Marina Lewycka: „Das Leben kleben“

Georgie muss lachen, als sie den Milchschaum von der Nase ihres Mannes Rip tropfen sieht. Immer hat er nur seine Zukunftsprojekte im Sinn, quatscht von Synergien, Globalisierung und Entwicklung; jedoch die Gegenwart und die Entwicklung seiner Ehe mit Georgie und den beiden halb erwachsenen Kindern Stella und Ben scheinen ihn überhaupt nicht zu interessieren. Rip steht auf und geht, und Georgies Ehe geht in die Brüche.

So beginnt die Geschichte der Ich-Erzählerin Georgie Sinclair, einer Frau mittleren Alter aus Yorkshire, die mit ihrer Familie in Highbury im Norden Londons lebt, als freie Mitarbeiterin Artikel für das Magazin „Klebstoffe“ (im englischen Original: „Adhesives in the Modern World“) schreibt, aber davon träumt, Schriftstellerin zu werden. Sie schreibt immer wieder an ihrem Manuskript mit dem Arbeitstitel „Das verspritzte Herz“ („The splattered Heart“), eine Schmonzette, in der sie das Erlebte verarbeitet, deren Dialoge jedoch eine gewisse Spritzigkeit vermissen lassen.

Marina Lewycka bekennt in ihrem Interview mit kulturbuchtipps, dass es in ihrem neuen Roman „Das Leben kleben“ durchaus einige autobiographische Elemente gibt, die in der Person von Georgie, aber auch bei der Charakterisierung von Mrs. Shapiro Verwendung fanden.

Mrs. Shapiro ist eine alte Lady, die in der Nähe von Georgie in einem riesigen alten Haus, dem so genannten Canaan House aus viktorianischer Zeit, lebt. Sie ist eine Cat Lady, die mit ihren vielen Katzen allein in diesem schlossartigen Anwesen lebt. Mrs. Shapiro ist einundachtzig, sieht aus wie neunzig, trägt bevorzugt elegante Kleidung unbekannter Herkunft, liebt es, Dinge zu sammeln und zu horten und ist die ungekrönte Königin der Schnäppchenjäger im Londoner Norden. Leider lässt diese Vorliebe für Schnäppchen Mrs. Shapiro auch nicht vor verdächtig schimmerndem Frischfisch zurück schrecken, der in der kontaminierten Küche von Canaan House von ihr höchst persönlich auf höchst dubiose Art zubereitet und der neuen Bekannten Georgie beim gemeinsamen Essen vorgesetzt wird. Beide überleben das Gericht, und die Geschichte geht weiter.

Sie kam im Krieg nach London, die Leute, die früher in diesem Haus lebten, sind aus Angst vor den Bomben einfach geflohen und haben alles zurück gelassen. Also lebte Mrs. Shapiro zusammen mit ihrem Arti, einem jüdischen Geigenbauer und Geiger, in diesem Haus; aber vor vielen Jahren ist er gestorben, und Mrs. Shapiro blieb einfach in dem Haus wohnen. Die alte Lady ist eine assimilierte Jüdin, sie nimmt es mit dem koscheren Essen nicht so genau – Würstchen nein, aber Speck ist lecker -, sie nennt Georgie immer „Darlink“, liebt ihre Katzen und klassische Musik und schert sich nicht darum, was die Leute denken.

Alle lieben das versteckte und verträumte Canaan House mitten in London mit seinem großen verwilderten Garten, und alle wollen es sich unter den Nagel reißen. Als die alte Mrs. Shapiro wegen eines kleinen Unfalls im Krankenhaus landet, versuchen gleich mehrere Immobilienmakler durch die Mithilfe einer Sozialdienst-Angestellten, der alten Mrs. Shapiro das Anwesen abzukaufen. Mrs. Shapiro soll in ein Altenheim abgeschoben werden.

Allerdings setzt sich Georgie für Mrs. Shapiro ein und engagiert einen Handwerker, der das Haus seniorengerecht umgestalten und wieder herstellen soll. Der Mann nennt sich Mr. Ali, kann nur gebrochen Englisch, aber perfekt Arabisch. Wie sich bald herausstellt, ist er kein Pakistani, sondern Palästinenser; doch die Brisanz jener Situation, dass ein Palästinenser das Haus einer Jüdin renovieren soll.

Während Georgies Tochter Stella nur noch per SMS mit ihr zu kommunizieren scheint, macht sich Georgie imer mehr Sorgen um ihren Sohn Ben. Stundenlang hockt er vor dem Computer, liest in der Bibel und scheint eine neue Vorliebe für Weltuntergangs-Szenarien zu entwickeln. Als sich die Anzeichen häufen, dass Ben den wüsten Verschwörungstheorien um George Bush, Putijn, Prince Charles und dem Teufel im Barcode von Supermarkt-Produkten Glauben schenkt, ist es fast schon zu spät.

Aber Georgie hat auch noch andere Probleme. Das Klebstoff-Magazin erwartet regelmäßig ihre Artikel über Klebeverbindungen. Immer öfter sieht Georgie auch Parallelen zwischen den adhesiven Verbindungen und menschlichen Bindungen. Um bessere über die Trennung von Rip hinweg zu kommen, beginnt sie eine Affäre mit dem smarten Immobilienmakler Mr. Diabello, der eigentlich gar nicht ihr Typ ist. Im Gegenteil ist er sogar ziemlich langweilig und der Sex mit ihm gleicht einer Routine-Untersuchung in einer Autowerkstatt: DIe Handgriffe stimmen, aber es wirkt mechanisch.

Bei allem Witz, Sprachspielen und einem wundervoll erfrischenden und flotten Plot gibt es in „Das Leben kleben“ aber auch noch einen ernsten Hintergrund, den israelisch-palästinensischen Konflikt. Mrs. Shapiros Einzug in das seinerzeit leer zurück gelassene Canaan House während des Krieges findet seine zeitgeschichtliche Parallele in der Gründung des Staates Israel 1948 auf palästinensischem Boden, auf vermeintlich leerem und zurück gelassenem Gebiet. Doch die Vertreibung der Palästinenser aus den Siedlungsgebieten und die „nakba“ (Katastrophe), wie es die arabischen Staaten nennen, ist keine Fiktion, sondern war Realität und bietet bis heute die Grundlage für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

Zunächst liegt der Ziegelstein mit seinen fast 460 Seiten gravitätisch auf dem Tisch. Aber schon nach wenigen Kapiteln gerät der Leser unweigerlich in den Sog der Handlung und bleibt dran. Aus 460 Seiten werden am Ende gefühlte 250.

Marina Lewyckas neuer Roman besitzt eine Vielschichtigkeit, von der man bei vielen Büchern nur träumen kann. Eigentlich bietet „Das Leben kleben“ genug Erzählstoff für drei Romane. Die geschickte Komposition und der witzige und geradlinige Erzählstil Lewyckas schaffen jedoch auf ganz natürliche Weise (Klebe-)Verbindungen zwischen den einzelnen Ebenen.

Bei der Lektüre sieht man eine turbulente englische Komödie vor seinem geistigen Auge ablaufen, und in der Tat hat eine britische Independent-Film-Firma die Rechte gekauft.

In ihrem Gespräch mit kulturbuchtipps erzählt Marina Lewycka von der Arbeit an diesem Roman, von ihrer aufwändigen Art zu schreiben und von neuen Projekten…

Die deutsche Übersetzung ist sehr gelungen. Der Sprachwitz bleibt bei den allermeisten Stellen erhalten. Die schönen Metaphern des Klebens des Lebens wurde von der Übersetzerin Sophie Zeitz kongenial ins Deutsche hinüber gerettet: die phonetische Nähe von Leben und Kleben, bonding und bondage, Leimen und Nageln blieb in der Übersetzung ebenso erhalten wie die „Sprach-Brobleme“ von Mr. Ali.

Und in welchem anderen Roman findet sich ein denkwürdiger Satz wie der folgende: „Mitten auf der Wiese rauften Mussorgski und Stinkerle um einen Hühnerknochen.“ – Das ist große Literatur, und besser kann man das Leben eigentlich nicht beschreiben. Es geht immer um den besten Knochen und die Frage, wie man ihn kriegt.

„Das Leben kleben“ ist ein fulminanter Roman, ein würdiger Nachfolger von „Eine kleine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ und „Caravan“. Er garantiert viele Stunden Lesespaß und bester Unterhaltung. Gleichzeitig vermittelt „Das Leben kleben“ aber auch eine Menge an Informationen, die uns die Hintergründe des Nahost-Konflikts verstehen lassen.

I’m not yiddish, I’m from Yorkshire“ sagt Georgie in einem der ersten Kapitel des Buches. Aber sie verschließt sich nicht der Geschichte, sondern will mehr erfahren über Juden und alästinenser, über die Vergangenheit von Mrs. Shapiro und Arti und von Ella Wechsler. Aber wer ist Ella Wechsler?! – Lesen Sie selbst und finden Sie es heraus…

Autor: Marina Lewycka
Titel: „Das Leben kleben“
Taschenbuch: 460 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423247800
ISBN-13: 978-3423247801

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