Uwe Timm: „Montaignes Turm. Essays“

Uwe Timm: „Montaignes Turm. Essays“Es ist das kleine Turmzimmer seines Schlosses, in das sich Michel de Montaigne zurückzog, umgeben von den Büchern seiner Bibliothek, und in dem er, bisweilen aus dem Turmfenster in den Garten schauend, auf die reise zu sich selbst aufbrach und seine Gedanken als kleine „Versuche“ niederschrieb. Damit begründete Montaigne eine neue Textsorte, die bis heute zu den edelsten Gewächsen der Literatur gehört: den Essay.

Jetzt ist ein Essayband von Uwe Timm erschienen, der, nach dem ersten Essay benannt, den Titel „Montaignes Turm“ trägt. In diesem kleinen, nicht einmal 190 Seiten umfassenden, handlichen Büchlein mit Lesebändchen sind zehn Essays versammelt, die sich alle, mehr und weniger, mit Literatur, Kunst und Kultur beschäftigen.

Wenn eingangs behauptet wurde, dass die Textsorte Essay zum Edelsten gehört, was ein Schriftsteller zu produzieren vermag, so muss natürlich eine wichtige Einschränkung gemacht werden: Die Qualität eines Essays steht und fällt selbstverständlich mit dem Talent des Autors; kann der Mensch nicht schreiben, wird er auch keinen vernünftigen Essay zustande bringen, den zu lesen Vergnügen bereitet.

Umgekehrt kann ein guter Schriftsteller gerade im Essay zur Hochform auflaufen, seinen Gedanken ohne die Zwänge einer Geschichte und ihrer Handlung nachschreiben und für seine Gedanken die schönsten Wortfiguren und Wendungen finden. Uwe Timm ist ein sehr guter Essayist. Seine Essays sind nämlich in der Tat literarische Versuche, sich einem Untersuchungsgegenstand vorsichtig zu nähern, ganz im Gegensatz zu vielem, was anderswo unter dem Label „Essay“ auf den Buchmarkt geworfen wird. Timm betrachtet seinen Gegenstand von allen Seiten, stellt ihn, wie auf einer Bühne, vor sich hin, schaut, beobachtet und notiert. Vor allem aber sind seine Essays immer auch Selbstbeobachtungen, und das ist das Entscheidende, was einen wirklich guten Essayisten ausmacht: Er bringt sich selbst in den Text ein.

Seine Essays sind keine Aneinanderreihungen von Gedanken- und Worthülsen, keine Schwafeleien über ein gewähltes Thema; sondern man findet den Autor überall in seinen Texten wieder. Er versteckt sich nicht hinter der Maske des wohlklingenden Schwätzens, sondern lädt den Leser an seiner Seite zur gemeinsamen Beobachtung ein.

So lesen wir nicht nur, wie Montaignes Turm auch für den Autor selbst zu einem schönen Schreibort werden könnte; wir lesen Thomas Manns Zauberberg unter Uwe Timms Anleitung neu; wir untersuchen gemeinsam mit ihm den Begriff des Mythos, besuchen Wolfgang Koeppen, beschäftigen uns mit Franz Kafka und reisen mit ihm in den Tschad.

Uwe Timm wurde 1940 geboren und ist seit 1971 Schriftsteller. So hat sich über viele Jahrzehnte als Schriftsteller einen Namen gemacht. Viele seiner literarischen Werke, wie „Die Erfindung der Currywurst“, „Freitisch“, „Am Beispiel meines Bruders“ oder auch „Morenga“, sind zu wichtigen Landmarken der neuen deutschen Literatur geworden. Ausgezeichnet mit vielen Literaturpreisen, lebt Uwe Timm heute in München und Berlin.

„Montaignes Turm“ ist ein wunderschöner und leicht zu lesender Essayband mit Reflexionen über das Schreiben und über Schreibanlässe, über das eigene Schreiben sowie das literarische Schaffen seiner Schriftstellerkollegen. In dieser hübschen gebundenen Ausgabe, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, wird die Lektüre gleichermaßen zu einem ästhetischen wie kulturellen Hochgenuss. In diesen ansonsten so hektischen und aufgeregten Zeiten schenkt Uwe Timms Essayband dem Leser eine entspannende Auszeit. „Montaignes Turm“ ist seine Einladung zur gemeinsamen literarischen Reflexion – eine Einladung, die man gerne weitergibt, um sie mit möglichst vielen anderen zu teilen.

Autor: Uwe Timm
Titel: „Montaignes Turm. Essays“
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN-10: 3462047434
ISBN-13: 978-3462047431