Achim Sommer (Hg.): „Max Ernst — Frühe Zeichnungen. Schenkung Werner und Monika Spies“

Anlässlich seines 80. Geburtstags hatte der Sammler Werner Spies ein Konvolut aus 55 frühen Zeichnungen und Skizzen aus der Sammlung von Franz Balke dem Max Ernst Museum in Brühl präsentiert. Diese Zeichnungen sind „wichtig für unser Verständnis von Max Ernst, denn aus dem Frühwerk hat sich ja gar nicht so viel erhalten“, sagt Werner Spies in einem Gespräch mit dem Journalisten Andreas Platthaus.

Die in diesem Buch vorgestellten Zeichnungen zeigen, „wohin Max Ernst hätte gehen können und die Einflüsse, die er verarbeitet hat“. Ernst ging einen anderen Weg, und daran sind vor allem die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und der Zusammenbruch der alten Welt verantwortlich.

So zeigen diese Zeichnungen einen bislang relativ unbekannten Max Ernst. Auf diesen Blättern, die alle vor 1914 entstanden sind, ist noch nichts zu spüren von der Radikalität und der Kraft jener dadaistischen und surrealistischen Kunst, die gemeinhin mit dem Namen Max Ernst assoziiert wird. Jene Zeichnungen und Skizzen sind gerade aufgrund ihrer Schlichtheit und ihrer Beschränkung auf einfachste zeichnerische Mittel so interessant.

Von Max Ernsts späterer Collagetechnik ist hier noch nichts zu sehen. Und weil es sich um Zeichnungen und Skizzen handelt, ist Ernsts spätere Hinwendung zum Skulpturalen selbstverständlich auch noch nicht zu erahnen. Gleichwohl lassen sich viele Einflüsse festmachen, die Max Ernst in seinen Zeichnungen für sich erschließt und individuelle umsetzt.

Die Textbeiträge des vorliegenden Bandes machen den Leser mit dem Sammler Werner Spies und mit den Besonderheiten dieses Konvoluts aus dem Frühwerk vertraut. Alle Blätter sind in hervorragender Qualität reproduziert und eröffnen dem Kunstliebhaber einen geradezu materiellen Kunstgenuss. Durch die äußerst feine Reproduktion der Blattkanten ohne Anschnitt entsteht der verblüffende Eindruck von eingeklebten Zeichenblättern, die man instinktiv anfassen möchte.

Näher als in diesem Katalog kann man den Zeichnungen nicht kommen, denn in einer Ausstellung kommt entsprechende Sicherheitstechnik zum Einsatz, die jede Annäherung des Betrachters nach Unterschreiten eines festgesetzten Mindestabstandes mittels eines akustischen Signals verhindert. Doch im Buch kann man sich den feinen Zeichnungen mit einer Lupe nähern, ohne entsprechende Störungen fürchten zu müssen.

Neben einem ausführlichen Bericht über die Sammlung von Franz Balke und die Provenienz dieses 1970 in die Sammlung Spies übergegangenen Konvoluts finden sich in diesem Buch auch einige kürzere Essays zu Aspekten der Kunst von Max Ernst, so auch ein Essay von Durs Grünbein („Frackäffchen und Tänzerin“) über Max Ernsts schöne Zeichnung „Das tanzende Paar“ von 1913.

Die Sammlung des Max Ernst Museums in Brühl, wo Max Ernst 1891 geboren wurde, bietet einen schönen Einblick in das 70-jährige Schaffen dieses außergewöhnlichen Künstlers. Ernst war Maler, Grafiker und Bildhauer, und er darf zweifellos zu den wichtigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts gezählt werden. In diesem Buch begegnet man dem jungen Künstler, dem Studenten Max Ernst, der seinen eigenen Stil entlang der zeitgenössischen Kunstströmungen und Sujets entwickelt und schon früh seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe unter Beweis stellt.

 

 

Autor: Achim Sommer (Hg.)
Titel: „Max Ernst — Frühe Zeichnungen. Schenkung Werner und Monika Spies“
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Max Ernst Museum Brühl des LVR
ISBN-10: 944453-07-1
ISBN-13: 978-3-944453-07-1