Tiziano Scarpa: „Stabat mater“ – Interview im Berliner Wagenbach-Verlag am 09.11.09

Tiziano Scarpa (c) Wagenbach Verlag Berlin(Freie Übersetzung aus dem Englischen)

KULTURBUCHTIPPS: Was ist ein Roman?

TIZIANO SCARPA: Was ist ein Buch, ein Roman? Es ist Ihre Fantasie, eine Vorstellung, die Sie haben. Also werden Sie als Autor normalerweise gebeten, Ihre Vorstellung zu erklären. Aber ehrlich gesagt, wen interessiert das?! Es ist meine eigene Vorstellung, und ich bin glücklich, dass ich einen Verlag gefunden habe, der der Meinung ist, dass diese meine Vorstellung interessant sein könnte für andere Leute. Jedoch in diesem speziellen Fall (das neue Buch „Stabat mater“) gibt mir das Buch die Gelegenheit, meinen eigenen Standpunkt zu erklären und zu erzählen über diesen interessanten Ort, über das Waisenhaus Ospedale della Pietà, über die musikalische Erziehung jener Waisenmädchen und die unglaubliche Koinzidenz des Wirkens eines solch berühmten Musikers wie Antonio Vivaldi an diesem Ort. Dies alles ist eine historische Begebenheit, die weder in Venedig noch sonst wo in Italien so gut bekannt ist. – Und selbstverständlich ist es auch eine gute Gelegenheit, einmal über eine andere Seite vom Venedig des 18. Jahrhunderts zu sprechen, über seine dunklere und ernstere Seite. Denn wissen Sie, wenn Sie jemandem sagen: „Venedig, 18. Jahrhundert“, dann denkt jeder doch gleich an Karneval, an den Trubel, die pompösen Perücken, die falschen Schönheitsflecken, an Ehebruch usw. Das ist solch ein Klischee… Daher ist es für mich kein Grund müde zu werden, wenn ich über Venedig schreibe, sondern es ist im Gegenteil eine echte Gelegenheit, Neues zu erzählen.

KULTURBUCHTIPPS: Ich muss gestehen, dass „Stabat mater“ das erste Buch ist, das ich von Ihnen gelesen habe. Aber ich habe mich auf der Website des Wagenbach-Verlags informiert und gelesen, dass Ihre anderen Bücher eher von skurrilen Geschichten handeln, in denen es vor allem um Groteskes, um Körperlichkeit, Sex und Liebe geht und natürlich auch immer wieder der Bezug zu Ihrer Heimatstadt Venedig gezogen wird. – Jetzt nach der Lektüre von „Stabat mater“ fragte ich mich, ob es nicht ebenfalls ein Buch über die Liebe ist. Die Geschichte erzählt von Cecilia, einer Waise, die im Waisenhaus groß wird und dort auch eine musikalische Ausbildung erhält. – Wie würden Sie denn Ihr neues Buch – auch im Verhältnis zu Ihren anderen Romanen – beschreiben?

TIZIANO SCARPA: Wissen Sie, für mich ist jedes neue Buch eine neue Erfahrung und eine andere Reise. Und es ist eine neue Möglichkeit für meine Vorstellungskraft, für meinen Schreibstil sowie für meine spirituelle und physische Erfahrung beim Schreiben. Bei diesem Mal dachte ich, dass diese spezifische Situation interessant ist: das Waisenhaus mit diesem Charakter, einem verlassenen Mädchen, das besessen ist von der Frage, warum sie verlassen wurde, ob ihre Mutter tot ist, ob sie eine Prostituierte war oder eine arme Frau, die sie nicht ernähren konnte oder vielleicht sogar eine vornehme Dame, die durch eine ungewollte Schwangerschaft in Schwierigkeiten geriet – wer weiß das schon?! Aber das Mädchen ist von all diesen Fragen nach seiner eigenen Herkunft besessen. Zunächst ist es eine sehr düstere und traurige Stimmung, aber dann ist plötzlich alles erleuchtet, und auch das Mädchen öffnet sich weit durch die Ankunft des neuen Musiklehrers, Don Antonio. – Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob es wirklich eine Geschichte über die Liebe ist. Natürlich gibt es da eine Art Beziehung, jedoch zwischen einem Lehrer und seiner Schülerin und nicht zwischen zwei Liebenden. Aber natürlich eröffnet sich dadurch für Cecilia die Möglichkeit zu einem neuen Weg. – Wissen Sie, wir hören so viel Musik jeden Tag. Und ich fragte mich, was bewirkt diese Musik in uns? Denn wir sind im Supermarkt, wir schalten das Radio ein, und überall kommt Musik heraus. Und ich frage mich, welche neuen Landschaften, Utopien und Möglichkeiten diese ganze Musik in uns zu schaffen vermag. – In diesem besonderen Fall meines neuen Romans wollte ich diese Betrachtung bewusst verengen, mit einem kleinen, abgeschlossenen Ort, einer einzelnen Protagonistin, dieser dunklen Stimmung und dann mit der Ankunft dieser neuen Musik in Europa. – Corelli, Vivaldi, Bach – all dies war eine große Zeitenwende in der Musik. – In Italien haben wir eine Redewendung, wenn wir meinen: „Oh, das reicht jetzt. Nun machen wir etwas anderes.“. Dann sagen wir: „Basta, si cambia musica!“ („Genug, lasst uns die Musik wechseln!“).

KULTURBUCHTIPPS: Das ist genau, was Vivaldi mit der Musik seiner Zeit getan hat.

TIZIANO SCARPA: Genau.

KULTURBUCHTIPPS: Um noch einmal auf die Liebe zurück zu kommen. Ich dachte bei der Lektüre Ihres Buches nicht in erster Linie an die Liebe zwischen dem Lehrer und seiner Schülerin, sondern an Cecilias Liebe zur Musik. Denn Musik ist für sie das Transportmedium, mit dem sie ihre eigenen Gefühle und Gedanken ausdrückt. Und in der Geschichte kommt sehr schön heraus, dass die gesamte Szenerie sich völlig verändert, als der neue Musiklehrer ins Waisenhaus kommt. Denn Don Guilio, der frühere Lehrer, war ein alter, müder Mann, der eine langweilige und uninspirierende Musik komponiert hatte. Dann aber kam Don Antonio, und etwas Neues geschah.

TIZIANO SCARPA: Vielleicht habe ich einige Dinge stark vereinfacht, aber in der Tat ist es ein regelrechter Schock, den Vivaldi mit seiner Musik bei seinen Zeitgenossen auslöste. Und wir müssen uns vorstellen: Diese Figur der Cecilia besitzt keinerlei Freiheiten. Sie gaben ihr nur die Musik, und sie kann nichts weiter machen als spielen. Daher macht sie auch drei oder vier Mal in der Geschichte bewusste Fehler und spielt falsche Töne. Denn dies ist für sie der einzige Weg zu zeigen, dass sie nicht einverstanden ist. Cecilias Liebe und Leidenschaft für die Musik ist auch zwiespältig; denn einerseits liebt sie die Musik, andererseits schützt sie sich auch gegen die neue Musik von Don Antonio, weil diese Musik ihr neben Licht und Lösungen und Glück auch Probleme bereitet, mit denen sie nicht umzugehen weiß.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist der eine Aspekt von Cecilias Verhältnis zur Musik. Ein anderer Aspekt ist, was Cecilia später in der Geschichte über die „Vier Jahreszeiten“, deren Entstehung Sie ja in das Ospedale della Pietà platziert haben, sagen wird: „Es ist kindisch, die Geräusche der Welt zu imitieren. Die einzigen Dinge, die Musik imitieren kann, sind unsere Gedanken.“ Und im Kapitel davor werden die Mädchen von Don Antonio darin unterrichtet, die Natur zu imitieren: den Frühling, den Sommer, den Regen etc., und Cecilia findet diese Art, Musik zu spielen, kindisch. Und das ist interessant, denn es spiegelt ihre eigene Philosophie wider, dass nur Gedanken durch Musik transportiert werden können.

TIZIANO SCARPA: Wissen Sie, ich liebe Musik wirklich sehr, aber wer kann uns sagen, was Musik eigentlich wirklich ist? Musik ist kein Abbild von irgendetwas. Also was ist es?! Musik ist etwas Außerirdisches. Musik steht ganz allein für sich, sie hat ihre eigenen Gesetze und formalen Richtlinien. Deshalb gibt es auch immer wieder wahre Genies mit einer Art Sechstem Sinn, wie es auch im Bereich der Mathematik vorkommt. Solche Genies brauchen keine lange Lebenserfahrung um zu komponieren, denn dieses Komponieren findet in einer anderen Welt, in einer anderen Sphäre statt. Natürlich kann man immer lernen, Trauer und Liebe, Wut und Neid in Musik darzustellen. Aber man wird zum Beispiel keinen zwölfjährigen Jungen finden, der fantastische Gedichte schreibt, denn dazu braucht man Lebenserfahrung. Aber in der Musik gab es Genies wie Mozart, die auch als Kinder ohne jede Lebenserfahrung wundervolle Stücke komponierten. – Natürlich gab es in der Musik zu Vivaldis Zeit auch die so genannte „Programm-Musik“, die den Gesang eines Vogels mit Hilfe der Flöte imitierte usw. – Der damalige Komponist Hans Ignaz von Biber ließ im 17. Jahrhundert sein Orchester eine Schlacht „nachspielen“. Solche Dinge gab es immer. – Was mich jedoch an dieser Geschichte interessierte, waren die Umstände bei der Entstehung der „Vier Jahreszeiten“. Wenn man über die „Vier Jahreszeiten“ schreibt, so ist das, als ob man Selbstmord begehen würde. Es ist so langweilig. Als ob man über den schiefen Turm von Pisa schreiben würde oder über die Gioconda von Leonardo da Vinci. Jeder kennt doch die „Vier Jahreszeiten“ und wen interessiert das eigentlich noch? Die „Vier Jahreszeiten“ kann man doch in fast jeder Warteschleife am Telefon hören… – Aber nur wenige Leute wissen, dass in der Partitur der „Vier Jahreszeiten“ die Anmerkungen für die einzelnen Instrumente und die Stimmungen von Vivaldi direkt in die Noten geschrieben wurden. Nicht in eine Einleitung oder ein separates Dokument. Nein, direkt in den Noten finden wir diese Hinweise! Und er verwendete auch nicht die üblichen technischen Termini für die musikalischen Anweisungen wie adagio, forte, pianissimo; sondern Vivaldi gab den Musikern eigene Ratschläge wie: „Sei vorsichtig, denn hier spielst Du das Hundebellen.“ oder „Hier tobt ein Sturm, ein wilder Sturm. Hier spielst Du einen Donner,… hier einen Blitz“ usw.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist ein völlig neues Herangehen an die Entstehung von Musik.

TIZIANO SCARPA: Ja, aber diese Hinweise sind für die Musiker gedacht, nicht für den Zuhörer. Nur für die Musiker. Das bedeutet, dass die Musiker während der Vorführung fantasieren sollten, dass sie die Musik transzendieren sollten. Und in der Tat könnte man dies durchaus als sehr kindisch empfinden. Cecilia denkt ja an einem Punkt: „Nein, das ist doch keine Musik. Musik ist doch anders, sie ist abstrakt und sollte nicht die Wirklichkeit repräsentieren.“ Aber Musik ist außerirdisch. Und wer weiß schon, was bei der Niederschrift der Ideen aus dem Kopf eines Komponisten wirklich geschieht?!

KULTURBUCHTIPPS: Aber liegt Cecilias Verurteilung dieser Form von Musik nicht auch an ihrer eigenen Beschränkung der Funktion von Musik als Ausdruck von Gefühlen und Gedanken? Und muss sie deshalb nicht darauf bestehen, dass die Musik keine Imitation der Wirklichkeit sein sollte, sondern lediglich ein Ausdrucksmittel für Gedanken und Gefühle?

TIZIANO SCARPA: Genau so ist es.

KULTURBUCHTIPPS: Ich habe im Klappentext Ihres Buches gelesen, dass es einige auffällige Parallelen zwischen der Geschichte und Ihrem eigenen Leben gibt: Auch Sie wurden im Osepedale della Pietà geboren, und Sie sind ein großer Liebhaber von Vivaldis Musik und besitzen allein über 200 Vivaldi-CDs.

TIZIANO SCARPA: Ja, das stimmt, das habe ich so geschrieben; aber ich möchte betonen, dass ich kein ausgebildeter Musikwissenschaftler bin. Ich bin lediglich jemand, der sehr intensiv und gern diese Art von Musik hört. Und ich möchte den Lesern zeigen, dass Vivaldi viel mehr ist als nur die „Vier Jahreszeiten“. Schauen Sie, wenn Sie das Bach-Werke-Verzeichnis (BWV) nehmen, so kommen Sie am Ende auf mehr oder weniger 1000 Werke. Der Vivaldi-Katalog listet aber auch ungefähr 700 Werke auf. Das ist zwar deutlich weniger als bei Bach, aber immer noch eine erstaunlich große Anzahl von Kompositionen. Vivaldi ist ein sehr vielseitiger und ideenreicher Komponist. Und in meiner Geschichte ist dies ein Teil jenes anderen, weniger frivolen Venedigs, ein Teil jener anderen Musik, anderen Landschaft und eines anderen Images dieser Stadt und jener historischen Epoche, die unglücklicherweise in der öffentlichen Wahrnehmung immer nur mit Casanova, der Dekadenz und dem Karneval in Verbindung gebracht wird. – Auf der anderen Seite wurde ich wirklich dort geboren im Waisenhaus. Nicht weil ich ein Waisenkind war, sondern weil das Ospedale della Pietà seinerzeit ein öffentliches Krankenhaus mit einem Kreißsaal war. Viele Venezianer wurden dort geboren. Aber ich denke, dass diese Tatsache mich wirklich berührt hat. Wissen Sie, wenn ich als Kind mit meiner Mutter in der Nähe spazieren ging, sagte sie oft: „Ah, schau, dort bist du geboren! Genau dort, wo Vivaldi spielte und für die jungen Mädchen komponierte…“ Und wenn Sie ein Kind sind, dann ist die Frage nach der eigenen Bestimmung eine sehr komplizierte Frage. Wie kann man überhaupt die Frage nach der eigenen Bestimmung begreifen, wenn man ein kleines Kind ist? Dann sagt man sich: „Okay, ich bin hier geboren, aber ich habe einen Vater und eine Mutter, und sie lieben mich und sie behalten mich bei sich. Doch ich bin in demselben Raum geboren, in dem auch andere Kinder geboren wurden, deren Familien sie dort zurück gelassen haben…“ Und in diesem Moment überkreuzen sich diese beiden Bestimmungen.

KULTURBUCHTIPPS: Und dann war es interessant, dass Vivaldi an diesem Ort unterrichtete. – Wie war das bei Ihnen? Wenn Ihre Mutter von Vivaldi sprach, sagte Ihnen der Name etwas?

TIZIANO SCARPA: Ja, natürlich. Vivaldi ist fest in der DNA von Venedig verankert. Er sitzt direkt in den Steinen der Stadt. Wer weiß, wann ich das erste Mal Vivaldi hörte? Vielleicht schon im Bauch meiner Mutter…

KULTURBUCHTIPPS: Ist Ihre Liebe zur klassischen Musik denn auf Vivaldi beschränkt?

TIZIANO SCARPA: Nein, absolut nicht. Ich liebe auch Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann,… und auch im 20. Jahrhundert viele zeitgenössische Komponisten. Ich liebe auch Olivier Messiaen besonders, aber auch Jazz-Musik und Rock-Musik und… Kraftwerk! Kraftwerk ist ein Monument! Wir haben ein Buch mit Gedichten herausgebracht, einige Freunde und ich, wir nannten es „Cover“, und es war eine Hommage an die Musik von Kraftwerk, eine Hommage an Ralf Hütter und Florian Schneider. Ich liebe also alle Musik.

KULTURBUCHTIPPS: Lassen Sie uns noch einmal auf die Geschichte Ihres Buches zurück kommen. Bei meiner Recherche habe ich heraus gefunden, dass es damals eine „Anna da Violin“ gab, die zu Vivaldis Zeit sehr berühmt war. So stellte sich mir die Frage, ob es da eine Verbindung gibt zwischen der Cecilia in Ihrer Geschichte und der historischen Anna da Violin?

TIZIANO SCARPA: Überhaupt nicht. Natürlich war es so, dass Vivaldi an diesem Ort 35 Jahre lang unterrichtete und arbeitete, und es gab auch eine Reihe berühmter Schülerinnen zu seiner Zeit, darunter auch Anna da Violin. Ein Nachname wie „da Violin“ wurde den Mädchen verliehen, wenn sie ein Instrument besonders gut spielten. Also gab es verschiedene Nachnamen der Waisenmädchen je nachdem, welches Instrument sie spielten: das Cembalo, das Cello oder die Theorbe usw. – und so gab es eben auch den Namen „Anna da Violin“, also übersetzt in etwa: „Anna Marie von Geige“.

KULTURBUCHTIPPS: Dies tat man auch, weil die echten Nachnamen der Waisenkinder meist unbekannt waren. Aber gibt es eine Verbindung zwischen Anna da Violin und der Figur der Cecilia?

TIZIANO SCARPA: Nein, ganz im Gegenteil. Anna da Violin wurde eine berühmte Violinistin, sie gab öffentliche Konzerte und war sehr bekannt. Und Cecilia wählte den völlig entgegengesetzten Weg. Sie wollte nicht bekannt sein, wollte keinen Ruhm oder Erfolg. Sie wählte einen anderen Weg, und deshalb habe ich auch den Namen Cecilia gewählt, der sich nicht in den Registern dieses Waisenhauses findet. Natürlich habe ich oft das kleine Museum in der Pietà besucht und die Unterlagen studiert; ich habe auch viele Bücher über die Institution der Waisenhäuser im 18. Jahrhundert und Biografien über Vivaldi gelesen, auch wenn ich nicht alle historischen Details in diesem Roman verarbeitete habe. Denn es war auch nicht meine Absicht, dem Leser einen realen historischen Roman zu liefern. Ich habe also einen Namen gewählt – Cecilia -, der sich nicht im Verzeichnis der Waisenkinder befindet; denn ich wollte diesen Namen mit einem neuen Charakter verbinden.

KULTURBUCHTIPPS: Wie schreiben Sie Ihre Bücher? Womit beginnen Sie? Natürlich mit einer Idee, nehme ich an. Aber was kommt dann? Beginnen Sie mit eigenen Recherchen? Lesen Sie Bücher über das Thema?

TIZIANO SCARPA: Bei diesem Roman war es ein wenig einfacher als sonst. Denn ich hatte ja als Vorlage eine Biografie zur Hand, und so war es fast wie bei einer Forschungsarbeit. Aber bei anderen Ideen, wenn es sich nicht um historische Fakten handelt, muss man mit der eigenen Fantasie und Vorstellungskraft arbeiten und darf die Füße bloß nicht den Boden berühren lassen. Aber wenn wir über Ideen sprechen, so ist das ganz klar: Jeder von uns hat jeden Tag eine ganze Reihe verschiedener Ideen. Doch einige wenige dieser Ideen bleiben. Und sie arbeiten weiter. Nach einigen Monaten oder vielleicht nach einem Jahr denkt man: „Hier muss etwas dran sein, denn ansonsten wäre ich nicht so sehr interessiert an dieser Idee. – Vielleicht sollte ich weiter daran arbeiten…“ Du hast zwar jeden Tag eine neue Idee, aber Du kannst nicht jeden Tag einen ganzen Roman schreiben. Wenn man sich entschließt, einen Roman zu schreiben, so ist dies eine sehr wichtige Entscheidung, denn man wird an diesem Roman einige Monate, vielleicht sogar einige Jahre lang schreiben. Die Wahl zwischen einer Anzahl verschiedener Ideen, die man hat, ähnelt der Darwinschen Evolutionstheorie des „Survival of the fittest“. Und so denkst Du: „Okay, warum bin ich so besessen von Vivaldi und der Geschichte mit den Waisenmädchen? Warum höre ich ständig diese Musik?“ Denn Bach, Mozart und Schubert sind doch eigentlich besser als Vivaldi – warum also?! Dann entscheidest Du Dich für diese eine Idee, und dann gibt es je nach Thema verschiedene Arten des Schreibens. Bei diesem Roman ging ich oft ins Museum, las andere Bücher, Biografien usw. Aber an einem bestimmten Punkt ist es wichtig, eine genaue Zeitspanne auszuwählen, wenn möglich, und in jener Zeit nichts anderes zu tun als zu schreiben. Doch natürlich fordert auch der Alltag seinen Tribut – die Arbeit, das Geld, das ist ja ganz klar. Aber ich versuche dann wirklich, ein paar Monate möglichst frei zu halten, damit ich voll im Stoff untertauchen kann. Dann schreibe ich und schreibe es noch einmal. Natürlich ist der Computer bei der Arbeit wichtig, aber ich liebe es auch, die Geschichte wirklich ein zweites Mal zu schreiben. Denn ich habe festgestellt, dass man, wenn man am Computer Korrektur liest oder einen Ausdruck des Textes korrigiert, dazu tendiert, nur mal hier, mal dort ein Wort zu ändern, vielleicht einen Paragrafen ein wenig zu kürzen usw. – Aber niemals stellt man wirklich die gesamte Struktur und alle Sätze zur Diskussion. Wenn man jedoch im Gegensatz dazu die ganze Geschichte noch einmal schreibt, wie man dies in den Zeiten der Schreibmaschine tat, dann stellt man jeden einzelnen Satz in Frage. Und weil man es dann noch einmal schreiben muss, dann kann es sein, dass man nicht nur einzelne Sätze löscht und verwirft, sondern dass beim Schreiben einer Seite oder eines Dialogs etwas völlig Neues entsteht. Durch das erneute Abtippen ermöglichen wir die Entstehung von Neuem.

KULTURBUCHTIPPS: Und wie machen Sie dies konkret? Drucken Sie die erste Version aus und tippen sie dann ab?

TIZIANO SCARPA: Nein, ich arbeite direkt am Computer mit zwei geöffneten Fenstern. Links ist der alte Text und rechts schreibe ich den neuen. – Wenn ich um Rat gefragt werde, gebe ich diesen Tipp immer gern an junge Autoren weiter. Es ist wie eine zweite Erfindung der Geschichte und daran ist überhaupt nichts Mystisches, es ist ein sehr praktischer Rat. Es dauert zwar sehr lange, und ich empfehle auch nicht, in den Himmel zu schauen und zu fantasieren oder so, aber es funktioniert: einfach noch ein zweites Mal schreiben, das ist gut.

KULTURBUCHTIPPS: Was kommt also als Nächstes? Haben Sie schon ein neues Projekt?

TIZIANO SCARPA: Dieser Roman wurde bereits vor zwei Jahren geschrieben. Selbstverständlich arbeite ich bereits an einem neuen Projekt, darin wird es aber wieder eher um zeitgenössische Themen gehen.

KULTURBUCHTIPPS: Für „Stabat mater“ haben Sie in Italien den begehrten italienischen Buchpreis „Premio Strega 2009“ erhalten. Hat dies etwas verändert?

TIZIANO SCARPA: Ich würde nicht sagen, dass es mein Leben verändert hat. Aber dieser Preis hat schon die Macht, ein Buch wirklich populär zu machen. Und man merkt auch den Unterschied. Dieses Buch war auch schon vor der Preisverleihung recht erfolgreich, weil sich literaturbegeisterte Menschen dafür interessierten. Nach der Verleihung des „Premio Strega 2009“ interessierten sich auch ganz normale Leute für das Buch, allerdings mit einem völlig anderen, sehr direkten Ansatz. – Nachdem man einmal einen solchen Preis gewonnen hat, versteht man plötzlich eine Menge Sachen. Man versteht, warum das Fernsehen so ist, wie es ist; denn das Fernsehen muss auch bei solchen Leute ankommen.

KULTURBUCHTIPPS: Aber ich hoffe und bin davon überzeugt, dass Ihr Buch sich auch in Deutschland gut verkaufen wird.

TIZIANO SCARPA: Ich bin sehr glücklich, dass ich mit diesem Buch die Gelegenheit habe, ein nicht so bekanntes Kapitel der Musik, der Geschichte Venedigs und von der Beziehung dieses sehr berühmten Komponisten zu den jungen Waisenmädchen zu erzählen; denn nur wenige Leute in der Welt wissen davon. Stellen Sie sich nur einmal vor, wenn Mozart zehn Jahre lang die Waisenkinder, sagen wir, in Graz unterrichtet hätte! Die ganze Welt würde sofort nach Graz strömen, um das Waisenhaus, den Ort des Geschehens, zu besichtigen, diesen Tempel, die Wirkungsstätte des Meisters… Wissen Sie, Vivaldi arbeitete sogar 35 Jahre lang im Ospedale della Pietà, aber in Venedig hat man natürlich so viele andere Attraktionen, die man besichtigen muss: die byzantinischen Mosaiken, Caravaggio, Giorgione und Veronese, all die Maler, die Renaissance – ja, wer interessiert sich da noch für die Kirche von Vivaldi?! Doch für mich ist es ein interessanter Ort und ein spannendes Kapitel der Stadtgeschichte; es ist eine andere Art, die Moderne zu denken, denn zu jener Zeit, so empfinde ich es, hat Venedig das Spektakel neu erfunden. Damals war Venedig der Broadway und das Hollywood seiner Epoche. Denn das weltweit erste Musiktheater und Opernhaus, in dem man Eintrittskarten kaufen konnte, gab es damals in Venedig. Und so hatte man damals die Spielhallen, die Prostitution und jene vier Waisenhäuser, die öffentliche Konzerte gaben. Denn Venedig verstand damals sehr wohl, dass es nicht mehr die wirtschaftliche Macht früherer Zeiten besaß, und deshalb wurde Venedig die „Stadt der Spektakel“ – mit dem Karneval, den Partys und der Kultur. Diese Entwicklung begann bereits im 17. Jahrhundert, und Vivaldi war ein Kind dieser Kultur.

KULTURBUCHTIPPS: Ein weiterer interessanter Aspekt von Vivaldis Leben ist ja, dass er auch Priester war.

TIZIANO SCARPA: Das war seinerzeit ganz normal. Vivaldi wurde in einer armen Familie geboren. Wenn man studieren und eine gute Ausbildung haben wollte, musste man damals zur Kirche gehen und eine religiöse Ausbildung durch machen. Vivaldi war der Sohn eines Friseurs, der Violine spielte.

KULTURBUCHTIPPS: Vielen Dank für dieses Gespräch.

TIZIANO SCARPA: Vielen Dank.

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