Die Textualität der Stadt und der Flaneur als Leser

3. Der Flaneur als Phänomen der Moderne
Der Flaneur ist ein modernes Phänomen. Ohne die Großstadt, wie sie sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der zweiten Industrialisierung entwickelte, und ohne ihr beispielloses Wachstum sowie den damit verbundenen Phänomenen der Vermassung und Vereinzelung, der Anonymität und sozialen Differenzierung wäre der Flaneur als großstädtische Erscheinung nicht denkbar. Die Stadt ist ein Ort mit einem hohen (Lebens-)Tempo, und sie zeichnet sich vor allem durch die Geschäftigkeit und Eile ihrer Bewohner aus. Nicht zuletzt deswegen wird der Flaneur in seiner Langsamkeit und scheinbaren Ziellosigkeit für seine Umwelt zu einem „Verdächtige[n]“.

Auch von Roland Barthes stammen interessante Ansätze einer Semiotik der Stadt und einer Betrachtung der Stadt als Sprache, als Schrift bzw. als Diskurs. In seinem Vortrag SEMIOLOGIE UND STADTPLANUNG (1971) verweist Barthes zunächst auf Victor Hugo, der „das Denkmal und die Stadt ziemlich modern denkt, richtiggehend als Schrift, als Einschreibung des Menschen in den Raum“. Wenn man dieser Ansicht folgt und die Stadt als eine Art Schrift versteht, so ist jeder Benutzer der Stadt „eine Art Leser, der je nach seinen Verpflichtungen und seinen Fortbewegungen Fragmente der Äußerung entnimmt und sie insgeheim aktualisiert“. Es sei offensichtlich, dass

die Stadt ein Gewebe bildet, nicht aus gleichen Elementen, deren Funktionen sich inventarisieren lassen, sondern aus starken Elementen und aus neutralen Elementen oder, wie die Linguisten sagen, aus merkmaltragenden und merkmallosen Elementen.

„In jeder Stadt gibt es […] diesen grundlegenden Rhythmus der Bedeutung, der aus der Opposition, dem Alternieren und der Nebeneinanderstellung merkmaltragender und merkmalloser Elemente besteht.“ Schließlich konzentriert Barthes seine Theorie der Textualität der Stadt in der These: „Die Stadt ist ein Diskurs.“ „Die Stadt spricht zu ihren Bewohnern, wir sprechen unsere Stadt, die Stadt, in der wir uns befinden, einfach, indem wir sie bewohnen, durchlaufen, ansehen.“

Demzufolge offenbart sich das Flanieren als ein solch scheinbar zielloses Umherstreifen im urbanen Raum, das gerade eben nicht von einem (vielleicht unsichtbaren) Ziel angetrieben ist, sondern sich „von einem Raum, von Augenblicken und vom Unstetigen“ angezogen fühlt. Lothar Müller beschreibt den Flaneur als eine „Figur der Differenz, der Abweichung und der Nicht-Selbstverständlichkeit“.

4. Franz Hessels SPAZIEREN IN BERLIN (1929)
Exemplarisch soll durch eine kursive Lektüre von Franz Hessels SPAZIEREN IN BERLIN (1929) sowie im Rückgriff auf seinen Essay VON DER SCHWIERIGEN KUNST SPAZIEREN ZU GEHEN (1932) gezeigt werden, wie Hessel die Textualität der Stadt literarisch verarbeitet. Den Bildern des modernen Berlin der 1920er Jahre mit seinem Verkehr, seinen modernen Fabriken und dem turbulenten Leben in seinem Zentrum stellt er bewusst jeweils ein stilles Gegenbild zur Seite. Auf diese Weise setzt er ein bewusstes Gegengewicht zu den schrillen Bildern jener Zeit. Indem er als Flaneur selbst bewusst aus dem mitreißenden Strom des beschleunigten Lebens tritt, enthebt er auch die Menschen und Orte, mit denen er sich beschäftigt, eine Zeitlang dem Diktat des hohen Tempos des Großstadtlebens.

Die Textualität der Stadt wirkt auf den aufmerksamen Beobachter wie eine zweite Ebene, die sich über die Stadtansicht legt. Sie macht den festen Asphalt unter den Füßen des Flaneurs zu einem „doppelten Boden“, wie Walter Benjamin in seiner Rezension von Franz Hessels Flaneur-Buch (DIE WIEDERKEHR DES FLANEURS) schreibt. Für Benjamin ist der Flaneur der „unscheinbare Passant mit der Priesterwürde und dem Spürsinn eines Detektivs“. Hierbei geht es vor allem um das Aufspüren von versteckten Zeichen und Bildern, die in der Lage sind, einen Ort von seiner Profanität zu befreien und ihn zu heiligen. Der Flaneur sucht „die Bilder wo immer sie hausen. Der Flaneur ist der Priester des genius loci.“ Er trennt die Stadt in ihre dialektischen Pole. Die Stadt „eröffnet sich ihm als Landschaft, sie umschließt ihn als Stube“.

Hessel bedient sich einer Reihe von bekannten Titeln der Berlin-Literatur und von Reiseberichten, allen voran den aktuellen Baedeker, die er teilweise auch ausführlich zitiert. Durch die Einarbeitung dieser zum Teil historischen Inter-Texte seine Stadtbeschreibung für eine historische Lektüre. Die Tatsache der Historizität wichtiger Eckpunkte der Stadtbeschreibung wird von Hessel nicht nur genutzt, um seine eigenen Beobachtung in einen historischen Kontext zu stellen; sondern ihre Zitation ist wohl auch dazu gedacht, den Leser mit einem umfassenderen Berlin-Bild zu versorgen. Auch Berlin als jene „Stadt, die immerzu unterwegs ist, immer im Begriff ist anders zu werden und nie in ihrem Gestern ausruht“, besitzt eine Vergangenheit, die es sich lohnt kennen zu lernen, auch um die Gegenwart und das Tempo der Zeit besser zu verstehen. „Die Straße läßt ihre älteren Zeiten durchschimmern durch die Schicht Gegenwart.“

Diese Verschiebungen und Überschreibungen des Symbolgehalts eines Ortes in seiner Historizität sind auch für Michel de Certeau charakteristische Eigenschaften des Ortes selbst. Certeau spricht in diesem Zusammenhang auch vom „Palimpsest-Charakter“ des Ortes. Der Ort wird gerade dadurch definiert, dass er aus den Reihen dieser „Verschiebungen und Wechselwirkungen zwischen den zerstückelten Schichten, aus denen er zusammengesetzt ist“, gebildet wird und mit diesen sich verändernden Dichten spielt.

Für Franz Hessel präsentiert sich der Stadt-Raum als ein Füllhorn geheimer Zeichen. Der Flaneur „liest die Straße wie ein Buch, er blättert in Schicksalen, wenn er an Häuserwänden entlang schaut“. Hierbei forscht der Flaneur auch stets nach den Geschichten hinter den Dingen und befragt sie nach ihrer Vergangenheit. Mit anderen Worten betreibt er die Flanerie als eine „Archäologie des Stadtalltags“.
So entwirft Hessel eine „Topographie der Berliner Seelenlandschaft“; und da die Flüchtigkeit das Stigma der urbanen Phänomene ist, offenbart sich ihm die Schönheit der Dinge „erst ganz im Augenblick ihres Verschwindens, ihre Einmaligkeit im Horizont des bevorstehenden Endes“. Als distanzierter Beobachter kann er die verborgenen Hinweise aufspüren, auch die ephemeren Großstadt-Phänomene im Augenblick ihres Verschwindens beobachten und schließlich den versteckten Stadt-Text decodieren.

Orientiert man sich an Michel Butors Essay STADT ALS TEXT, so lässt sich Hessels SPAZIEREN IN BERLIN auf mehreren Ebenen auf die Textualität der Stadt hin untersuchen. So soll zum Schluss in aller gebotenen Kürze um den Text in der Stadt gehen, wie er von Hessel in seinem Berlin-Buch beschrieben wird. Dessen lapidarste Form ist natürlich der sichtbare Text der Stadt. Dem folgt der hörbare Text der zitierten Rede, bevor wir uns mit den verborgenen (meist schriftlichen) Texten der Stadt beschäftigen. Darauf folgt der gebaute Text der Stadt in den Bereichen Architektur und Wohnen; sodann die Texte der Warenströme und des Verkehrs. Schließlich wird die Textualität der Menschen bei der Arbeit sowie beim Vergnügen in der gebotenen Kürze analysiert. Alle genannten Beispiele sind als solche zu verstehen; sie erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, die im beschränkten Seitenumfang einer Hausarbeit auch gar nicht zu leisten wäre.

4.1 Sichtbarer Text der Stadt
Zunächst begegnet uns (bzw. dem Flaneur Hessel) die Welt der Zeichen ganz offensichtlich in Form der Reklame-Tafeln. Ob am verkehrsreichen Potsdamer Platz, im ärmlichen Scheunenviertel, am mondänen Kurfürstendamm oder auf der Touristenmeile an der Friedrichstraße sind die Plakate, Aufschriften und Werbeschilder omnipräsent. Hinweisschilder, Reklame, Schriftzüge an Häuserwänden usw. sind deutlich sichtbare Texte der Stadt, wie sie auch dem Flaneur Franz Hessel begegnen. Im Kapitel NACH OSTEN trifft er hinter dem Alexanderplatz auf sie, in der Münzstraße, am Georgenkirchplatz und anderswo. Viele Beispiele dieses Stadt-Textes nennt Hessel in seinem Text: ‚Bouletten vom Roßfleisch, Stück 5 ch‘, ‚Hundeklinik und -Bad, Hunde- und Pferdescheranstalt‘, ‚Stilla Sana‘, ‚Küchenhimmel‘ und ‚Möbelcohn‘ seien hier stellvertretend für viele weitere genannt. An anderer Stelle, im Kapitel über den Leipziger Platz, zitiert Hessel ‚Gänsebrust das beste Festgeschenk‘, ‚Dreipreis 25, 50 und 95 ch‘. Und natürlich auch im Zusammenhang mit den nächtlichen Vergnügungen in der Stadt lässt Hessel die Reklame-Welt zu Wort kommen: ‚Bei freiem Eintritt und Konsum von M 3 genießen Sie von 81/2 bis 121/2 pausenlos das beste Kabarett Deutschlands. Nachmittagsgedeck 2 M 50 mit Kuchen, soviel Sie wollen‘. In einem Kapitel über die Berliner Ausflugskultur mit ihren Vergnügungsstätten im Grünen wie den Biergärten in der Hasenheide zitiert Hessel die dort geläufigen Anpreisungen auf den großen Anschlagstafeln: ‚Täglich großes Stimmungskonzert bei freiem Eintritt‘.

4.2 Hörbarer Text der Stadt
Hessel lässt den Text der Stadt auch im ganz wörtlichen Sinne zu Worte kommen, indem er deren Bewohner belauscht und dem Berliner aufs Maul schaut, wie man auch sagen könnte. So finden wir herrliche Milieustudien, die an Hans Ostwalds DUNKLES BERLIN oder an die Untertitel zu Heinrich Zilles Bildern erinnern, wenn Franz Hessel die Straßenhändler auf der Müllerstraße im Wedding zu Wort kommen lässt (so z.B. mit dem verkaufsfördernden Gedicht ZEHN FENNJE DER KLEIDERSCHRANK! oder den anpreisenden Worten eines Verkäufers von Krawattenhaltern).

An anderer Stelle illustriert er die Bodenständigkeit der Zuschauer beim Sechstagerennen im Berliner Sportpalast mit ihrer derben Sprache: „Wo bleibt denn der Sportpalastwalzer? Ihr Fettjemachten, ihr Volljefressnen! Andre Kapelle! Halt´t Schnauze mit eurem ‚Ich küsse ihren … Madame‘.“ Hessels kleine Entdeckungsreisen des Zufalls werden gerade in solchen Passagen zu einer ethnographischen dichten Beschreibung, wie sie vor ihm Hans Ostwald in seinen GROßSTADT-DOKUMENTEN von Berlin anfertigte – und lange nach ihm Clifford Geertz für die Arbeit des Ethnologen forderte.

In SPAZIEREN IN BERLIN finden sich viele Textpassagen mit direkter Rede, wie sie in einer Reportage Platz finden würde. Hessels langjährige Arbeit für die Zeitung spiegelt sich in diesen Passagen wider und sorgt dafür, dass der Text lebendig wird.