Sabina Becker: „Experiment Weimar — Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933“

Das Jahr 2019 ist Jubiläumsjahr. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen. Diese erste Republik auf deutschem Boden war nicht nur eine logische Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs, dessen Erblasten ihr in die Wiege gelegt wurden, sondern es war auch eine spannende, turbulente und durchaus hoffnungsvolle Phase der deutschen Geschichte, die bereits nach 14 Jahren mit dem Siegeszug des Nationalsozialismus wieder ihr Ende fand.

Der Buchmarkt hat uns in diesem Jahr mit vielen Titel zur Weimarer Republik beschenkt: viele Bildbände zu den unterschiedlichsten Themen, ein sehr erfolgreicher Mehrteiler nach den Kriminalromanen von Volker Kutscher, zahlreiche Titel zur politischen Zeitgeschichte sowie weitere Sachbücher zu den unterschiedlichsten Spezialthemen.

Ein besonderes Interesse gilt in diesem Jahr auch dem Bauhaus, das sein hundertjähriges Bestehen feiert, wobei diese Aussage im Grunde falsch ist, da mit dem Ende der Weimarer Republik auch das Bauhaus aufhörte zu existieren und seine Mitglieder mehrheitlich ins Exil gezwungen wurden. Gleichwohl sind die Publikationen zum Bauhaus in diesem Jahr Legion.

Wer sich jedoch speziell mit der Kulturgeschichte der Weimarer Republik beschäftigen möchte, mit der Medien-, Bild- und Alltagskultur jener Zeit, mit Bildender Kunst, Architektur, Fotografie, Musik, Tanz, Theater, Literatur und dem vielschichtigen intellektuellen Leben jener kurzen Blütezeit der deutschen Kultur, der hatte es nicht leicht, auf dem Buchmarkt einen entsprechend umfassenden und gleichzeitig aktuellen Titel zu finden.

Sabina Becker, Literaturwissenschaftlerin und Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Kultur der Weimarer Zeit, vor allem ihrer Literatur, und gilt international als eine der führenden Moderne-Forscherinnen in Deutschland. Ihre Forschungsarbeiten beschäftigen sich seit Langem mit der Neuen Sachlichkeit der 1920er und frühen 1930er Jahre sowie Aspekten der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933.

Nun ist von Sabina Becker im Wissenschaftsverlag wbgAcademic ein beeindruckendes Kompendium zum „Experiment Weimar“ erschienen: „Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933“. 522 Seiten plus knapp 80 Seiten wissenschaftlicher Anhang machen dieses Buch zu einem echten Meilenstein, zum neuen Standardwerk über die Kulturgeschichte der Weimarer Republik.

Die jahrzehntelange intensive Beschäftigung mit diesem Abschnitt der deutschen (Kultur-)Geschichte erlaubt es der Autorin, ihre Gesamtschau jener bewegten Jahre aus einer distanzierten Position und in ihrer großen Komplexität zu überschauen, ohne durch die notwendig eingenommene Distanz in einen leidenschaftslosen Ton zu verfallen, wie es manchen Autoren vielleicht passiert wäre. —

Ganz im Gegenteil merkt man auf jeder Seite, mit wieviel Begeisterung und Engagement sich Sabina Becker ihrem Lebensthema zuwendet. Sie steckt mittendrin im Stoff und weiß jederzeit, das Wichtige zu betonen und das Unwichtige beiseite zu lassen. Eine Kulturgeschichte der Weimarer Zeit auf 600 Seiten zu präsentieren, mag dem Außenstehenden als ein Vorhaben erscheinen, das zwar eine Menge Fleiß benötigt, aber nicht allzu schwer zu bewerkstelligen sein sollte. Doch vergegenwärtigt man sich die Fülle der teils gegenläufigen Strömungen, der Tendenzen der Zwanziger Jahre in allen kulturellen Bereichen, wird schnell klar, dass hier nur eine wirkliche Expertin etwas Brauchbares abliefern kann, ohne in eine oberflächliche und letztlich wenig sagende Gesamtdarstellung jener Zeit abzugleiten.

Es brauchte also jemanden wie Sabina Becker, um eine solche Kulturgeschichte zu schreiben. Sie hat sie geschrieben, und so lässt sich jetzt ein Schatz heben, der in dieser umfassenden Form zuvor noch nicht existierte. Nun lässt sich die Kulturgeschichte der Weimarer Republik in all ihrer Komplexität und Diversität nachvollziehen und verstehen.

Wenngleich Beckers Kompendium sicherlich in Zukunft zur Grundlage zahlreicher weiterführender wissenschaftlicher Arbeiten wird, dürfte ihre breite Leserschaft jedoch unter den interessierten Laien zu finden sein. Denn „Experiment Weimar“ ist ein schönes, ansprechend gestaltetes Buch mit zahlreichen Abbildungen und ist vor allem in einer Sprache geschrieben, die fernab von einer akademischen Wissenschaftssprache die Dinge leichtverständlich beim Namen nennt.

Mit anderen Worten: Was wir hier über die Kulturen der Weimarer Zeit lesen, ist nicht nur ausgezeichnet recherchiert und fachlich fundiert geschrieben, sondern macht einfach Spaß und neugierig auf jene dynamische und kreative Phase zwischen den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. — Ein tolles, ein wunderbares Buch, auf das wir lange gewartet haben!

 

 

Autor: Sabina Becker
Titel: „Experiment Weimar — Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933“
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)
ISBN-10: 3534270517
ISBN-13: 978-3534270514

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