Leander Steinkopf: „Stadt der Feen und Wünsche“

Leander Steinkopf ist vielleicht einer der letzten Flaneure, die unsere atemlose Zeit noch kennt. Er schlendert ziellos durch die Stadt, getrieben von seinem Ennui, absichtslos und ohne Hoffnung. Es ist die Odyssee eines Stadtwanderers unserer Zeit. Seinem Bericht vorangestellt hat er ein Zitat von Walter Benjamin aus dessen Berliner Kindheit um 1900. Dort schreibt Benjamin: „Die Fee, bei der er einen Wunsch frei hat, gibt es für jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenig erkennen darum später im eigenen Leben die Erfüllung wieder.“

Dem Ich-Erzähler dieser Erzählung — ist es der Autor selbst oder sein Alter Ego? — begegnet keine Fee, und falls doch, so erkennt er sie nicht. Er erwartet auch keine Fee, und er hat auch keine Wünsche. Der Erzähler geht durch das heutige Berlin und er beschreibt, was er sieht: „Zu Hause erinnert mich alles an mich selbst, jede Wand reflektiert meine Blicke. Deshalb gehe ich raus, spazieren. Ich schaue mich um nach allem, weil ich nichts Bestimmtes suche. Ich fühle mich zur Langsamkeit gedrängt wie andere zur Eile. Man muss seine Zeit verschwenden, um zu lernen, was sie wert ist.“

Sein Schritt geht langsam, insofern er äußerlich dem Klischee eines Flaneurs entspricht. Doch dieses Gehen ist kein Flanieren, sondern ein Schlendern und ein Sich-treiben-Lassen. Was ihn von dem klassischen Flaneur unterscheidet, ist seine fehlende Reflexion. Der Ich-Erzähler beschreibt, was er sieht, und seine Beschreibung wird auch durch interessante Verschiebungen der Wahrnehmung und eine originelle Wortwahl auf eine höhere Ebene gebracht.

Auf jener höheren Ebene könnte und sollte die Reflexion des Geschehens und des Gesehenen beginnen. So haben es die Großen der Flanerie zu allen Zeiten gehalten: Baudelaire, Benjamin, Hessel, Kracauer. Bei ihnen begann die eigentliche Tätigkeit des Flaneurs mit der Reflexion des Erlebten und endete mit dem Versuch, die größeren Zusammenhänge aus diesen kleinsten Wirklichkeits-Einheiten heraus zu entwickeln. Für diese Flaneure war die Reflexion eine induktive Methode der Gesellschaftsanalyse.

Heutzutage gibt es nur noch wenige Flaneure in diesem Sinne. Die junge Generation ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und gleichzeitig viel zu desillusioniert, um dem gesellschaftlichen Ganzen noch einen Blick zuzuwerfen. Die Generation des Übergangs (um die 30) ist ebenfalls in jener Selbstbezogenheit der Jugend gefangen, möchte aber die großen Zusammenhänge wenigstens verstehen, wenn schon nicht verändern. Die Generation der Älteren schließlich versucht die gesellschaftlichen und kulturellen Zustände zu verstehen und bedient sich darüber hinaus der Reflexion als eines hermeneutischen Instruments der Weltsicht.

Während Schriftsteller wie Hanns-Josef Ortheil oder Wilhelm Genazino zu jener Generation der Älteren zählen, gehört Leander Steinkopf zur mittleren Generation des Übergangs von der Jugendlichkeit zum Erwachsenenalter. Heute verschwimmen diese Grenzen zunehmend, man kann bis weit in seine 30er Lebensjahre jugendlich und unreif bleiben, bevor man sich zum Erwachsen-Sein entschließt. Oder umgekehrt kann man auch schon früh erwachsen werden und den jugendlichen Narzissmus hinter sich lassen.

Leander Steinkopf scheint sich eher für die zweite Lebensvariante entschieden zu haben, sein Text zeugt von einer bereits überwundenen Selbstbezogenheit, wenngleich ihm manchmal sein Hormonspiegel einen Streich zu spielen versucht. All seine freie Flanerie wird immer wieder von schönen Frauenbeinen, einem verführerischen Lächeln oder von zweideutigen Blicken gestört, und eigentlich stört das auch ein wenig beim Lesen.

Ansonsten ist dieser Bericht einer Stadtwanderung durch die Berliner Bezirke von einer wundervollen Leichtigkeit, und kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller hat die Berliner Atmosphäre der Gegenwart so gut eingefangen wie Steinkopf. Dass dieser Bericht des Flaneurs nicht nur zu einer Bestandsaufnahme taugt, sondern darüber hinaus auch tiefere Einblicke in die Zusammenhänge eröffnet, liegt nicht zuletzt an der scharfen Beobachtungsgabe und der scharfzüngigen Sprache des Autors. In Kombination führt dies zu einer Berlin-Kritik vom Feinsten.

Diese Kritik fällt durchaus bissig aus, ist gleichzeitig liebevoll und hasserfüllt. Vielleicht kann man diese Stadt und ihre Menschen auch nur mit einer solchen Mischung aus Bewunderung und Verachtung betrachten und beschreiben; vielleicht lässt sich diese Stadt für den Zugezogenen auch niemals anders ertragen als in einer solchen ambivalenten Haltung.

Berlin ist die Stadt, die sich nur im Wandel treu bleibt, die sich häutet wie eine Zwiebel und in der die Gegensätze aufeinander knallen wie sonst nirgendwo in Deutschland. Wer hier nicht aufgewachsen ist und diesen ständigen Wechsel mit der Muttermilch aufgesogen hat, der wird sich niemals dran gewöhnen können. Wie sollte man also sonst auf diese seltsame Stadt reagieren, wenn nicht mit einer gewissen Distanz und Vorsicht? Für den Außenstehenden ist und bleibt Berlin mit seinen Zugezogenen immer rätselhaft und schwer zu ertragen; man muss schon ein Rätselfreund sein und ein dickes Fell tragen, um hier auf die Dauer nicht die Nerven zu verlieren.

Leander Steinkopf macht diese Schutzfunktion der Reserviertheit und der Blasiertheit deutlich, und aus dieser Perspektive rückt seine Erzählung ganz nah heran an das, was Georg Simmel vor über 100 Jahren schon einmal das „Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigungen der Großstadt“ bezeichnet hat: die Verstandesmäßigkeit. Der Ich-Erzähler durchwandert die Hauptstadt wie ein Analytiker; Emotionen haben bei ihm keinen Platz, sondern er begegnet allen Großstadt-Phänomenen mit seiner Verstandesmäßigkeit — oder anders gesagt: rational. Als kühler Beobachter seiner selbst und der vielen Menschen um ihn herum lässt er sich von einem Ort zum nächsten treiben: von seiner Wohnung m Wedding zu Judith, zu Hanna, zu seinem Freund Johann.

Diese Stadtwanderungen sind wie kleine lebende Bilder (tableaux vivants), die sich aneinanderreihen, eines nach dem anderen. Nicht selten wirken diese Szenerien arrangiert, und doch scheinen es zufällige Begegnungen mit Menschen und Orten zu sein; durch die Augen des Erzählers werden sie zu idealtypischen Ortsbeschreibungen aus dem heutigen Berlin — jener Stadt, die sich ständig neu erfindet, weil die Menschen, die in ihr leben, keine gemeinsame Geschichte haben, auf die sie aufbauen könnten oder wollten, also erfinden sie sich eine Geschichte für diese Stadt und für sich selbst gleich noch mit.

Stadt der Feen und Wünsche ist eine wundervolle Erzählung, ein neuer Zugang zur deutschen Hauptstadt, ja vielleicht sogar ein neuer Berlin-Roman, der dieses Mal zu Fuß erzählt wird und nicht zum x-ten Mal versucht, Döblins Montage-Technik aus dem legendären Berlin Alexanderplatz zu imitieren. Leander Steinkopf hat sich mit dieser Erzählung durchaus einen Platz in der Ahnenreihe der Berlin-Flaneure erschrieben, auch wenn seine Beschreibung der Berliner Orte und Menschen nur an der Oberfläche bleibt und nicht auf die Suche nach der DNA dieser Stadt geht. — Aber er hat auch niemals behauptet, eine solche Suche überhaupt in Betracht zu ziehen, sondern er wollte nur erzählen, was ihm auf seinem Weg durch die Berliner Bezirke begegnet, und zeigen, wie es den Ich-Erzähler von einem Ort zum nächsten treibt, ohne Ziel und ohne Wünsche, ohne Feen-Begleitung und ohne Hoffnung auf Erlösung. Das ist ihm hervorragend gelungen, und die Stadt der Feen und Wünsche gehört zum Besten und Lebendigsten, was seit Langem über Berlin geschrieben wurde.

Gute Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass uns der Autor mit Hilfe seiner Fiktion eine VR-Brille aufsetzt, die uns die Wirklichkeit realistischer zeigt, als wir sie mit unserer eigenen Sicht auf die Dinge erfassen können. In diesem Sinne ist diese Erzählung ein gelungenes Beispiel für gute Literatur, denn sie versetzt uns in die Lage, Berlin mit anderen Augen zu sehen und das Besondere seiner Atmosphäre besser zu verstehen; denn der Autor hat genau den richtigen Abstand: Er ist weder zu nah dran — wie der Stadtbewohner — noch zu weit weg — wie alle, die sich ihr Berlin-Bild aus den Medien formen.

 

 

Autor: Leander Steinkopf
Titel: „Stadt der Feen und Wünsche“
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Hanser Berlin
ISBN-10: 3446258604
ISBN-13: 978-3446258600