Peter von Becker: „Céleste“

Vielleicht liegt es an der zu geringen Spannkraft meiner Aufmerksamkeit beim Lesen von literarischen Werken? Denn es passiert mir immer wieder, dass ich einen Roman zu lesen beginne, durchaus interessiert und vom Plot gebannt, doch nach etwa hundert Seiten lässt das Interesse immer mehr nach, bis ich an einen Punkt komme, wo ich mich ernsthaft frage, was das Ganze soll? Wohin führt diese Geschichte? Und interessiert mich eigentlich noch, wie sie endet? Ob sie endet?

Ein derartiges Verhalten schwächelnder Lektüre befällt mich selten bei den sogenannten Klassikern, beim Lesen moderner Autoren jedoch immer wieder und immer öfter. Das ist keine schöne Erfahrung, und sie betrifft nur denjenigen Teil des Kritikers, der sich bei der Ausübung seines Berufes auch ein bisschen unterhalten will. Die anderen Ebenen der Kritik sollen jetzt in den Vordergrund treten.

Zum einen wäre da der Plot. Der Roman hat etwas Fadenhaftes, womit nicht gemeint ist, dass er etwas Fadenscheiniges hätte! Fadenhaft ist seine Erscheinung, weil sich die Handlungen dieses Romans erst am Ende zu einer Einheit verbinden. Das ist gekonnt konstruiert und auch sehr hübsch geschrieben. Doch man wird über weite Strecken des Buches von dem Gedanken verfolgt, dass der Autor sich eigentlich nicht die Mühe machen müsste, jene Fäden zusammen zu fädeln zu einem gemeinsamen Höhepunkt. Genauso gut hätte Peter von Becker auch einfach die Erzählung der hochbetagten Künstlerin Céleste schreiben können, begleitet von zwei drei weiteren Kurzgeschichten. Am Ende hätte man statt eines Romans eben einen hübschen Erzählband mit dem Titel „Céleste“ vor sich gehabt.

Die fiktive Hauptfigur der Céleste Salvatori ist sehr faszinierend gestaltet als eine Art „missing link“ der Kunstgeschichte und als weibliches Bindeglied zwischen Matisse und Picasso, Max Ernst und Sartre. Der Autor versteht es, den Charakter der Céleste, wie den der meisten anderen Figuren, vielschichtig und wandelbar zu gestalten. Das ist sehr hübsche und sauber geschriebene Prosa. Auch die Settings regen die Fantasie des Lesers an: eine Insel im Süden Italiens, Sylt, Korsika, dann auch mal Sachsen, Japan und China.

So bunt gemischt wie die Landschaften sind auch die Figuren dieses Romans; wollte man nach einem Prädikat, nach einer Schublade suchen, in den man dieses Buch stecken kann, so könnte man sagen, Céleste“ ist ein Künstlerroman, aber es finden sich auch verschiedene Anklänge anderer Genres, wie den Kriminalroman, den Beziehungsroman, den Reisebericht… Kurzum: Peter von Becker ist es gelungen, ein abwechslungsreiches Buch zu schreiben, dessen Handlung sich weniger horizontal und temporeich bewegt, sondern eher vertikal in die Tiefe der einzelnen Charaktere eintaucht und sich auch bis zu deren dunklen Seiten vorwagt. Es steckt viel psychologisches Wissen, eine große Menschenkenntnis sowie eine gute Portion Ortskenntnis in diesem Buch.

Wer an moderner Kunst und an bewegten Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts interessiert ist sowie an der leichten Atmosphäre des Lebens rund ums Mittelmeer seine Freude hat, findet in „Céleste“ eine spannende und anregende Lektüre, genau richtig für den bevorstehenden Sommerurlaub am Meer.

 

 

Autor: Peter von Becker
Titel: „Céleste“
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Mare Verlag
ISBN-10: 3866482779
ISBN-13: 978-3866482777