Linda Olsson: „Die Nacht trägt Deinen Namen“

Es ist die schon so oft erzählte Geschichte eines Juden, der im Strudel der Geschichte seine Vergangenheit verloren hat und sich auf der Suche nach ihr rückwärts gewandt auf eine Reise zu den früheren Stationen seines Lebens begibt.

Es ist die Geschichte eines der „Kinder der Verlorenen“, die durch die Wirren des Krieges und die Zeit der Verfolgungen von ihren Familien getrennt wurden und mit ihnen auch ihre Herkunft, ihre Vergangenheit verloren.

Diese schicksalshaften Geschichten kennen und lesen wir immer wieder. Die dahinter liegende Wirklichkeit ist tragisch, aber oft sind die Erzählungen seltsam stereotyp; vielleicht hat man sie schon zu oft gelesen. Aber dieser Roman ist anders: Die Art und Weise, wie Linda Olsson diese Geschichte erzählt, geht zu Herzen.

Der Autorin gelingt es bereits von der ersten Zeile an, einen melancholischen Grundton anzuschlagen, der über die gesamte Strecke des Buches gehalten wird. Wollte man diese Stimmungen in Farben ausdrücken, so taucht die Geschichte während der neuseeländischen Passagen ein in das warmes Orange der untergehenden Sonne, lässt uns das klare sonnige und kühle Blau des winterlichen Himmels über Stockholm spüren und hüllt uns ein in ein nebeliges Graubraun der Morgendämmerung in den Straßen von Kazimierz, dem ehemals jüdischen Altstadtviertel von Krakau.

„Die Nacht trägt Deinen Namen“ ist hierbei keine klassische Holocaust-Geschichte. Linda Olsson legt bei ihrem Plot die Betonung auf eine andere Schicksalskonstellation, die so oder ähnlich das Leben vieler Juden nachzeichnet, die wie der Ich-Erzähler in der Zeit des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. In diesem Roman reist der Leser reist an der Seite des Ich-Erzählers zu den entscheidenden Wendepunkten des Lebens von Adam Anker alias Adam Lipski.

Adam Lipski lebt in Neuseeland, stammt jedoch auch dem südpolnischen Krakau und verbrachte seine Kindheit in Stockholm in Schweden. Diese drei sehr verschiedenen Orte sind die Spielplätze dieser mehrschichtigen Geschichte.

Nach dem Tod seiner Tochter Miriam ist Adam über ein Jahr lang zu keiner Arbeit mehr fähig. Eigentlich ist er Geigenvirtuose, aber er spielt schon seit vielen Jahren nicht mehr. Mit seiner Tochter lebte er in Waiheke, einer der Stadt Auckland gegenüber liegenden Insel, einem kleinen Paradies, und verdiente sein Geld mit dem Komponieren von Filmmusik.

Adam ist auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit. Er entdeckt einen kleinen Hinweis in der War Memorial Hall in Auckland. Er nimmt die Suche auf und folgt der Fährte. Langsam und bedächtig, nicht überstürzt. Dieses Tempo wird auch durch die ruhige Erzählstimme vorgegeben, die die Autorin dem Protagonisten gibt. Adam Anker ist auf der Suche nach Adam Lipski, der er einmal war, doch der Weg ist lang:

Wissen Sie, ich habe nie eine Verbindung zu meiner Vergangenheit gehabt. Mein Leben hat zweimal ganz von vorn angefangen und das vorherige dabei unwiderruflich hinter sich gelassen. Das erste Mal, als ich als kleines Kind nach Schweden kam, das zweite Mal, als ich hierher zog. Und jedem neuen Anfang ging eine Art Tod voraus. Es ist, als hätte ich immer nur die Gegenwart gekannt, weil die Vergangenheit für alle Zeit so abrupt abgeschnitten wurde, dass keine Bindung, keine Beziehung zu ihr blieb. Heute weiß ich, dass es unmöglich ist, eine Vision von der Zukunft zu entwickeln, wenn man keine Vergangenheit hat. Dass sich in gewisser Weise die Vorstellung von dem, was noch unbekannt ist, nur mit den Steinen der Vergangenheit aufbauen lässt.

Linda Olsson verzaubert den Leser durch ihre Sprache und führt ihn in eine Welt der Stille. In eine Welt ohne Zukunft, weil sie eine Welt ohne Vergangenheit ist. Doch diese Vergangenheit wird nach und nach zurück erobert und mit ihr auch eine Zukunft wieder möglich. Auf diesem Weg begleiten wir den Ich-Erzähler dieser spannenden und gleichzeitig auch entspannenden Geschichte.

Ab dem vierten Teil des Romans und für den Rest des Buches wechselt die Autorin plötzlich die Person des Ich-Erzählers. Ohne Vorankündigung spricht nun Cecilia, die große und einzige Liebe Adams und Mutter der gemeinsamen Tochter Miriam. Es braucht die Lektüre einiger Absätze, bis der Leser versteht, dass die Identität der erzählenden Stimme gewechselt hat. Dann jedoch ist dieser Wechsel stimmig und trägt die Geschichte weiter bis zu ihrem (glücklichen?) Ende.

„Die Nacht trägt Deinen Namen“ ist die Geschichte einer Suche nach sich selbst, nach dem Schlüssel zu den blassen Bildern aus der Vergangenheit, eine Suche nach der Erlösung. Es ist ein Roman mit einem stillen Ende. Wie der leise Schlusston einer Violinsonate von Mendelssohn. Sanft ausklingend. Offen. Nicht so abschließend wie ein Punkt und auch nicht so vage wie ein Fragezeichen. Die Geschichte endet mit einem Gedankenstrich. Und mit der Möglichkeit für den Leser, die Geschichte weiter zu erzählen.

Der neue Roman von Linda Olsson gehört zweifellos zu den besten Titeln des Winters 2009/10.

Autor: Linda Olsson
Titel: „Die Nacht trägt Deinen Namen“
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: btb Verlag
ISBN-10: 3442752361
ISBN-13: 978-3442752362

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