Nina Kunz: „Ich denk, ich denk zu viel“

Welches Ziel verfolgt eine Autorin? Was soll ihr Text bewirken? Soll er überhaupt etwas bewirken? Soll er unterhalten, informieren, einen Standpunkt signalisieren, eine Meinung vertreten? Alles zusammen oder nur das eine oder das andere?

Ein Essay ist ein Versuch, sich selbst schreibend zu entdecken und die eigene Haltung gegenüber einem Thema zu formulieren. Man (und frau) schreibt, um den Lesenden diese intellektuelle Entdeckungsreise sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Das Ziel bestünde in diesem Fall darin, den Lesenden die Möglichkeit der Teilnahme an dieser persönlichen Standpunktfindung zu geben. Indem sie den Text lesen, vollziehen sie diesen Prozess der Autorin nach, können das Gelesene reflektieren und sich entsprechend positionieren.

Nina Kunz hat sich in ihrem Buch mit dem schönen Titel „Ich denk, ich denk zu viel“ tagebuchartig offenbart und ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt und auf sich selbst niedergeschrieben. Es sind die Texte einer jungen Frau, die manchmal vielleicht wirklich zu viel denkt, sich also zu viele Gedanken macht über Dinge, die aus einer altersbedingten Parallaxe von der Wirklichkeit problematischer erscheinen, als sie wirklich sind.

Die zuvor in Zeitschriften veröffentlichten Texte sind in drei große Abschnitte unterteilt, die dem Leser auf den ersten Blick vermitteln, auf welchen Grundton er sich bei der Lektüre einzustellen hat: Sinnkrisen, Selbstzweifel, Sehnsüchte. Zwischen diesen drei Polen bewegt sich das gesamte Spannungsfeld dieses Buches. Die Texte lesen sich zwar auch für Menschen, die gerade nicht unter diesen Symptomen leiden, durchaus angenehm und zum Teil auch witzig. Doch fragt sich der Leser an vielen Stellen, worin denn nun eigentlich das Problem der Autorin besteht.

„Ich denk, ich denk zu viel“ umschreibt womöglich auch ganz gut das Grundgefühl einer Generation, die in dieser verrückten Welt ihren Platz finden will oder muss — in einer Welt, in der sie vielleicht noch gar nicht richtig angekommen sind, obwohl sie bereits die 30 überschritten haben. Solche Generationsprobleme gab es wohl schon immer, aber noch nie so sehr wie heute. Denn kaum eine Zeit zuvor war so stark geprägt von einem (gesellschaftlich bedingten) Zwang zur optimierten Selbstdarstellung, die auf einer radikalen Außenorientierung und einer rückhaltlosen Abschaffung des Privaten basiert.

Wer ich bin, zeige ich durch meine digitalen Tags — meine Lieblingsmusik, meine Lieblingsfilme, meine Likes und Dislikes —, und meine Timeroll dokumentiert mein superspannendes Leben. Ich bin die Summe meiner Favoriten, ein Abbild meiner Lesezeichen. — Wer sich weigert, dem allgegenwärtigen Diktat der Social-media-Kultur zu folgen, ist schnell außen vor und verliert den Anschluss. Es ist eine harte, erbarmungslose Zeit. Der permanente Schönheitswettbewerb der Selfie-Kultur und die berufliche Perspektivlosigkeit der Generation Praktikum sind nur zwei charakteristische Aspekte einer auf dem Prinzip einer Konkurrenz aller gegen alle basierenden Lebenswirklichkeit.

Wer wissen möchte, was junge Menschen heutzutage umtreibt, ist mit diesen kurzen Selbstreflexionen einer Frau um die 30 gut beraten. Wer selbst von Sinnkrisen, Selbstzweifeln und unerfüllbaren Sehnsüchten geplagt wird, mag in der Lektüre Trost und Anleitung finden. Für alle anderen bleibt immer noch der Rest an Unterhaltungswert, den diese stilistisch sauberen und angenehm lesbaren Texte bieten.

Autor: Nina Kunz
Titel: „Ich denk, ich denk zu viel“
Herausgeber: Kein & Aber
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
ISBN-10: 3036958436
ISBN-13: 978-3036958439

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