Andreas Austilat: „Mark Twain in Berlin – Bummel durch das europäische Chicago“

Andreas Austilat: „Mark Twain in Berlin – Bummel durch das europäische Chicago“Auf den ersten Blick scheint es verwegen, Mark Twain mit Berlin in Verbindung bringen zu wollen. Doch der berühmte amerikanische Schriftsteller kam 1891 nach Berlin und blieb mit seiner Familie bis 1892 in der Hauptstadt des deutschen Kaiserreiches.

Mark Twain reiste zu Lesungen und Vorträgen um die halbe Welt; das Geld musste eben stimmen. Natürlich war er seinerzeit auch in Europa unterwegs, wo man den Autor von Huckleberry Finn und Tom Sawyer ganz besonders feierte. So kam Twain auf seiner Reise durch Deutschland natürlich auch eines Tages nach Berlin.

Als Twain Berlin besuchte, befand sich die Stadt gerade auf dem Weg zur Industriemetropole. Zwischen 1890 und 1910 explodierte die Bevölkerungszahl explodierte, und Berlin platzte aus allen Nähten. Allein in den zwanzig Jahren zwischen 1870 und 1890 hatte sich die Einwohnerzahl verdoppelt, und wenige Jahre nach seinem Besuch ging das Wachstum dann erst richtig los: Allein zwischen 1900 und 1910 stieg die Bevölkerungszahl um 1 Million von 2,7 auf 3,7 Mio. Einwohner. Damit war Berlin seinerzeit die drittgrößte Stadt der Welt nach New York und London.

Die vielen Bautätigkeiten überall in der Stadt, die an allen Ecken errichteten Industrieanlagen und Gewerbekomplexe sowie der permanente Zustrom von Menschen aus den ländlichen Gebieten waren nicht nur deutliche Zeichen der fortschreitenden Industrialisierung, sondern brachten Berlin den Ruf ein, die „europäischste Stadt“ Deutschlands, ja Europas zu sein. Twain nannte Berlin auch das „europäische Chicago“, und mit diesem Bild im Kopf besuchte Twain die Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts.

Wir wissen, dass sich Mark Twain über die deutsche Sprache lustig gemacht hat, wovon sein urkomischer Essay „Die schreckliche deutsche Sprache“ ein im wahrsten Sinne beredetes Zeugnis abgibt. Doch in diesem Buch sind vor allem Texte versammelt und übersetzt worden, die Twains scharfen Blick auf Berlin zeigen und seinen Aufenthalt in der Stadt begleiten.

Das Buch ist dreigeteilt: Im ersten rund 100 Seiten umfassenden Teil geht Andreas Austilat im alten Berlin auf eine Spurensuche. Anhand zahlreicher Quellen versucht er Twains Berlin-Aufenthalt akribisch zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist eine wundervolle, kleine historische Abhandlung über Twain und Berlin. Der Text liest sich leicht, ist spannend mit zahlreichen Fotos angereichert und wird vor allem Leser begeistern, die mit der Stadt und ihrer Geographie vertraut sind.

Der zweite Teil ist, wie bereits gesagt, den Texten Twains gewidmet. Das sind nicht besonders viele, zugegeben. Aber sie allein wären schon den Kauf dieses schön gestalteten und in ansprechender Qualität hergestellten Buches wert: wunderbare kurze Texte über elementare Lebensfragen („Wie man in Berlin eine Wohnung mietet“), das Herz wärmende „Gedanken zum deutschen Kachelofen“, staunende Beobachtungen eines Amerikaners über den deutschen „Postdienst“, Historisches über „Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth“ und schließlich das kleine Juwel: „Berlin — das Chicago Europas“.

Der dritte und letzte Teil des Buches (knapp 20 Seiten) sammelt noch einige wichtige Pressestimmen zum Aufenthalt Mark Twains in Berlin. Dieser Pressespiegel zeigt, welche Bedeutung und Aufmerksamkeit dem Besuch und Aufenthalt dieses amerikanischen Schriftstellers beigemessen wurde. Das stolze Kaiserreich schmückte sich seinerzeit gerne auch mit einer solchen ausländischen Berühmtheit, die immerhin fast zwei auf deutschem Boden lebte.

Wer sich für Mark Twain interessiert oder für Berlin oder für das turbulente Leben im europäischen Chicago im späten 19. Jahrhundert, der wird an diesem unterhaltsamen und lehrreichen Buch seine wahre Freude haben!

 

Autor: Andreas Austilat
Titel: „Mark Twain in Berlin – Bummel durch das europäische Chicago“
Gebundene Ausgabe: 216 Seiten
Verlag: bebra
ISBN-10: 3814802063
ISBN-13: 978-3814802060