Die Textualität der Stadt und der Flaneur als Leser

Eine Ortsbeschreibung schwankt immer zwischen den beiden Zugangsmöglichkeiten des Gehens (raumbildende Handlungen) und des Sehens (das Erkennen einer Ordnung der Orte). Entsprechend unterscheidet Certeau auch zwischen Wegstrecken und Karten als zwei Methoden für den Zugang zu einem raumzeitlichen Gebilde wie der Stadt. Grundsätzlich lässt sich nach dem Verhältnis „zwischen der Wegstrecke (eine diskursive Reihe von Handlungen) und der Karte (eine totalisierende Planierung der Beobachtungen)“ fragen.

Certeau spricht sogar davon, dass letztlich das Gehen der „Raum der Äußerung“ ist. Wenn Certeau das Gehen hier mit einem Sprechakt vergleicht, impliziert dieser Vergleich, dass beiden Vorgängen in ihrer Performativität auch jeweils die Autorität des Handelnden zugrunde liegt. Sowohl die Bewegung des Flaneurs im Raum als auch eine Äußerung werden erst durch die Autorität des Handelnden zu einer sinnvollen Handlung.

Wenn wir uns einen Raum vorstellen, ist er in der Regel nicht leer, sondern mit Körpern oder Dingen gefüllt, die in einer bestimmten Art und Weise angeordnet sind. Diese Dinge sind Produkte materiellen oder symbolischen Handelns. Häuser, Straßen, Laternen, Omnibusse, Kioske sind primär materielle Güter, während Lieder, Denkmäler, Werte und Vorschriften primär symbolische Güter sind. Martina Löw spricht zusammenfassend in Anlehnung an Reinhard Kreckel von sozialen Gütern. Demnach ist Raum eine „relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern“.

Für Löw ist der Raum ein sozial konstituiertes Phänomen. Sie differenziert bei ihrem konstruktivistischen Raumbegriff zwischen dem Spacing und der Syntheseleistung in Form von Wahrnehmungs-, Vorstellungs- oder Erinnerungsprozessen. Das Spacing beschreibt das Platzieren von sozialen Gütern mit den Handlungsschritten des Errichtens, Bauens oder Positionierens. Die Syntheseleistung besteht in der Fähigkeit, Lebewesen und soziale Güter in eine Einheit zu fassen. Da Handeln immer prozesshaft ist, existiert im alltäglichen Handeln der Konstitution von Raum eine Gleichzeitigkeit der Syntheseleistungen und des Spacing. – Was bedeutet das für das Gehen des Flaneurs als eine raumkonstituierende Praktik?

Wenn man, wie Gunter Weidenhaus in seiner aktuellen Studie über die SOZIALE RAUMZEIT (2015) fordert, die Tatsache anerkennt, dass sich sowohl die räumlichen als auch zeitlichen Konstruktionslogiken immer wieder ändern, so müsste man den zeitlosen Raumbegriff durch den Begriff einer variablen sozialen Raumzeit ersetzen. Nicht nur die Vorstellung vom Raum hat sich im wissenschaftlichen Diskurs vielfach gewandelt; so durchzieht die Kontroverse zwischen absolutistischen und relativistischen Raumtheorien die Wissenschaftsgeschichte seit Jahrhunderten. Auch die zeitliche Konstruktionslogik ist von unterschiedlichen Interpretationsversuchen begleitet – man denke etwa an Paul Virilios Metapher vom rasenden Stillstand oder an Zygmunt Baums These, dass die Zeit kein gleichmäßig dahinfließender Fluss sei, sondern einer Ansammlung von Teichen und Tümpeln ähnele – also diskontinuierlich verlaufe. Aus einer solchen Perspektive könnten sich auch für die Lektüre von Hessels SPAZIEREN IN BERLIN neue Einsichten bezüglich des Verhältnisses von Raum und Zeit ergeben. – Doch zurück zu Michel de Certeau.
Die räumliche Ordnung der Stadt eröffnet dem Flaneur eine Reihe von Möglichkeiten und Richtungen, in die er gehen kann; gleichzeitig verhindern Verbote oder Grenzen (wie Mauern, Hinweisschilder) andere Möglichkeiten der Raumdurchquerung. Der Gehende nun „aktualisiert […] bestimmte dieser Möglichkeiten“. Dadurch verhilft er diesen von ihm gewählten Möglichkeiten zur Existenz und Erscheinung, aber „er verändert sie auch“. Certeaus analoge Betrachtung der Akte des Gehens und Sprechens gipfelt darin, dass er von einer „Rhetorik des Gehens“ spricht. Entsprechend ist es die Aufgabe jedes Gehenden (und somit auch des Flaneurs), eine „konjunktive und disjunktive Artikulation von Plätzen“ herbeizuführen: Im Akt des Gehens bewegt sich der Flaneur von einem Platz zu einem anderen Platz, wobei er ständig seine Position und damit seine räumliche Relation zu den Plätzen am Weg verändert. Insofern lassen sich Verbindungen von Plätzen als eine konjunktive Artikulation und das Meiden von Plätzen als disjunktive Artikulation begreifen.

Der Blick vom 420 Meter hohen World Trade Center ist der distanzierte Blick des Piloten, des Kartographen oder auch des Lesers eines Stadtplans. Ihnen verwandelt sich die Stadt „in einen Text, den man vor sich unter den Augen hat. Sie [die Distanz] erlaubt es, diesen Text zu lesen“. Der Text der Stadt breitet sich vor dem distanzierten Beobachter aus wie eine Karte, und nur die Distanz ermöglicht ihm, in der Draufsicht eine Ordnung zu entdecken und in diesem statischen Text-Schema der Stadt zu lesen wie in einem Buch.

Auf diese Weise erzeugt der distanzierte Blick eine „Fiktion, die Leser schafft, indem sie die Komplexität der Stadt lesbar macht und ihre undurchsichtige Mobilität zu einem transparenten Text gerinnen“ lässt. Hier wird deutlich, wie die Distanz dem oben stehenden Beobachter einen Überblick über den gesamten Text der Stadt gewährt, ihn sozusagen neben der Gliederung des Textes und der Kapitel-Einteilung auch den Satzspiegel und das Layout mit einem Blick erfassen lässt. Eine solche Übersicht, wie sie der entfernte Blick erlaubt, ist dem Flaneur, der unten in den Straßen unterwegs ist, nicht gewährt.

Anders als der Kartenleser, der Kartograph, der Pilot und der Stadtplaner, die aus der Distanz einen unverstellten Blick auf den Text der Stadt gewinnen, bewegt sich der Flaneur unten in den Straßen. Für Certeau werden die Bewohner der Stadt (und mit ihnen auch der Flaneur) zu Fußgängern, „deren Körper dem mehr oder weniger deutlichen Schriftbild eines städtischen ‚Textes‘ folgen, den sie schreiben, ohne ihn lesen zu können“.

An diesem Punkt unterscheidet sich Certeaus Sichtweise deutlich von der Hessels: Was Certeau für die gewöhnlichen Benutzer der Stadt beschreibt (dass sie den Stadt-Text schreiben, ohne ihn selbst lesen zu können), mag für die meisten Menschen zutreffen. Die Masse besitzt weder ein Bewusstsein für die Textualität der Stadt noch ein Bedürfnis, diesen Text zu lesen. Während jedoch Certeau den Flaneur mit dem gewöhnlichen Stadtbewohner identifiziert, behauptet Hessel eine Sonderstellung des Flaneurs als eines Beobachters, der durchaus in der Lage ist, eine distanzierte Haltung einzunehmen, auch wenn er sich unten in den Straßen bewegt und auf keine eigene Vogelperspektive auf die Stadt zurückgreifen kann. Als solche Karten der Stadt, die ihre gebauten Strukturen und Ordnungen erkennen lässt, dienen ihm ein Stadtplan und die Linienpläne der Verkehrsmittel. Entsprechend findet Franz Hessel wie wir unten sehen werden, die Beschreibung von Wegstrecken in den Reiseberichten und Erinnerungen der historischen und zeitgenössischen Berlin-Literatur.

„Die Netze dieser voranschreitenden und sich überkreuzenden ‚Schriften‘ bilden ohne Autor oder Zuschauer eine vielfältige Geschichte, die sich in Bruchstücken von Bewegungsbahnen und in räumlichen Veränderungen formiert.“ Mit diesen Worten beschreibt Certeau die Vermischung der Textebenen der Stadt, die Mischung vom Grund-Text der steinernen Strukturen des Straßensystems und dem fließenden, sich stets wandelnden Text der Bewegungsbahnen ihrer Bewohner. Certeau verweist an diesem Punkt auch auf das Phänomen der Prozessualität der Genese des Stadt-Textes: Der Text der Stadt ist niemals festgeschrieben, niemals statisch, sondern immer in Bewegung und Veränderungen unterworfen. Jeder Bewohner, jede seiner Handlungen und seine Bewegungen schreibt sich neu in diesen Stadt-Text ein und modifiziert ihn.

Michel Butor hingegen begegnet dem Phänomen Stadt mit einem semiotischen Blick, der sich weniger auf die Raumkategorie als auf die Zeichenhaftigkeit und den Symbolgehalt der Stadt bezieht. Folgerichtig kommt Butor zu dem Schluss, dass sich die „Stadt als literarische Gattung […] mit dem Roman vergleichen“ lässt – einem Roman wohlgemerkt, der von seinen Lesern ständig neu geschrieben wird.