Francis Meynell (Hg.): „Das Wochenend-Buch“

Es ist Freitagnachmittag, halb drei. Der Mann geht zögerlich im Büro umher, sucht noch nach einer Aufgabe, die unbedingt erledigt werden muss und keinen Aufschub erlaubt. Er sucht nach etwas, das seinen Feierabend und mit ihm den Aufbruch aus dem Büro und die Heimfahrt zur Familie verzögern könnte, so dass er erst später, viel später nach Hause kommen und dort aufgrund seines anstrengenden Arbeitstages auch als dringend ruhebedürftig eingestuft würde. Auf diese Weise könnte er wenigstens den Freitag des bevorstehenden, viel zu langen Wochenendes mit Anstand herumbringen.

Wir leben in einer Zeit, in der das Wochenende nicht nur von einer noch nie da gewesenen Sucht nach Aktivität und dem Wunsch nach Verdrängung oder Kompensation des Alltäglichen bestimmt ist, sondern in der auch das Fernsehprogramm immer schlechter, das Wetter immer unvorhersehbarer und die Ansprüche von Partner und Kindern immer höher werden.

Wie schön wäre es doch, diesem Irrsinn des immer höher, weiter, besser Einhalt zu gebieten und mit einem kleinen, hilfreichen Büchlein dem ganzen Wochenend-Wahn Paroli zu bieten. Ach ja, der Piper-Verlag hat unsere heimlichen Stoßgebete erhört und ein Remake heraus gebracht, dessen Original aus den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammt.

Das Buch stammt, wir haben nichts Anderes erwartet, aus England und bietet dem gelangweilten Wochenendler solch geistreiche Freizeitbeschäftigungen wie Huckepack-Polo, das Erkennen von Vogelstimmen, das Singen von Kanons und Liedern sowie einen großen Reigen an nützlichen Informationen, um sich im modernen Leben zurecht zu finden, angefangen von der richtigen Zubereitung von frischen Austern über einen immerwährenden Kalender, die Deutung von Wolkenformationen bis hin zu einem Schwung an Liebesgedichten, die man auswendig lernen und besonders am Wochenende der Liebsten vortragen sollte.

Kurzum: Das „Wochenend-Buch“ war das schlaue Fähnlein-Fieselschweif-Buch der Generation Charleston. Seine Lektüre war natürlich nicht nur am Wochenende zu empfehlen, sondern diente vielmehr als perfekte Vorbereitung auf die sinn- und arbeitsfreien Tage desselbigen.

Uns Nachgeborenen wird schnell klar, dass es auch einmal eine Freizeit vor dem Fernsehen gegeben hat, eine Zeit, in der man nicht im Internet surfte, sondern sich lieber den Wind um die Nase wehen ließ, während man zu lustigen Gesellschaftsspielen im Freien zusammen kam. Um eine Renaissance dieser Bewegung zurück zu den Wurzeln menschlichen Miteinanders einzuläuten, wurde dieses vor acht Jahrzehnten erschienene Buch jetzt wieder aufgelegt.

Die Lektüre ist erbaulich, unterhaltsam und überaus lehrreich. „Das Wochenend-Buch“ ist ein vergnüglicher Ratgeber für ein besseres und stilvolleres Leben. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Leben!

Autor: Francis Meynell (Hg.)
Titel: „Das Wochenend-Buch – Freizeit, bevor es Fernsehen gab“
Broschiert: 432 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-10: 349225859X
ISBN-13: 978-3492258593

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