Jeff Jarvis: „Was würde Google tun?“

Google ist nicht nur die teuerste Marke der Welt (Marktwert 2010: ca. 114 Mrd. US-Dollar), es ist auch zum Synonym für eine offene Unternehmensstrategie geworden, die längst nicht nur eine Suchmaschine ist, sondern eine Vielzahl anderer Software meist kostenfrei zur Verfügung stellt und dadurch seine Marktposition als Vorreiter behauptet.

Die Google-Strategie krempelte viele Grundsätze der Wirtschaft einfach um. Google lässt seine Produkte von den Kunden selbst entwickeln und anpassen, legt Codes offen und bittet seine User regelrecht um Kritik, um die Produkte permanent weiter zu verbessern. Google setzte von Anfang an nicht auf Marktabschottung, sondern allein auf Expansion. Je mehr Leute Google benutzten, desto besser wurde der Service und umso unentbehrlicher wurde Google, wenn es um die Suche im Internet ging.

Jeff Jarvis ist Journalist, Betreiber des erfolgreichen Blogs „buzzmachine.com“ und einer der einflussreichsten Internet-Gurus. In „Was würde Google tun?“ preist er nicht nur die Erfolgsstrategie von Google und zeigt, wie Google seinen Erfolg von Anfang an geplant hat; er gibt dem Leser auch viele nützliche und handfeste Tipps, wie man diese Strategien für das eigene Unternehmen nutzen kann.

Im zweiten Teil lässt Jarvis seine Fantasie spielen und stellt sich vor, wie eine Welt aussähe, in der Google nicht nur das Internet, sondern auch den Energiemarkt, den Einzelhandel, die Finanzwelt, den sozialen Sektor und den Immobiliensektor nach seinen strategischen Grundsätzen managen würde.

Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass „Was würde Google tun?“ ein sehr amerikanisches Buch ist. Jarvis lobt Google über alles. Google macht alles richtig; und würde Google seine Aktivitäten auch auf Geschäftsbereiche außerhalb des Internets ausweiten, so würden vor allem wir Kunden davon profitieren.

Was er zum Beispiel zum Thema Bücher sagt, wird nicht nur dem deutschen Buchhandel, sondern auch dem Literaturfreund die Tränen in die Augen treiben. Jarvis fordert die Abschaffung des gedruckten Buches.

Ja, wir „müssen Bücher vernichten, um sie zu retten“. So wie Jarvis die Abschaltung der Druckerpressen für die Zeitungsverlage fordert, so möchte er gern auch die Buchproduktion rein auf digital umstellen. Die Buchproduktion müsse revolutioniert werden, etwa indem der Leser zunächst auch nur inzelne Kapitel eines Buches kauft und wenn ihm der Inhalt gefällt, kauft er eben die restlichen Kapitel nach. Oder der Autor sucht zunächst nach potentiellen Lesern, die sein Buch wirklich kaufen würden, bevor er zu schreiben anfängt. Und überhaupt meint Jarvis, der Literaturbetrieb müsse endlich die neuen Technologien einsetzen: Der Bestsellerautor Paolo Coelho würde heute schon twittern, das wäre doch was! Daran sollten sich die anderen Autoren doch mal ein Beispiel nehmen…

Dennoch ist „Was würde Google tun?“ ein hoch interessantes und inspirierendes Buch. Für alle, die auf der Suche nach lukrativen Geschäftsideen und innovativen Geschäftsmodellen sind, ist Jarvis’ Buch ein Muss. Nach dem Motto „Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden“ kann sich der Internet-Entrepreneur eine Menge von Google abschauen, ohne gleich als Kopist entlarvt zu werden. Von den Großen lernen, heißt siegen lernen.

Ein Thema, das in Jarvis’ Buch leider überhaupt nicht Erwähnung findet, ist der allzu freimütige und dadurch problematische Umgang Google’s mit den Daten seiner User, ja mit Daten überhaupt. Die alles und jeden fotografierenden Kamerawagen von Google StreetView wurden nicht nur in Deutschland zu einem Politikum; das massenhafte Einscannen und kostenlose Publizieren von ganzen Büchern zum Verstoß gegen das Urheberrecht. Und niemand weiß genau, was mit den ganzen User-Daten geschieht, die neben dem Suchverhalten auch das Kaufverhalten abbilden und sich hervorragend zum Tracking und zur weiteren Vermarktung eignen.

Wer aber damit leben kann, dass diese sensiblen und kritischen Fragen überhaupt keinen Platz in Jarvis’ Buch finden, für den ist „Was würde Google tun?“ eine lohnende Lektüre mit einem hohen Motivationsfaktor, eines der spannendsten Wirtschaftsbücher der letzten Jahre.

Autor: Jeff Jarvis
Titel: „Was würde Google tun?“
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-10: 3453155378
ISBN-13: 978-3453155374

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