Robert Gernhardt: „Der kleine Gerhardt“

Der Kleine Pauly ist das Fachlexikon der Altertumswissenschaft, die kleine Version des großen Bruders, von Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, die durchgehend von 1893 bis 1978 erschien und ganze Regalwände füllt. Mit einem leichten Schmunzeln mag Robert Gernhardt an diesen „kleinen Pauly“ gedacht haben, als er 2002 sein autobiographisches Projekt Der kleine Gernhardt in Angriff nahm.

Ausgehend von einer alphabetischen Sammlung von Begriffen baute er sich ein individuelles Gerüst für die Durchsicht seiner über viele Jahrzehnte in Brunnen-Schreibheften zusammengetragenen Notizen mit autobiographischer Färbung und Relevanz.

Robert Gernhardt starb Mitte 2006 an Krebs. Er konnte seinen Kleinen Gernhardt“ nicht vollenden, das Projekt blieb ein Fragment. Jetzt hat die Herausgeberin Andrea Stoll die bereits abgeschlossenen Einträge dieser Autobiographie durch weitere Notizen aus Gernhardts Brunnen-Heften ergänzt und vervollständigt.

Was zunächst wie die fragwürdige Praxis einer ungefragten postumen Co-Autorenschaft erscheint, entpuppt sich als die kongeniale Recherche-Arbeit einer langjährigen Weggefährtin des Autors. Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl und großem Einfühlungsvermögen werden Gernhardts fragmentarische Beiträge feingeschliffen und durch naheliegende Eintragungen und Passagen aus seinen Brunnen-Heften ergänzt. Was am Ende vorliegt, ist ein wundervoll intimes und ehrliches Selbstbild eines großen Schriftstellers, Dichters und Lebenskünstlers unserer Zeit.

Gernhardts autobiographische Notizen sind niemals langweilig, belanglos oder zeitgebunden. Selbst Äußerungen zu politischen Ereignissen, welche zu erwarten wären, fallen, wenn sie einmal fallen, immer überzeitlich aus. Das Mensch-Allzumenschliche hat stets Priorität und lässt seine Texte zu blitzenden und funkelnden Schmucktücke werden, die man immer wieder gerne in die Hand nimmt. An viele seiner Anekdoten wird man sich gerne erinnern und sie weitererzählen. Auf diese Weise wird das Leben dieses Meisters der deutschen Sprache Stück für Stück weitergetragen. Niemals verfällt der Autor in einen weinerlichen oder larmoyanten Ton, immer scheint ein Lächeln durch seine Zeilen, ein warmes Licht, das die Herzen der Leser wärmt.

Robert Gernhardt hat viel geschrieben. Sein gesamter schriftlicher Nachlass, der im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt wird, umfasst mehr als 40.000 Seiten. Viele Gedichte, Kurzprosa und groteske Geschichten werden ihn lange Zeit überdauern. Doch das Schönste, das Nächste und Naheliegendste sind vielleicht diese persönlichen Aufzeichnungen, die einen ganz persönlichen und nahen Einblick in sein Leben bieten. Der kleine Gernhardt erzählt uns Hiergebliebenen, „was war, was bleibt von A bis Z“.

 

 

Autor: Andrea Stoll (Hg.), Robert Gernhardt
Titel: „Der kleine Gerhardt“
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: S. FISCHER
ISBN-10: 3100402235
ISBN-13: 978-3100402233

 

 

Ein Kommentar

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