Hamad Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide: „Ist der Islam noch zu retten? – Eine Streitschrift in 95 Thesen“

Woher kommt eigentlich diese Renaissance der Religionen in unserer Gesellschaft? Ein Grund mag die schwindende Sicherheit der ökonomischen Verhältnisse und der daraus entspringende Wunsch nach einer externen Instanz sein, die einfache Lösungen bietet und Sicherheit verspricht. Ein weiterer Grund liegt gewiss auch in dem Zuzug von Flüchtenden aus überwiegend muslimisch geprägten Gesellschaften. Auch wenn die absolute Zahl von 1,5 bis 2 Mio. Zugewanderten nicht besonders beeindruckend wirkt auf ein Land mit 80 Mio. Einwohnern, so können jene Menschen aufgrund ihres offen gelebten Glaubens auf die „schlafende“ Mehrheit der Deutschen eine Signalwirkung haben, nach dem Motto: „Guck mal, wie sehr die ihren Glauben leben… Mensch, da war doch mal was?! Ich bin ja früher auch mal in die Kirche gegangen… Vielleicht finde ich ja auch wieder Kraft durch den Glauben…“

Im Gegensatz zu anderen „Mitgliedschaften“ in der digitalen Welt ist der Schutz unter dem Dach der Kirche ein wirkliches und reales Erlebnis von Gemeinschaft. Wir leben ja in einer Welt der Patchwork-Identitäten. Wir schaffen uns unsere eigene Identität, indem wir uns aus dem Gemischtwaren-Laden der Communities ein individuelles Profil zusammenstellen: Wir haben ganz bestimmte Channels und Internetangebote abonniert, wir haben so und so viele „Freunde“, viele User liken unsere Selfies, und aus diesem Potpourri von virtuellen Zugehörigkeiten bauen wir uns das, was wir für unsere „Identität“ halten.

Ganz anders sieht es mit den Glaubensgemeinschaften aus. Hier wird wirklich Identität stiftendes Verhalten geprobt. Wer zu einer Glaubensgemeinschaft dazugehört, ist wirklich Teil einer Gemeinschaft. Das ist fundamental und radikal zugleich; es setzt tief unten an den Wurzeln der eigenen Persönlichkeit an und bildet die Grundlage für Denken und Handeln. Der Glaube ist sozusagen der analoge Gegenentwurf zu jenen Patchwork-Identitäten der netzaffinen Teile der Gesellschaft.

Was jedoch eigentlich aufregen sollte, ist die Tatsache, dass seit einiger Zeit die Frage nach dem Glauben von einer reinen Privatsache, die er (der Glaube) einmal war und wo er durchaus seine Berechtigung haben mag für jene, die jene Art zu leben präferieren, jetzt wieder zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden ist! Glaubensfragen haben in einer offenen Gesellschaft, die sich als demokratisch, tolerant und weltoffen versteht, nichts zu suchen. Jeder darf „nach seiner Façon“ selig werden und seine Religion frei ausüben, solange er andere Leute mit seiner religiösen Praxis nicht belästigt oder sie zu missionieren versucht.

Doch werfen wir endlich einen Blick in dieses Buch mit der Frage nach der Rettung des Islam! Der aus Ägypten stammende Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und der Münsteraner Professor für Islamische Religionspädagogik Mouhanad Khorchide sind durch die Medien bekannte Muslime, die beide durchaus, eine kritische Haltung gegenüber ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft einzunehmen, in der Lage sind. Hamed Abdel-Samad hat seinen Mut damit bezahlt, dass gegen ihn eine Mord-Fatwa verhängt wurde; seitdem steht er seit Jahren unter Polizeischutz. Doch eine kritische Haltung einzunehmen, gehört jedoch zu den Grundübungen eines intelligenten Menschen, der sich seines Verstandes bedienen kann und will. Somit sind die Voraussetzungen für eine interessante und anregende Diskussion in diesem Buch recht gut.

Nehmen wir also das Buch zur Hand und werfen wir einen kurzen Blick auf den Klappentext: „Die Angst vor dem Islam geht um in Europa. Zu Recht, sagt Hamed Abdel-Samad, denn er ist eine Religion, die zu Gewalt und Diskriminierung aufruft. Das ist nur eine Lesart des Koran, erwidert der Münsteraner Professor Mouhanad Khorchide und fordert für den Islam eine Reformation, denn er sei im Kern eine Religion der Barmherzigkeit.“

Eine Religion der Barmherzigkeit, die erst durch eine Reformation zu ihrem wahren Kern vordringt bzw. zu ihm zurückkehrt? Im Lutherjahr 2017, genau 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag, klingt diese Forderung für christliche Ohren sehr vertraut. Wenn man nun bedenkt, dass der Prophet Mohammed 632 Jahre nach Jesus in Medina geboren wurde, könnte die jüngere islamische Religion in der Tat auch langsam in ein Alter gekommen sein dürfte, wo eine grundlegende Reformation mehr als angesagt wäre.

Der gemeinschaftlichen Diskussion von 95 Thesen ist ein kurzer Briefwechsel vorangestellt, in dem Khorchide gleich zu Anfang betont, dass sowohl Abdel-Samad als auch er selbst stets zu einem sachlichen und zielorientierten Dialog in der Lage seien. Anders könne ja auch nichts Gutes aus solch einem Streitgespräch erwachsen. Jedoch sei eine gewaltfreie Form der Auseinandersetzung in vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht mehr möglich, „schon gar nicht im innerislamischen Diskurs“. – Schade eigentlich, denkt man prompt, denn ein herzerfrischender Streit kann doch, sofern es inhaltlich immer „um die Sache“ geht, nur alle Parteien voranbringen… Der Vorwurf der Häresie ist schnell gemacht und wird zum absoluten Totschlag-Argument jeder inhaltlichen Diskussion. Wer anders denkt, als es erlaubt ist, darf nicht geduldet, sondern muss schnellstmöglich niedergemacht werden. So geht das natürlich nicht nur im Streit um islamische Positionen, sondern bei allen anderen Religionen auch. Der Andersgläubige wird schnell zum Ungläubigen, zum Ketzer, Häretiker und zum potentiellen Feind.

Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich die Tatsache, dass sich hier zwei bekennende Muslime um den Bart des Propheten streiten (um an dieser Stelle mal ein plumpes, christliches Bonmot einzustreuen): Die Beiden dürfen das. Denn was dem Islam-Fernen bei seinem Kopf nicht erlaubt wäre – eine kritische Haltung gegenüber der islamischen Religion einzunehmen -, wird dem Muslim, dem Bruder im Glauben, zumindest innerhalb gewisser Grenzen erlaubt.

Weil sie nun ein bekanntes Diskussionspaar sind, das sich kritisch, aber wohlwollend mit dem Islam auseinandersetzt, nutzen die Beiden die Gunst der Stunde (das bereits erwähnte Lutherjahr 2017), um in Anlehnung an den alten Querkopf aus Eisleben, 95 Thesen zu formulieren, die sie in dieser Streitschrift mehr oder minder heftig diskutieren, und dieses Buch auf dem abendländischen Büchertisch zu platzieren. Das zeugt von einem guten Händchen im Lektorat und Marketing des Droemer-Verlages sowie von einem guten Timing der beiden Kontrahenten.

Khorchide bezeichnet die islamkritischen Bücher von Abdel-Samad als eine „ausgestreckte Hand, die Sie all jenen Theologen und Gläubigen reichen, die an einem sachlichen und konstruktiven Diskurs interessiert sind“. Und ebendiese ausgestreckte Hand möchte er ergreifen und sich mit Abdel-Samad zu einem wilden theologischen Diskurs über den Islam im Allgemeinen und im Besonderen aufzuschwingen. Khorchide hält den Islam, im Gegensatz zu Abdel-Samad, für grundsätzlich reformierbar. Das klingt nicht nur nach antagonistischen Standpunkten, sondern wird für diese intellektuelle Auseinandersetzung zum Salz in der Suppe.

All dies geschieht, von beiden Seiten so gewollt, ausschließlich zum Wohle des Islams. Daran ist auch überhaupt nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil: Man kann eine Idee, einen Mythos und eine Religion am besten stärken, indem man sich mit ihnen aktiv und kritisch auseinandersetzt. Auf diese Weise wird manch alter Wein in neue Schläuche gefüllt und sieht plötzlich wichtig modern und attraktiv aus. Verjüngung und Modernisierung heißen also die Zauberworte, die allerdings kaum ein höherer Amtsträger gerne hört. Doch anders geht es leider nicht.

Der Islam ist mit dem Christentum nur sehr bedingt vergleichbar. Denn in ihm gibt es keine „Kirche“ nach christlichem Verständnis, keinen „Papst“ und er kennt auch sonst keine geistlichen Autoritäten bzw. sollte sie nicht kennen. Genau an diesem Punkt beginnen für Khorchide schon die Probleme, denn der „Islam leidet heute aber gerade darunter, dass sich manche Geistliche und islamischen Institutionen zu Autoritäten erhoben haben“. In dem Moment, wo man beginnt, sie zu kritisieren, wird das automatisch als eine Kritik am Islam insgesamt ausgelegt. So kommt man also keinen Schritt weiter.

Es geht beiden Diskutanten also nicht darum, den Islam in Frage zu stellen oder den Koran als das heilige Buch zu kritisieren, sondern die Reformbewegungen müssen von den Muslimen selbst kommen. Sie müssen sich bewegen und ihr Denken hinterfragen. Nur auf diesem Weg sind eine Reform des muslimischen Glaubens und der Ausstieg aus einer religiös fundierten Gewalt möglich.

„Eine Reform, wie ich sie verstehe, ist ein kontinuierlicher und lang andauernder Prozess, der vielleicht nie abgeschlossen sein wird und das vielleicht auch gar nicht sein sollte“, schreibt Khorchide. Das klingt schön und gewährt auch den Hardlinern unter den Lesern die Möglichkeit, sich dieser Gedankenwelt eines reformierbaren Islam zu öffnen. Denn nichts würde sie mehr überfordern als eine Religionskritik, die nach schnellen Veränderungen und simplen Lösungen ruft.

Autonomie und Mündigkeit seien, so Khorchide, den Muslimen über die Jahrhunderte kontinuierlich abtrainiert worden, doch gerade durch ein autonomes und mündiges Handeln ist der Gläubige doch in der Lage, eine persönliche Beziehung zu seinem Gott aufzubauen. Und darum ginge es doch letztendlich im Glauben: eine persönliche Gottesbeziehung zu etablieren und zu leben.

Neun Teile umfasst diese Streitschrift, die einen weiten Bogen zu schlagen versucht vom Koran und vom Gottesbild über die Fragen der Selbstbestimmung, Scharia und Gewalt bis zum Frauenbild, dem Umgang mit Sexualität und Gleichberechtigung. Am Ende des Diskurses steht der Versuch, eine Zukunftsvision zu entwickeln und praktische Tipps für die konkreten Umsetzungen von reformatorischen Bestrebungen zu geben. Das Buch endet, wie es begonnen hat, mit einem Briefwechsel zwischen Khorchide und Abdel-Samad.

Mehrere Monate haben die beiden Autoren und Diskutanten über ihre Thesen gestritten und ihre Forderungen in diesem Buch zusammengeschrieben. Beide sind sich einig, dass ihre theoretischen Forderungen nur fruchten werden, wenn sie von den Gläubigen selbst angestoßen und umgesetzt werden; eine Reform „von oben“ halten beide für den falschen Weg. Geradezu zwangsläufig drängt sich in diesem Zusammenhang die Forderung nach einer Bildungsreform auf. Nur wenn bereits in den Kindergärten und Schulen damit begonnen wird, einen neuen – reformierten – Islam zu praktizieren, kann das Langzeit-Ziel eines modernen Islam irgendwann erreicht werden. Gleichwohl muss auch der Dialog mit den politischen Akteuren gesucht werden. Es gäbe also eine ganze Menge zu tun, und am wichtigsten sind sicherlich einerseits die Bereitschaft zum Dialog und andererseits die grundsätzliche Einsicht, dass auch Religionen einem stetigen Veränderungsprozess unterworfen werden müssen, um sich den aktuellen gesellschaftlichen und politischen, moralischen und sozialen Verhältnissen anzupassen – und nicht umgekehrt.

 

Autor: Hamad Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide
Titel: „Ist der Islam noch zu retten? – Eine Streitschrift in 95 Thesen“
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Droemer HC
ISBN-10: 3426277344
ISBN-13: 978-3426277348