Arjun Appadurai: „Die Geographie des Zorns“

Arjun Appadurai: "Die Geographie des Zorns"Die Globalisierung hat zu einer weltweiten Homogenisierung der Kulturen geführt. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, scheint jedoch aufgrund seiner Eigendynamik unumkehrbar zu sein.

Dem globalen Demokratisierungsprozess nach dem Fall der Berliner Mauer und der politischen Wende in den Staaten des Ostblocks stehen radikale Terrorakte, ethnische Säuberungen und tribale Genozide wie die Anschläge vom 11. September 2001, der Balkankrieg und der Völkermord in Ruanda gegenüber, die neben allem Grauen vor allem eine weltweite Ratlosigkeit hinterlassen haben. – Wie sind solche Gräueltaten in einer zivilisierten Welt möglich?

Arjun Appardurai vertritt die These, dass gerade die Globalisierung mit ihrer starken Eigenkraft der kulturellen Gleichmachung zur Entstehung eines „Narzissmus der Minderheiten“ geführt habe und die Radikalisierung der Minderheiten befördere. Er spricht – im Gegensatz zu Samuel Phillips Huntingtons „Kampf der Kulturen“ („Clash of Civilizations“) – von einer „Kultur des Kampfes“.

In seinem Buch „Die Geographie des Zorns“, das nun erstmals in deutscher Sprache in der „Edition Suhrkamp“ erscheint, geht mit Appadurai einer der einflussreichsten Anthropologen unserer Zeit dieser Frage nach. Auf 150 Seiten legt er dar, dass die modernen Nationalstaaten ein gutes Beispiel für „vertebrale soziale Strukturen“ sind. Sie basieren auf der Annahme, dass es noch eine internationale Ordnung gibt, die Normen und rechtliche Rahmenbedingungen für alle Beteiligten schafft, und die in ihrer Gesetzmäßigkeit auch für alle verbindlich ist.

Wir haben es aber in einer Zeit, in der sich radikale Minderheiten organisieren, mit einer Vielzahl von kleinen Kraftzellen zu tun, die ein Beispiel für sehr agile, „zelluläre Strukturen“ sind.

Der Kampf wird also ausgefochten zwischen vertebralen und zellulären Systemen: „Moderne Nationalstaaten wissen, dass sie zur vertebralen Welt gehören und dass sie darin wie die letzten Dinosaurier verzweifelt umihr Überleben kämpfen.“

Arjun Appadurai schreibt flüssig und gibt auch dem Laien einen Stoff an die Hand, der wohl mehr über den aktuellen und künftigen Zustand unserer Welt aussagt als ein ganzer Stapel aktueller Nachrichtenmagazine. Die Lektüre dieses schmalen Bändchens ist eine gute zeitliche Investition in die Zukunft, denn Appadurai lässt uns die Zusammenhänge verstehen, die zu den politischen Konflikten der Gegenwart führten. Gegenseitiges Verstehen könnte der erste Schritt zur Lösung dieser Konflikte werden.

Und so ist es auch der ausdrückliche Wunsch des Autors, dass sein Buch „Die Geographie des Zorn“ Antworten auf die Frage gibt, wie die Globalisierung „auch für jene funktionieren könnte, die sie am meisten brauchen und die bislang am wenigsten von ihr profitieren: die Armen, die Besitzlosen, die Schwachen und andere Gruppen, die in der Gegenwart marginalisiert werden“.

 

Autor: Arjun Appadurai
Titel: „Die Geographie des Zorns“
Broschiert: 180 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN: 3518125419
EAN: 978-3518125410

 

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