Fritz Breithaupt: „Kulturen der Empathie“

Fritz Breithaupt: "Kulturen der Empathie"Der schmale Band aus dem Suhrkamp-Verlag mit dem Titel „Kulturen der Empathie“ macht neugierig. In den Kognitionswissenschaften ist der Begriff der Empathie seit einigen Jahren schwer in Mode. Wenn sich eine Person in die Lage einer anderen Person hinein versetzen kann, so spricht man von Empathie.

Wenn jemand in der Lage ist, das Schicksal einer anderen Person derart stark nachzuempfinden, dass sie mitleidet, so nennt man dies Sympathie, die als eine Unterform der Empathie zu erachten ist. Der Empathiebegriff ist also umfassender.

Aber ist unser Verständnis von Empathie nicht zu eng gefasst, wenn wir sie nur auf ein In-den-Anderen-Hineinfühlen auf einer bidirektionalen Ebene beschränken?

Fritz Breithaupt verfolgt in seinem kleinen Büchlein einen anderen Ansatz: Er denkt Empathie als das Resultat einer Dreibeziehung, in der der Beobachter eines Konflikts mental für einen der beiden Kontrahenten Partei ergreift. Täte er das nicht, dann löste seine Beobachtung der Szene keine Reaktion aus und der Beobachter bliebe teilnahmslos.

Die Entdeckung der so genannten Spiegelneuronen, die Diskussion um die „Theory of Mind“ und Überlegungen von Evolutionsbiologen zur sozialen Intelligenz des Menschen haben eine Reihe von Mechanismen zu Tage gefördert, die es uns erlauben, in die Haut der anderen zu schlüpfen. Die Kognitionswissenschaften geben uns nicht nur erstaunliche Aufschlüsse über die Mechanismen von Empathie, sondern zeigen auch, dass Menschen wohl gar nicht anders können, als mit anderen mitzufühlen.“, so Breithaupt in seinem Vorwort.

Unsere Beobachtung zeigt aber, dass es auch Situationen gibt, in denen Empathie regelrecht blockiert zu werden scheint. Breithaupt untersucht auch diese Fälle und die möglichen Ursachen einer solchen Steuerung des Empathieverhaltens.

Die Antwort, die das Buch auf diese Fragen entfalten wird, lautet, dass wir andere Menschen (und uns selbst) verstehen, indem wir sie in kleine gedankliche Erzählungen verwickeln. Wir verstehen, indem wir erzählen.“ Um die Welt zu begreifen, werden wir also alle zu Geschichtenerzählern.

Breithaupts Ansatz, von einer direkten Beobachtung („Ich sehe, wie B sich wehtut und kann den Schmerz von B fühlen.“) zu der Einbeziehung eines Dritten („Ich sehe, wie A dem B Schmerz zufügt.“) scheint zunächst kontra-intuitiv, doch sie hilft dem Verständnis der komplexen Zusammenhänge, die in und um die beobachtende Person herum wirken.

Auf knapp 200 Seiten beschreibt der Autor detailliert seinen Forschungsansatz, formuliert seine These und verifiziert seine Annahme mit Hilfe wissenschaftlicher Untersuchungen.

Breithaupts Untersuchung zeigt, dass Empathie ein wichtiges Bindeglied unserer auseinander strebenden Gesellschaft ist. Der Umkehrschluss jedoch, dass empathische Menschen automatisch auch „moralisch besser“ sind, ist falsch. Denn der Autor zeigt in seinem Buch auch, dass Empathie ein wichtiges Instrument im Wettbewerb ist, um den Kontrahenten auszuschalten. Nur weil ich mich in die Lage des Anderen so gut hinein versetzen kann, muss ich noch nicht selbstverständlich auch das Beste für ihn wünschen. Auch der „Ego-Faktor“ entscheidet beim menschlichen Verhalten immer mit.

Der Text ist gut strukturiert und kann aufgrund seiner erfreulich klaren und stilistisch einfachen Sprache auch vom interessierten Laien gut verstanden werden.

 

Autor: Fritz Breithaupt
Titel: „Kulturen der Empathie“
Broschiert: 225 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN: 3518295063
EAN: 978-3518295069

 

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