Die Textualität der Stadt und der Flaneur als Leser

4.3 Verborgene Texte der Stadt
Wenn Hessel über Altberliner Friedhöfe wandert, die Denkmäler und Grabsteine betrachtet und auf ihnen Inschriften entziffert, so ist natürlich auch dies Teil der Textualität der Stadt: „Es ist schön, hier von Stein zu Stein zu wandern“ und dabei die Monumente der älteren Berliner Friedhofskunst zu bewundern: die Denkmäler aus jener vergangenen Zeit von Schadow und Schinkel. Wenn der Flaneur hier alte Inschriften zu entziffern versucht, die in Stein gehauen sind, so lässt sich an diesen Grabsteinen die Verbindung schlagen zu den schriftlosen Formen des Stadt-Textes: einerseits der Architektur, der Infrastruktur und dem Verkehr sowie andererseits den Menschen und ihrer Mobilität.

Eine andere Form verborgener Texte befindet sich in den Archiven und Bibliotheken der Stadt. So geleitet der Flaneur seinen Leser auch in die neue Staatsbibliothek an der Straße Unter den Linden. In ihrem Innern gibt es „unglaublich viele Bücher und eine große Handschriftensammlung, Musik- und Kartenabteilungen, Grammophonplatten von zweihundert Sprachen“. Hier möge sich der Flaneur „in den kreisrunden Lesesaal […] setzen und die unterschiedlichen Männlein und Weiblein […] beobachten, die in konzentrischen Ringen um eine leere Mitte studieren, notieren, frühstücken und träumen“. Die Kunst der teilnehmenden Beobachtung aus der Distanz wird an dieser Textstelle besonders deutlich beschrieben. In der Beobachtungssituation offenbart sich dem Flaneur die Textualität (die Ordnung) der Wirklichkeit. Dass Studium der in der Bibliothek verborgenen Texte macht die Bibliothek zu einem Ort des Gedankenaustausches sowie der Aktualisierung des eigenen Textes und damit auch des Stadt-Textes als Ganzem.

4.4 Der gebaute Text der Stadt: Architektur und Wohnen
Das Gehen als Praktik im Raum, wie es Michel de Certeau in Kunst des Handelns formuliert, ist für den Flaneur essentiell. Lothar Müller nannte Hessels Spazieren in Berlin eine „peripatetische Stadtlektüre“ . Das Gehen findet in Straßen statt, wobei der Flaneur von Gebäuden umgeben ist, die verschiedene Funktionen im Stadtraum erfüllen: Bibliotheken, Rathäuser, Obdachlosenasyle, Bahnhöfe, Kaufhäuser, Schulen, Gefängnisse, Schlachthöfe und Großmärkte bilden eine funktionale Struktur, nach der sich die Bewohner der Stadt zu richten haben. Für Michel Butor ist diese Textualität der Stadt ganz offensichtlich: „Wo ich auch halt mache, bin ich umgeben, eingekreist von Text.“

Franz Hessels Beschreibungen verschiedener Orte der Stadt mit ihren Architekturen greift diese Tatsache auf und verbindet hier, wie an vielen anderen Stellen auch, die beiden von Certeau für die Raumerfahrung relevanten Methoden der Wegbeschreibung und der Kartographie. Hessel beschreibt nicht nur die bestehende Ordnung der Dinge (in diesem Fall die architektonischen Besonderheiten der von ihm gewählten Orte), sondern nimmt den Leser an die Hand und führt ihn auf seinen Weg durch die Gebäude und Areale.

„Der Architekt nimmt mich in sein weites, lichtes Atelier, führt mich von Tisch zu Tisch, zeigt Pläne und plastische Modelle.“ Doch all das reicht nicht aus, um das neue Berlin wirklich im Entstehen zu sehen, und so nimmt der Architekt Franz Hessel mit auf eine Rundfahrt zu den Baustellen des neuen Berlin. „Nicht nur Weichbild und Vorstadt will man durch planmäßige Großsiedlung umgestalten, auch in den alten Stadtkörper soll neuformend eingegriffen werden.“ Diese Umgestaltung des alten Berlin ist gleichzeitig ein Eingriff in den bestehenden Text der Stadt. Auf den Baustellen Berlins wird offenkundig, wie schnell und wie sehr sich das Stadtbild (und also der Stadt-Text) wandelt. Diese Überschreibungen des alten Textes gestalten sich als Löschung überkommener Textstellen durch neue „‚Lösungen‘ und Erlösungen“. Manchmal sind es aber auch die Lichtreklamen, die den Anblick alter Gebäude durch ihre Lichtführung verändern und modernisieren. So werden diese „schrecklichen Zacken, Vor- und Überbauten der ‚Geschwürhäuser‘ [verdeckt und] verschwinden hinter den Reklamearchitekturen“ der neuen Zeit.

Die aktuelle Architektursoziologie beschäftigt sich ausgiebig mit allen Aspekten der Wirkung von Architektur. Silke Steets hat für ihre Abhandlung DER SINNHAFTE AUFBAU DER GEBAUTEN WELT (2015) die von Émile Durkheim geäußerte Forderung, soziale Tatbestände wie Dinge zu betrachten, umgekehrt und untersucht die Dinge der gebauten Welt auf ihre soziologische Sinnhaftigkeit. So befasst sie sich auch mit dem symbolischen Gehalt von Gebäuden, der sich nicht nur kognitiv erfassbar ist, sondern vor allem „ästhetisch, atmosphärisch und leiblich spürbar“ wird.

Hessel verweist nicht zuletzt auf den Zusammenhang von Wohnen und Weiterschreiben des Stadt-Textes im Sinne der Bewegungsbahnen von Certeau, wenn er im Nachwort fordert: „Wir Berliner müssen unsere Stadt noch viel mehr – bewohnen.“ Jene Stadt, die „immer im Begriff ist, anders zu werden und nie in ihrem Gestern ausruht“ , ist auch noch zu Hessels Zeit der Inbegriff der modernen Großstadt mit ihrer unbändigen Dynamik, ihrem rasenden Tempo und ihrer Forderung nach einer ständigen und umfassenden, nie abgeschlossenen Erneuerung. Als seinerzeit modernste und amerikanischste (d.h. dynamischste) Stadt Europas kennt das neue Berlin der späten zwanziger Jahre „keine Tradition, daher soviel Ungeduld und Unruhe. Der Zukunft zittert die Stadt entgegen.“

Jürgen Plath weist in diesem Zusammenhang zurecht darauf hin, dass es sich bei dem von Hessel diagnostizierten Tempo der Stadt nicht um eine Geschwindigkeit im Raum handelt, sondern in der Zeit selbst. Die Stadt befindet sich in einem Transformationsprozess, der es dem Betrachter wie dem Bewohner schwer macht, seine Wahrnehmung auf eine verlässliche Vergangenheit zu stützen.

4.5 Verkehr
Der Verkehr (oder „derber, berlinischer gesagt, der Betrieb“) ist das sichtbarste Großstadtphänomen, in dem die ganze Betriebsamkeit und der schnelle Rhythmus der Zeit nachvollziehbar werden. Waldwege, Gassen, Bürgersteige, Straßen, Bahnen und Schifffahrtswege, auf denen sich Fußgänger, Radfahrer, Pferdefuhrwerk, Automobil, Omnibus, Straßenbahn, Untergrund- und S-Bahn, Lastenkähne und Ausflugsdampfer bewegen, bilden das komplexe Verkehrsnetz der Stadt. So darf natürlich – wie bei Kisch oder Joseph Roth – auch bei Hessel eine Beschreibung des Hochbahnhofs Gleisdreieck nicht fehlen, jenem „gewaltigen eisernen Spinnennetz von Schienensträngen […], auf denen von Güter-, Fern- und Untergrundbahnen Dampfgestoßenes und elektrisch Gleitendes zusammenströmt“. Als ein vom Neuen Berlin Begeisterter widmet Hessel natürlich auch ein ganzes Kapitel dem modernsten Verkehrsmittel seiner Zeit: dem Flugzeug. Demzufolge besucht der Flaneur selbstverständlich auch den seinerzeit jungen Berliner Flughafen Tempelhof, auf dem die Aeroplane „aufsteigen im Kreisflug nach allen Himmelsrichtungen“.

Was aus der Luft (oder beim Blick auf den Stadtplan) zunächst wie eine statische Ordnung aussieht – wie ein Klar-Text der Stadt in seiner räumlichen Einschreibung, wird auf den zweiten Blick und in einem zeitlichen Kontext zu einer Vorgabe, zu einem Netzwerk möglicher Zugangsarten, mit denen zumeist präskriptive Anweisungen verknüpft sind. Man geht auf einer Straße auf den dafür vorgesehenen Fußwegen, man fährt gemäß den Verkehrsregeln, man gewährt die Vorfahrt usw. Bezogen auf die Textualität der Stadt bedeutet dies, dass der steinerne Text der städtischen Verkehrswege eine relative Permanenz aufweist im Gegensatz zum fluktuierenden Text der sich bewegenden Massen. Eng damit verbunden geht von den Verkehrswegen ein autoritäres Moment aus, das die Benutzung des Verkehrsnetzes (des Verkehrs-Textes) vor-schreibt. Auf diese Vor-Schreibung antworten die Verkehrsteilnehmer mit dem sich einschreibenden Verhalten ihrer Bewegungsbahnen.

4.6 Menschen bei der Arbeit
Michel de Certeau spricht von den Menschen und ihren Bewegungsbahnen als von einem fluktuierenden, beweglichen Text, der sich permanent verändert und auf diese Weise auf den Klar-Text der städtischen Infrastruktur, wie er sich dem über der Stadt fliegenden oder auf einem Wolkenkratzer stehenden Beobachter präsentiert, einwirkt. Über den relativ statischen Klar-Text des Straßennetzes und der steinernen Häusermeeres legt sich der bewegte Text der menschlichen Interaktionen und Bewegungen. Wenn man die menschlichen Bewegungen unter neuen Kategorien subsummiert, um ihre Sichtbarkeit zu verbessern, so bietet sich neben dem Verkehrsnetz auch die Welt der Arbeit an.

Franz Hessel beschreibt seine Begegnungen mit dem arbeitenden Berliner vor allem in dem Kapitel ETWAS VON DER ARBEIT. Berlin hat „seine besondere und sichtbare Schönheit, wenn und wo es arbeitet. In seinen Tempeln der Maschine muß man es aufsuchen, in seinen Kirchen der Präzision.“ Und so besucht Hessel die AEG-Turbinenfabrik von Peter Behrens und ist von der Technik dieser Maschinen begeistert und geradezu überwältigt. „Während wir in dieser Halle mehr bestaunen als begreifen, wird uns in den kleineren Werkstätten manches zugänglicher.“ Aber es ist auch gar nicht nötig, alles zu verstehen, man braucht nur mit Augen anzuschauen, „wie da etwas immerzu unterwegs ist und sich wandelt“.

Was Hessel an dieser Stelle von einem Werkstück schreibt, das auf seinem Weg durch die Maschinen eine erstaunliche Wandlung durchläuft, während die Arbeiter nur noch wenige Handgriffe vollziehen, mehr kontrollieren als in den Produktionsprozess einzugreifen – all dies gilt auch im großen Maßstab für die Stadt selbst und für ihre Bewohner, die immerzu unterwegs sind und sich wandeln. – All dies geschieht unablässig in Siemensstadt, Charlottenburg, Moabit, Gesundbrunnen, hinter der Warschauer Brücke und an der Oberspree.

Um wiederum einen Kontrast zu den großen Fabriken zu setzen, beschreibt Hessel auch die Arbeit in einer kleinen Rahmenfabrik. Hier sind die Arbeitsprozesse noch näher miteinander verbunden, und die Arbeit der Leimerinnen, Kleberinnen, Poliererinnen und Vergolder erfordert mehr handwerkliches Geschick als die Beaufsichtigung großer Maschinen. Die Arbeitswelt der Produktion, des Handels und der Dienstleistungen, wie sie Hessel an vielen Stellen von SPAZIEREN IN BERLIN beschreibt, bilden ein komplexes Netzwerk von Waren- und Menschenströmen aus, die den Stadt-Text je nach Tageszeit modifizieren.

4.7 Menschen beim Vergnügen
Wieder andere Verdichtungen lassen sich schließlich zu anderen Tageszeiten entdecken, wenn abends die Kinos, Varietés und Theater öffnen – und noch später die Bars und Nachtclubs, um die Menschen auf die Vergnügungsmeilen zu ziehen. Auf diese Weise lebt die Stadt rund um die Uhr, und selbst in ihrer ruhigsten Phase am frühen Morgen wird der Klar-Text der Straßenzüge durch die sich in ihnen bewegenden Menschen verändert und überschrieben.

So werden selbst die Tanzveranstaltungen und Vergnügungen zu einer Lektüre des Stadt-Textes, wenn Hessel schreibt: „Sich wie durch das Gedränge der Straße steuern sie [die Berliner] durch das der Vergnügungen“. Die jungen Berliner finden zielsicher ihre „Tanzpfade im Dickicht der Menschenanhäufungen“. Die Filmtheater rund um die Gedächtniskirche, am Kurfürstendamm, in der Nähe des Potsdamer Platzes und in den Vorstädten sind für Hessel ein geeigneter Ort, um seine Berliner zu studieren. So amüsieren sich die Berliner in den Filmtheatern und Kabaretts der Stadt, suchen das derbe Vergnügen im Lunapark oder sie folgen artig dem Aufruf der Plakate: ‚Und abends in die Scala‘. Der Text der nächtlichen Amüsements, der tagsüber relativ schwach ausgebildet ist, erwacht am Abend zum Leben und macht den Stadt-Text zu einem neuen Text und modifiziert somit natürlich auch die Stadt-Lektüre.