Norbert Röttgen: „Deutschlands beste Jahre kommen noch“

Norbert Röttgen: "Deutschlands beste Jahre kommen noch"Wenn man das Buch „Deutschlands beste Jahre kommen noch“ liest, ist man geneigt, optimistisch zu sein und den trüben Nachrichten aus Wirtschaft und Politik, die täglich aus Radios, Fernsehern und Zeitungen rieseln, keinen Glauben mehr zu schenken.

„Uns geht’s ja noch gold!“ stimmen wir dann zuversichtlich gemeinsam mit Walter Kempowskis Mutter Margarethe ein und sehen frohgemut einer goldenen Zukunft entgegen.

Norbert Röttgen ist der 1. Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und ein Schelm ist, wer da denkt, das seine unmittelbare Nähe zu den Schaltzentralen der Macht in Deutschland auch nur irgendeinen entfernten Einfluss auf seine Durchhalten-und-Kopf-hoch-Philosophie haben könnte.

So lesen wir, dass Globalisierung an sich doch eigentlich eine prima Sache ist. Stimmt ja auch – im Prinzip. Nach Röttgens Ansicht ist es jedoch die Aufgabe der Politik, die Globalisierung politisch mit zu gestalten. Man dürfe dieses Feld nicht unreguliert irgendwelchen neoliberalen Wirtschaftsakteuren überlassen, sondern müsse dem Ganzen von der Politik gestaltete Rahmenbedingungen setzen. Das klingt vernünftig.

Wer über Globalisierung spricht, muss die ganze Welt im Blick haben, auch wenn es in der Regel um die konkreten Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft geht. So widmet sich der Autor zunächst der Frage, wer „wir“ in der Globalisierung sind. – Wer ist „wir“ – wir Deutschen?

Hier wird das grundlegende Problem jeder Generalisierung und Nivellierung deutlich: Je weiter der Rahmen gefasst wird (wir = die gesamte Gesellschaft), desto allgemeiner und pauschaler wird die Aussage im Gegensatz zu konkreten Aussagen, die das Schicksal und die Situation des Einzelnen betreffen.

Generalisierungen sind geeignet zur Darstellung grundsätzlicher Trends („Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt.“), jedoch nicht zur Beschreibung der Auswirkungen globaler Entwicklungen auf den Alltag des einzelnen Bürgers.

Und dennoch schafft es Norbert Röttgen, in seinem Text immer wieder seine Bestandsaufnahme des aktuellen Standorts der deutschen Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung herunter zu brechen auf die Situation des einzelnen Arbeitnehmers: „“Globale Arbeitsnomaden“ werden die Arbeitnehmer genannt, die sich vor allem durch ihre Mobilität und Flexibilität auszeichnen. (…) Auch wenn wir nicht alle schon zu Arbeitsnomaden geworden sind, so fühlt doch wohl jeder von uns die unglaublichen Beschleunigungskräfte in unserer Gesellschaft, die zum Teil auf die Globalisierung zurückzuführen sind.

Röttgen macht sich grundsätzlich Gedanken über den Sinn der Arbeit, und so darf natürlich die „Geschichte vom Manager und dem Fischer“, die zum Anekdotenschatz jedes Managerseminars gehört, in diesem Buch auch nicht fehlen. Der Autor ist der Überzeugung, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland deshalb arbeitet, weil sie nach Selbstverwirklichung und Vermögensvermehrung strebt.

Die globalisierte Arbeitswelt sieht er jedoch dort als problematisch, wo der Job zum zentralen Orientierungspunkt des Lebens wird und das ebenfalls Sinn und Heimat stiftende Moment des vertrauten kulturellen und sozialen Umfelds abhanden kommt.

Bevor die Globalisierung jedoch die Familien auseinander reißt und die „Arbeitsnomaden“ im Zuge seines Kampfes um Existenzerhaltung aus seinem gewohnten Umfeld in ein Leben sukzessiver Mobilität drängt, tritt der Nationalstaat auf den Plan und greift regulierend in die Wirtschaft ein.

Röttgen ist ein Verfechter der These, dass die richtige Reaktion der Politik auf die Globalisierung darin besteht, nicht weniger sondern mehr Einfluss zu nehmen. Die Privatisierung des öffentlichen Sektors und der kommunalen Versorgung war im Nachhinein betrachtet keine besonders clevere Idee. Die Politik muss sich hier erst wieder langsam verlorenes Terrain zurück erobern.

Der forcierte Ausbau des deutschen Bildungssystems und die Förderung von Bildungseliten sieht der Autor als entscheidenden Standortvorteil der Zukunft im globalen Wettbewerb. Die Bürger müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen; dieser Vorwurf der Politik ist nicht neu.

Im Laufe der Jahre haben wir uns daran gewöhnt, dass nichts mehr sicher ist und dass wir in eigener Regie unsere Kranken- und Altersvorsorge, Strom-, Gas-, Wasser-, Handy-, Telefon-, Bank- und Versicherungs-Verträge managen müssen. Wer dazu aufgrund seiner ethnischen oder sozialen Herkunft nicht in der Lage ist, hat ein Problem.

Aber Röttgen ist CDU-Mitglied und sieht lieber optimistisch auf die andere Hälfte der Bevölkerung. Und in der Tat könnte Deutschland von einem „gesunden Wachstum“, wie Röttgen es nennt, in einer globalisierten Wirtschaftswelt durchaus profitieren, was dann auch dem (eigenverantwortlich engagierten) Bürger zugute käme.

Gegen Ende seines Buches schwelgt der Autor dann in seiner Lobpreisung der Europäischen Idee und sieht die historische Aufgabe Europas in einer der Globalisierung die Stirn bietenden Position eines starken gemeinsamen Wirtschaftsraums, in dem dann u.a. Produkte „created in Germany“ entstehen.

Insgesamt liest sich das Buch, lässt man sich auf den positiven Stil des Autors ein, wie eine Anleitung zum optimistischen Dagegenhalten in der aktuellen Wirtschaftskrise, obwohl Röttgen gleich zu Beginn beteuert: „Dies ist kein Buch über die Finanzmarktkrise.“

„Über“ nicht, aber „für“ die Zeit der Krise auf jeden Fall. Das so genannte „abgehängte Prekariat“ der Armen in Deutschland jedoch wird weder Spaß an der Lektüre empfinden, noch verstehen, worum es dem Autor eigentlich geht, noch werden sie seinen fundamentalen Optimismus bezüglich der Vorzüge der Globalisierung uneingeschränkt teilen.

Bei den gemäßigten Mittelschichtlern in unserer Gesellschaft, die in der aktuellen Krisenlage vor allem eine weit verbreitete, diffuse Ziel- und Mutlosigkeit auszeichnet, könnte Röttgens Buch „Deutschlands beste Jahre kommen noch“ wie eine euphorisierende Vitaminspritze wirken. Allein, es fehlt der den Leser mitreißende, appellative Tonfall in Röttgens Buch.

Während der Lektüre kommen leise Zweifel auf: Norbert Röttgen ist Politiker, und er versteht sicherlich sehr viel vom dem, was er dem Leser mitteilt. Man liest’s und denkt: „Naja, Recht hat er mit dem Meisten, was er da schreibt; es klingt plausibel.“ – Doch was heißt das konkret für mich? Für meinen Nachbarn? Für unsere Zukunft?

In der Mitte seines Buches widmet Norbert Röttgen einen ganzen Abschnitt den Themen Politikverdrossenheit und dem Vertrauensverlust der Politiker beim Volk. – Liegt die Abwendung der Bürger von der Politik vielleicht auch am Auseinanderdriften der Sprache von Politik und Gesellschaft? Reden wir wirklich miteinander, wenn wir scheinbar über dieselbe Sache sprechen? Oder sind es gerade solche Bücher, die sicherlich gut gemeint sind und versuchen, uns aus unserer gegenwärtigen „Konjunktur der Krise“ heraus zu führen in ein aktiveres Handeln in Zeiten der Krise, die den Bürger jedoch nicht wirklich zu aktivieren vermögen, weil Autor und Leser aneinander vorbei reden?

Röttgen ist zuversichtlich: „Deutschlands beste Jahre kommen noch.“ Und er zeigt in seinem Buch, warum wir keine Angst vor der Zukunft haben müssen: wenn es uns gelingt, in Deutschland nicht zuletzt mit Hilfe einer bürgernahen und praxisorientierten Politik ein optimistisches Klima zu schaffen, das den Einzelnen zu einem eigenverantwortlichen Handeln motiviert.

Wie diese Entwicklung aussehen kann, zeigt Norbert Röttgen in diesem Buch.

 

Autor: Norbert Röttgen
Titel: „Deutschlands beste Jahre kommen noch“
Gebundene Ausgabe: 261 Seiten
Verlag: Piper
ISBN: 3492052894
EAN: 978-3492052894

 

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