Beate Gütschow: „S“

Es sind durchgehend Schwarzweißaufnahmen. Es sind manipulierte Bilder, nachbearbeitet und aus einzelnen architektonischen Teilen zusammengesetzt.

„S“ ist die Abbildung einer Landschaft, die es so nicht gibt, die dabei aber mehr über die Sinnentleerung unseres Lebens in der post-industriellen Zeit aussagt als jede Fotodokumentation unserer Industrielandschaften. Es sind Fragmente, die ihres Kontextes beraubt wurden. In einem Interview, das in dem Buch abgedruckt ist, sagt Beate Gütschow hierzu: „Ich versuche, die Fragmente so einzubauen, dass ihr Herkunftsort nicht entschlüsselbar ist. Den Fragmenten wurde ihr Kontext entzogen, das ist gerade der Punkt.

Die in Mainz geborene und in Berlin lebende Fotokünstlerin Beate Gütschow zeigt in diesem hochwertigen Bildband, wie Architektur und Landschaft miteinander kommunizieren.

Der Mensch hat in diesen Kompositionen nur noch als Größenmaßstab einen Platz. Seine Daseinsberechtigung hat er längst verloren. Es sind Landschaften, die ohne den Menschen auskommen. In ihrer Schlichtheit wirken die Fotos (oder besser: Bilder) nicht melancholisch, sondern sind aufgrund der gewählten Brennweite der Kamera und der daraus resultierenden Weitwinkel-Perspektive von einer erhabenen Schönheit.

Aufgrund der staffageartigen Präsentation der Architektur wird der Betrachter miteinbezogen und kommt sich vor wie ein heimlicher Beobachter. Man betrachtet diese Bilder, als ob man nach einem traumlosen und langen Schlaf plötzlich in einem unbekannten Teil der Welt aufwachte und sich in einer seltsam verfremdeten Landschaft befände.

Nach ihrer Landschaftsserie „LS“ hat „S“ nun also die Urbanität, die Stadtlandschaft und der dokumentarische Fotografiestil der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Thema. „In ihrer Arbeit untersucht Beate Gütschow die Differenz zwischen fotografischer Repräsentation und Wirklichkeit“, heißt es in ihrem Wikipedia-Eintrag. Wenn Fotografie nicht nur der Dokumentation der Wirklichkeit dienen und das Gesehene abbilden, sondern auch die dahinter verborgene Wirklichkeit zum Vorschein bringen soll, so muss die fotografische Abbildung durch den Eingriff des Fotokünstlers verändert, verwandelt werden.

Dies gelingt Beate Gütschow seit vielen Jahren, wie ihr Oeuvre nachhaltig beweist. Der neue Bilderzyklus „S“ ist ein weiterer Schritt in diese faszinierende Richtung. Beate Gütschows fotokünstlerische Arbeiten halten uns den Spiegel vor und machen deutlich, in welch einer perspektivlosen Zeit wir leben. Während die Aufnahmen fast ausnahmslos mit dem Weitwinkel fotografiert sind und uns einen breiten Blick auf die Szenerie gewähren, wird gerade durch diese Weite des Blicks die Enge und Alternativlosigkeit unserer Möglichkeiten, in solch einer Welt zu überleben, bewusst.

Ich denke, es geht darum, dass man Bilder nicht als endgültige Festschreibungen begreift, dass diese Festschreibungen sogar gefährlich sein können, weil sie eine Sicht der Dinge behaupten“, sagt die Künstlerin an anderer Stelle. Sowohl der Raum als auch der Inhalt sollen also offen, ihre Interpretation variabel bleiben. Die Betrachtung dieser offenen Landschaften ist spannend und bietet Stoff für vielerlei Interpretationen.

Autor: Anna-Catharina Gebbers (Hg.)
Titel: „Beate Gütschow: S“
Gebundene Ausgabe: 72 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag
ISBN-10: 3775725288
ISBN-13: 978-3775725286

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