Die Textualität der Stadt und der Flaneur als Leser

5. Zusammenfassung und Ausblick
Folgt man dem Ansatz einer Textualität der Stadt mit ihren Zeichensystemen und symbolischen Inhalten, die semiotisch, grammatologisch oder archäologisch zu entziffern sind, so wird das Gehen des Flaneurs in der Stadt zu einer performativen Praktik, bei der man „die Straße [liest] wie ein Buch“. Gerade der Flaneur ist aufgrund seiner von Zeit und Raum entbundenen Position des distanzierten Beobachters in der Lage, den urbanen Code zu entschlüsseln. Letztlich bleibt aber auch die Erkenntnis, dass es sich bei der Stadt nicht um einen Text handelt, sondern natürlich um eine Vielzahl sich meist wechselwirkend beeinflussender Texte, so dass, genau genommen, nicht nur von der Textualität der Stadt, sondern auch von einer Intertextualität der Stadttexte gesprochen werden muss.

An all diesen Stadt-Texten, die sich überlagern, gegenseitig beeinflussen, ermöglichen, unterbinden, in allem: verändern, wird die Chronizität des Stadt-Textes (oder in einem größeren Maßstab: seine Historizität) offenkundig. Der Text ist permanenter Veränderung unterworfen. Die Bewohner dieses Stadtraumes, dessen Text sie „schreiben, ohne ihn lesen zu können“ sind die Operatoren dieser Text-Veränderungen im raumzeitlichen Spektrum. Insofern kann man auch mit Gunter Weidenhaus von einer sozialen Raumzeit sprechen, in der sich der wandelbare Stadt-Text konstituiert.

Franz Hessels Flaneur-Buch breitet die ganze Palette der möglichen Stadt-Texte (im Sinne Michel Butors) aus und wird somit zu einem dankbaren literarischen Untersuchungsgegenstand für Textualitäts-Konzepte. Die Metapher von der Stadt als eines „steinernen Buches“, wie sie schon Victor Hugo gefunden hat, lässt sich auf Hessels Text ebenso anwenden wie Michel Butors Rede von der STADT ALS TEXT oder Certeaus raumsoziologisches Konzept vom Gehen als Praktik im Raum.

Der Flaneur (Franz Hessel) begegnet dem Text der Stadt auf mehreren Ebenen. Zunächst sind es die offensichtlichen (sichtbaren) Texte der Stadt, wie Plakate, Werbeschilder, Hinweisschilder und Reklamen, die seinen Gang durch die Stadt begleiten. Dann begegnet ihm der Text der Stadt in Form der gesprochenen Sprache ihrer Bewohner. Schließlich sind es die Texturen des Verkehrsnetzes, der Straßen und Plätze sowie der architektonischen Landmarken des Stadtraumes, die seinen Weg bestimmen. Die Art und Weise, wie die Stadt den Flaneur durch ihre Straßen leitet, beeinflusst dessen Wahrnehmung/Lektüre ihrer Textualität.
Seinen Spaziergang hat der Flaneur gewissenhaft durch eigene Lektüre von Reiseführern und Stadtbeschreibungen vorbereitet. Sie prägen seinen Blick auf die Stadt und verändern seine Wahrnehmung. Durch die vorbereitende Lektüre des Baedekers verändert der Flaneur die Bedingungen der Möglichkeit ursprünglicher Stadterfahrung. Gleichwohl formt sie seinen Blick und bildet in ihm ein Vorverständnis der Stadt aus, das ihm eine tiefere Erfahrung ermöglicht. Wenngleich die vorbereitende Lektüre den Zauber der ursprünglichen Entdeckung vernichtet, indem sie selbst den ersten Blick auf die Stadt immer schon zu einem zweiten Blick werden lässt, der das bereits erworbene Wissen über sie dem naiven Schauen vorstellt, so schafft sie eine solidere Grundlage für eine hermeneutische Rezeption der Stadtwirklichkeit. „Manche Städte haben ein ungeheures literarisches Gewicht, man begegnet ihnen fast überall.“ Man gehe nur in eine größere Buchhandlung und betrachte die Phalanx der Berlin-Reiseführer heutiger Zeit, um Michel Butors Aussage bestätigt zu finden.

Der Flaneur als Autor bringt seine Stadt-Lektüre zu Papier, um den Lesern seine Sicht auf die Stadt nahe zu bringen. Was hierbei passiert, ist eine Potenzierung der Lektüre. Der Flaneur sammelt auf seinen Expeditionen durch die Stadt Spuren ihrer Textualität. Diese Spurensuche findet Eingang in seinen Text über die Stadt. Wenn der Leser von Spazieren in Berlin sich nun auf dieselben Wege begibt wie der Flaneur, so wird er diese Spuren nicht mehr selbständig entdecken, sondern er muss dem Flaneur nach-spüren. Der Leser ist aufgefordert, den Text und die Wegbeschreibungen Hessels zu interpretieren; der Zauber der zufälligen Entdeckungen ist ihm verwehrt zugunsten einer interpretierenden Spurensuche.