Hilmar Schäfer (Hg.): “Praxistheorie — Ein soziologisches Forschungsprogramm”

Hilmar Schäfer (Hg.): “Praxistheorie — Ein soziologisches Forschungsprogramm”Eine Soziologie der Praxis ist eine an der Physis orientierte Soziologie. Sie wird sich immer mit materiellen Dingen befassen. Das klingt durchaus plausibel, denn eine wissenschaftliche Beschäftigung mit immateriellen Phänomenen, was auch immer diese sein mögen, verkäme zu einer reinen Textwissenschaft, schreibt Frank Hillebrandt, einer der Autoren dieses im Transcript-Verlag erschienenen Readers zur Soziologie der Praxis.

Praxistheorie — dieser seltsam anmutende Begriff beschreibt höchst präzise, worum es dieser neuen soziologischen Disziplin geht: um eine theoretische Beschäftigung der soziologischen Praxis. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, offenbart sich auf den zweiten Blick als ein faszinierendes Forschungsfeld, das noch weitgehend unerschlossen ist.

Natürlich denkt man sofort an Pierre Bourdieus Beschäftigung mit der Praxeologie als einen Modus der Beobachtung gesellschaftlicher Zustände, der sich auf die Beziehungen zwischen den sozialen Strukturen und den Dispositionen der sozialen Akteure bezieht. Doch die Begriffsgeschichte der Praxeologie reicht viel weiter zurück, bis ins 17. Jahrhundert. Davon soll hier jedoch nicht die Rede sein, sondern es geht um die aktuellen Trends einer soziologisch fundierten und inspirierten Theorie der Praxis in ihren zahlreichen Facetten.

In den Kultur- und Sozialwissenschaften ist der „Practice Turn“ in den vergangenen Jahren auch im deutschsprachigen Forschungsraum verstärkt wahrgenommen worden; eine intensive Auseinandersetzung mit diesen praxeologischen Ansetzen soziologischer Forschung hat zu einer signifikanten Veränderung der Forschungslandschaft geführt. Dieser Sammelband will eine erste Zwischenbilanz dieser Tendenzen ziehen.

Die Autoren stammen durchgehend aus der soziologischen Forschung und Lehre. Die deutschen Beiträge decken auch territorial von Hagen bis Mainz, von Köln bis Frankfurt/Oder, von Oldenburg bis Ingolstadt die deutsche Forschungslandschaft ab; Gastbeiträge aus Finnland, der Schweiz und den USA stehen exemplarisch für die internationale soziologische Forschung.

Dieser Reader ist in erster Linie für eine wissenschaftliche Fachleserschaft geschrieben; aber auch der soziologisch interessierte Laie sollte in der Lage sein, sich anhand der Lektüre dieser Aufsätze ein Bild vom aktuellen Stand der Praxeologie zu erarbeiten.

Eine Theorie der Praxis, die sich an der Materialität orientiert, bedarf eines neuen Materialismus, der sich nicht sogleich in einem strukturalistischen Sinnzusammenhang verstrickt. Denn immer noch gibt es in den Kultur- und Sozialwissenschaften die Tendenz, das Materielle als hart und unveränderlich zu betrachten und es immer noch aus zeitlosen Strukturen deduktiv abzuleiten; die Temporalität und Veränderlichkeit des Materiellen bedingt jedoch einen poststrukturalistischen Ansatz, der erst den Zugang zu einem flexibleren Umgang mit der Materialität eröffnet.

Was diesen Sammelband so attraktiv macht, ist seine breit aufgestellte Beschäftigung mit dem praxeologischen Forschungsfeld. So wird neben den Positionsbestimmungen der Praxistheorie auch den einzelnen Darstellungs- und Erkenntnispraktiken genügend Platz eingeräumt. Ebenso wird der Affektivität und Sinnlichkeit sozialer Praxis große Beachtung geschenkt; die praxeologischen Arbeitspraktiken werden an einigen Beispielen vorgestellt. Im letzten Abschnitt dieses 380 Seiten starken Readers werden die Schlussfolgerungen aus dieser Zwischenbilanz des wissenschaftlichen Forschungsstandes gezogen und eine „Soziologie des Alltags“ entwickelt, die die aktuellen Tendenzen praxeologischer Perspektivität aufgreift.

 

Autor: Hilmar Schäfer (Hg.)
Titel: “Praxistheorie — Ein soziologisches Forschungsprogramm”
Broschiert: 384 Seiten
Verlag: transcript
ISBN-10: 3837624048
ISBN-13: 978-3837624045