Michael Sommer: „Dirty Rome — Die schmutzige Seite der Antike“

Rom hat ein Hygieneproblem. Das ist zunächst keine sonderlich überraschende Nachricht. Wer die antike Metropole nicht ausschließlich durch die marmorne Brille von Forum, Pantheon und Augustusstatue betrachtet, weiß seit Langem, dass zwischen den Säulen nicht nur Philosophen wandelten, sondern auch Bettler, Prostituierte, Sklaven, Abfallhändler, Kleinkriminelle und Menschen, die ihre Notdurft dort verrichteten, wo gerade Platz …

Continue reading ‘Michael Sommer: „Dirty Rome — Die schmutzige Seite der Antike“’ »

Joseph Roth: „Berliner Flair“

Joseph Roth kam nicht nach Berlin, um Berliner zu werden. Das ist der erste Satz, den man sich vor seinen Berliner Feuilletons stellen sollte. Er kam, weil Berlin Arbeit versprach, Zeitungen brauchte und weil ein Journalist, der von seiner Feder leben wollte, an der Spree bessere Aussichten hatte als anderswo. Die Stadt war ihm zunächst …

Continue reading ‘Joseph Roth: „Berliner Flair“’ »

Eva Menasse: „Alleinruhelage“

Man bekommt gelegentlich Bücher auf den Tisch, bei denen man schon vor der ersten Seite weiß, was von einem erwartet wird. Man soll die Autorin würdigen, die Preise erwähnen, die literarische Bedeutung andeuten, ein paar gesellschaftliche Großwetterlagen darüberlegen und am Ende möglichst einen Satz finden, der auf dem Umschlag noch als Lob funktionieren könnte. Eva …

Continue reading ‘Eva Menasse: „Alleinruhelage“’ »

Jasmin Lörchner und Eva Maria Schnurr (Hg.): „Das andere Mittelalter — Philosophinnen, Demokratie, Nachhaltigkeit: Wie die Menschen vor 1000 Jahren wirklich lebten und dachten“

Wenn wir an das Mittelalter denken, sehen wir selten das Mittelalter. Wir sehen eine Erfindung der Neuzeit: dunkle Burgen, Pest und Scheiterhaufen, fanatische Mönche, rohe Ritter, abergläubische Bauern, eine Welt aus Gewalt, Hunger und religiöser Angst. Zwischen dem Untergang der Antike und dem Auftritt der Renaissance scheint sich in dieser Vorstellung ein gewaltiger historischer Abgrund …

Continue reading ‘Jasmin Lörchner und Eva Maria Schnurr (Hg.): „Das andere Mittelalter — Philosophinnen, Demokratie, Nachhaltigkeit: Wie die Menschen vor 1000 Jahren wirklich lebten und dachten“’ »

Gunna Wendt: „Frauen von morgen — Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“

Es gehört zu den eigentümlichen Gewohnheiten der Geschichte, dass sie ihre Erinnerungen nachträglich ordnet. Sie bewahrt Namen auf, verwirft andere, erhebt manche Menschen zu Symbolfiguren und lässt andere in den Fußnoten verschwinden, obwohl gerade sie das geistige Klima ihrer Zeit vielleicht präziser verkörperten als jene, die später Denkmäler erhielten. Historisches Erinnern folgt selten den Maßstäben …

Continue reading ‘Gunna Wendt: „Frauen von morgen — Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“’ »

Jens Wietschorke: „Chronist der wilden Jahre — Mit Siegfried Kracauer durch die Weimarer Republik“

Kaum eine Epoche der deutschen Geschichte ist mit so vielen Bildern überlagert worden wie die Weimarer Republik. Vor dem inneren Auge tauchen schillernde Revuetheater auf, verrauchte Caféhäuser, Charleston tanzende Paare, expressionistische Straßenschluchten, politische Straßenschlachten und jene eigentümliche Mischung aus fiebriger Aufbruchsstimmung und latenter Untergangsahnung, die im Rückblick zum Markenzeichen der zwanziger Jahre geworden ist. Doch …

Continue reading ‘Jens Wietschorke: „Chronist der wilden Jahre — Mit Siegfried Kracauer durch die Weimarer Republik“’ »

Shelly Kupferberg: „Stunden wie Tage“

Die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit hat in der deutschen Literatur viele Formen gefunden. Sie hat sich in Familienromanen artikuliert, in Dokumentationen, in literarischen Rekonstruktionen und in Erzählungen über die zweite und dritte Generation nach der Shoah. Mit „Stunden wie Tage“ wählt Shelly Kupferberg einen Weg, der weder die großen historischen Linien noch die spektakuläre …

Continue reading ‘Shelly Kupferberg: „Stunden wie Tage“’ »

Hans-Georg von Arburg: „Endlich wohnen! — Zuhause bleiben in der existenziellen Moderne“

Es gibt Bücher, deren eigentlicher Gegenstand sich erst allmählich erschließt. Man schlägt sie in der Erwartung auf, etwas über Architektur, Stadtentwicklung oder Wohnkultur zu erfahren, und legt sie mit dem Eindruck aus der Hand, eine Untersuchung über die geistige Verfassung der Moderne gelesen zu haben. Hans-Georg von Arburgs Endlich wohnen! Zuhause bleiben in der existenziellen …

Continue reading ‘Hans-Georg von Arburg: „Endlich wohnen! — Zuhause bleiben in der existenziellen Moderne“’ »

Dietmar Pieper: „Trümmertänze — Deutschland 1946-1955“

Mit „Trümmertänze — Deutschland 1946–1955“ entscheidet sich Dietmar Pieper bewusst gegen jene Erzählung, die die deutsche Nachkriegszeit lediglich als Vorgeschichte des Wirtschaftswunders oder als moralische Bilanz von Schuld und Neubeginn betrachtet. Stattdessen beschreibt er ein Jahrzehnt voller Widersprüche: eine Zeit zwischen Zerstörung und Aufbruch, Hunger und Lebenslust, politischer Neuordnung und persönlicher Orientierungslosigkeit. Bereits der Titel …

Continue reading ‘Dietmar Pieper: „Trümmertänze — Deutschland 1946-1955“’ »

Johanna Roth: „This is America — Is this America?“

Johanna Roths Buch „This is America — Is this America?“ ist ein Buch über ein Land, das sich selbst immer wieder neu erzählen muss. Die Vereinigten Staaten von Amerika erscheinen darin nicht als fest umrissene politische oder kulturelle Größe, sondern als ein gewaltiger Resonanzraum aus Versprechen, Widersprüchen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Roth nähert sich Amerika nicht …

Continue reading ‘Johanna Roth: „This is America — Is this America?“’ »