Tiziano Scarpa: „Stabat mater“

Tiziano Scarpa: "Stabat mater"Tiziano Scarpa hat mit „Stabat mater“ eine kurze, aber sehr dichte Erzählung geschrieben. Cecilia, die Ich-Erzählerin, wächst als Waisenmädchen im Ospedale della Pietà in Venedig auf. Wir schreiben die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Das Waisenhaus gleicht einer Festung. Die Nonnen haben die Mädchen von klein auf zur Hörigkeit erzogen. Sie verlassen die Mauern dieses Hauses nur in Begleitung der Nonnen. Hierbei müssen sie sich verhüllen, damit man ihr Antlitz nicht erkennt. Das Ospedale ist eine soziale und mildtätige Einrichtung jener Zeit. Die Waisen sind nicht selten das Ergebnis sinnlicher Eskapaden und unbedachter Ausflüge hoher Herren in die Unterwelt und Kinder, die durch die ungestüme Kraft heißer Lenden gezeugt wurden. Allein ihre Existenz würde als unschicklich angesehen werden, und so landen sie in der Obhut der Nonnen vom Ospedale.

Hier kümmert man sich um ihre Erziehung. Schon als kleinen Mädchen gibt man ihnen Musikinstrumente in die Hand, um zu sehen, ob sie Talent haben.

Dann folgen Musik- und Gesangsunterricht. Die Mädchen vom Ospedale della Pietà sind in der Stadt Venedig bekannt für ihre Virtuosität bei der Aufführung geistlicher Musik während der Gottesdienste.

Scarpas Erzählung verweilt auf 130 Seiten in einer düsteren, weltabgewandten Stimmung. Er versetzt sich vollkommen in die Welt seiner Protagonistin Cecilia und lässt sie erzählen. Cecilia ist tastend und allein mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln der Beobachtung und Kombinatorik auf der Suche nach ihrer Mutter und somit auf der Suche nach sich selbst. Sie hat keine Anhaltspunkte, keine Informationen darüber, wer ihre Mutter war.

Und so schreibt sie ihrer unbekannten Mutter heimliche Briefe, wandelt Nacht für Nacht allein durch die Gänge dieses großen Gebäudekomplexes, kennt auch im Dunkeln jede Ecke, jeden Treppenabsatz und jede Stufe auswendig, zieht sich an einen versteckten Ort zurück und schreibt ihrer Mutter Briefe.

Durch die ganze Erzählung wird das Mädchen von der Frau mit dem Schlangenhaupt begleitet, einer imaginären und sehr ernsten Freundin, vom Tod. Sie ist die der Fantasie Cecilias entsprungene zweite Hälfte, das bleierne Gegengewicht zum jungen Mädchen, das seine Gefühle mit Hilfe der Geige ausdrückt.

Die zweite Begleiterin des Mädchens ist die Gottesmutter. „Stabat mater“ ist der Beginn eines mittelalterlichen Gedichts über Maria, die Jesu Kreuzestod beweint: „Stabat mater dolorosa…“ (Es stand die Mutter schmerzerfüllt…“). Für Cecilia vermischt sich dieses Bild der Gottesmutter immer wieder mit dem vorgestellten Bild der eigenen leiblichen Mutter. Beide sind schmerzerfüllt.

Cecilia begreift die Zusammenhänge von Geburt, Leben und Tod durch eigene Beobachtung. Schon mit vier Jahren wird sie zufällig Zeuge einer heimlichen Geburt in der Latrine des Waisenhauses. Kurz darauf bekommt auch die Katze des Hauses ihre Jungen. Sie werden sofort von einer der Schwestern gepackt und im Brunnen ertränkt. Dies wird für Cecilia zum Spiegelbild ihres eigenen, in den Mauern des Ospedale eingeschlossenen Lebens: „Geboren werden, ohne das Licht der Welt zu erblicken.

Nachts besucht sie immer wieder die Gottesmutter in der Kirche des Ospedale und spielt ihr ihre Musik vor. Diese Musik spielt sie nur in Gedanken, eine „innere Musik, weil Frauen schweigen müssen“, wie Cecilia früh lernen muss.

Sie ist ein feinfühliges Kind, dem selbst eine Nachtigall leid tut, weil der kleine Vogel unter der großen Stimme, die ihm Gott geschenkt hat, unglücklich sein muss, denn der zierliche Vogel ist „unter der Last der Stimme begraben“.

Als Nachfolger des altersmüden Musiklehrers Don Guilio kommt der Priester Don Antonio ins Waisenhaus und unterrichtet die Mädchen in einer ganz neuen Weise. Plötzlich sollen sie mit ihren Instrumenten die Natur nachahmen und die Jahreszeiten in Musik verwandeln. Es handelt sich um Antonio Vivaldi, der seinerzeit wirklich am Ospedale della Pietà in Venedig Musik lehrte.

Die mittlerweile sechzehnjährige Cecilia ist eine virtuose Geigenspielerin, und sie zeigt den jungen Schülerinnen, wie man eine Schwalbe imitiert oder wie man den Gesang der Nachtigall auf der Geige spielt. Don Antonio ist begeistert und eifersüchtig auf die Begabung dieses jungen Mädchens.

Tiziano Scarpas Erzählung basiert auf einem realen historischen Hintergrund. Antonio Vivaldi unterrichtete am Anfang des 18. Jahrhunderts über 35 Jahre lang die Waisenmädchen im Osepedale della Pietà, und die Mädchen waren weit über die Grenzen Venedigs hinaus bekannt für ihre virtuose Vortragskunst.

Tiziano Scarpa gibt in seinem Interview mit kulturbuchtipps über die Entstehungsgeschichte dieses Romans Auskunft: „Natürlich habe ich oft das kleine Museum in der Pietà besucht und die Unterlagen studiert; ich habe auch viele Bücher über die Institution der Waisenhäuser im 18. Jahrhundert und Biografien über Vivaldi gelesen, auch wenn ich nicht alle historischen Details in diesem Roman verarbeitete habe. Denn es war auch nicht meine Absicht, dem Leser einen realen historischen Roman zu liefern. Ich habe also einen Namen gewählt – Cecilia -, der sich nicht im Verzeichnis der Waisenkinder befindet; denn ich wollte diesen Namen mit einem neuen Charakter verbinden.

Tiziano Scarpa ist nicht nur Venezianer; er ist auch selbst im Ospedale della Pietà geboren und liebt die Musik Vivaldis. Auf diese Weise wurde ihm dieser Stoff geradezu wörtlich „in die Wiege“ gelegt. – „Wenn ich als Kind mit meiner Mutter in der Nähe des Ospedale della Pietà spazieren ging, sagte sie oft: „Ah, schau, dort bist du geboren! Genau dort, wo Vivaldi spielte und für die jungen Mädchen komponierte…“

Mit „Stabat mater“ möchte der Autor eine unbekannte Seite Venedigs beschreiben: „Vivaldi ist ein sehr vielseitiger und ideenreicher Komponist. Und in meiner Geschichte ist dies ein Teil jenes anderen, weniger frivolen Venedigs, ein Teil jener anderen Musik, anderen Landschaft und eines anderen Images dieser Stadt und jener historischen Epoche, die unglücklicherweise in der öffentlichen Wahrnehmung immer nur mit Casanova, der Dekadenz und dem Karneval in Verbindung gebracht wird.

Der Roman ist bereits vor zwei Jahren in Italien erschienen und hat den „Premio Strega 2009“, den wohl bedeutendsten italienischen Buchpreis, erhalten. In Deutschland ist er nun im Berliner Wagenbach-Verlag erschienen. Im Rahmen seiner Lesereise durch Deutschland konnten wir mit Tiziano Scarpa in Berlin ein Interview führen, das Sie hier in voller Länge nachlesen können.

Scarpas flüssiger Erzählstil macht die Lektüre zu einer echten Zeitreise in die Welt des frühen 18. Jahrhunderts. Es ist ein schmales Büchlein, aber gerade diese Beschränkung auf einen bescheidenen Umfang macht die Erzählung dicht. Hier wird nicht ausschweifend erzählt und sich in Nebenhandlungen verstrickt; Tiziano Scarpas „Stabat mater“ ist eine sehr stringent geschriebene und linear erzählte Geschichte.

„Stabat mater“ macht uns bekannt mit einem relativ unbekannten Kapitel der Musikgeschichte Venedigs. Sie zeigt auch, dass Antonio Vivaldis Kompositionen lange Zeit zu unrecht als „zu leicht“ und oberflächlich kritisiert wird. Dass man Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in fast jeder Warteschleife am Telefon hört und es regelmäßig im Supermarkt dudelt, macht die musikhistorische Bedeutung dieses Werkes nicht geringer. Wenn man sich näher mit Vivaldis Musik beschäftigt, wird klar, dass er zu den revolutionären Künstlern seiner Zeit gehörte, die eine musikalische Wende einleiteten.

Der Autor sagt selbst über diese Zeit: „Corelli, Vivaldi, Bach – all dies war eine große Zeitenwende in der Musik. – In Italien haben wir eine Redewendung, wenn wir meinen: „Oh, das reicht jetzt. Nun machen wir etwas anderes.“. Dann sagen wir: „Basta, si cambia musica!“ (Genug, lasst uns die Musik wechseln!).

Tiziano Scarpas neuer Roman macht neugierig auf Venedig und auf die Musik Vivaldis, die so viel mehr zu bieten hat als die „Vier Jahreszeiten“. Gehen Sie auf Entdeckungsreise! Am besten beginnen Sie mit der Lektüre von „Stabat mater“ von Tiziano Scarpa.

 

Autor: Tiziano Scarpa
Titel: „Stabat mater“
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
ISBN-10: 3803132258
ISBN-13: 978-3803132253

 

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