem Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer um einen Wissenschaftler und Intellektuellen, der keinen Wert darauflegt, möglichst interessant und kompetent zu erscheinen, sondern dem es um die Sache selbst geht. Der Mann hat eine Vision. Das ist in der deutschen intellektuellen Landschaft ebenso selten wie bemerkenswert.

Denn wir leben in einer Zeit des „Post-„, in einer Zeit, die ihre großen Visionen verloren hat und nur noch das schwache Nachglimmen der jeweiligen Anti-Bewegungen zu registrieren vermag. Es ist kühl geworden in den trockenen Gefilden der Intellektuellen, und leidenschaftliche Charaktere wie Welzer werden mit Skepsis betrachtet. Denn von jenen gibt es neuerdings wieder eine ganze Reihe: Man findet sie nur leider viel häufiger am falschen Ende des politischen Spektrums, bei den Rechtspopulisten und den Neurechten, für die „Demokratie“, „Freiheit“, „Europa“ und „Pluralismus“ Schimpfwörter sind. Diese Wahrnehmung mag jedoch täuschen, da die radikalen und rassistischen Ausfälle der Populisten deutlich präsenter in den Medien präsentiert und kommentiert werden, als die Äußerungen der vernünftigen und besonnenen Mehrheit.

Plötzlich kriechen ihre kruden Ideen und Ideologien wieder wie blasse Kröten aus jenen abgelegenen braunen Sümpfen hervor, die man seit Jahrzehnten abgeschrieben hatte und trockengelegt zu haben glaubte. Jetzt sind sie wieder da, die Werwölfe im Schafspelz, doch das rassistisches Heulen von damals hat sich mithilfe von viel Kreide in ein geschmeidiges populistisches Stimmchen verwandelt, das mit Leichtigkeit die Schäfchen um sich sammelt.

Betrachtet man eine Pegida-Veranstaltung aus sozialpsychologischer Perspektive, so bietet sich im Grunde ein bizarres Schauspiel: Auf der Bühne stehen die Wölfe im Schafspelz und heizen die Menge der ängstlich-zornigen Wutbürger mit brav gelernter Demagogie auf, bis die Volksverhetzung zum Breitensport mutiert. Von der Bühne jedoch schaut man auf die Masse der in Wolfskostüme gekleideten Schafe, die sich das eigene Denken allzu gerne abnehmen lassen zugunsten einer simplen Ideologie, die das eigene schiefe Weltbild nicht stört. Komplexität weicht der einfachen Endlösung, Vielfarbigkeit dem schwarzweißen Schema von Gut und Böse.

Wir leben in der besten aller möglichen Welten, doch wir haben verlernt, uns dessen bewusst zu sein. Viel lieber jammern wir und haben vor allem und jedem Angst, die keiner rationalen Grundlage bedarf. Harald Welzer zeigt die Hirnlosigkeit unserer Angst, indem er ein sehr eindrückliches Bild malt: Machen wir einmal richtig viel Panik und stellen uns vor, es kämen drei Mio. Flüchtlinge nach Europa. – In der EU leben zurzeit jedoch etwa 510 Mio. Menschen. Stellen wir uns also eine große Party vor, auf der über 500 Leute miteinander leben, lachen und feiern. Was würde passieren, wenn es plötzlich klingeln würde und drei weitere Gäste vor der Tür stünden?

Die Reaktionen der meisten EU-Mitgliedsstaaten auf diese Situation waren in der Tat höchst irreal und befremdlich: Anstatt die drei neuen Gäste einzuladen und sie in die europäische Party-Gemeinschaft von 2015 und 2016 zu integrieren, schrien die meisten Gäste hysterisch auf, man könne und wolle keine weiteren Gäste aufnehmen; sie hatten wirklich Angst um den eigenen Wohlstand und überlegten, wie man die Klingel an der Haustür abschalten könnte. – Leute, geht’s noch?!

Spätestens seitdem ein narzisstischer und permanent twitternder Präsident ins Weiße Haus eingezogen ist, dessen engster Strategieberater Bannon zuvor für den rechtskonservativen Medienkonzern Breitbart gearbeitet hat, haben hoffentlich auch die letzten Schlafmützen verstanden, dass es schon lange nicht mehr um Fakten geht, sondern um die „gefühlte Wahrheit“ der Nachrichten. Egal ob Hitler, Haider, Orban, Erdogan, Putin, Trump, Petry, Höcke, von Storch oder Gauland – immer wird dasselbe Prinzip angewandt, um die liberalen und demokratischen Medien an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu bringen:

Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, und die Medien reagieren im Reflex: Sie sehen ihre ethische Aufgabe und ihren gesellschaftlichen Auftrag darin, über diese Falschmeldungen zu berichten, sie aufzudecken, die möglichen Hintergründe zu recherchieren, das Ganze zu kommentieren, erneut zu hinterfragen… In der Zwischenzeit werden jedoch immer neue absurde Falschmeldungen produziert, die dann wieder von jenen Medien analysiert, recherchiert werden usw. usf.

Im Ergebnis werden die verantwortungsvollen Medien durch diesen Shitstorm lahmgelegt und gleichzeitig wird in den Medien der Autokraten derselbe Lügen-Schwachsinn so lange und so professionell wiederholt, bis es der kleine Mann glaubt. Dieser Mechanismus ist im Grunde längst bekannt, und trotzdem haben die verantwortungsvollen Medien keine andere Wahl, als sich dieser Fake-News (die ja von oben kommen und eben nicht von ihnen selbst!) medial anzunehmen. — Haben sie wirklich keine andere Wahl?

Doch die Medien übernehmen eine Schlüsselfunktion in diesen Zeiten „gefühlter Wahrheiten“. Wenn sie sich zu intensiv mit den Lügen der Populisten auf der einen Seite und mit der medialen Berichterstattung über Terror-Akte, „Gefährder“ und Islamisten auf der anderen Seite beschäftigen, so geben sie beiden Extremen viel zu viel Raum und schenken ihnen zu viel Aufmerksamkeit. Natürlich wäre es fatal für das Ansehen der Medien, sowohl die Lügner als auch die Massenmörder einfach zu ignorieren; jedoch muss man die Intensität der Berichterstattung und der Auseinandersetzung mit diesen Extremformen der Kommunikation völlig neu dosieren.

Terror ist Kommunikation, und die mediale Aufmerksamkeit ist deren eigentliches Kapital. In dem Moment, wo der Terrorakt nicht mehr kommuniziert würde, verlöre er auch rasch an Wirkung. Indem aber die Medien hocherregt über den Terror berichten, stundenlange Sondersendungen fahren, jeden noch so entfernten Experten zu seiner Meinung befragen usw., beschenken Sie die Islamisten mit einer Medienpräsenz, die vor allem eines deutlich macht: Der Westen ist nicht in der Lage, souverän auf den Terror zu reagieren. Er lässt sich auf einen Diskurs mit den Terroristen ein, übernimmt ungefragt ihr Narrativ, spricht (wenn auch in Anführungszeichen) vom „Islamischen Staat“.

Warum ist dieser kleine Exkurs in den Umgang mit dem Terror so wichtig? — Weil die Medien nahezu identisch auf die Lügen der Nationalisten, Rechtspopulisten und Neurechten reagieren. Auch hier wird stets in aller Ausführlichkeit berichtet, kommentiert und analysiert. Schließlich möchte man als demokratische Medien mit den neuen Lügenbaronen am rechten Rand kompetent umgehen und ihre frechen Behauptungen als Lügen aufdecken…

Dieser Umgang mit den Populisten ist schon vom Grundsatz her falsch. Der Populismus lebt von der Öffentlichkeit und von der medialen Veröffentlichung seiner Lügen. Je mehr die Medien diese Lügen wiederholen, desto „normaler“ werden die in ihnen getroffenen Aussagen. So macht man die rassistischen, antisemitischen und volksverhetzenden Parolen der Rechten auf die Dauer salonfähig.

Das Prinzip der „Disruption“ stammt ursprünglich aus der Wirtschaft. Laut FAZ ist Disruption das Wirtschaftswort 2015 gewesen. Man versteht darunter eigentlich „Zerbrechung“, „Zerreißung“, „Zerrissenheit“, „Spaltung“, „Bruch“, „Riss“ oder auch „Unterbrechung“. Im Wirtschaftskontext versteht man darunter die Zerlegung von Unternehmen in kleinere und profitablere Einheiten; früher hätte man von Zerschlagung gesprochen und es überhaupt nicht toll gefunden, aber in Zeiten der Globalisierung klingt „disruptiv“ natürlich irgendwie schick und modern. Bezogen auf den medialen Informationsfluss wird das zerstörerische Potenzial der Disruption jedoch besonders deutlich.

Disruptive Meldungen unterbrechen den medialen Flow der permanenten Aussendung von Informationen. Die Medien kommen aus dem Takt. Wenn der amerikanische Präsident seine Tweets in den digitalen Orkus sendet, unterbrechen die klassischen Medien sofort ihr Programm und befassen sich mit der Interpretation dieses Tweets. Dasselbe passiert, wenn ein Björn Höcke sich im Ton vergreift oder eine Frauke Petry „völkisch“ für ein akzeptables Wort hält.

Anstatt einfach nur kurz und knapp einen neuen Eintrag in der Rubrik „Lügenbarone und Verwirrte“ zu vermelden, springt die Presse voll darauf an. Sensationen bringen Einschaltquoten, und je unglaublicher die Meldung, desto besser fürs eigene Geschäft. Eine freiwillige Selbstkontrolle und -abstinenz der öffentlich-rechtlichen Medien wäre an dieser Stelle nicht nur eine gute Idee, sondern auch dringend erforderlich.

Ein ähnliches Problem, das aber leider nicht so einfach bzw. gar nicht mehr zu steuern ist, sind die sogenannten „sozialen Medien“. Hier haben wir es in der Tat mit einer von der Realität abgekoppelten Scheinwelt zu tun, in der sich die Leute je nach Interessenlage ihre eigene Wahrheit basteln können. Für jede Lüge findet man die entsprechenden Kanäle und „Freunde“, die die eigene Meinung teilen, und sei sie noch so skurril.

Social Media ist das digitale Sammelbecken für Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und Fundamentalisten. Hier rekrutiert der IS seine „Follower“, und die Neue Rechte findet einen direkten Zugang zum Hirn ihrer Anhänger. Abkopplung von der Realität und die Konstruktion eines disparaten Wirklichkeitsbildes sind im Umgang mit diesen Medien besonders leicht herzustellen. Was in analogen Zeiten nur mit einem hohen technischen und zeitlichen Aufwand zu erreichen war (Indoktrination durch zielgruppengerechte Propaganda), wird in den sozialen Medien für den politischen und religiösen Fundamentalismus zum Kinderspiel.

Ein Schlüsseltheorem der Sozialpsychologie lautet: „Wenn Menschen Situationen für real halten, dann sind diese in ihren Folgen real.“ Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern verschiebt auch die individuelle Wahrnehmung. Es geht hierbei um die „gefühlte Wahrheit“ und nicht mehr um Fakten. Seitdem sich die Politik von den Fesseln der Realität befreit hat und nur noch auf Emotionen setzt, hat sie einen Tabubruch begangen.

Die Rede vom „postfaktischen Zeitalter“, das spätestens seit dem Amtsantritt von Donald Trump begonnen haben soll, lässt schnell übersehen, dass wir mit der Demagogie der Rechtspopulisten nicht nur eine weitere Spielart der politischen Kommunikation erleben, sondern einen gezielten und permanenten Verstoß gegen die Grundregeln des Diskurses: Es wird bewusst gelogen, es werden gezielt und wiederholt Grenzen übertreten, Tabubrüche begangen.

Indem man das Unsagbare immer wieder sagt – und dann später wieder öffentlich dementiert oder seine Aussagen zurücknimmt, wird das Unsagbare irgendwann zum Sagbaren: So verschiebt man Grenzen und erweitert Stück für Stück den Bereich der Normalität über die Grenzen des Normalen. Auf diese Weise werden Normen verletzt, rote Linien überschritten und Perspektiven verschoben.

Im Winter 2015 hat Harald Welzer zusammen mit Freunden und Mitstreitern „etwas sehr Einfaches gestartet, nämlich eine Debattenreihe“ zum Thema Welches Land wollen wir sein? Seitdem engagieren sich mehr als 10000 Menschen in einer „Bewegung, die viele Gelegenheiten und Orte hat, wo man zusammenkommen kann, um sich gemeinsam für die Bewahrung von Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

In Debatten, bei Essenstafeln, mit Flashmobs, auf Lesungen und Poetry slams, auf Demonstrationen, Festivals und vielen anderen Aktionen geht es um nichts Geringeres als um die Rettung unserer Demokratie und die Bewahrung multikulturellen Werte einer offenen Gesellschaft. In Anlehnung an den populistischen Wahlkampf-Slogan der Trump-Anhänger gibt Harald Welzer das Motto raus: „Let´s make Democracy great again!”

Das ist auch bitter nötig, denn wir leben wieder in spannenden Zeiten. So könnte man es positiv formulieren. Man könnte aber auch in Panik verfallen, wenn man die täglichen Nachrichten verfolgt. Die westlichen Demokratien fallen der Reihe nach um wie die Fliegen. Ein rechtspopulistischer Wahlsieg folgt dem nächsten. Allein das Jahr 2016 brachte mit dem „Brexit“ und mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gleich zwei Mal den GAU, und es passieren Dinge, die man noch vor zwei Jahren nicht im Traum für möglich gehalten hätte. Dieser Albtraum ist jedoch nur die logische Fortsetzung eines Zerfallsprozesses der westlichen Demokratien, der bereits seit vielen Jahren fortschreitet und nun eine derartige Eigendynamik erreicht zu haben scheint, dass es nicht mehr ausgeschlossen ist, dass auch in Deutschland demnächst der Karren, bildlich gesprochen, in den Dreck fährt.

Das eigentliche Skandalon dieser politischen und kulturellen Abwärtsbewegung liegt aber nicht einmal in jener starken Rechtstendenz der politischen Orientierung, sondern in einem neuen Umgang mit der Wahrheit. Insofern haben wir es mit einem fundamental philosophischen Problem zu tun, dessen Hauptproblem jedoch darin liegt, dass sich die Akteure dieser rechtspopulistischen Bewegungen einen feuchten Hans um dieses Problem scheren. Mit anderen Worten: Das Problem mit der Wahrheit haben die Demokraten und nicht die Populisten.

Der kreative Umgang mit „alternativen Fakten“ oder die Rede vom „postfaktischen Zeitalter“, das nun spätestens mit der Wahl es neuen US-Präsidenten begonnen haben soll, machen deutlich, dass hier gleich mehrere Tabus gebrochen werden und werden sollen. Man möchte mal so richtig auf die Pauke hauen und den verweichlichten Demokraten den Marsch blasen, so scheint´s.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Sprache der Medien. Aus einer massenhaften Migrationsbewegung aus dem syrischen Kriegsgebiet wird eine „Flüchtlingskrise“; schnell wurden die Willkommensgesten der ersten Wochen abgelöst von den Ängsten vor Überfremdung und der Sorge um die öffentliche Sicherheit. Merkels berühmter Ausspruch „Wir schaffen das!“ wurde schnell in ein skeptisches „Schaffen wir das?“ verkehrt, und die Medien werden seitdem nicht müde, auf die Probleme hinzuweisen, die Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu betonen und immer schön Panik zu machen, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht.

Diese Stimmungsmache zieht sich durch alle Medien, von den öffentlich-rechtlichen bis zu den privaten, ganz abgesehen von den Sozialen Medien, in denen sowieso das Recht des Lauteren und Stärkeren gilt. So wird immer deutlicher eine „Krise“ herbeigeredet, die so eigentlich gar nicht existiert. Und so wird immer wieder frisches Wasser auf die Mühlen der Neurechten gegossen, worüber sich Pegida, AfD und andere rechte Gruppierungen freuen.

„In den Feuilletons und Magazinen wird sogleich routiniert die paternalistische Differenzierungs-, Verstehens- und Analysemaschine angeworfen“, diagnostiziert Harald Welzer. Darin liegt übrigens die Hauptschuld der meisten großen Medien, die sich auf diese Weise zum Steigbügelhalter der Rechtspopulisten machen. Und auch die Regierungsparteien der GroKo greifen diesen Mythos gerne auf; der bayerische Ministerpräsident faselt bei laufender Kamera immer wieder von „Obergrenzen“, womit er wohl nicht die scheinbar sehr tiefliegende Intelligenz-Obergrenze seiner Anhängerschaft meint. So werden von allen Seiten Ängste geschürt und Unsicherheitsgefühle geweckt, anstatt sich auf die naheliegenden Aufgaben einer gelingenden Integrationspolitik zu konzentrieren.

Es entsteht ein gesellschaftliches Klima der Angst, der Sorge, des verengten Blickes. Das ist so gar nicht charakteristisch für unsere offene Gesellschaft, in der wir uns seit einigen Jahrzehnten des Friedens und der Pluralität eigentlich ganz gut eingerichtet haben. Plötzlich werden wieder Dinge infrage gestellt, die schon immer klar und vereinbart waren. Die Rede ist von unseren demokratischen Werten und den Regeln eines anständigen Umgangs miteinander.

Harald Welzer weiß genau wozu es führt, „wenn man sein Leben in Frieden, sicher, frei und selbstbestimmt führen darf: Dass man vergisst, wie kostbar das ist.“

Die offene Gesellschaft ist der demokratische Verfassungsstaat, ihre modernste Verfassung bis heute ist das Grundgesetz von 1949. Dadurch ist die offene Gesellschaft ist die zivilisierteste Form von Gesellschaft, die es jemals gegeben hat.

Die Offenheit einer Gesellschaft hat für ängstliche Charaktere einen entscheidenden Nachteil: Sie macht sie angreifbar. In einer offenen Gesellschaft gibt es keinen Stillstand, in ihr ist nichts in Stein gemeißelt, sondern eine offene Gesellschaft verändert sich permanent. Doch genau das macht ja ihre Stärke aus: das Vermögen, sich auf Veränderungsprozesse einzustellen und flexibel auf diese zu reagieren. Deshalb ist die offene Gesellschaft niemals perfekt, aber sie ist eine gute und lebendige Gesellschaft.

Harald Welzer konstatiert: „Die unperfekte Offene Gesellschaft ist die einzige Gesellschaftsform, die sich aus sich heraus modernisieren kann. Sie hat einen perfekten Mechanismus, mit dem sie verhindern kann, dass notwendige Veränderungen nicht geschehen: Regierungen können abgewählt werden.“

Die Demokratie, in der wir leben, ist nicht selbstverständlich, sondern wir müssen uns aktiv für sie einsetzen und sie verteidigen. Doch „es ist einfacher, für die Demokratie zu kämpfen, solange sie noch besteht. Danach wird es erheblich schwieriger.“

Feinde der Demokratie gibt es um uns herum immer mehr, denken wir an Polen und Ungarn, an Österreich, die Schweiz, an die Niederlande oder die Slowakei. Interessant ist jedoch, dass es sich in der Regel eher um knappe Mehrheiten handelt, die jene rechtspopulistischen und nationalistischen Parteien gewählt haben; sie wurden häufig nur gewählt, weil die Mehrheit nicht zur Wahl gegangen ist. Politikverdrossenheit und Protest führen demnach dazu, dass die Neurechten in den Regierungen mehr Gewicht bekommen als ihnen eigentlich zustünde.

Die große Mehrheit ist auch hier wieder einmal eine schweigende Mehrheit, die ihr Unbehagen mit der politischen Kultur allein durch Wahlverweigerung und durch eine Abwendung vom politischen Handeln zum Ausdruck bringt. Die Auswirkungen einer solchen Negativhaltung sind jedoch fatal; denn die Rechtspopulisten setzen – sind sie erst einmal gewählt – alles daran, „demokratische Prinzipien schnellstmöglich auszuhebeln“.

Die neuen Allianzen der Demokratiefeinde haben kein Interesse mehr an einem demokratischen Diskurs; ihnen geht es nur um eines: um ihre Macht. Doch der Kampf der Neurechten um die Macht beginnt schon viel früher, tagtäglich und medienwirksam: Einer der besten Marketing-Männer der AfD ist Horst Seehofer, der nicht damit aufhört, „die Themen und Begriffe der Rechten zu übernehmen und in die Mitte der Gesellschaft zu tragen“.

Der von den Rechtspopulisten ins Feld geworfene Mythos einer „Flüchtlingskrise“ und die um den Begriff der Obergrenzen entfachte Debatte in den etablierten Parteien zeigt allzu deutlich, wie sehr sich die Regierung vor den Karren der Rechten spannen lässt. Die „Verengung der politischen Debatte auf die Themen Flüchtlinge, Sicherheit, Angst“ macht deutlich, wie ideenlos die großen Parteien agieren. Anstatt sich auf die wirklich wichtigen politischen Themen zu beschäftigen, von denen es ja reichlich gibt (soziale Ungleichheit, Bildungspolitik, Klimawandel, Finanzmärkte usw.), nimmt man jede skandalöse Äußerung eines Rechtspopulisten zum Anlass, sich ausgiebig mit seiner Argumentation auseinander zu setzen.

So geht es am Ende fast nur noch um das Hauptthema „Die Anderen“, wobei sich der Rahmen des Sagbaren mit jeder neuen Äußerung von rechts immer weiter verschiebt und auf diese Weise die Gesellschaft in ihrem Gefüge verändern. Harald Welzer spricht hier zurecht von „shifting baselines“, womit er „die unbemerkte Verschiebung der normativen Maßstäbe meint, die man an Geschehnisse anlegt.“

Diese kollektive Verschiebung der Wahrnehmungen und Deutungen schadet jedoch der Demokratie und bringt sie ernsthaft in Gefahr. Denn das rechte Gedankengut sickert auf diese Weise nicht nur immer mehr in den politischen Diskurs ein, sondern wird zunehmend als „normal“ empfunden.

„Nicht die Angreifer der Demokratie und des Rechts erscheinen als Problem, sondern deren potentielle Opfer.“ Nicht die NPD, die AfD und ihre rechten Allianzen sind das Problem, sondern die Flüchtlinge, die Ausländer, die Gefährder. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Rechten existenziell abhängig sind von den Ausländern, den Flüchtlingen, den islamistischen Terroristen: ohne Flüchtlinge und Terror kein Wahlerfolg für die AfD. Wer die Angst vor Überfremdung auf seine Fahnen schreibt (und sonst keinerlei politische Aussagekraft besitzt), braucht den Fremden zur eigenen Legitimation.

In dem Siegeszug des Neoliberalismus sieht Harald Welzer ein weiteres zentrales Problemfeld im Hinblick auf unsere Gesellschaftsordnung: „Der ideologische Kern des Neoliberalismus [ist] ein radikaler Individualismus. […] Am schlichtesten und eindeutigsten hat das Margaret Thatcher formuliert, als sie mitteilte, so etwas wie Gesellschaft gebe es nicht, es gebe nur Individuen.“ Seitdem mussten und müssen die Menschen „leistungsbereit und leistungsfähig, gebildet, qualifiziert und anpassungsfähig sein, dazu gesund, flexibel und am besten dynamisch, unternehmerisch, kurz: zu allem bereit. Das neoliberale Projekt braucht ein Kollektiv von Ich-AGs, um seine Religion, den Markt, erfolgreich gegen staatliche Einflussnahme abzusichern.“

Das war vor nicht allzu langer Zeit einmal anders. Der universalistische Gedanke, der davon ausgeht, dass das Gemeinwohl über das individuelle Wohl zu stellen sei, geht bis auf die Zeit der Französischen Revolution zurück, ihren Siegeszug trat sie jedoch mit dem aufstrebenden Bürgertum an, das im 19. Jahrhundert seine politischen Rechte einforderte. „Dieser Universalismus ist mit dem Siegeszug des Neoliberalismus aber ganz praktisch und handfest durch eine gesellschaftliche Praxis ersetzt worden, in der die am besten wegkommen, die die besten Ausgangspositionen und Machtmittel haben und die in der Ökonomie der Aufmerksamkeit die vorderen Ränge belegen.“

Die gesellschaftlichen Folgen sind leider wohlbekannt: soziale Ungleichheit, Bildungsnotstand, Überwachung, soziale Kälte, Ausbeutung von billigen Arbeitskräften, Abbau der Sozial- und Kranken-Systeme, Privatisierung von Infrastruktur und Versorgungsdienstleistungen. Im großen Maßstab geht es um Fragen der Klima- und Umweltpolitik, der Sicherheitspolitik, der Nachhaltigkeit, der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und des Friedens.

Das wären genügend wichtige Themen, über die es sich lohnen würde zu streiten. Stattdessen ist man jedoch lieber besorgt über den Zustrom von Menschen aus fremden Kulturkreisen, sieht den eigenen Wohlstand bedroht und sieht in jedem Kopftuch den bevorstehenden Untergang des Abendlandes. Doch Kultur ist ebenso wie die Gesellschaft nichts Statisches, sondern ein permanenter und hochdynamischer Prozess des Austauschs.

Die Neurechten glauben jedoch an eine hermetische und feste Gesellschafts- und Kultur-Struktur. Sie glauben an feste Grenzen und an solide Wertesysteme, auf die sie ihren Nationalstaat bauen können. Sie glauben an rigide Herrschaftsstrukturen, die ihre protektionistischen Träume durchsetzen.

Doch die Idee des „geschlossenen Handelsstaates“, wie ihn einst der deutsche Idealist Gottlieb Fichte entwarf, wäre heutzutage auch gar nicht mehr umsetzbar. Zu sehr sind die globalisierten Handelswege zur Normalität geworden, zu sehr sind die Ökonomien – und auch die Kulturen – miteinander verflochten, als dass man sich ernsthaft mit der Idee einer Abschottung befassen könnte: Wer Mauern baut, schließt sich selbst ein und baut sich selbst ein Gefängnis.

Seit sieben Jahrzehnten herrscht Frieden in Westeuropa. Niemals war die Demokratie in Gefahr. Doch die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. Sie zeigt auch, dass die Populisten, sobald sie an der Macht sind, die liberalen und demokratischen Strukturen in einem rasenden Tempo demontieren und die Weichen in Richtung Protektion und Nationalstaatlichkeit stellen. Der rechte Populismus ist originär xenophob; das Fremde ist ihm unheimlich, und die Vielfalt macht ihm Angst.

Die Demokratie ist jetzt auch bei uns in Gefahr, denn sie ist nichts Statisches. Demokratie muss erarbeitet und muss verteidigt werden. Man muss für sie kämpfen. Für die Demokratie zu kämpfen, bedeutet aber auch, gegen die Neurechten zu kämpfen. Harald Welzer zeigt mit seinem Buch, wie das funktionieren kann: indem man wählen geht; indem man sich aktiv politisch betätigt; indem man im Freundes- und Bekanntenkreis, auf Arbeit und in der Freizeit immer wieder auf die Gefahr eines Rechtsrucks in Deutschland und auf seine Folgen aufmerksam macht.

Harald Welzers Buch ist ein politisches Buch, eine sehr engagierte und mit Zorn geschriebene Kampfansage an das Dummdeutschtum der Rechtspopulisten. Es ist ein Buch für die offene Gesellschaft und ihre Freunde, eine Streitschrift für die Demokratie — ein Buch, das mobilisiert und Lust macht auf politisches und gesellschaftliches Engagement.

 

Autor: Harald Welzer
Titel: „Wir sind die Mehrheit“
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch
ISBN-10: 3596299152
ISBN-13: 978-3596299157

 

 

Oliver Ruf, Verena Hepperle, Christof Hamann (Hg.): „Wie aus Theorie Praxis wird — Berufe für Germanisten in Medien, Kultur und Wissenschaft“

Frei nach Friedrich Schiller könnte man die Frage stellen: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft?“ Den ersten Teil der Frage wird sich jeder leicht selbst beantworten können, der diesen Studiengang gewählt hat; interessant wird jedoch die Beantwortung des zweiten Teils.

Es mag Leute geben, die ein Studienfach ganz im Sinne eines „l’art pour l’art“ um seiner selbst willen studieren. Meistens ist es jedoch so, dass man neben dem eigentlichen Erkenntnisgewinn auch gewisse berufliche Absichten mit einem Studium verbindet: sei es der Erwerb einer größeren Fachkompetenz, die es einem nach dem Abschluss des Studiums ermöglichen soll, im Beruf auf interessante Positionen vorzurücken, sei es der Berufswechsel, der mit einem solchen Studium angestrebt wird.

Das vorliegende Buch „Wie aus Theorie Praxis wird“ setzt genau an diesem Punkt an und versucht Germanisten den beruflichen Einstieg nicht nur schmackhaft zu machen, sondern auch zu erleichtern.

Es war wohl schon immer so, dass jemand, der in einer geselligen Runde sagte, er studiere jetzt Germanistik, mit einem mitleidigen Lächeln beantwortete wurde. Bestenfalls wurde noch die Frage gestellt: „Und was machst Du dann später damit?“ Schnell wandte man sich den Erfolgreichen in der runde zu, die BWL, Maschinenbau oder Elektrotechnik studierten. Germanistik, das ist doch was für Loser.

Doch, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Während die Kumpels (die BWLer, Maschinenbauer und Elektrotechniker) im kalten Wind der Wirtschaft behaupten müssen, kann der frischgebackene Germanist einer fröhlichen und hochgeistigen Tätigkeit im Bereich Kultur entgegensehen.

Okay, ganz so fröhlich geht es auch in der Kultur nicht zu, die Geldknappheit der Branche hatte schon immer Tradition. Wer sich auf diesem Feld beweisen will, muss auch als Germanist ein gewisses Talent zur Selbstvermarktung haben. Auch in den Medien sieht es nicht unbedingt besser aus — und schon gar nicht in der Wissenschaft. Im akademischen Betrieb sind die Gelder am knappsten und die Bereitschaft zur Selbstausbeutung am größten.

Trotz all dieser negativen Begleitumstände haben Sie sich ein schönes Studium ausgesucht! Sie arbeiten mit Sprache, wissen, wie Texte funktionieren und können sich vernünftig ausdrücken. Das ist deutlich mehr, als der Durchschnitt unserer Bevölkerung zum Überleben braucht. Natürlich hat diese Kompetenz auch Nachteile: Das Leiden an der Sprache der Anderen, an deren Umgang mit der deutschen Sprache, wird Sie als Germanistik-Studenten mit voller Wucht treffen. — Bäng!! Voll krass, Alder!

Doch jetzt mal ernsthaft: Wer sich auf den steinigen Pfad eines Studiums begibt, sollte zumindest in Umrissen vor seinem geistigen Auge haben, wohin die Reise gehen soll. Die Reise, der Beruf, hört ja nicht am Zielflughafen auf, sondern da geht´s ja eigentlich erst richtig los. Das ist im Berufsleben nicht anders.

Die drei Herausgeber dieses Buches sind „vom Fach“: Christof Hamann ist Literaturprofessor in Köln, Verena Hepperle ist seine wissenschaftliche Mitarbeiterin, und Oliver Ruf lehrt als Professor für Medien- und Gestaltungswissenschaft an der Hochschule Furtwangen. Alle drei kommen also im weiteren Sinne aus dem germanistischen Lehrbetrieb.

In diesem Buch sind Beiträge von Experten versammelt, insgesamt sind es über 20 Autoren, die hier einen Einblick in ihr Fachgebiet geben. Vom Literaturkritiker bis zum Drehbuchautorin, vom Linguistin bis zur Schriftstellerin, vom Literaturagenten bis zur Lehrerin reicht das Spektrum der Autoren.

Der Leser erhält einen exemplarischen Einblick in sein künftiges Berufsleben. Denn die Bezeichnung „Berufsgermanist“ sagt allein noch gar nichts über die jeweilige Tätigkeit aus. Der erfolgreiche Abschluss eines Germanistik-Studiums ist nichts weiter als eine Art Eintrittskarte und lässt viel platz für weitere Spezialisierungen.

Im Idealfall hat man sich während des Studiums schon frühzeitig orientiert und permanent spezialisiert. Um hierbei die richtigen Entscheidungen treffen zu können, sollte man immer bedenken, wohin einen eine Spezialisierung am Ende führt. Vielleicht haben Sie Spaß daran, sich auf das Kino und den Film zu spezialisieren; Sie lieben es, ins Kino zu gehen und tolle Filme anzuschauen; aber können Sie sich wirklich vorstellen, auf dieser Schiene auch ihr Berufsleben aufzubauen?

Wahrscheinlicher wird sein, dass Sie gerne lesen. Okay, dann ist der gedankliche Sprung zur Literaturkritik, zur Verlagsarbeit oder gar zur Schriftstellerei für den Studenten noch leicht vollzogen. Aber wird Sie die tägliche Arbeit in einem Verlag, das intensive Studieren, redigieren und lektorieren fremder Texte wirklich auf Dauer befriedigen? — Vielleicht sagen Sie jetzt: Ja! Na, wunderbar! Dann sind Sie schon ein gutes Stück weiter. Womöglich kommen Ihnen aber doch erste Zweifel…

Genau an diesen Stellen setzt dieses hervorragende und sehr praxisbezogene Buch an. Es ist die erklärte Absicht, Ihnen eine fachkompetente Einführung in das Berufsleben eines Germanisten von heute zu geben. Schon auf den ersten Blick werden Sie feststellen, wie vielfältig und abwechslungsreich die Arbeit mit dieser Ausbildung sein kann. Sie haben Glück, denn anders als in vielen Studiengängen, die mehr oder weniger monodirektional auf ein einziges Berufsbild hin geschneidert sind, bietet das Studium der Literaturwissenschaft ein weites Feld möglicher Berufswege.

Deshalb der dringliche Appell an alle jungen Menschen, die gerade mit dem Germanistik-Studium begonnen haben oder mittendrin sind: Lesen Sie dieses Buch! Lesen Sie es mehrmals! Von vorne nach hinten, quer und rückwärts! Beherzigen Sie die Ratschläge der Praktiker! Nutzen Sie die angehängte Bibliographie und die aktuelle Linksammlung! — Je früher Sie sich über Ihren Berufswunsch klarwerden, desto besser können Sie diesen Weg für sich ebnen und schon während des Studiums an den richtigen Stellschrauben drehen!

 

Autor: Oliver Ruf, Verena Hepperle, Christof Hamann (Hg.)
Titel: „Wie aus Theorie Praxis wird — Berufe für Germanisten in Medien, Kultur und Wissenschaft“
Gebundene Ausgabe: 278 Seiten
Verlag: edition text + kritik
ISBN-10: 3869164735
ISBN-13: 978-3869164731

 

 

Hanns Zischler: “Kafka geht ins Kino”

Kafka und das Kino. Die Faszination war einfach zu groß. Das Wunder der bewegten Bilder zog den jungen Schriftsteller schon früh in seinen Bann. Welch starken Effekt die Kinobilder auf die damaligen Zuschauer gehabt haben müssen, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Wir leben in einer von Bildern überfluteten Welt und kennen es nicht anders.

Seitdem Kafkas Texte dank ihrer Rettung und Bewahrung durch Kafkas Freund Max Brod an die Öffentlichkeit gelangten, wird Kafka in der Literaturwissenschaft rauf und runter dekliniert. Alle Texte Kafkas werden immer wieder analysiert, und alle Facetten des Autors scheinen ausgeleuchtet, und trotzdem hat Hanns Zischler mit seinem Kino-Kafka einen ganz eigenen Beitrag zur Kafka-Forschung geleistet, der auch von der Wissenschaft wahrgenommen und aufgegriffen wurde.

Im Jahr 1909 begann Kafka mit dem Tagebuchschreiben, und sein erster Eintrag lautete: „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.“ Diese Notiz bezog sich auf den kurzen Stummfilm Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof von La Ciotat, aus dem Jahre 1896. Was schon in diesem ersten Satz deutlich wird, ist Kafkas natürliche Beobachtungsgabe: Nicht er selbst erstarrt, als er den Zug auf der Leinwand auf sich zufahren sieht, sondern er registriert, wie die anderen Zuschauer um ihn herum erstarren, wie sie auf das Phänomen des Kinofilms reagieren.

Hanns Zischler ist auch ein kluger Beobachter, und jedes Buch, das er schreibt, ist es wert gelesen und weiterempfohlen zu werden! Als das Buch vor 20 Jahren erschien, sorgte es für großes Aufsehen. Seitdem hat Zischler nicht aufgehört, sich mit dem Thema zu beschäftigen, ganz im Gegenteil: Es gehört zu den schönen Seiten der Digitalisierung aller Lebensbereiche und der mit ihr verbundenen technologischen Entwicklung, dass nun auch die Filmarchive nach und nach digitalisiert und auf diese Weise der Nachwelt erhalten sowie der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht werden.

Die Filmunternehmen Pathé und Gaumont — um hier zwei Beispiele zu nennen — haben viele der zum Teil als verschollen geglaubten Stummfilme auf digitale Weise wieder zu Leben erweckt. Somit konnte diese zweite Ausgabe des Buches eine hochinteressante Erweiterung erfahren: Fortan liegt jedem Buch eine DVD mit sechs aufwändig vom Filmmuseum München restaurierten Filmen bei, die Kafka seinerzeit nachweislich im Kino gesehen hat! Der Vollständigkeit halber seien sie hier kurz genannt: „Straßenbahnfahrt durch Prag“ (Tschechien, 1908), „Erster internationaler Wettbewerb für Luftschiffe und Flugmaschinen, Brescia“ (Italien, 1909), „Nick Winter und der Diebstahl der Mona Lisa“ (Frankreich, 1911), „Die weiße Sklavin“ (Dänemark, 1911), „Peschiera“ (Italien, 1913) und „Rückkehr nach Zion“ (Palästina, 1921).

Diese Neuausgabe wird demnach nicht nur für Kafka-Adepten zur Pflichtlektüre, sondern bietet auch den Kino-Enthusiasten unter den Lesern die einmalige Gelegenheit, sich mithilfe der kurzweiligen Originaltexte von Kafka und dem dazugehörigen Filmmaterial sozusagen mit Kafka selbst ins Kino zu begeben und der Vorstellung beizuwohnen!

Ja, mehr noch: Der Leser ist in der beneidenswerten Lage, diese Filme sogar noch intensiver zu studieren, als es Kafka zu seiner Zeit vermochte. Die meisten Filme hatte Kafka nur ein einziges Mal gesehen; wir jedoch können sie so oft anschauen, wie wir möchten!

Falls jemand die erste Ausgabe dieses Buches (1996, ohne DVD) besitzt, sei ihm trotzdem die Neuausgabe ans Herz (und in den Warenkorb) gelegt. Denn die auf der DVD versammelten Filme wird man auf den einschlägigen Online-Plattformen wie YouTube eben gerade nicht finden.

Hanns Zischler hat die verstreuten Tagebucheintragungen, Notizen, Auszüge aus Geschichten, Briefen, Kritiken usw. zu sammeln und sie zusammen mit Plakaten und Film-Stills zu einer Art Collage zu montieren. Daraus ist ein interessantes multidimensionales Zeit-Bild entstanden, das uns nicht nur eine ganz neue und leidenschaftliche Seite Franz Kafkas näherbringt, sondern auch eine persönliche Geschichte des Kinos in seinen frühen Jahren erzählt.

Kafka und das Kino. — Kafka als Drehbuchautor, ja, das wär´ was! So weit ging die Liebe zum Kino aber dann doch nicht. Kafka war zwar sicherlich ein Freund starker Bilder, doch seine Heimat war die Sprache. Aber ab und an liebte er es, ins Kino zu gehen und sich von den bewegten Bildern verzaubern und forttragen zu lassen.

 

Autor: Hanns Zischler
Titel: “Kafka geht ins Kino”
Gebundene Ausgabe: 216 Seiten
Verlag: Galiani-Berlin
ISBN-10: 3869711051
ISBN-13: 978-3869711058

 

Erich Kästner: „Verlobung auf dem Seil — Vom Heiraten und sonstigen Schwierigkeiten“

Es zählt jener Moment zu den schönsten im Berufsleben eines Rezensenten, wenn ein neues Buchpaket eintrifft. Schnell ist der unbekannte Schatz ausgepackt und bietet sich dem zukünftigen Leser an: noch ganz jungfräulich und in eine die Inhalte konservierende Folie eingeschweißt liegt das frische Rezensionsexemplar auf dem Tisch, den Rezensenten lockend und ihn einladend, die dünne Folie vorsichtig einzureißen und zu entfernen, die den Inhalt von seinem Leser trennt.

Walter Benjamin sprach in seiner Berliner Chronik ganz zurecht von jener „Beseligung, mit der man das neue Buch entgegennahm, kaum wagte, einen flüchtigen Blick hineinzuwerfen“. So geht es wohl jedem empfindsamen Leser, der von einem interessanten und verheißungsvoll klingenden Titel magisch angezogen wird, mit dem ein Buch sich seinem potenziellen Liebhaber auf verführerische Art zeigt und mit seinen Reizen nicht geizt.

So ergeht es mir mit jedem neuen Buchpaket, das ich aus den Vorschauen der großen und kleinen Verlage ausgewählt habe und dessen druckfrische Exemplare nach einer langen Weile des Wartens nun endlich bei mir eintreffen; ganz besonders geht es mir aber so, wenn ein neuer Auswahlband mit Kästner-Texten auf meinem Rezensenten-Tisch landet. So auch dieses Mal — bei dem neuen Band mit dem Titel „Verlobung auf dem Seil“.

Es ist bekannt, dass sich Kästner selbst ein Leben lang geweigert hat, in den Stand der Ehe zu treten, wohl aus gutem Grunde oder auch nur aus Rücksicht gegenüber der Damenwelt. Er war kein Kostverächter, im Gegenteil. Er hatte auch einige langjährige Beziehungen, doch der heilige Stand der Ehe war nicht sein Ding. Die Vorstellung einer lebenslangen Zweisamkeit schien ihn nicht überzeugt zu haben, und wie jeder weiß, spricht die Statistik auch nicht unbedingt für einen übermäßigen Erfolg dieser gesellschaftlichen Konstruktion. Doch sei´s drum! In seinem Umfeld fand der scharfe Beobachter jede Menge Material, das ihm ausreichend Gelegenheit bot, sich mit den zarten zwischenmenschlichen Beziehungen, ihren Höhepunkten und ihren Abgründen zu befassen.

Und so findet man die tollsten Geschichten, Anekdoten und Gedichte, die in der Mehrheit in Tageszeitungen und Zeitschriften erschienen sind, aber natürlich sind auch einige Kostproben aus seinen berühmten Büchern Herz auf Taille, Der tägliche Kram, Drei Männer im Schnee und sogar aus dem Interview mit dem Weihnachtsmann dabei. Zeitlich spannt sich der Bogen der Veröffentlichungen von 1923 bis 1958. Doch was diesen hübschen Band so besonders macht, sind einige bislang unveröffentlichten Texte aus dem Nachlass.

Ob unveröffentlicht oder bekannt, Kästners Texte sind immer wieder eine erneute Lektüre wert! Aber es kommt noch besser: Selbst angenommen, Sie kennen schon alle hier versammelten Texte, so lockt die zauberhafte und lockerleichte Buchgestaltung dieses fliederfarbenen Bandes zum Kauf! Wie alle Kästner-Bücher aus dem Atrium-Verlag, so ist auch dieser Band im Hardcover erschienen, schmiegt sich hervorragend an, schmeichelt den Fingern und lässt schon nach wenigen Zeilen das Herz des Lesers in die Taille rutschen.

Kurzum: Fackeln Sie nicht lange! Falls Sie demnächst beabsichtigen zu heiraten, kann dieses Büchlein Ihnen vielleicht (noch) helfen. Falls Sie niemals heiraten wollten, könnte Sie dieses Büchlein dazu verlocken, leichtsinnig zu werden. (Vielleicht ist es ja doch schön, verheiratet zu sein?) Und falls Sie weder zu der einen noch zu der anderen Fraktion gehören, erfreuen Sie sich einfach an Kästners leichter Literatur!

Jedoch „leicht“ (im Sinne von oberflächlich) sind Kästners Texte immer nur auf den ersten Blick, wenn man genauer hinschaut, erkennt man schnell, wie es zwischen den Zeilen blitzt: Hier ist ein ganz Großer am Werke, und es steckt sehr viel Arbeit in diesen leichten Texten. Anders gesagt: Es ist sehr schwer, leichte Texte zu schreiben. Es war Kästners Schicksal, oft als zu leicht befunden zu werden. Doch in dem Kerl steckte viel mehr, als man auf den ersten Blick ahnt!

Auch wenn er viele erfolgreiche Kinderbücher geschrieben hat, wäre es grundfalsch, ihn als Kinderbuch-Autor abzuspeisen. Nicht nur seine frühen Gedichtbände zeigten einen sehr erwachsenen Autor, der es faustdick hinter den Ohren hatte. Sein temporeicher Berlin-Roman Gang vor die Hunde zeigte schon früh das große schriftstellerische Potenzial Kästners: Selbst die gestutzte Version wurde unter dem Titel Fabian noch zu einem Bestseller.

Die hier zum Themenbereich „Heiraten und Ehe“ versammelten Texte berühren einen Aspekt des Liebeslebens, mit dem Erich Kästner zeitlebens auf Tuchfühlung war. Und mit Liebesdingen kannte er sich aus wie kaum ein Anderer. Diese Texte sind also von einem Experten verfasst, auch wenn er selbst, wie gesagt, niemals vor den Traualtar getreten ist oder gezogen wurde.

 

Autor: Erich Kästner
Titel: „Verlobung auf dem Seil — Vom Heiraten und sonstigen Schwierigkeiten“
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Atrium Zürich
ISBN-10: 3855350159
ISBN-13: 978-3855350155

 

 

Gernot Böhme: „Ästhetischer Kapitalismus“

Es gab mal eine Zeit, in der die Aufgabe der Wirtschaft in erster Linie darin bestand, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen: Nahrung, Kleidung, Wohnen und ein wenig Freizeitgestaltung waren die Bereiche, für die produziert wurde. Nur die Ältesten unter uns dürften sich an diese Zeit des Mangels nach dem Krieg noch erinnern. Schon in den 1950er Jahren jedoch erlebte Deutschland ein Wirtschaftswunder; es wurde so viel produziert, dass nicht nur der einheimische Markt gesättigt war, sondern Deutschland als Exportweltmeister die ganze Welt mit deutschen Waren beglücken konnte.

Schnell sprach man von einer Überflussgesellschaft oder von einer Wohlstandsgesellschaft, in die sich das Land binnen weniger Jahre verwandelt hatte. Seitdem geht es nicht mehr vorrangig um das Stillen lebensnotwendiger Bedürfnisse, sondern um das Wecken von Begehrnissen, wie Gernot Böhme es nennt.

Die deutsche Wirtschaft, das gegenwärtige kapitalistische System, folgt unbeirrt dem Paradigma des Wachstums. Nur indem die Wirtschaft permanente Zuwächse generiert, kann der Wohlstand erhalten und ausgebaut werden, so das Mantra der Wirtschaft und die Vorgabe für alle politischen Entscheidungen.

Um jedoch ein solch permanentes Wachstum zu erzeugen, muss der Kapitalismus zu einem Trick greifen. Wenn nämlich alle Grundbedürfnisse gestillt sind und darüber hinaus die Wohlfühl-Aspekte des Lebens durch entsprechenden Konsum abgedeckt sind, gibt es keinen vernünftigen Grund für weitere Konsumaktivitäten. Wer schon ein Auto, einen Fernseher, einen Geschirrspüler, ein Handy, eine Mikrowelle, eine hübsche Wohnungseinrichtung besitzt, braucht eigentlich nicht mehr, um ein angenehmes und luxuriöses Leben zu führen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich unsere Gesellschaft jedoch grundlegend verändert, ohne dass wir das bemerkt haben. Früher haben wir ein Produkt erworben, um es zu benutzen. Heute kaufen wir ein Produkt, um es zu zeigen und um uns mit ihm (oder durch seinen Kauf) zu inszenieren. Unser Leben wird zusammengebaut aus den unterschiedlichsten Waren und Accessoires, Mitgliedschaften und Freundesgruppen. Sowohl digital als auch analog stellen wir uns eine Personality zusammen, die weniger aus persönlichen Eigenschaften besteht, sondern vielmehr aus Produkten, mit denen wir uns schmücken und deren Kauf wir zelebrieren. Nur indem wir uns selbst inszenieren, werden wir von den Anderen wahrgenommen und können von ihnen bewertet werden.

Bewertet werden ist wichtig heutzutage. Nur wer bewertet wird, hat einen Wert. Bewertungen sind das neue soziale Kapital des 21. Jahrhunderts. Bewertet werden jedoch nicht persönlihe Eigenschaften, sondern die Waren, mit denen wir uns schmücken. So wird der Konsum vom Zweck zum Ziel. Die Inszenierung des Konsums wird Teil meiner persönlichen Präsentation, und der eigentliche Nutzen des Produkts wird zumindest zweitrangig. Sehen wir uns diese neue Entwicklung anhand eines typischen Beispiels an:

Freunde verabreden sich heutzutage in Einkaufszentren und Shopping Malls, um dort den Tag zusammen zu verbringen, gemeinsam einkaufen und essen zu gehen. Hierbei geht es in erster Linie nicht mehr um den Erwerb von Produkten, die ich gerne haben und nutzen möchte, sondern alles dreht sich nur noch um den Kaufakt selbst, der möglichst effektvoll inszeniert werden muss. So wird der Kauf des brandneuen Handys gefeiert wie ein Sieg, die Ausbeute beim Kleiderdiscounter wird in braunen Papiertüten herausgetragen und den Freunden präsentiert.

Immer geht es um die Präsentation der eigenen Kaufkraft und der besonderen persönlichen „shopping skills“. Ich kaufe, also bin ich. Der Gebrauchswert eines Produkts ist nebensächlich, sondern wird ersetzt durch dessen „Inszenierungswert“.

Da sich hierbei alles nur noch um das Erscheinungsbild, um die hübsche Verpackung und die glatten Oberflächen der neuesten Produkte dreht, die zum Kaufanreiz beitragen, hat Gernot Böhme für die aktuelle Entwicklungsstufe des Kapitalismus den schönen wie passenden Begriff des „ästhetischen Kapitalismus“ gefunden. Wenn nur noch ästhetische Kriterien gelten, werden andere Produkteigenschaften wie Handhabung, Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit usw. zu sekündären und fast zu vernachlässigenden Merkmalen! Was zählt, ist das Design und der Inszenierungswert des Produkts. – Um immer neue Begehrnisse zu wecken, gestaltet die Wirtschaft immer ästhetischere Produkte mit immer neuen technischen Features, Produkte, deren Halbwertzeit kaum länger dauert als bis kurz nach ihrem Kauf.

Der Konsum als Mittel der Selbstdarstellung findet seinen idealen Ort in der Shopping Mall, jener kleinen überdachten Stadt aus Ladengeschäften und Restaurants, Begegnungszonen und Einkaufsmöglichkeiten. Böhme sieht ihren Beginn in den Passagen von Paris, mit denen sich Walter Benjamin beschäftigt hatte. Doch anders als die dunklen Passagen, die noch überdachten Straßen ähnelten und mit ihren verwinkelten Gängen jenem neuen Phänomen großstädtischen Lebens, dem Flaneur, eine willkommene Gelegenheit zum Entdecken boten, sind die heutigen Shopping Malls in große, helle und übersichtliche Ebenen unterteilt, deren Charakter eher einer Piazza entspricht, auf der man verweilen und sich umschauen kann, ohne sich fortbewegen zu müssen.

Anders als der klassische Flaneur sind die modernen Shopping-Flaneure auch oft nicht mehr im langsamen Tempo unterwegs, um sich von den Reizen der Straße verführen zu lassen und ohne zu wissen, wohin sie der Weg führt. Der moderne Flaneur der Shopping Malls verdient diese Bezeichnung eigentlich nicht mehr, denn das Flanieren ist ihm zum Jagen geworden. Durch die Demokratisierung der Flanerie in Zeiten des omnipräsenten Überangebots wird das Einkaufserlebnis zum Ersatz für die Entdeckungen des Flaneurs.

Gernot Böhme vergleicht den Kunden der neoliberalen Shopping-Höllen mit dem Flaneur; diese Ansicht lässt sich jedoch nur auf einen ersten, flüchtigen Blick teilen. Betrachtet man oberflächlich das Verhalten der Menschen in den Shopping Malls, so scheint es auf den ersten Blick dem Flanieren nicht unähnlich: Der Einzelne schlendert langsam durch die Ebenen, macht mal hier, mal dort Halt und schaut, lässt sich von den Auslagen inspirieren. Scheinbar ziellos nimmt er seinen Weg durch die Mall; und doch ist es keine Flanerie im eigentlichen Sinne, was er da treibt.

Nehmen wir zum Beispiel die Definition, welche Honoré de Balzac in seiner Physiologie der Ehe (1829) vom Flaneur gibt: „Flanieren heißt genießen, heißt geistreiche Beobachtungen einheimsen, heißt erhabene Gemälde des Unglücks, der Liebe, der Freude, anmutige oder komische Porträts bewundern, heißt seine Blicke in die Tiefen von tausend Existenzen tauchen“. Der Flaneur der klassischen Moderne ließ sich von den Straßen der Großstadt verleiten; er spürte schemenhaften Zeichen nach, ließ sich von Verheißungen locken, folgte den Spuren menschlicher Schicksale. Der Flaneur las, wie Vicotor Hugo es schrieb, in der Stadt „wie in einem steinernen Buch“; der Flaneur war neugierig und betrachtete das bunte Treiben des Großstadtlebens wie ein Kunstwerk; ja, er brachte diesem Treiben ein „interesseloses Wohlgefallen“ entgegen.

Jedoch der moderne Flaneur der Shopping Malls ist nur auf Konsum aus; jede Handlung ist bei ihm auf den Konsum hin orientiert, und er ist weder an menschlichen Schicksalen noch an Entdeckungen abseits ihrer ökonomischen Relevanz interessiert. Selbst wenn er teilnimmt am Erlebnis-Shopping, an Sales-Events oder in die kpnstlichen paradiese der Warenwelt eintaucht, so geschieht dies niemals allein um ihrer selbst willen, sondern allein zum Zweck des Konsums. Mit anderen Worten ist der Shopping-Flaneur eine degenerierte Form des Flaneurs, ein typischer Vertreter jener depravierten sozialen Verhältnisse in der Welt des ästhetischen Kapitalismus.

Die jetzt unter dem Titel „Ästhetischer Kapitalismus“ versammelten Aufsätze Böhmes befassen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Phänomen dieses neuen Konsumentenverhaltens. Der Autor versucht sich an einer Theorie einer nur noch an der Ästhetik orientierten Ökonomie, der es um die permanente Weckung von Begehrnissen geht und nicht mehr um die Stillung von Konsumenten-Bedürfnissen.

Interessanterweise ändert sich infolge jener Transformation der Wirtschaft von den Bedürfnissen zu den Begehrnissen auch das Verhalten der Konsumenten selbst. War die Wirtschaft früher bemüht, den Wünschen der Konsumenten möglichst genau zu entsprechen, so versuchen heute umgekehrt die Konsumenten sich möglichst passgenau den Angeboten der Wirtschaft anzupassen.

Lifestyle wird heute durch den Konsum selbst und durch seine möglichst perfekte Inszenierung gelebt. Die Wirtschaft bietet ein Shopping-Erlebnis; der Konsum selbst wird zum atmosphärischen Event, und indem ich mich selbst im Kauf-Moment dieses brandneuen Produkts in Szene setzen kann, hat der Konsum als solcher schon seine Aufgabe erfüllt. Was danach mit dem gekauften Produkt passiert, ist sekundär.

Die hier versammelten Beiträge beschreiben, wie gesagt, das Thema von verschiedenen Seiten und für unterschiedliche Leserschaften. Dadurch sind Wiederholungen und Redundanzen nicht zu vermeiden. Diese Wiederholungen sind jedoch nicht all zu störend, sondern erhöhen sogar den Lerneffekt, auch wenn man sich manchmal gewünscht hätte, dass wortwörtliche Wiederholungen wenigstens leicht variiert worden wären.

Anders als viele wirtschaftstheoretische Texte lesen sich Böhmes Beiträge wunderbar leicht und sind gut verständlich. Anhand zahlreicher konkreter Beispiele veranschaulicht Böhme in seiner Kritik der ästhetischen Ökonomie, wie sehr wir uns in Zeiten des ästhetischen Kapitalismus nur noch mit den Oberflächen, Atmosphären und Inszenierungen von Kauferlebnissen beschäftigen.

Wie lässt sich also aus diesem Teufelskreis des Immer-Mehr ausbrechen? Böhme sieht eine theoretische Chance zur Umkehr in einem Ausstieg aus dem kapitalistischen Denken selbst. Indem wir einen Paradigmenwechsel vollziehen vom Wachstumsdenken zum Nachhaltigkeitsdenken, könnten wir auch den Konsum neu denken. Dies würde jedoch unter Anderem mit einer Abkehr von unserer derzeitigen Wirtschaftspolitik sowie mit einem Bruch mit den Usancen der globalisierten Ökonomie einhergehen.

Das Zauberwort hieße Askese – nicht verstanden als „Einschränkung“, sondern in seiner ursprünglichen Bedeutung als „Übung“. Wir müssten wieder den richtigen Konsum üben und unser Selbstwertgefühl nicht auf dem Konsum aufbauen. Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg.

Erst in einer Gesellschaft, in der es nicht mehr nötig ist, sich selbst zu inszenieren, um etwas zu gelten, wird eine Abkehr von den für die Inszenierung so unerlässlichen Begehrnissen hin zu den eigentlichen Bedürfnissen möglich. Wenn der Konsum nicht mehr dem Selbstzweck dient, sondern zum Ziele der Nutzung eines Produkts getätigt wird, wird sich der Kapitalismus in seiner ästhetischen Ausformung zurückentwickeln zu einer rationaleren Variante.

Damit einhergehen würde eine rückläufige Wirtschaftsentwicklung mit entsprechend verminderten Profiten und niedrigeren Produktivitätsraten. Was einerseits mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und mit einem Rückgang der Kaufkraft verbunden wäre, könnte andererseits auch die Ressourcen schütze und die Umwelt weniger belasten. Das heute noch vonseiten der Wirtschaft und der Politik geforderte Immer-Mehr würde abgelöst durch eine verantwortungsbewusstere Form des nachhaltigen Denkens und Wirtschaftens.

 

Autor: Gernot Böhme
Titel: “Ästhetischer Kapitalismus”
Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag;
ISBN-10: 3518127055
ISBN-13: 978-3518127056