Stefan Weidner: „1001 Buch — Die Literaturen des Orients“

Der Orient, das ist seit jeher die perfekte Projektionsfläche für all unsere Träume, Sehnsüchte und Ängste: das Morgenland, das Land der Märchen und Sagen, der unbekannten Schönheiten und der geheimnisvollen Riten und die Wiege einer Jahrtausende alten Kultur.

Doch gab es den „Orient“ überhaupt? Ist er nicht vielmehr ein Produkt des Kolonialismus und des eurozentrischen Blicks auf das „Morgenland“, wie der Kulturwissenschaftler Edward Said in seinem berühmten Buch „Orientalism“ (1978) bemerkte?

Damit sind wir schon mitten in einer postkolonialen Diskussion, die auch der Islamwissenschaftler und Übersetzer, Stefan Weidner, an den Anfang von „1001 Buch“, seiner bemerkenswerten Literaturgeschichte der orientalischen Literaturen gestellt hat.

Unter „Literaturen des Orient“ versteht er „jene Literaturen, die sich im Einflussbereich der dritten großen monotheistischen Weltreligion entwickelt haben, der islamischen. Diese Literaturen sind in den drei weit verbreiteten, vom Islam geprägten Sprachen Arabisch, Persisch und Türkisch verfasst und werden seit dem 20. Jahrhundert um Werke bereichert, die von Autorinnen und Autoren mit biografischem Bezug zum Orient in westlichen Sprachen geschrieben werden.“

Denken wir an Salman Rushdie, denken wir an Rafik Schami, so wird klar, dass es beileibe nicht um religiöse Literatur geht; im Gegenteil sind viele der Autoren, die Weidner hier mit ihren Werken vorstellt, weltlich orientiert; andere setzen sich kritisch mit der Religion auseinander.

In Abgrenzung vom kolonialen Erbe müssen wir den „Orient“ und seine Literaturen heute postkolonial zu verstehen suchen. Hier gibt es ein gewaltiges Wissensgefälle zwischen Okzident und Orient, zu dessen Verminderung dieses Buch beitragen möchte. Was mit Postkolonialität in literarischer Hinsicht gemeint sein kann, macht Stefan Weidner in seiner sehr schlauen Einleitung deutlich:

Es bedeutet gerade nicht, eine (literarische) Auseinandersetzung mit den ehemaligen Kolonialmächten zu führen, sondern dass „die ehemalige koloniale Zwangssituation (die etwa in die Bevorzugung und Förderung europäischer vor autochthonen Sprachen mündete) ohne Minderwertigkeitskomplexe für die eigenen Zwecke und den eigenen Erfolg genutzt werden.“

So existiert heute eine Vielsprachigkeit, die Englisch, Französisch und zunehmend auch Deutsch umfasst; so gibt es heute iranische Literatur, die nur auf Deutsch publiziert ist, weil die politischen Verhältnisse im Iran eine Veröffentlichung dort nicht zulassen. Es gibt deutsch-arabische Autoren und Schriftsteller mit deutschen und türkischen Wurzeln usw.

Allein diese Beispiele machen klar, dass es aus heutiger Sicht keinen Sinn macht, von einem geografisch begrenzten orientalischen Literaturraum zu sprechen. Doch selbst aus historischer Sicht ist die okzidental-orientale Verflechtung der literarischen Produktionen unübersehbar; nehmen wir Goethes „West-östlichen Divan“ oder Friedrich Rückerts „Die Weisheit des Brahmanen“, um nur zwei prominente Beispiele aus der „deutschen“ Literaturgeschichte zu nennen.

„Die Literaturen des Orients sind ein Fall von ausfransenden, unklaren Grenzen. Was die unvermeidlichen weißen Flecken auf der literarischen Landkarte des vorliegenden Buches auffängt, ist der Gedanke, dass die hier vorgestellten Bücher, Schreibenden und literarischen Strömungen eine beträchtliche Repräsentativität beanspruchen dürfen.“ schreibt der Autor. Dem Muster einer traditionellen Literaturgeschichte folgend, geht er grob chronologisch vor, unterteilt auch nach Sprachen und Genres — wohlwissend, dass eine solche Kategorisierung zwar der Übersichtlichkeit dient, aber der Komplexität der Verflechtungen nicht gerecht werden kann.

Da dieser Zwiespalt in der Einleitung thematisiert wird, können sich die Leser darauf einstellen. Die sich daran anschließende Lektüre ist nicht nur bunt und spannend, sondern vor allem ungemein lehrreich und horizonterweiternd. Wer Stefan Weidners Buch mit Vergnügen gelesen hat, wird die „Literaturen des Orients“ mit neuen Augen sehen. Für die Lektüre empfiehlt der Autor, sich treiben und inspirieren zu lassen, von Querverweis zu Querverweis zu wandern und die Komplexität der behandelten Materie zu genießen; natürlich kann man Weidners Buch auch ganz klassisch wie eine Literaturgeschichte vom Anfang bis zum Ende lesen, wenn einem das lieber ist.

Was wissen wir über den „Orient“? Und mehr noch: Was wissen wir über seine Kultur, seine Literaturen? Es ist kein Zufall, dass wir von Literatur im Plural sprechen (müssen), wenn wir den orientalischen Raum in den Blick nehmen. Der Orient war und ist seit jeher ein Kulturraum in Bewegung und des intensiven Austauschs.

Politische und kulturelle Verflechtungen haben hier über die Jahrhunderte die Künste — und mit ihnen natürlich auch die Literatur — sich zu einer faszinierenden Vielfalt entwickeln lassen, die nicht nur den Vergleich mit den europäischen Kulturen nicht zu scheuen braucht, sondern vielmehr auch bis heute diese westlichen Kulturen beeinflusste.

Es geschah Anfang der 1990er Jahre, dass der Autor Stefan Weidner, angestoßen durch seine arabischen Freunde, Khalid Al-Maaly, Samuel Shimon und Sargon Boulus, in engeren Kontakt mit den lebendigen arabischen Literaturen kam. Als Islamwissenschaftler war er seinerzeit fest mit dem akademischen Betrieb verbunden, doch nicht zuletzt durch diese Impulse konnte er die Qualität seiner ersten Übersetzungen kräftig verbessern.

„1001 Buch“ ist in der neuen Edition Converso erschienen und umfasst mehr als 430 Seiten.
Die Edition Converso ist eine interessante Verlagsneugründung; mit Sitz im beschaulichen Bad Herrenalb, einem kleinen Städtchen mitten im Schwarzwald, hat es sich Monika Lustig, die Verlagsgründerin, zur Aufgabe gemacht, Literatur aus allen Mittelmeersprachen zu übersetzen und zu verlegen.

Das klingt ein wenig so, als ob die Schweizer den Ausbau ihrer Marine planten; aber schaut man sich die bislang noch kleine Auswahl an realisierten Titel an, wird schnell klar, dass in diesem Verlag Menschen arbeiten, die nicht nur mit viel Herz, sondern vor allem mit reichem Fachwissen und mit Liebe zum Detail bei der Arbeit sind!

Die Qualität der Bücher ist hervorragend, ansprechend gestaltet, schöner Satzspiegel, solide gebunden und ausgestattet mit einem Lesebändchen. Das Blättern und Lesen in diesen Bücher macht einfach Spaß! Keine Frage: Die Edition Converso ist ein Verlag für Bibliophile.

Stefan Weidners „1001 Buch — Die Literaturen des Orients“ ist ein gutes Beispiel für die hohe Qualität der Publikationen dieses neuen kleinen Verlags, der nicht nur mit diesem vorliegenden Buch, sondern auch mit weiteren interessanten Publikationen für Aufsehen sorgen wird.

 

 

Autor Stefan Weidner
Titel: „1001 Buch — Die Literaturen des Orients“
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Edition CONVERSO
ISBN-10: 3981976339
ISBN-13: 978-3981976335

Ein Kommentar

  1. Pingback: CBD For Dogs

Comments are closed.