Erik-Ernst Schwabach: „Bilderbuch einer Nacht“

Der Roman Bilderbuch einer Nacht von Erik‑Ernst Schwabach ist das jüngst in deutscher Sprache erschienene Werk eines Autors, der weitgehend vergessen war — umso bemerkenswerter ist nun die Entdeckung eines virtuosen Großstadtromans, der in seiner Anlage und Sprache zu seiner Zeit bemerkenswert modern wirkt. In einer einzigen Herbstnacht in einer pulsierenden Großstadt — es handelt sich sehr wahrscheinlich um Berlin — kreuzen sich die Lebenspfade zahlreicher Figuren: ein junger, frisch verheirateter Arzt, der auf einer Gesellschaft in einer Bankiersvilla einem Seitensprung nahekommt; ein mittelloser Arbeiter, der sich auf einen Einbruch einlässt; eine Hausfrau, die ohne Wissen ihres Mannes sich prostituiert; Barmädchen im Café Budapest oder in der Kolibri-Bar; eine Bordellbesitzerin, die sich „Baronin“ nennt; eine Schauspielerin, ein aufstrebender Dichter — sie alle sind in jener Nacht unterwegs auf der Suche nach Anerkennung, nach Liebe, nach Aufstieg, Sex, Geld.  Der Roman ist in losen, teils fragmentarisch verbundenen Episoden komponiert, die weniger einen durchgehenden Handlungsbogen verfolgen als verschiedene Perspektiven und Stimmungen jener Nacht einfangen.

Was den Roman besonders macht, ist sein literarischer Stil: Schwabach arbeitet mit knappen, markanten Sätzen, häufig im Inneren Monolog gehalten, mit Einschüben, Gedankensplittern und stakkatohaften Beschreibungen.  Der Ton oszilliert zwischen Expressionismus und frühem magischem Realismus, wobei die Großstadt nicht nur Kulisse ist, sondern als lebendiger Organismus erfasst wird — voller Sehnsüchte, Verführungen, Beschleunigung und Zerfall. Die Atmosphäre ist dicht, beinahe filmisch, doch formal eher literarisch raffiniert: Es findet sich kein klassisches erzählendes Ich mit Rückblick, sondern ein kaleidoskopischer Blick auf Nacht-Szenarien, in denen die Zeit scheinbar überdehnt und dabei komprimiert wird. Schwabach lässt Räume, Musik, Licht, Zigarettenrauch, flüchtige Blicke, innere Monologe aufeinanderprallen. Es entsteht etwas wie ein „Bilderbuch“ der Nacht — der Titel trifft also durchaus zu.

Erik-Ernst Schwabach wurde 1892 in Berlin geboren und entstammte einer jüdischen Familie, die im Bankwesen und im kulturellen Leben der Stadt verankert war. Schon früh zeigte er literarisches Talent und bewegte sich im Umfeld expressionistischer Kreise. Er war Mitbegründer der Zeitschrift Die Weißen Blätter, die zu den zentralen Organen der literarischen Avantgarde jener Zeit zählte, und veröffentlichte dort Gedichte, Essays und Prosatexte. Schwabach war ein Vertreter jener Generation, die in der Zwischenkriegszeit zwischen künstlerischer Moderne und gesellschaftlichem Umbruch nach neuen Ausdrucksformen suchte. Seine Texte spiegeln eine tiefe Sensibilität für urbane Erfahrungen, Sprachrhythmen und die psychologischen Brüche der Moderne.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Schwabach aufgrund seiner jüdischen Herkunft zur Emigration gezwungen. Er floh zunächst nach Polen, später nach London, wo er im Exil unter prekären Bedingungen weiterarbeitete. 1938 erschien dort, in polnischer Übersetzung, sein Roman Bilderbuch einer Nacht — das einzige seiner Werke, das zu seinen Lebzeiten in Buchform veröffentlicht wurde. Im selben Jahr starb Schwabach im Exil in London, weitgehend vergessen und ohne die Möglichkeit, seine literarische Arbeit fortzuführen. Erst in jüngster Zeit wird sein Werk wiederentdeckt und als Teil jener „verschütteten Moderne“ gewürdigt, die durch Verfolgung, Emigration und Vergessen aus der deutschen Literaturgeschichte verdrängt worden war.

Im Vergleich mit anderen deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern der Weimarer Zeit bzw. der Zwischenkriegszeit zeigt sich Schwabachs Stil als eigenständig: Man denke an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz mit seinem Großstadt-Panorama und dokumentarischem Impetus oder an Robert Musils dichterische Erkundung von Bewusstseinsprozessen. Schwabach steht — nach heutiger Lesart — näher bei Döblin, insofern er die Großstadt als Metapher für gesellschaftlichen Wandel zeigt, doch sein Ton ist kürzer, experimenteller, mosaikartiger: Er verzichtet auf lange, ausschweifende Passagen zugunsten von Momentaufnahmen. Andererseits erinnert der innere Monolog- und Bewusstseinszug, die Verdichtung von Atmosphäre und Wahrnehmung, an Musil oder auch an die frühen Texte von Vicki Baum und Irmgard Keun (die jedoch stärker erzählerisch und dialogisch arbeiteten). Das heißt: Schwabach ist in der literarischen Moderne verankert, ohne ins Traditionsgebundene zu fallen, und zeigt eine literarische Form, die experimentell und zugleich zugänglich bleibt. Gerade darum wirkt dieser Roman wie ein missing link, ein fehlendes Puzzleteil des literarischen Bildes der 1920er und 1930er Jahre.

Ein weiterer faszinierender Aspekt ist die Veröffentlichungsgeschichte des Romans: Schwabach schrieb das Werk im Londoner Exil — er verstarb 1938 im Exil in London.  Der Roman konnte seinerzeit nicht in deutscher Sprache erscheinen, sondern wurde 1938 nur in polnischer Übersetzung publiziert.  Erst viele Jahrzehnte später erscheint nun die deutsche Originalfassung beim Wallstein Verlag.  Diese Tatsache verleiht dem Werk eine doppelte Bedeutung: Zum einen ist es literarisch ein Dokument der Zeit, die es beschreibt — die „Goldenen Zwanziger“, aber auch die sich anbahnende Katastrophe —, und zum anderen ist es selbst ein Opfer jener Zeit: ein im Exil entstandenes Werk, das lange im Verborgenen lag und erst jetzt — nach fast 90 Jahren — in seiner originalen Form und Sprache veröffentlicht wird. Man kann in diesem Verspätungsprozess auch eine Metapher für Literatur sehen, die durch politisches Unrecht und Ausgrenzung zum Schweigen gebracht wurde – und nun wieder hörbar wird. Für die Rezeption bedeutet das: Der Roman ist gleichermaßen historisch wie literarisch relevant.

Gerade durch die Episodenstruktur, den fragmentarischen Stil und die Konzentration auf Wahrnehmung und Atmosphäre wird das Werk in der zeitgenössischen deutschen Literatur als Bindeglied zwischen der klassischen Großstadtliteratur der 1920er und der literarischen Moderne der 1930er Jahre zu sehen sein. Es spiegelt einerseits die künstlerischen Bestrebungen eines Expressionismus und einer avantgardistischen Vielfalt, andererseits kündigt es durch die offene Erzählweise und das subjektive Bewusstsein literarischer Figuren bereits spätere Entwicklungen in der deutschen Nachkriegsliteratur an, die etwa mit einem stärker fragmentierten Erzählaufbau und multiplen Perspektiven arbeiten.

Die einzelnen Abschnitte sind so gestaltet, dass man sich kaum an klassischen Übergängen orientiert; Satzfragmente, Gedankensplitter, monologische Randbemerkungen, Szenenwechsel ohne erklärende Verbindung – all das erzeugt ein Gefühl von Sprunghaftigkeit und gleichzeitig eine rhythmische Einheit. Zudem spielt Schwabach mit Licht und Schatten, mit Nacht und Tag, mit dem pulsierenden Klang der Großstadt: Klang, Musik, Bar, Straßenverkehr, Aufstieg und Fall – all das erzeugt im Leser eine Art Vibration, eine Nacht, die sich in Bildern auflöst und wieder zusammensetzt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Schwabach von anderen Autoren seiner Zeit, die stärker auf Handlung und soziale Analyse setzten. Bei ihm stehen weniger die großen Konflikte „Arbeiter gegen Bourgeoisie“ im Vordergrund, sondern individuelle Erfahrungen in einer Massengesellschaft, deren Bewegungen und Strudel sich durch die Nacht ziehen.

Bilderbuch einer Nacht ist kein einfacher Unterhaltungstitel, sondern ein literarisch anspruchsvolles, atmosphärisch dichtes Werk, das Leserinnen und Leser anspricht, die Interesse haben an Literatur-Geschichte, Großstadterfahrungen, moderner Erzähltechnik und an jener Ambivalenz zwischen Glanz und Verfall, die die 1920er und die frühen 1930er Jahre prägt. Wer Freude hat an dichter Sprache, fragmentarischer Erzählweise, wechselnden Perspektiven und einer Nacht voller Sehnsucht und Verwirrung, wird hier reich belohnt. Wer darüber hinaus ein Interesse an der Exil-Geschichte und daran hat, wie literarische Werke durch politische Umstände verdrängt wurden und nun wieder auftauchen, findet im Roman zusätzliches Material zur Reflexion.

Empfehlenswert ist dieses Buch insbesondere für Leserinnen und Leser, die sich gerne in literarisch anspruchsvolle Zeiträume vertiefen wollen, die Großstadtromane aus der Weimarer Zeit schätzen oder neugierig sind auf verborgene Werke der deutschen Moderne. Wer hingegen einen klar strukturierten, traditionellen Handlungsroman mit linearer Erzählung sucht, könnte sich mit der fragmentierten Form schwerer tun – in diesem Fall ist das Werk eher eine lohnende Herausforderung, denn leichte Unterhaltung.

 

 

 

Autor: Erik-Ernst Schwabach
Titel: „Bilderbuch einer Nacht“
Herausgeber: Wallstein
Seitenzahl: 220 Seiten
ISBN-10: 3835358782
ISBN-13: 978-3835358782