Diana Kinnert: „Die neue Einsamkeit — Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“

„Einsamkeit hat viele Namen …“ sang einst Christian Anders, und um Einsamkeit geht es auch in Diana Kinnerts neuem Buch; es geht um „Die neue Einsamkeit — Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“. Diana Kinnert, das ist die junge Dame mit dem Hut, aber das klingt auch irgendwie schon wieder ein wenig zu sehr nach Tschechow … Also noch einmal von vorn!

Die junge Frau mit dem Filzhut, das ist ein bekanntes Gesicht in den guten Medien, also den Öffentlich-Rechtlichen, doch wer sich da unter dem schicken Hut verbirgt, macht erst ein Blick in Wikipedia oder in den Klappentext klar: „Diana Kinnert, geboren 1991, ist eine deutsche Politikerin, selbstständige Unternehmerin sowie Beraterin und Publizistin. Sie beriet die britische Regierung bei der Einrichtung eines Ministeriums für den Kampf gegen die Einsamkeit. Außerdem ist sie Mitglied in der Bundeskommission zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt und berät neben diversen zivilgesellschaftlichen Einrichtungen auch mehrere Landesregierungen zum Thema Vereinzelung.“

Wow, alleine diese kurze und knappe Beschreibung dürfte bei der Mehrheit der Gleichaltrigen zu heftigen Minderwertigkeitskomplexen führen; Diana Kinnert hat mit ihren 30 Jahren schon viel erreicht. Sie setzt sich aktiv für grüne Technologien ein, unter anderem mit ihrer Nachrichtenagentur newsgreen GmbH, und sie ist CDU-Parteimitglied.

Es geht also um die Einsamkeit in unserer Gesellschaft und um die Frage, wie wir damit umgehen. Mit ihrer Themenwahl trifft sie den Nerv der Zeit, um es mal platt zu formulieren. Nicht erst durch die Corona-Pandemie (aber besonders durch diese verstärkt) zeigt sich in vielen Gesellschaften der Welt das virulente Problem der Einsamkeit.

Im Grunde ist dieses Phänomen der Vereinsamung und Vereinzelung ja nicht neu. Es gehörte seit jeher zum Standard-Repertoire der Kulturkritik, das Aufkommen neuer Medien unter Generalverdacht zu stellen und sie allein für die aktuellen sozialen Verwerfungen in der Gesellschaft verantwortlich zu machen. In den meisten Fällen waren jene kulturkritischen Besorgnisse unbegründet. Weder hat die Erfindung der Fotografie zum Untergang der bildenden Künste geführt, weder das Radio das Buch noch das Fernsehen das Kino verdrängt. Weder hat die Lesesucht des 18. Jahrhunderts die Moral zerrüttet, noch hat der Gameboy zum Untergang des Abendlandes geführt.

Mit der Ausbreitung des Internets für jeden scheint es sich jedoch anders zu verhalten. Nach gut zwanzig Jahren Internet ist die virtuelle Welt für die meisten so sehr zu einem integralen Bestandteil unseres Lebens geworden, dass es naiv wäre zu meinen, dass dies überhaupt keinen Einfluss auf unser Sozialverhalten und auf unsere Psyche habe.

Einen wahren Veränderungsschub im Sozialverhalten haben aber erst die sozialen Medien bewirkt. Facebook, Twitter & Co. bieten vielen Nutzern eine scheinbar attraktive Alternative zum realen Leben; Virtualität schlägt Wirklichkeit, Likes sind besser als Freunde. Man könnte dies als ein Nischenproblem abtun, aber durch die massenhafte und, wie gesagt, integrale Einbindung der social media in unsere Lebens- und Erfahrungswelten kann ihre Bedeutung für den einzelnen kaum überschätzt werden.

Die Kehrseite jener schillernden digitalen Selbstdarstellungen (Selfie-Kultur, Tik Tok, WhatsApp) ist die Erfahrung des einzelnen, dass eigentlich immer alle anderen cooler und beliebter sind als man selbst. Wer über ein gutes Selbstbewusstsein, ein stabiles soziales Netz und eine ausreichende Zahl an realen Freunden verfügt, hat damit keine Probleme, nimmt es wahrscheinlich sogar kaum wahr. Sie/er bedient sich dieser digitalen Plattformen souverän und zieht einen individuellen Nutzen aus ihnen.

Für alle anderen kann sich die dauerhafte und permanente Nutzung jener sozialen Medien zu einem realen psychischen Problem entwickeln. Nicht nur die Konzentration auf die digitalen Kommunikationsmittel wird problematisch, sondern auch der permanente Erfolgsdruck, der durch den Vergleich mit anderen aufgebaut wird. Das Gefühl der unzureichenden Attraktivität führt — je nach individueller Disposition — zu einer zwanghaft exzessiven Nutzung oder auch zu einem zunehmenden Rückzug vom digitalen Geschehen führen. Die Folgen sind oft Vereinzelung und Vereinsamung.

Vereinzelung und Vereinsamung gibt es aber auch am anderen Spektrum der gesellschaftlichen Skala: bei den Abgehängten und bei den Alten. Wer heutzutage nicht am digitalen Leben teilnimmt (oder teilnehmen kann), gerät schnell ins soziale Abseits. Es gibt zwar auch eine geringe Zahl von Menschen, die sich ganz bewusst aus dem digitalen Leben verabschieden oder den Gebrauch von digitalen Helferlein verweigern, doch um diese geht es der Autorin nicht.

Problematisch wird der fehlende Zugang zur digitalen Welt, wenn er nicht von Freiwilligkeit geprägt und wenn er nicht bewusst gewollt ist. Die Gründe hierfür können vielseitig sein. In prekären sozialen Verhältnissen mag es sowohl an den finanziellen Möglichkeiten als auch an digitaler Kompetenz fehlen; dies betrifft viele alte Menschen, aber auch bildungsferne Bevölkerungsgruppen. Hier verbindet sich oft das Gefühl, vom Strom des pulsierenden Lebens abgehängt zu sein, mit einem Gefühl der Scham und dem Impuls, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Wer über keinen Zugang zur digitalen Welt verfügt, wird aber auch immer öfter aktiv aus Teilen der realen Welt ausgeschlossen. Wer keinen QR-Code scannen kann (weil er kein Smartphone besitzt), hat heutzutage Schwierigkeiten, sich für einen Corona-Test anzumelden. Sie/er kann auch nicht die Vorzüge von Rabatt-Aktionen genießen, die es nur über die App gibt usw.

Aktiver Ausschluss und Zugangsverwehrung sowie persönlicher Rückzug sind Tendenzen, die sich gegenseitig verstärken und schnell zu einer zunehmenden Vereinsamung bestimmter Altersgruppen und sozialer Schichten führen können. Daher werden auch an dem anderen Ende der Gesellschaft Vereinsamung und Vereinzelung zu einem Massenphänomen in bislang unbekanntem Ausmaß.

Ein kurzer Blick auf die sozioökonomischen Verhältnisse verweist auch auf das wachsende Problem der Altersarmut, welche sich nicht nur, aber eben auch besonders auf die (Möglichkeiten der) Teilnahme am öffentlichen Leben auswirkt. Wer jeden Cent zweimal umdrehen muss und nicht genug zum Leben hat, fühlt sich auf Dauer nicht nur von vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, sondern wird sich auch mehr und mehr zurückziehen. Vereinsamung ist auch eine direkte Folge von Altersarmut; sie ist aber auch die Folge von veränderten Lebensstilen und einer fragmentierten Gesellschaft, in der die traditionellen Familienverbände mit mehreren Generationen unter einem Dach längst zugunsten von separierten Lebenswelten aufgegeben worden sind.

Man könnte es dabei belassen, diese alten und neuen Phänomene der Vereinzelung und Vereinsamung zu beschreiben. Aber Diana Kinnert hört in ihrem Buch an diesem Punkt zum Glück nicht auf, sondern stellt die fundamentale Frage, welche gesellschaftlichen Auswirkungen aus diesen Tendenzen der Vereinzelung und Vereinsamung folgen. Wie ist der gesellschaftliche Gedanke des Gemeinwohls noch vertretbar und kommunizierbar, wenn eine Gesellschaft nur noch aus Singularitäten, also aus einzelnen besteht?! Stellt die Vereinsamung vielleicht sogar eine Gefahr für unsere Demokratie dar?

Was Kinnerts Buch so bemerkenswert macht, ist nicht nur die subjektive Perspektive der eigenen Erlebniswelt, aus der die Autorin dieses vielschichtige und komplexe Thema untersucht, sondern auch die bewusst gewählte Unvoreingenommenheit: „Ich möchte mich am liebsten an nichts halten. Möchte alles Vorgefertigte vergessen, alles Gelernte und am besten auch mich selbst annullieren. Möchte in diesem Buch vorsichtig forschen und neugierig fragen, wie er womöglich funktionieren könnte, dieser geheimnisvolle Stoffwechsel zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen.“

Es ist der Autorin bestens gelungen, diese Unvoreingenommenheit durchzuhalten; allein der Wunsch, sich selbst und die eigene Sicht auf die Dinge zu annullieren, hat sich — zum Glück für die Lesenden — nicht erfüllt. Denn gerade durch diese persönliche Sicht auf die Dinge und durch die eingeschobenen Passagen mit Spaziergängen durch die Gegenwart sowie durch den beobachtenden und reflektierenden Blick auf die Wirklichkeit bekommt dieses eindrucksvolle Sachbuch sein Fleisch und seine ganz eigene Lebendigkeit.

„Die neue Einsamkeit“ ist eine aktuelle Gesellschaftsstudie ganz in der (stadtsoziologischen) Tradition der teilnehmenden Beobachtung. Doch, als wäre dies nicht allein schon genug, handelt es sich um mehr als nur eine Studie: Dieses Buch liefert auch ein ganzes Bündel an Lösungsvorschlägen.

Einsamkeit betrifft nicht nur die Älteren in der Gesellschaft, aber sie ganz besonders. Abgehängt vom digitalen Leben, ohne Computer und Internet, bieten sich den Alten heutzutage immer weniger Möglichkeiten der sozialen Begegnungen und des sozialen Austauschs. Die Pandemie hat diese Entwicklung noch verschärft. Kontaktsperren, social distancing, Maskenpflicht und Lockdown haben die Älteren in ein soziales Abseits manövriert, aus dem sie sich selbst nicht befreien können, wie andere gesellschaftliche Gruppen.

Was die Jüngeren über social media und Zoom relativ leicht kompensieren können, kommt für die vom digitalen Mahlstrom Abgetrennten nicht infrage. Sie waren und sind angewiesen auf direkte persönliche Kontakte. Sie verlassen die Wohnung, gehen durch die Straßen — immer mit Vorsicht und auf die Einhaltung der Corona-Regeln bedacht —, und wenn sich hinter ihnen die Wohnungstür schließt, sind sie wieder allein. Die Einsamkeit kann nur durch ein Buch, durch Berieselung mit TV-Programmen oder durch seltene Telefonate bekämpft werden.

Aber auch den jungen Menschen geht es oftmals nicht besser. Der Anteil der Jugendlichen, die sich selbst als einsam bezeichnen, ist rapide gestiegen. Hier helfen selbst die digitalen Kommunikationsplattformen nicht mehr weiter, können das persönliche Miteinander nicht ersetzen.

Diana Kinnert zeichnet das erschütternde Bild einer vereinsamten Gesellschaft — oder besser: einer Gesellschaft von vereinzelten einsamen Individuen. Aber ist das dann überhaupt noch eine Gesellschaft im eigentlichen Sinne?! — Wie sieht es mit dem Gemeinwohl und mit dem Gemeinschaftsgefühl aus? Gibt es so etwas überhaupt nicht in unseren modernen Gesellschaften?

Wir haben es sehr weit gebracht in unserem Streben nach Individualität. Jeder kann (und muss) sich heute aus einem unvorstellbar und unüberschaubar vielfältigen Baukasten aus Individualitätsangeboten seine eigene Wunsch-Identität, sein perfektes Image zusammenstellen. Es ist im wahrsten Sinne alles möglich, und genau das macht es so schwierig für den einzelnen, seinen Weg zu finden. Die völlige Abwesenheit von normativen Rahmenbedingungen vonseiten der Gesellschaft macht die Suche nach dem richtigen Weg zu einer Nachfahrt auf einer gewundenen Straße ohne Leitplanken.

War vor hundert Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die transzendentale Obdachlosigkeit der Menschen das zentrale gesellschaftliche Problem, so ist es heute jene normative Obdachlosigkeit  einer Patchwork-Philosophie des Anything goes, das zu einer kollektiven Orientierungslosigkeit zu führen scheint. Weil wir aus einer Vielzahl von Lebensentwürfen wählen können, die jeweils ihre eigenen Filterblasen und Ihre je eigenen Wirklichkeiten erzeugen, haben wir es im Ergebnis mit einer Fragmentierung in Teil-Gesellschaften zu tun, die kaum noch miteinander in Berührung kommen.

Daraus resultiert die wachsende Zahl an vereinzelten und einsamen Menschen in unserer Gesellschaft. Die Chancen für ein neues Miteinander sieht die Autorin auch in einer neu erworbenen digitalen Mündigkeit der Menschen. Gerade die digitalen Medien können für ein neues Miteinander sorgen. Auch für die ältere Generation sieht Diana Kinnert hier die potenzielle Möglichkeit, Anschluss zu finden. Das Klischee vom rüstigen silver surfer greift hier zu kurz, denn es geht um das Erlernen von Kulturtechniken, welche die digitale Teilhabe ermöglichen und den sozialen Kontakt generationsübergreifend herstellen könnten.

Diana Kinnerts neues Buch ist nicht nur lesens-, sondern vor allem beachtenswert! Sie gibt wichtige Impulse für eine drängende politische und gesellschaftliche Diskussion über den gemeinsamen Kampf gegen die Einsamkeit. Denn Einsamkeit ist kein Problem von Minderheiten, sondern leider ein Massenphänomen unserer Zeit. Wie in vielen Bereichen der Wirtschaft und der Politik so hat die Pandemie auch hier die zuvor bestehenden Tendenzen beschleunigt. Bereits vor dem Ausbruch der Pandemie waren Vereinzelung und Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem; Corona hat diese Entwicklung nur beschleunigt und für jeden von uns sichtbar werden lassen.

Man würde sich wünschen, dass dieses Buch und seine wertvollen Gedanken in viele Hände gelangt, vor allem in die von Entscheidungsträgern. Doch wer sind diese Entscheidungsträger, wenn nicht wir alle?! Letztlich bleibt es die Aufgabe jedes einzelnen und von uns allen zusammen, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Mit der Bekämpfung der Einsamkeit ist es wie mit dem Erhalt der Demokratie: Beides kann nur funktionieren, wenn wir alle daran mitwirken. — Dazu kann dieses Buch von Diana Kinnert eine Menge an Denkanstößen liefern!

Autor: Diana Kinnert
Titel: „Die neue Einsamkeit — Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“
Herausgeber: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
ISBN-10: 3455011071
ISBN-13: 978-3455011074

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