Hubert Knoblauch: „Populäre Religion. – Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft“

Hubert Knoblauch: "Populäre Religion - Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft"Spätestens seit Hape Kerkeling lakonisch bemerkte: „Ich bin dann mal weg“ und den Jakobsweg entlang wanderte und seit die Deutschen in der BILD-Zeitung lesen konnten: „Wir sind Papst!“, ist ein Trend klar zu erkennen, der sich durch alle Schichten der Gesellschaft zieht und den neuen Zeitgeist einer Renaissance der Religion widerspiegelt.

Wenn es den Menschen schlecht geht, fangen Sie an zu beten. Geht es ihnen gut, so kennen sie ihren Gott nicht mehr. Das ist eine alte Weisheit, und jeder kennt es wahrscheinlich aus eigener Erfahrung.

Die moderne Gesellschaft hat mit ihrem Individualismus und ihrer konsumorientierten Lebensweise zu einem unglaublich hohen Lebensstandard geführt, der scheinbar Glück verheißt. Doch gleichzeitig hinterlässt die egozentrierte Lebensweise in unserer Gesellschaft eine neue und nie zuvor in diesem Ausmaß gekannte Leere und Sinnlosigkeit im Leben des Einzelnen.

Auf der Suche nach Sinn und Erfüllung landen die meisten Menschen folgerichtig früher oder später bei den „großen Fragen“ und damit auch bei der Frage nach Gott. Aber auch Christen suchen verstärkt nach Spiritualität und einem sinnlich-erfahrbaren Glauben.

Hubert Knoblauch ist Professor für Allgemein Soziologie an der TU Berlin. Somit ist es nahe liegend, dass er in seinem Buch vor allem der Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen für die Popularität des Spirituellen nachzugehen versucht. Hierbei untersucht er die ganze Spannweite der aktuellen Trends: Wandern auf dem Jakobsweg, New Age, Feng Shui, Engelskult – Die individuelle Suche nach Spiritualität stellt die neue Sozialform des Religiösen dar. Ihren Kern bilden besondere Erfahrungen der Transzendenz, die nicht mehr nur in freikirchlichen Gemeinden oder esoterischen Zirkeln gepflegt werden, sondern tief in die Alltagskultur hineinreichen.

Die Religion als Markt der Weltanschauungen, aus denen man sich wie in einem Supermarkt von hier das Eine und von dort das Andere heraussucht, das einem gerade gut gefällt – diese Metapher ist für die gesellschaftliche Rezeption des Religiösen symptomatisch. Die breiten Modeströmungen der Esoterik haben es in den 1980er und 1990er Jahren vorgemacht. Jeder Sinnsuchende fand das für ihn geeignete und ihn besonders ansprechende Vehikel esoterischer Techniken und Inhalte, die sein individuelles Bedürfnis nach Spiritualität und spirituellem Erleben befriedigten. Das Gleiche erleben wir aktuell in den christlichen Kirchen.

Die Öffnung der Gottesdienstformen in Richtung einer erlebbaren Gottesnähe und eines gemeinschaftlichen, sinnlich erfahrbaren Glaubenserlebnisses kommt dem Wunsch vieler Gläubigen entgegen.

Knoblauch geht in seinem Buch bewusst wissenschaftlich vor und widmet sich nach einem einleitenden Abschnitt über die Säkularisierung des Religiösen zunächst der Frage nach einer Begriffsbestimmung: Religion, Transzendenz und Sozialität.

Die Hauptabschnitte des Buches behandeln die verschiedenen Varianten spiritueller Erfahrung in Fundamentalismus, New Age, esoterischen und okkultistischen Zirkeln und betrachtet die Popularisierung der Spiritualität in unserer Zeit und die Erhebung des Subjekts, des Individuums, zum eigentlichen Objekt der Sinnsuche. Die selbst empfundene spirituelle Erfahrung als das Ziel der individuellen Suche nach dem Sinn des Lebens tritt an die Stelle einer originär gemeinschaftlichen Gotteserfahrung des Christentums.

Hubert Knoblauch beschäftigt sich in seinem sehr gut lesbaren Essay über die Popularisierung der Religion mit einem aktuellen gesellschaftlichen Phänomen. Er konstatiert hierbei die Auflösung der Grenzen zwischen sakral und profan. Allein die spirituelle Erfahrung ist entscheidend und wird zum Gradmesser für den Erfolg der individuellen Sinnsuche.

Wir befinden uns auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft, in der die Selbsterfahrung im spirituellen Erlebnis über der kollektiven Erfahrung der Gemeinschaft der Gläubigen steht.

Wenn es jedoch gelingt, aus dem vereinzelten Erleben von Spiritualität ein gemeinschaftliches Erlebnis zu machen, dann kann unsere Gesellschaft auf diese Weise die Isolation der Individuen überwinden und wieder zu einem kollektiven Erlebnisgrund gemeinschaftlicher Erfahrungen und Handlungen werden.

 

Autor: Hubert Knoblauch
Titel: „Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft.“
Broschiert: 311 Seiten
Verlag: Campus Verlag
ISBN: 3593388839
EAN: 978-3593388830

 

Bei AMAZON kaufen

Bei LIBRI kaufen