Jürgen Osterhammel: „Die Flughöhe der Adler — Historische Essays zur globalen Gegenwart“

Adler sind schöne Tiere. Erhaben gleiten sie in großer Höhe durch die Lüfte, lassen sich von der Thermik treiben und haben trotz aller Gelassenheit, die ihr Flug ausstrahlt, stets ihre Adleraugen auf das Geschehen weit unter ihnen gerichtet. Adler haben alles im Blick und beobachten ganz genau, was sich unten am Boden tut.

Unten am Boden wird Geschichte gemacht. In einer globalisierten Welt sind wir alle als Fußvolk dazu verdammt, mitten im unübersichtlichen Getümmel unser Leben einzurichten, wenigstens bis zur nächsten Ecke zu schauen und, so gut es eben geht, den Überblick zu behalten. Mehr schlecht als recht gelingt uns das, doch die großen Zusammenhänge zu erfassen, sind wir selbst schon lange nicht mehr in der Lage.

An dieser Stelle setzt die Aufgabe des Historikers ein, der versucht, einen tieferen Sinnzusammenhang in diese scheinbar kontingente und chaotische Welt zu bringen. Sinnstiftung ist eine der großen Aufgaben der Geschichtswissenschaft. Immer als eine im Nachhinein rekonstruierte Sinnhaftigkeit fungiert die Geschichtsschreibung von jeher als ein Hilfsmittel zur Erklärung größerer Kausalzusammenhänge und letztlich zur Erklärung der Welt. All dies kann aber auch eine Geschichtsschreibung immer nur aus ihrer je aktuellen Position heraus bewerkstelligen, immer mit der reflektierten Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit.

Jürgen Osterhammel gilt schon lange als eine der wichtigsten und renommierten Historiker unserer Zeit. Vielen Lesern wurde er vor allem durch sein bedeutendes Werk „Die Verwandlung der Welt — Das lange 19. Jahrhundert“ bekannt. Als Professor für Neuere und Neueste Geschichte lehrt Osterhammel an der Universität Konstanz.

In seinem neuesten Buch Die Flughöhe der Adler versammelt er historische Essays zur globalen Gegenwart. Was zunächst wie ein Widerspruch anmutet, entpuppt sich schnell als eine neue und faszinierende Sicht auf die Dinge.

Ein Historiker beschäftigt sich normalerweise nur selten mit der Gegenwart, sondern findet seine Betätigung im historischen Forschungsbereich, sprich: in der Vergangenheit. Doch was spricht eigentlich dagegen, den berühmten „distanzierten Blick“ des Historikers nicht auch einmal auf die jüngste Geschichte und die Gegenwart zu richten? Osterhammel macht genau das.

Der Begriff der Globalisierung ist heutzutage derart „verbraucht“, dass es schwerfällt, dieses Phänomen eines weltumspannenden Wirtschafts- und Kommunikationsnetzes historisch richtig einzuordnen. Welche Vorgeschichte hat die globale Gegenwart? Welche Bedeutung hat die Globalisierung für unser Leben und welche für die Geschichtsschreibung?

Die Erkenntnis ist alt, dass, wer die Gegenwart verstehen will, die Vergangenheit kennen muss. Mitunter ist es aber auch genau umgekehrt: Erst die Reflexion des Gegenwärtigen lässt uns in vollem Umfange begreifen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Von beiden Seiten her wird Geschichte gemacht und Geschichte geschrieben.

Osterhammel schreibt: „Historiker haben das Glück, dass sie in ganz unterschiedlichen Formaten arbeiten können.“ Ein in der Wissenschaft eher selten verwendetes Format ist der Essay, doch genau diese Form hat Osterhammel für seine historischen Betrachtungen der Gegenwart gewählt. Anders als die ausführliche Abhandlung oder die in aller Ausführlichkeit ausufernde historische Studie ist der Essay ein relativ kurzer Text, bei dem es darauf ankommt, das Wesentliche seines Themas zu erfassen und dem Leser nahe zu bringen. Gleichzeitig darf der Essay aber auch eine freie, geradezu literarische Form annehmen und ist nicht auf den engen Rahmen eines wissenschaftlichen Textes beschränkt.

So finden die in diesem spannenden Buch auf knapp 300 Seiten versammelten Essays aus verschiedenen Perspektiven einen historischen Zugang zu unserer globalen und globalisierten Gegenwart. Jürgen Osterhammel unterteilt seine Essaysammlung in vier Abschnitte — Konzepte von Globalität, Orte und Räume, Historische Stichworte und Ausklänge.

Es sind Essays vom sicheren und distanzierten Beobachtungsposten des „Feldherren-Hügels“; der Historiker und Geschichtstheoretiker August Ludwig von Schlözer empfahl Ende des 18. Jahrhunderts seinen Historiker-Kollegen, „auf einen hohen Turm zu steigen“, um die Weltgeschichte besser erfassen zu können. Nun ja. Jetzt liefert uns Jürgen Osterhammel das weitaus besser passende Bild eines Historikers im Adlerflug, der weit über allen Zerwürfnissen, Kriegen und Krisenherden dieser geschundenen Gegenwart seine ruhigen Bahnen zieht, genau beobachtet und sich seine Gedanken macht.

Wer dieses Buch liest, darf teilhaben an diesen ruhigen Gedanken über die globalisierte Welt und ihre Ursprünge. Die Welt von heute ist so, wie sie ist, durch das komplexe Zusammenspiel zahlloser Ereignisse in der Vergangenheit, von denen manche wichtig und manche weniger entscheidend für den Verlauf der Geschichte waren. Wer also dieses Buch liest, wird unsere Gegenwart besser verstehen und am Ende mit anderen Augen — vielleicht sogar mit den Augen eines Adlers — sehen können.

 

 

Autor: Jürgen Osterhammel
Titel: „Die Flughöhe der Adler — Historische Essays zur globalen Gegenwart“
Taschenbuch: 300 Seiten
Verlag: C.H.Beck
ISBN-10: 3406704840
ISBN-13: 978-3406704840