Felix Kucher: „Vegetarianer“

Ende des 19. Jahrhunderts begann eine Vielzahl unterschiedlichster sozialer Bewegungen zu formen, die später unter dem Sammelbegriff Lebensreformbewegung zu einer scheinbaren Einheit fanden. Ihnen allen gemeinsam war die Sehnsucht nach einer natürlicheren Lebensweise und die Suche nach Antworten auf die offensichtlichen Nachteile der neu entstanden Massengesellschaft im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung.

Das Leben in den aus allen Nähten platzenden Städten, die trotz allem technischen Fortschritt für die große Mehrheit ihrer Bewohner durch Überbevölkerung, Wohnungselend, mangelnde hygienische Verhältnisse, Lärm, Dreck und Verschmutzung zu einer unübersehbaren Belastung geworden sind, verlangte nach Alternativen, nach Neuorientierung und Neuanfang.

Unter dem Oberbegriff Lebensreform sammelten sich so unterschiedliche Bestrebungen wie der Vegetarismus (in seiner frühen Form auch Vegetarianismus genannt), die Naturheilkunde und Freikörperkultur, aber auch die Siedlungsbewegung, Sexualreform, Jugendbewegung und die Frauenbewegung, Theosophie und Anthroposophie, Lebensphilosophie und Buddhismus.

Je nach politischer Ausrichtung verbanden sich die neuen Strömungen der Selbstreform mit nationalistischem und völkischem, teilweise sogar mit eugenischem und rassenhygienischem Gedankengut, aber auch mit sozialistischen und proletarischen Zielen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten die frühen Reformer zunächst mit naturheilkundlichen Verfahren eine Alternative zur dominierenden Schulmedizin zu bilden. Wasser und Luft, Licht und Sonne sollten den Körper von allen Krankheiten heilen und ganzheitlich auf Körper, Geist und Seele wirken, während die Schulmedizin immer nur einzelne Symptome von Krankheiten bekämpfte.

Das klingt für unsere Ohren durchaus vertraut, und diese Vertrautheit bemerken wir auch bei anderen Strömungen der Lebensreform, die ja auch heute noch auf den Grundlagen aus jener Zeit aufbaut. Die Freikörperkultur (früher noch Nacktkultur genannt) wandte sich im 19. Jahrhundert explizit gegen das enge Korsett, in das die Damen — auch im übertragenden Sinne — gezwängt wurden. Die strenge Kleiderordnung der Wilhelminischen Zeit konnte kaum radikaler kritisiert werden als durch jene kleine Schar mutiger Reformer, die (allerdings im Schutz von Vereinsgeländen und in abgeschlossenen Sportluftbädern) alle Hüllen fallen ließen.

Der Vegetarianismus schließlich wurde zu einer radikalen Ideologie einer gewaltfreien und ethisch-moralischen ­­Alternative zur Omnipräsenz der Carnivoren. Tiere sollten weder getötet noch für die Lebensmittelproduktion missbraucht werden. Schon damals sprach man vom Tierwohl und beklagte die großflächige Umweltzerstörung, träumte von einem sorglosen und nachhaltigen Leben auf dem Lande fernab der lärmenden und menschenfeindlichen Großstädte.

Wie alle Bewegungen, so hatte auch die Lebensreform ihre Propheten und mitunter schillernden Gestalten, die mit großem Sendungsbewusstsein und viel mystischem Beiwerk zu einer radikalen Umkehr aufriefen und die Welt verändern wollten. Darunter machten sie es nicht.

Zu eben jener Gruppe zählten seinerzeit auch der Maler Karl Wilhelm Diefenbach und sein späterer Schüler Hugo Höppner (alias Fidus). Von diesen beiden erzählt der vorliegende Roman von Felix Kucher. Im Zentrum steht die Zeit der Kommune von Höllriegelskreuth bei München. Hier lebte der „Meister“ (Homo), wie er sich gerne nennen ließ, mit seinen Frauen und Kindern sowie einer wechselnden Schar von Jüngern und Neugierigen, die den Lehren des „Kohlrabi-Apostels“ folgten.

„Kohlrabi-Apostel“ und „Barfuß-Heilige“ waren noch zwei der milderen Bezeichnungen, mit denen die radikalen Lebensreformer von ihren Zeitgenossen verspottet wurden. Zu weit entfernt waren die liberalen und reformerischen Ideen von der sozialen Wirklichkeit jener Gesellschaft, welche durch die restriktiven moralischen Wertvorstellungen und die gängigen zutiefst patriarchalisch-konservativen Denkmuster im Wilhelminischen Kaiserreich eingezwängt waren wie in einem zu engen Korsett.

So lebte man in einem alten Herrenhaus mit angrenzenden Barracken, auf einem großen Gelände mit einem Steinbruch in einem kleinen Örtchen fernab der Stadt; die Räumlichkeiten waren oft unbeheizt, die Verpflegung karg und vegetarianisch. Der Wille zum Aufbruch in eine neue Zeit war groß, und ebenso groß war die permanente Geldnot; halbfertige Bilder füllten das Atelier des Meisters, der wegen seiner angeschlagenen Gesundheit — und oft auch wegen der dauernden Streitereien mit seinen Frauen — immer wieder für längere Zeit das Bett als letzte Zuflucht aufsuchen musste.

Felix Kucher hat sich für seinen Roman einer literarischen Gattung bedient, die sich passend als literarische Biografie beschreiben lässt. Ausführliche Recherchen in den Tagebüchern Diefenbachs und die intensive Lektüre zeitgenössischer Texte haben den Stil und die Sprache dieses Romans geprägt, so dass der Leser sich schnell in jene Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurückversetzt fühlt.

Auf diese Weise erlaubt uns der Autor den Blick zurück in eine sozial- und lebensreformerisch bewegte Zeit, in der die gesellschaftlichen Voraussetzungen geschaffen für viele Aspekte unserer Lebenswelt geschaffen wurden, die uns heute als selbstverständlich erscheinen, obwohl sie das per se nicht sind: Naturschutz und Tierwohl, Frauenrecht und Gleichberechtigung, Vegetarismus und Naturheilkunde, FKK und ein freier Umgang mit Sexualität.

Auf diese Weise wird die Lektüre dieses Romans zugleich zu einer literarischen Zeitreise als auch zu einer möglichen Reflexion unserer Gegenwart, womit sich — wie immer bei guter Literatur — die Frage stellt: Was hat das Ganze mit mir und mit meinem Leben zu tun? Die Antwort wird jede Leserin und jeder Leser für sich selbst finden — und auf diese Weise durch seine Lektüre dem Text eine eigene, individuelle Bedeutung geben.

„Vegetarianer“ eröffnet nicht nur den Blick auf eine faszinierende (und nahezu vergessene) Künstlerpersönlichkeit, sondern hinterfragt auch die eigene Einstellung zu vielen alltäglichen Dingen unserer heutigen Lebenswelt: Der Roman stellt die Frage nach unserem Umgang mit Tieren, mit unserem Leben, unserer Ernährung, unseren Lebenszielen und Träumen, unserem Verhältnis zu anderen Menschen, zur Liebe, zur Ehe, zur Elternschaft (…) Wer sich dem Text und der Lebensgeschichte eines Karl Wilhelm Diefenbach bereitwillig öffnet, wird auch eine Menge über sich selbst und über sein Verhältnis zur Welt erfahren. — Diese Erfahrung kann sich lohnen.

 

 

 

Autor: Felix Kucher
Titel: Vegetarianer
Herausgeber: Picus Verlag
Gebundene Ausgabe: 232 Seiten
ISBN-10: 3711721206
ISBN-13: 978-3711721204

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