Wilfried Kaute (Hg.): „The Boss don´t care — Kinderarbeit in den USA 1908-1917 — Fotografien von Lewis W. Hine“

Auch im 21. Jahrhundert sind wir, global gesehen, noch lange nicht so weit, uns mit dem bislang Erreichten zufrieden zu geben. Der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler weist in seinem emotionalen und aufrüttelnden Vorwort zu diesem Bildband darauf hin, dass auch heute noch Kinder weltweit ausgebeutet und für gesundheitsschädliche und lebensgefährliche Arbeiten missbraucht werden, sei es in den engen Minenschächten von Bergwerken, auf den Müllhalden der Dritten Welt oder sei es in pakistanischen Textilfabriken oder anderswo. Die Zahlen sind erschreckend: Laut UNICEF sind auch heute noch weltweit bis zu 15 Millionen Kinder unter zehn Jahren einer mörderischen Zwangsarbeit ausgeliefert.

Vor hundert Jahren war Kinderarbeit und Zwangsarbeit in vielen Teilen der Erde ein normaler (und dennoch beklagenswerter!) Zustand. Selbst in den USA mussten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 1,7 Millionen Kinder arbeiten und konnten nicht zur Schule gehen.

Lewis W. Hine gilt als einer der engagiertesten amerikanischen Fotografen seiner Zeit. Im Auftrag des 1904 gegründeten National Child Labor Commitee (NCLC) begann er ab 1908 mit der fotografischen Dokumentation der verheerenden Zustände.

Anders jedoch als andere Fotografen, die ebenfalls für die NCLC arbeiteten, beließ er es nicht bei den Fotografien: Er machte sich Notizen, beschrieb möglichst genau, was er sah, und er notierte sich auch, was die Kinder ihm erzählten. Auf diese Weise wurde er nicht nur zu einem Pionier der „Social Photography“, sondern war auch einer der Ersten, der sich dem Genre der Sozialreportage widmete.

Ähnliche „Forschungsreisen“ in die untersten sozialen Schichten unternahmen seinerzeit auch Jack London (The People of the Abyss, 1903) oder in New York Jacob Riis (How the other half lives, 1890). — Diese neuen Berichte aus den Slums, den Fabriken und Spelunken nahmen nicht nur die Methoden der „teilnehmenden Beobachtung“ vorweg, wie sie wenige Jahre später in der Stadtsoziologie der Chicago School entwickelt wurden, sondern stießen zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf ein breites Interesse beim Lesepublikum.

Man empörte sich über die katastrophalen Lebensverhältnisse der Armen, man begann sich dafür zu interessieren, wie es zu jenen Missständen kommen konnte, und auf diesem Weg wurde letztlich auch eine breite gesellschaftliche Diskussion angestoßen, die nach und nach für Verbesserungen sorgte.

So betrachtete auch das NCLC seine vornehmste Aufgabe darin, nicht nur den körperlichen Schutz des Kindes zu gewährleisten, sondern auch dafür zu sorgen, dass eine vernünftige Schulbildung zu einem elementaren Grundrecht wurde. Denn wer nicht zur Schule gehen kann, weil er arbeiten muss, wird zeitlebens in einem Teufelskreis gefangen bleiben zwischen Armut und Analphabetismus.

Lewis W. Hine zog mit seiner schweren Plattenkamera und seinem Stativ los, baute es vor den Fabriktoren und in den Mietskasernen der Slums auf, bereist das ganze Land, fotografiert Kinder, die auf den Feldern schuften, in den Häfen Austern öffnen, Sardinen schneiden, Wolle spinnen, Beeren pflücken, Schuhe putzen, Lasten tragen, unter Tage arbeiten, Maschinen bedienen. Über 5.000 Aufnahmen wurden so im Auftrag der NCLC von Hine gemacht.

Seine Fotos sind anders als die anderer Fotografen. Hine war Autodidakt, und er fotografierte die Kinder immer auf Augenhöhe, und das ganz wörtlich. Es sind keine Fotos eines Erwachsenen, der auf diese kleinen zerlumpten Kinder herabschaut; sondern wir blicken diesen Kindern direkt in die Augen, als ob wir in die Hocke gegangen und uns zu ihnen herab begeben hätten.

Sich auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet auch, diese Kinder ernst zu nehmen, ihnen in die Augen zu schauen, ihnen zuzuhören. Es zeigt letztlich auch Hines Versuch, diese Kinder in all ihrer täglichen Not und in ihrem Überlebenskampf zu verstehen.

Auch hundert Jahre nach ihrem Entstehen bewegen uns diese Bilder. Sie rühren uns direkt an und lassen uns fassungslos und empört zurück. Diese Kinder auf den Fotos von Lewis W. Hine sind alle schon lange tot; ihr Schicksal ist unbekannt, aber die grauenhaften sozialen Verhältnisse, in die sie noch hineingeboren wurden, sind längst Geschichte. — Allerdings nicht überall auf der Welt ist das so …

Das führt uns wieder zurück an den Anfang dieser Besprechung: Die Fotos, die Lewis W. Hine im Auftrag der NCLC geschossen hat, klagen nach wie vor das schreiende Unrecht an, das auch heute noch Millionen von Kindern auf der Welt angetan wird; die zu Arbeiten gezwungen werden, die nicht nur ihre Gesundheit und ihr Leben bedrohen, sondern die sie auch vom Besuch einer Schule abhalten und sie auf diese Weise zu doppelten Opfern einer rücksichtslosen Ausbeutung machen. Deshalb darf und sollte man diesen beeindruckenden und aufwühlenden Fotoband auch als einen Aufruf zur Abschaffung von Kinder- und Zwangsarbeit weltweit verstehen.

 

 

Autor: Wilfried Kaute (Hg.)
Titel: „The Boss don´t care — Kinderarbeit in den USA 1908-1917 — Fotografien von Lewis W. Hine“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Emons Verlag
ISBN-10: 9783740804657
ISBN-13: 978-3740804657
ASIN: 3740804653

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