Ricarda Junge: „Die komische Frau“

Kurz nachdem Lena und Leander mit ihrem zweijährigen Sohn Adrian in die Altbauwohnung in der Löwestraße 1 im Berliner Friedrichshain gezogen ist, trennen sich Leander und Lena. Schon in der ersten Nacht ereignen sich seltsame Dinge, in der Wohnung scheint es zu spuken, aber Gespenster gibt es ja nicht mehr, und es hat sie nie gegeben. Oder doch?

Lena kommt aus dem Westen, ist Schriftstellerin mit ein paar Semestern Theologiestudium und schreibt Beiträge für Zeitschriften. – Ist Lena eine literarische Kopie von Ricarda Junge? Die Autorin kommt zwar aus der DDR, ist aber im Westen aufgewachsen, ist Schriftstellerin mit ein paar Semestern Theologiestudium und schreibt neben ihren Romanen auch Beiträge für Zeitschriften. Ricarda Junge lebt auch in Berlin, sogar im Friedrichshain wie Lena, allerdings nicht in der Löwestraße, sondern ein paar Straßen weiter.

Auf die Frage nach den autobiographischen Überschneidungen sagt Ricarda Junge in ihrem Interview mit kulturbuchtipps: „Tatsächlich ist es so, dass ich in dieser Form des Berichts möglichst genaue Angaben gemacht habe, die aber nicht zwingend autobiografisch sind. Die einzelnen Fälle, die ich von den Nachbarn beschreibe, sind tatsächlich alle wahr, nur die Figuren stimmen nicht. Da habe ich darauf geachtet, die Figuren stark zu verändern, aber die Fälle sind alle recherchiert. Und genau so verhält es sich mit der Hauptfigur der Lena. Die Figur im Ganzen stimmt nicht mit mir überein, aber natürlich sind bestimmte Bezüge da wie zum Beispiel der Wohnort: Ich wohne wirklich in so einem Haus. Aber das sind nicht meine direkten Nachbarn.

Es ist eine seltsame Welt, in die uns Ricarda Junge führt. Je nachdem ob der Leser aus dem Osten oder den Westen stammt, wird er diesen Roman anders lesen und verschieden empfinden. Viele der Bewohner des Hauses in der Löwestraße fühlen sich in der Bundesrepublik nicht wohl; sie trauern der guten alten DDR.

Als ich dann dort hinzog, war es das erste Mal, dass ich mit Gewinnern des DDR-Systems zusammen gelebt habe“, sagt die Autorin. Die Figur der „Hausvertrauensfrau“ in „Die komische Frau“ ist also genau so real wie die anderen Nachbarn, die mit Lena und Adrian Tür an Tür wohnen: der kühle und abweisende Herr Kaltental, der eigentlich Heiner Wellweg hieß, sich jedoch nach der Wende selbst einen neuen Namen gab; der alte Herr Wiesheu, ein eifriger Rentner mit Rollator und ND-Abo; die junge Familie Meinecke, die von den Alten geschnitten wird und Schikanen ausgesetzt wird; und natürlich Frau König, die im 6. Stock als „Kopf“ des Hauses für die Führung des Hausbuchs verantwortlich zeichnet und eine sehr ambivalente Rolle spielt.

Lena und ihr Sohn Adrian werden mehr und mehr durch „die komische Frau“, wie sie der Zweijährige immer nennt, aus dem Gleichgewicht gebracht. Immer wieder scheint es in der Wohnung zu spuken, und Lena macht sich daran, die Geschichte der Vormieter ihrer Wohnung heraus zu finden. Die Wedekinds hatten bis zum Ende der DDR in dieser Wohnung gelebt; die ganze Familie floh in den Westen, doch die alte Frau Wedekind blieb in dieser Wohnung.

In ihrem Buch springt Ricarda Junge immer wieder geschickt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und zurück. Dabei wird klar, dass die Vergangenheit für viele der Bewohner noch nicht abgeschlossen ist und dass sie noch lange nicht in der Gegenwart angekommen sind.

„Die komische Frau“ ist ein scheinbar kurzer Roman, der jedoch in einer sehr dichten Sprache geschrieben ist. Die Geschichte der Ereignisse vom 13. April bis zum 10. Mai ist voller verstörender Begegnungen, romantischer Geschichten und abgrundtiefer Bedrohung. Würde man an den spannenden Stellen der Story die Regler noch ein wenig weiter aufdrehen, wäre Ricarda Junges neuer Roman eine echte Suspense-Story. Hierzu meint sie: „Das nehme ich gern als Kompliment an. Ich bin selbst eine begeisterte Krimileserin. Ich lese mindestens einen pro Woche.

„Die komische Frau“ ist mit ihren 189 Seiten ein Kurzroman, den man in einem Rutsch durchlesen kann. Die Geschichte ist spannend geschrieben, lässt den Leser einiges über die DDR-Geschichte erfahren und beschreibt eine kleine, fremde Welt, in der die DDR noch nicht aufgehört hat zu strahlen, in der sich die Bewohner versuchen, ihr kleines Biotop von der Lebenslüge zu erhalten – ein Biotop, in dem der Westen noch nicht angekommen zu sein scheint, auch wenn schon zwanzig Jahre seit der Wiedervereinigung vergangen sind.

Das vollständige Interview mit Ricarda Junge können Sie hier lesen.

Autor: Ricarda Junge
Titel: „Die komische Frau“
Gebundene Ausgabe: 188 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
ISBN-10: 3100393295
ISBN-13: 978-3100393296

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