Walter Kempowski: „Langmut“

Walter Kempowski: "Langmut"Walter Kempowski ist einer der wichtigsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Zu seinen Hauptwerken gehören seine neunteilige „Deutschen Chronik“, deren teilweise Verfilmung („Tadellöser & Wolff“) ein sehr großer Erfolg wurde, sowie vor allem sein umfangreiches, kollektives Tagebuch „Echolot“ und andere zeitkritische Materialsammelungen.

Zwischen 1948 und 1956 saß Kempowski wegen Spionagevorwurfs in Haft. Acht Jahre verbrachte er unter schweren Haftbedingungen im Speziallager Nr. 4 im Zuchthaus Bautzen. Mit seinem ersten Roman „Im Block“ gab er 1969 darüber Auskunft.

Diese Informationen sind wichtig; denn nur so kann man den vorliegenden schmalen Gedichtband, der nun posthum von Walter Kempowski erschienen ist, in sein literarisches Werk einordnen.

Kempowski hatte in seinem Leben alles Mögliche geschrieben: Tagebücher, Romane, Erzählungen, Hörspiele. Aber Gedichte? Das war nicht seine Welt, dachte er: „Ich glaubte immer, dass ich nie ein Gedicht schreiben werde, und doch stieß mir die Stimme, wie Rilke sagt, eines Tages den Mund auf.

In seinem ersten Buch „Im Block“ habe er die Haftzeit „so ein bisschen grotesk“ beschrieben. „Plötzlich wurde mir klar, dass das so nicht stehen bleiben kann. So habe ich Gedichte darüber gemacht.“ Mit diesem Gedichtband schließt sich nun der Kreis seiner literarischen Werke.

Die Isolation in der Haft wird beim Lesen dieser kurzen, oft nur wenige Zeilen umfassenden Gedichte fühlbar. Kleinste Ereignisse bekommen hier Bedeutung. In einem kargen Raum bleibt dem Geist nur die Möglichkeit, sich entweder ganz aufs Detail zu konzentrieren oder in Gedanken auf weite Reisen zu gehen, um nicht den Verstand zu verlieren.

Ins Ohr hast du dich verkrochen,
und in den Augen hörst du,
was deine Ohren sehn.

Der Autor sitzt in seiner Zelle und wartet. Nichts passiert.

Du hörtest den Schritt,
du hörtest den Schlüssel im Schloß,
doch öffnen ließ es sich nicht.

Die Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit des Inhaftierten, der mit dem, was ihm gegeben wird, zufrieden sein muss, reicht auch ins Elementare.

Hast du unter dem Fenster zu stehen?
Kein Strahl, in dem Staub tanzt.
Das Licht wird dir zugeteilt.

Die Versorgung ist miserabel. In dem alten Zuchthaus herrschen immer noch dieselben Bedingungen wie zur Kaiserzeit.

Dies ist der Schierlingsbecher aus alterndem Wasser.
Noch gibt es das Wasser des Lebens umsonst.

Der Blick in die Freiheit führt durch die Gitter am Fenster, „Wind streicht durch die Harfe des Gitters“, und auch die „Kälte hält ihn nicht auf“.

Die Tage verstreichen in Reglosigkeit, nur „die Sonne tickt von Stab zu Stab“.

Die ihn umgebende Leere schärft seine Sinne, und selbst in vermeintlich unwichtigen Dingen erblickt er die Schönheit im Detail:

Stacheldraht

Ganz hübsch,
diese Falter von Draht!
Sie halten die Beine gespreizt.
Sie fliegen nicht fort.

In seiner Isolation glaubt er manchmal gar, allein zu sein. Verlassen von allen, horcht er auf Schritte, ein Klopfen, Maschinengeräusche.

Sind sie noch da?
Es schabt, es kratzt.
Kein Wispern!
Ein Wischen.
Wo?
Horcht er dort oben,
ob du dich rührst?

Je stiller es um ihn herum ist, umso mehr hört er. Die „Stille drängt in die Ohren, schwingt in dich ein.

Das Unabwendbare und die Ausweglosigkeit der Situation lassen sich nur schwer ertragen. Das physische Eingesperrtsein ist nur die eine Seite der Wahrheit, die selbst angelegten Fesseln im Kopf sind das schwerere Los des Häftlings.

Keine Fessel an deinen Händen,
keine Stange zwischen den Füßen.
Ein Becher mit Wasser,
Grütze im Topf.

Nun leg dir die Fessel an,
den Mund kleb dir zu!
Das Ohr halt an die Wand.
Hörst du denn nicht?

Jedoch die Ungewissheit selbst der allernächsten Zukunft nimmt dem Inhaftierten alle Hoffnung.

Ein Strohhalm Leben,
ein Luftzug Tod.

So klammert er sich an das, was für ihn erreichbar ist: das Unerreichbare, eine durch die eigene Fantasie erzeugte Erweiterung seiner Welt.

Auf fliegen die Vögel.
Wohin, wohin?

Die jahrelange Inhaftierung auf engstem Raum und unter den zerstörerischen Bedingungen der Einzelhaft hinterlässt Spuren. Poetisch drückt Kempowski seinen Hospitalismus in wenigen Worten aus.

Sieben Stäbe am Fenster,
an der Wand die Ziffern von eins bis zwölf.
Zehn Finger.

Schritte ohne Zahl.

Dieses ewige Warten macht ihn mürbe. Die Tage ziehen dahin, zäh und sinnlos, und die Zeit tropft träge von der Decke. Doch es gibt nichts weiter zu tun, als zu warten.

Die Stalaktiten deiner Tage,
in deine Stille sind sie eingestimmt:
Ihr Glockenton ist dir verschwiegen,
bis er in Tropfen ungehört verrinnt.

Die Inhaftierung war ein traumatisches Erlebnis. Kempowski fühlte sich aus seinem Leben gerissen, „der Baum ward abgehackt, noch voller Blüten, und über das Beet fuhr ein Wagen.

„Langmut“ ist die einzige Geisteshaltung, die ein Überleben in der Einzelhaft möglich macht. Ohne sie wäre Kempowski verloren gewesen. Zum Glück konnte er durch sie seine Haftzeit relativ unbeschadet überstehen.

Kempowski beschreibt seine Haftzeit mit wenigen Worten. Diese Worte besitzen jedoch eine Kraft, die das Herz öffnet. Während der Lektüre sitzt man mit dem Autor im Zuchthaus. Man hört, sieht und fühlt mit ihm. Skizzenhaft sind seine Ausschnitte aus dem Alltag seiner Haftzeit. Gerade diese Beschränkung macht den Reiz dieses Gedichtbands aus.

 

Autor: Walter Kempowski
Titel: „Langmut“
Gebundene Ausgabe: 84 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag
ISBN: 3813503402
EAN: 978-3813503401

 

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