Christoph Dieckmann: „Mich wundert, daß ich fröhlich bin. – Eine Deutschlandreise“

Christoph Dieckmann:"Mich wundert, daß ich fröhlich bin"Es beginnt mit der Geschichte einer Frau und eines Mannes, die vor 28 Jahren aus der DDR in den Westen gekommen sind, lange, bevor die Ereignisse der Wendezeit 1989 begannen, den tiefen Graben, der zwischen den beiden deutschen Teilen gezogen war, wieder zu zu schütten. Die beiden fahren in den Osten, in ihre ehemalige Heimat, und sie wollen nur mal sehen, ob alles noch steht. Die Reise führt nach Silberstadt zur ehemaligen Filmschule.

Christoph Dieckmann – nicht zu verwechseln mit Kai Diekmann, dem Chefredakteur der BILD-Zeitung – ist Jahrgang 1956, stammt aus der kleinen Stadt Rathenow bei Brandenburg. Er hatte als Pfarrerssohn in der DDR eine Karriere als Filmvorführer, Theologe, Vikar und Medienreferent hinter sich, bevor er seit 1991 für die ZEIT schreibt und seitdem für seine Texte immer wieder deutsche und internationale Preise erhalten hat.

Die in diesem Buch versammelten Reportagen geben einen ganz anderen Rückblick auf die zwanzig Jahre, die seit der Wende in der DDR vergangen sind. Fernab von jedem Jubel- und Hurra-Patriotismus malt er ein sehr persönliches Deutschland-Bild in Pastelltönen.

Dieckmanns Sprache ist schnörkellos und direkt. Die Lektüre seiner Reportagen ist wirklich eine Freude. Anhänger der alten deutschen Rechtschreibung wird es besonders freuen, dass auf Wunsch des Autors das Buch komplett nach den Regeln der alten deutschen Rechtschreibung gesetzt wurde – und das im Jahr 2009.

Die Wende und die Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten fasst er in einem einzigen Satz zusammen, der an Treffsicherheit kaum zu überbieten ist: „Ein demoralisiertes Volk hatte sein heruntergewirtschaftetes Land einer prosperierenden Mehrheitsgesellschaft angeschlossen und war fortan deren Fünftel, zu den Bedingungen der Majorität.

Der Autor legt in seinen Reportagen viel Wert auf feine Nuancen und eine atmosphärische Schilderung. Die hier versammelten Reportagen lassen uns landauf, landab mit ihm durch Deutschland reisen. Seine Geschichten erzählen vom zurückgezogen lebenden Wilhelm Busch, beschreiben den Winter auf Helgoland, die Rockmusik der ostdeutschen Provinz, die Napoleon-Fans eines Geschichtsvereins in Jena, den Protestanten-Kult in der Lutherstadt Wittenberg, zeigt, wie die Wende auch im Westen ankommt, wie Bayreuth mit und ohne Wagner aussieht und wie Uwe Tellkamps Bestseller-Roman „Der Turm“ den Untergang der DDR verklärt.

Der lange Essay, der dem Buch den Titel gab („Mich wundert, daß ich fröhlich bin“), ist eine Reihung von kurzen Vorgeschichten, die autobiografisch sind. Dieckmann ist ein guter Erzähler, der dem Leser hilft, sich wirklich mitten in der Geschichte aufzuhalten und zu sehen, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken, was der Autor sieht, fühlt, riecht und schmeckt. So reisen wir mit ihm im nächsten Kapitel nach Heringsdorf und ins Jahr 1983. Dieckmann erinnert sich gut; er war damals dort im Urlaub und traf Helmut, den Filmvorführer der „Kur-Festspiele“, wieder, mit dem er zehn Jahre zuvor im Erzgebirge den Beruf des Filmvorführers erlernt hatte.

Dieckmann erzählt, wie alles begann, wie er die Wende erlebte, wie er für die ZEIT arbeitete und auf Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt traf. Klaus-Renft und der Abriss des Palastes der Republik, Barrack Obamas Rede im Berliner Tiergarten und die Beerdigung von Erwin Geschonneck, Neil Young, angolanische Fußballfans und deutsche Soldaten in Afghanistan: All dies und weitere Geschichten sind Teilchen eines bunten Deutschland-Mosaiks, das Dieckmann im Herbst 2008 aus seinen persönlichen Erinnerungen und Begegnungen zusammenstellt.

Hier wie auch in den anderen Texten dieses Buches übernimmt er die Rolle des subjektiv-objektiven Beobachters, der die Vorgänge um sich herum objektiv notiert und dann subjektiv in seinem Schreiben reflektiert. Schreiben bedeutet für Dieckmann immer auch Philosophieren und ist gleichbedeutend mit der Suche nach dem Sinn des Lebens. Das Leben ist immer ungewiss, sein Ausgang fraglich. Und so zitiert Dieckmann am Ende seines langen Essays den Magister Martinus von Biberach, der 1498 starb:

Ich leb und waiss nit, wie lang.
Ich stirb und waiss nit, wann.
Ich far und waiss nit, wohin.
Mich wundert, dass ich froelich bin.

In diesem Sinne: Seien Sie froh und lesen Sie dieses Buch. Christoph Dieckmann verfügt über die seltene Gabe, Geschichte erlebbar zu machen und so zu beschreiben, dass man nach der Lektüre auch noch etwas dazu gelernt hat.

 

Autor: Christoph Dieckmann
Titel: „Mich wundert, daß ich fröhlich bin. – Eine Deutschlandreise“
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Ch. Links Verlag
ISBN: 3861535246
EAN: 978-3861535249

 

Bei AMAZON kaufen

Bei LIBRI kaufen