Helge Hesse: „Die Welt neu beginnen — Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775-1799“

Bücher wie diese werden in den letzten Jahren immer häufiger veröffentlicht. „1913“ von Florian Illies war ein großer literarischer Erfolg, ähnliche Kompilationen bedeutender Ereignisse erschienen auch für die Jahre 1914, 1918 oder 1920. Was dem Leser zunächst die Hoffnung vermittelt, sich ein Verständnis der komplexen Zusammenhänge und des Lebensgefühls einer ganzen Epoche durch die möglichst umfassende Darstellung eines punktuellen Ausschnitts aus dem Zeitspektrum aneignen zu können, entpuppt sich bald als eine enttäuschende Leseerfahrung.

Was allerdings bleibt, ist die Faszination der Simultaneität, der Gleichzeitigkeit des Schaffens und Wirkens von wichtigen Akteuren der Geschichte in Politik und Gesellschaft, Kunst und Kultur. Die Lektüre selbst vermag jedoch nicht das geballte Wissen, das in seiner ganzen Tiefe hinter dem Text steht, an den Leser zu übermitteln. Und so bleibt nur ein durchaus unterhaltsames, aber immer nur an der Oberfläche der Zeitgeschichte kratzendes Leseerlebnis. Die Vielschichtigkeit und schillernde Farbigkeit der parallel ablaufenden Ereignisse hinterlassen beim Leser eine zunehmende Verwirrung. Wie ein tagelanger Landregen prasseln die Informationen auf ihn nieder und überfordern seine ursprünglich guten Absichten.

Den eigentlichen Nutzen, den der Leser aus solchen Publikationen ziehen kann, ist letztlich, ein Gefühl für die Simultaneität der Ereignisse in einer bestimmten Phase des Weltgeschehens zu entwickeln. Die Lektüre führt zu der Erkenntnis, dass viele bedeutende Ereignisse sich zeitgleich zugetragen haben, während die Akteure selbst wohl in den seltensten Fällen Kenntnis davon erhalten hatten. Wie in einem Kaleidoskop haben sich die vielen bunten Teilchen, die feinen Splitter und Fragmente des Weltgeschehens zu einem Ganzen verdichtet, das im Nachhinein sich als bedeutungsvoll und charakteristisch erweisen sollte.

Eine derartige Leseerfahrung hinterlässt ihre Spuren. Sie macht uns klar, dass sicherlich auch in der Jetztzeit, gerade in diesem Moment, an mehreren Orten der Welt sich Entscheidendes zuträgt, welches später einmal sich mit anderen Ereignissen zu einem Bedeutungsvollen verbinden wird und als Bausteine eines für unsere Zeit Charakteristischen interpretiert werden wird.

Gleichzeitig lässt es uns jedoch auch unsere eigene Bedeutungslosigkeit erfahren und uns klarmachen, dass wir nur als Zuschauer am Weltgeschehen teilnehmen, dass unser Leben und wir selbst letzten Endes für den Lauf der Welt bedeutungslos sind. Aus dieser Perspektive wird die Lektüre solcher Bücher auch zu einer Einübung in Demut und Bescheidenheit.

Auch Helge Hesse wird mit seinem Buch „Die Welt neu beginnen — Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775-1799“ die Leser letzten Endes überfordern, denn die Komposition seines Textes verfährt nach demselben strukturellen Prinzip wie die oben genannten Titel. Der Text ist zweifelsohne sehr unterhaltsam und spannend. Aber der Autor kompiliert kurze Textpassagen, die zwar zeitgleiche Ereignisse wiedergeben, für den Leser jedoch ansonsten keinerlei Verknüpfungsmöglichkeizen anbieten.

Ein Beispiel vom Anfang des Buches: Während sich George Washington im beschaulichen Virginia gerade Gedanken über die realen Folgen einer Loslösung vom britischen Mutterland macht, schreibt Georg Forster im südlichen Atlantik etwas in sein Bordtagebuch. Das ist zwar faszinierend, weil uns beide Akteure aus der Geschichte bekannt sind, aber ansonsten fehlt jeder Bezug zwischen beiden Ereignissen. So etwas steckt der Leser gerne ein, zwei, drei oder vielleicht sogar zehn Mal weg, aber danach wird er ungeduldig und fragt sich, ob am Ende vom Autor noch einmal ein Zusammenhang zwischen diesen simultanen Begebenheiten präsentiert wird.

Gegenüber den seit einiger Zeit so beliebten „Jahrbüchern“ hat der Autor den Vorteil, für seine Betrachtung kein einzelnes Jahr, sondern eine Zeitspanne von 24 Jahren gewählt zu haben. Dennoch bleibt am Ende der Lektüre nur eine diffuse Ahnung der Zusammenhänge zurück, begleitet von dem überwältigenden Gefühl, eine Menge über einen historischen Zeitabschnitt gelesen zu haben, in dem eine Menge los war. Doch was genau in jener offensichtlich hochinteressanten Phase der Weltgeschichte geschah, welcher Zeitgeist in jener Epoche den Ton angab und wie die Menschen jener Zeit auf die Ereignisse reagierten, ob sie selbst die große Bedeutung ihres Zeitalters erfassen konnte (…), von alledem erfährt man nichts.

Damit man mich nicht falsch versteht: Es soll an dieser Stelle nicht das Genre der „Jahrbücher“ — nennen wir sie mal behelfsweise so — in Grund und Boden kritisiert werden, denn solche Bücher sind mitunter sehr unterhaltsam und haben natürlich auch ihre Daseinsberechtigung. Allerdings sind sie kaum imstande, die Komplexität eines historischen Zeitalters abzubilden. Vielmehr sind sie Kinder unserer Zeit, welche sich vor allem an Sensationen und Knalleffekte klammert; sie sind mit anderen Worten ein typisches Produkt der Aufmerksamkeits-Ökonomie.

Wer sich aber gut unterhalten lassen und dabei nicht auf eine wissenschaftlich fundierte und faktenbasierte Darstellung historischer Begebenheiten verzichten möchte, ist mit Helge Hesses Buch bestens bedient. Es bietet dem Leser ein buntes und abwechslungsreiches Programm interessanter Wissenshäppchen und lässt die maßgeblichen Protagonisten jener Zeit am Ende des 18. Jahrhunderts, wie in einem historischen Kinofilm mit parallel geschnittenen Szenen, auftreten. Eine anregende und unterhaltsame Lektüre!

 

 

 

Autor: Helge Hesse
Titel: „Die Welt neu beginnen — Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775-1799“
Herausgeber: Reclam
Gebundene Ausgabe: 431 Seiten
ISBN-10: 315011280X
ISBN-13: 978-3150112809

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