Ralf Höller: „Aus dem Geschichtsbuch gefallen“

Die Geschichte hat ein eigentümliches Gedächtnis. Sie merkt sich die Namen derer, die gesiegt haben, und vergisst mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit jene, die unterlegen waren, verschwanden oder schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Das ist zunächst kein Skandal, sondern eine Folge ihrer eigenen Mechanik. Wer einen Krieg gewinnt, hinterlässt Archive, Denkmäler, Münzen, Gesetze und …

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Sinthujan Varatharajah: „Wo Zeit stehen bleibt — Vom Tourismus und seiner Gewalt“

Auf dem Tisch liegt ein Buch, dessen Titel zunächst fast harmlos klingt: „Wo Zeit stehen bleibt. Vom Tourismus und seiner Gewalt“. Erst der Untertitel verrät, dass hier nicht vom Reisen als Freizeitbeschäftigung die Rede sein soll. Es geht um Tourismus als eine Form des Sehens, des Besitzens und des Vergessens; um die eigentümliche Gewalt, die …

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Jasmin Lörchner und Eva Maria Schnurr (Hg.): „Das andere Mittelalter — Philosophinnen, Demokratie, Nachhaltigkeit: Wie die Menschen vor 1000 Jahren wirklich lebten und dachten“

Wenn wir an das Mittelalter denken, sehen wir selten das Mittelalter. Wir sehen eine Erfindung der Neuzeit: dunkle Burgen, Pest und Scheiterhaufen, fanatische Mönche, rohe Ritter, abergläubische Bauern, eine Welt aus Gewalt, Hunger und religiöser Angst. Zwischen dem Untergang der Antike und dem Auftritt der Renaissance scheint sich in dieser Vorstellung ein gewaltiger historischer Abgrund …

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Gunna Wendt: „Frauen von morgen — Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“

Es gehört zu den eigentümlichen Gewohnheiten der Geschichte, dass sie ihre Erinnerungen nachträglich ordnet. Sie bewahrt Namen auf, verwirft andere, erhebt manche Menschen zu Symbolfiguren und lässt andere in den Fußnoten verschwinden, obwohl gerade sie das geistige Klima ihrer Zeit vielleicht präziser verkörperten als jene, die später Denkmäler erhielten. Historisches Erinnern folgt selten den Maßstäben …

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Samra Kljajic: „Femme fatale — Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte“

Geschichte kennt keine Stimmen. Sie kennt Überlieferungen. Das Vergangene spricht nicht selbst; es wird zum Sprechen gebracht — durch Archive, Auswahl, Erinnerung und durch die Gegenwart, die in die Ruinen der Vergangenheit hinabsteigt, um dort Antworten auf ihre eigenen Fragen zu suchen. Jede Geschichtsschreibung erzählt deshalb niemals nur, was gewesen ist. Sie erzählt auch, wer …

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Bruno Preisendörfer: „Schlagworte, die Geschichte machen — Wie Parolen von ‚Stunde Null‘ bis ‚Wir schaffen das‘ Deutschland veränderten“

Manchmal erkennt man eine Epoche nicht an ihren Ereignissen, sondern an den Sätzen, die von ihr übrig bleiben. Der Historiker findet seine Quellen in Akten, Statistiken und Protokollen. Das kollektive Gedächtnis dagegen arbeitet anders. Es bewahrt nicht selten eine Handvoll Worte auf, die sich von ihrem ursprünglichen Anlass gelöst haben und zu Chiffren einer ganzen …

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Dietmar Pieper: „Trümmertänze — Deutschland 1946-1955“

Mit „Trümmertänze — Deutschland 1946–1955“ entscheidet sich Dietmar Pieper bewusst gegen jene Erzählung, die die deutsche Nachkriegszeit lediglich als Vorgeschichte des Wirtschaftswunders oder als moralische Bilanz von Schuld und Neubeginn betrachtet. Stattdessen beschreibt er ein Jahrzehnt voller Widersprüche: eine Zeit zwischen Zerstörung und Aufbruch, Hunger und Lebenslust, politischer Neuordnung und persönlicher Orientierungslosigkeit. Bereits der Titel …

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Herbert Butterfield: „Die Whig-Interpretation der Geschichte“

Kaum ein schmales Buch hat die Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts so nachhaltig erschüttert wie Herbert Butterfields 1931 erschienene Studie „The Whig Interpretation of History“. Dass dieser inzwischen längst kanonische Text nun unter dem Titel „Die Whig-Interpretation der Geschichte“ erstmals in einer deutschen Übersetzung im Felix Meiner Verlag vorliegt, ist weit mehr als eine editorische Nachholung. …

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Götz Aly: „Unser Nationalsozialismus — Reden in der deutschen Gegenwart“

Es gibt in der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft eine eigentümliche Form der Erstarrung, die sich umso verlässlicher einstellt, je monumentaler der Gegenstand wird, dem sie sich widmet. Wenn das Grauen der deutschen Jahre zwischen 1933 und 1945 verhandelt wird, betreten die Akteure zumeist ein gut ausgeleuchtetes Gehäuse des Konsenses, in dem die moralischen Koordinaten so fest verankert …

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Florian Illies: „Träume aus Feuer — Der Alchemist von der Pfaueninsel“

Florian Illies hat sich in den vergangenen Jahren eine literarische Form geschaffen, die sich den vertrauten Gattungsbezeichnungen immer wieder entzieht. Seine Bücher bewegen sich zwischen Kulturgeschichte, Biografie, Essay und Erzählung. Auch „Träume aus Feuer. Der Alchemist von der Pfaueninsel“ setzt diese Entwicklung fort. Das schmale Werk erzählt die Geschichte des Alchemisten und Glasmachers Johannes Kunckel, …

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