Die Textualität der Stadt und der Flaneur als Leser

Die textualität der Stadt (C) 2015 Ralph Krüger

Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben. (Franz Hessel: Spazieren in Berlin, 1929)

1. Einleitung
Was Franz Hessel hier über das Flanieren schreibt, verweist auf eine besondere Perspektive auf die Stadt als einen Text, den man lesen kann. Zunächst scheint diese Rede von einer Textualität der Stadt nahe liegend zu sein. Die Stadt als menschlicher Lebens- und Handlungsraum ist selbstverständlich auch ein von Menschenhand gestalteter, kultivierter Raum. Doch wie lässt sich eine Textualität der Stadt beweisen und wie kann man diesen Text der Stadt lesen? – Der Flaneur scheint als jemand, der die Stadt durchwandert und in den Begegnungen mit Menschen und Orten jene Spuren sucht, die für die Stadt charakteristisch sind, für die Stadt-Lektüre besonders privilegiert zu sein. Andere Stadt-Leser sind der Kartenleser und der Stadtplaner, die von oben, aus einer bewussten Distanz, auf die Stadt als ganze schauen, während der Flaneur ganz unten in das Häusermeer eintaucht und „umspült von der Eile der andern […] ein Bad in der Brandung“ nimmt.

Wir wollen mit einem Zitat von Michel de Certeau (1980) beginnen, der die Verbindung von Stadt und Text auf seine Art und Weise verdeutlicht:

Von der 110. Etage des World Trade Centers sehe man auf Manhattan. […] Für einen Moment ist die Bewegung durch den Anblick erstarrt. Die gigantische Masse wird unter den Augen unbeweglich. Sie verwandelt sich in ein Textgewebe, in der [sic!] die Extreme des Aufwärtsstrebens und des Verfalls zusammenfallen.

Was Michel de Certeau in seiner Abhandlung KUNST DES HANDELNS beschreibt, bildet den Ausgangspunkt dieser Hausarbeit. Die Textualität der Stadt offenbart sich dem Betrachter beim Blick vom 420 Meter hohen Turm eines Wolkenkratzers. Im Rahmen dieser Arbeit soll versucht werden, Franz Hessels SPAZIEREN IN BERLIN (1929) unter dem Aspekt der Textualität der Stadt zu lesen, wobei die Rolle des Flaneurs als Leser der Stadt herausgearbeitet werden soll.

2. Die Zeichensysteme der Stadt
Die Rede von der Stadt als Text verweist zunächst auf den gleichnamigen Essay von Michel Butor aus dem Jahr 1980. Die Textualität der Stadt lässt sich auf mehreren Ebenen beobachten. In den Städten ist man „begleitet, empfangen, verfolgt von Text“. In der Stadt sind wir konfrontiert mit einer Unmenge an Texten, es bestürmen uns „überall Wörter“, meint Michel Butor.

Zum einen sind hiermit die nahe liegenden Text-Ebenen gemeint, die auch Butor in seinem Essay benennt: die Texte über die Stadt (Reiseführer, Stadt-Literatur) sowie die Texte in der Stadt: Butor versteht die Stadt vor allem als einen gigantischen Speicherort von Texten aller Art – von Aufschriften, Hinweisen, Anweisungen, Verkehrszeichen. Neben den Aufschriften gibt es einen noch größeren Bereich semiotischer Inhalte; so existiert ein „großer Bereich von Halbtext, von […] Symbolen“. Zu solchen Halbtexten zählt Butor Signale, Ideogramme, Logos und andere symbolische Textformen. „Zu den Zeichen des sprachlichen Repertoires treten unzählige andere, die man wie die einer Sprache zu entziffern und zu handhaben lernen muß.“

Schließlich ist die Stadt für Butor eine Bibliothek und ein Archiv, nicht nur der öffentlichen und publizierten Texte, sondern auch der privaten, verborgenen und vergessenen Schriften. Neben dem offen liegenden, omnipräsenten Text ist es aber auch und gerade der verborgene Text, der die Textualität der Stadt bestimmt: „Die Funktion der Stadt als Speicher von Texten“: in Bibliotheken und Archiven, Buchhandlungen und Privatbibliotheken.

Darüber hinaus gibt es jedoch eine Textualität der Stadt, die sich eher an Clifford Geertz´ Verständnis von der „Kultur als Text“ anlehnt und die Stadt selbst zu einem textuellen Phänomen macht: Straßen, Gebäude, Verkehrsmittel, institutionelle und ökonomische Strukturen, Kommunikationsnetze und städtische Versorgungsleitungen, Luftwege, Wasserwege und Schienenstränge usw. – sie alle bilden das komplexe Netz des städtischen Raumes, die urbane Infra- und Kommunikationsstruktur. Und selbstverständlich erzeugen auch soziale Beziehungen, Handlungen und Verhaltensweisen weitere, noch flexiblere und dynamischere Netzstrukturen, die sich innerhalb des Stadt-Raumes und über diesen hinaus erstrecken.

All diese vielschichtigen, teils statischen und teils dynamischen Gewebe der Großstadt erzeugen ihre Textualität und machen die Stadt zu einem Text, zu einem Gewebe. Die Beschäftigung mit den Zeichensystemen der Stadt reicht jedoch deutlich weiter zurück als in die 1980er Jahre: So bezeichnete Victor Hugo bereits 1831 in NOTRE-DAME DE PARIS die Stadt als ein steinernes Buch und nannte die Architektur eine Art von Schrift. So auch Butor: „Es gibt mehr oder weniger buchhafte Städte, je nachdem ob ihre eigene Sprache stärker oder schwächer mit Büchern verbunden ist.“ Michel Butor spricht in diesem Zusammenhang auch von „Textstädte[n]“.

Ohne Zweifel war auch das Berlin der 1920er Jahre eine solche Textstadt, wie sie Michel Butor beschreibt. Je nachdem wie sehr eine Stadt vom Text geprägt ist, bestehen Stilunterschiede zwischen ihnen. Mit anderen Worten: Berlin liest sich anders als Rom, Paris oder London – und natürlich noch ganz anders als Kairo oder Tokio. Aber auch innerstädtisch gibt es bereits deutliche Stilunterschiede: „In einem vornehmen Wohnviertel unterscheidet sich die Grammatik von der eines Slums.“ Diese spezifische Sicht auf die Textualität der Stadt bildet für diese Hausarbeit den hypothetischen Hintergrund, vor dem Franz Hessels SPAZIEREN IN BERLIN einer exemplarischen Lektüre unterzogen und die Rolle des Flaneurs als Leser herausgearbeitet werden sollen.
Wie eingangs gesehen, hat sich Michel de Certeau ausführlich mit dem Phänomen der Textualität der Stadt beschäftigt. Am Beispiel Manhattans zeigt er, wie die urbane Struktur der City sich dem Betrachter präsentiert wie ein Buch, das seinen Text offenlegt. In den Häuserschluchten Manhattans „bilden die größten Schriftzeichen der Welt eine gigantische Rhetorik des Exzesses an Verschwendung und Produktion“. Certeaus Identifikation von Wolkenkratzern und Schriftzeichen verweist auf jene fundamentale Textualität der Stadt und erinnert wiederum an Victor Hugos Rede von der Stadt als eines steinernen Buches.