Ian McEwan: „Kindeswohl“

Ian McEwan - KindeswohlFiona ist Richterin am High Court in London. Ihr Spezialgebiet sind Kinder. Kinder in Not, in zerrütteten Familien, in interreligiösen Konflikten, in Grenzsituationen. Als Unmündige sind Kinder die ersten Opfer ehelicher oder familiärer Auseinandersetzungen. Ist es erlaubt, für einen 17-jährigen, an Leukämie leidenden Jungen, dessen Eltern Zeugen Jehovas sind, die Behandlung mit Bluttransfusionen zu erzwingen, um sein Leben zu retten? Oder wie steht es mit dem Fall jener beiden Mädchen, die im Norden Londons bei den Charidim, ultraorthodoxen Juden, leben und nicht nur in ihren Mobilitätsrechten eingeschränkt werden? Oder die Tochter, die von ihrem muslimisch-fundamentalistischen Vater nach Marokko entführt wird, um dort verheiratet zu werden…

Kindeswohl ist eine gesellschaftliche, eine soziale Aufgabe. Ein Kind kann nicht für sich selbst sorgen; es benötigt den Schutz durch die Erwachsenen. Nicht immer sind dies die Eltern des Kindes. Zum Schutze des Kindes gibt es in Großbritannien den „Children Act“ von 1989. Dort heißt es im Abschnitt 1: „In jeder Frage der Sorge für die Person eines Kindes… hat das Wohl des Kindes dem Gericht als oberste Richtschnur zu dienen.“ Das utilitaristische Erbe des britischen Denkens erlaubt es in Anbetracht dieser starken Priorisierung des Kindeswohls dem Gericht in seltenen Ausnahmefällen sogar, das ansonsten geltende Recht zum Wohle des Kindes zu beugen.

All diese Geschichten – oder besser: Fälle – werden in Ian McEwans neuem Roman „Kindeswohl“ verhandelt, der jetzt auf deutsch erschienen ist. Wie immer ist McEwan ein Meister der Recherche. Wie auch schon in „Solar“, wo es (auch) um den globalen Klimawandel ging, hat der Autor sich tief, sehr tief in die Materie eingearbeitet. Dieses Mal wurde er von Sir Alan Ward, ehemals Richter am High Court in London, unterstützt, der ihm nicht nur vieles über den Alltag eines Richters in Temple erzählte, sondern dessen glänzend formulierte Urteile zum Teil auch als Vorlage für die in McEwans neuem Roman beschriebenen Fälle dienten.

Die zweite Erzählebene berichtet von Fiona und ihrem Mann Jack. Jack ist ein erfolgreicher Universitätsprofessor und sechzig Jahre alt. Eines Abends konfrontiert er Fiona mit seinem Wunsch, mit einer jungen Frau Sex zu haben – um überhaupt wieder Sex zu haben! Denn der Sex ist in den letzten Ehejahren einfach verloren gegangen. Zu viele Termine, zu wenig Zeit. Nun soll es Melanie sein, eine junge Statistikerin, die er irgendwo kennen gelernt hat. Fiona setzt ihn vor die Tür, dann ist er einfach wieder da. Was dann folgt, sind die Szenen einer Ehe, wie man sie überall auf der Welt beobachten kann. Fiona und Jack denken an Neustart, versuchen ihre Ehe wieder zum Laufen zu bringen und scheitern doch immer wieder an den kleinen Alltäglichkeiten, die ihre Leichtigkeit für immer verloren zu haben scheinen. – All dies klingt wenig spektakulär und lesenswert, doch die Art und Weise, wie es McEwan gelingt, diese Fragmente eines Ehelebens zu einem Mosaik des Scheiterns zu verdichten, ist wirklich meisterhaft.

Was macht das Besondere der Romane von Ian McEwan aus? Es ist nicht nur die genaue und außerordentlich nuancenreiche Sprache die (zumindest in ihrer deutschen Übersetzung durch Werner Schmitz) an die großen Klassiker der englischen Literatur erinnert. Es ist aber auch ihre absolute Nähe zu unserer Gegenwart in ihrer Mannigfaltigkeit und das untrügliche Gespür des Autors für die Zeitfragen, die uns alle betreffen. Seine Geschichten sind am Puls der Zeit. Seine Charaktere wirken authentisch, weil auch sie eine Tiefe und Ambivalenz besitzen, wie sie uns in der Literatur selten, in der Realität nahezu ausschließlich begegnen. Jene Authentizität der Figuren und die Einbettung der zwischenmenschlichen Geschichten in eine ihnen übergeordnete, gesellschaftliche, politische, soziale Erzählebene sind das Charakteristische an McEwans Erzählstil.

„Kindeswohl“ macht hier beileibe keine Ausnahme, sondern fügt sich nahtlos in die lange Reihe großartiger Werke ein, die gerade aufgrund ihrer Zeitgebundenheit und ihrer Einbettung in die jeweilige gesellschaftliche Gegenwart zu Dokumenten und Beweisstücken menschlicher Verfasstheit am Beginn des 21. Jahrhunderts. Zeitdokumente für die Nachgeborenen. Große Literatur. Oder auch einfach verdammt gut geschriebene Storys, die immer wieder begeistern und unterhalten, nachdenklich stimmen und die unfassbare Vielheit und Ambiguität unseres postmodernen Lebens ertragbar machen.

Autor: Ian McEwan
Titel: „Kindeswohl“
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 3257069162
ISBN-13: 978-3257069167

 

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