Alan Bennett: „Die Lady im Lieferwagen“

Alan Bennett: "Die Lady im Lieferwagen"Womöglich ist „Die Lady im Lieferwagen“ eine der besten Erzählungen von Alan Bennett. „Womöglich“ ist auch das Lieblingswort von Miss Shepherd, der alten Dame aus dem Lieferwagen, und es stellt sich die frage, ob im englischen Originaltext „if possible“ oder „if anything“ steht, was durchaus eine Unterschied macht.

Bennett verfügt zweifellos über eine hervorragende Beobachtungsgabe. Aufbauend auf seinen genauen Beobachtungen schafft er auch mit der „Lady im Lieferwagen“ wieder eine schöne und für den Leser stets amüsante kleine Erzählung. Im Gegensatz zu anderen Texten des Autors haben wir es hier jedoch nicht nur mit einer unterhaltsamen und spaßigen Geschichte mit skurrilen Untertönen zu tun.

„Die Lady im Lieferwagen“ ist eine zunächst schrille und recht exzentrisch anmutende, alte Dame, die mit ihrer recht speziellen Auslegung des katholischen Glaubens und ihren Eigenarten nicht nur dem Autor, sondern der gesamten Nachbarschaft auf die Nerven geht.

Je länger man jedoch den über 20 Jahre geführten Tagebucheinträgen Bennetts folgt, desto mehr wird klar, dass Miss Shepherd nicht nur einfach exzentrisch ist, sondern ein echtes psychisches Problem hat – oder mehrere. Dies äußert sich am auffälligsten in einem Verhalten, das wir heute als „Messie-Syndrom“ bezeichnen.

Natürlich ist der Lieferwagen, der seit vielen Jahren in der Einfahrt zu Bennetts Haus steht und der alten Lady als Heimstatt, Kleiderschrank und Andachtsraum dient, nur bedingt fahrtüchtig, und sobald sich eines der Fenster oder die hinteren Flügeltüren öffnen, schlägt dem Autor und jedem, der aus Unvorsichtigkeit dem Vehikel zu nahe gekommen ist, ein ziemlich penetranter Geruch entgegen.

Doch Miss Shepherd, die natürlich gar nicht so heißt und sich nur so nennt, seitdem sie bei den Nonnen im nahe gelegenen Kloster nicht aufgenommen wurde, wofür der Leser den wahren Grund nie wirklich erfahren wird, kann das mit dem Müll und dem Gestank alles erklären: Der Müll stamme nicht nur von ihr, sondern werde regelmäßig „durch den Zaun geweht – womöglich“.

Womöglich wird der Leser nach der Lektüre dieser kleinen und sehr unterhaltsamen Erzählung solche alten, oft verwirrten und bereits mit den Alltäglichkeiten überforderten Menschen mit anderen, gütigeren Augen betrachten.

„Die Lady im Lieferwagen“ lässt uns an vielen Stellen laut auflachen, an anderen Stellen wird man nachdenklich und auch traurig. Alan Bennetts Geschichte ist eben nicht nur witzig, sondern hat das, was vielen anderen satirischen Texten fehlt: Tiefe. Erst durch die traurigen Passagen kann das Erzählte insgesamt lustig und authentisch sein. Dadurch wird „Die Lady im Lieferwagen“ zu einem Stück erzählter Wirklichkeit und guter Literatur.

Denn ihre Lektüre macht den Leser schlauer und lässt ihn auf dem Umweg über 60 Seiten eine Lebenserfahrung machen, auf die er ansonsten vielleicht nie einen direkten Zugriff hätte.

Das allein wäre schon völlig ausreichend, den Kauf und die Lektüre dieses schmalen Bändchens aus dem Wagenbach-Verlag zu empfehlen. Doch neben der Titel gebenden Erzählung „Die Lady im Lieferwagen“ stecken noch drei weitere autobiografische Texte dieses brillanten Autoren in dem Buch.

Alan Bennett wurde 1934 in Leeds geboren und feiert somit in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. In „Der Verrat der Bücher“, „Die Straßenbahnen von Leeds“ und „Onkel Clarance“ geht es um Familiengeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, um Kindheitserinnerungen und um bei der Schlacht von Ypern 1917 verschollenen Onkel. Alles liest sich spannend und ist mit der für den Autor typischen, leisen Ironie geschrieben, die seine Texte und Stücke auszeichnet.

Wem der aktuelle Erfolg „Die souveräne Leserin“ gefallen hat, der wird an der Lektüre von „Die Lady im Lieferwagen“ mindestens genauso viel Spaß haben. Bennett ist und bleibt einer der besten Satiriker unserer Zeit. Sein feiner und zurückhaltender Humor kann sich auch in diesen vier kleinen Geschichten wieder voll entfalten.

 

Autor: Alan Bennett
Titel: „Die Lady im Lieferwagen“
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
ISBN-10: 3803126215
ISBN-13: 978-3803126214

 

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