Ein weiblicher Neuzugang im Altenheim! Ein hochinteressantes Ereignis und eine willkommene Gelegenheit für den alten Rebellen, Mr Woodruff, seine Chancen beim weiblichen Geschlecht gewinnbringend zu nutzen, denn jene Unbekannte soll ein Zimmer mit Waschbecken bekommen, das kürzlich „auf natürliche Weise“ frei geworden war; so was passiert in Altenheimen öfters.
Mr Woodruff, der seinem Charakter nach auf Deutsch auch gut Haudruff heißen könnte, hat es sich zur Restlebensaufgabe gemacht, ein wenig Anarchie in den Laden zu bringen und seinen Mitbewohnern durch sein Beispiel klarzumachen, dass sie alle nicht mehr so wirklich viel Zeit haben, um noch etwas Spaß zu haben. Dementsprechend turbulent und auf eine typisch britisch-skurrile Art läuft die Handlung dieser kurzen Erzählung aus dem Ruder.
Was so anscheinend witzig und leicht beginnt, kippt aber schnell ins Gegenteil; der ironische und sarkastische Ton des Erzählers bleibt durchgehend erhalten, aber im Hintergrund treibt ein zunächst unsichtbarer weiterer Akteur sein Unwesen: Es ist das die Pandemie auslösende Corona-Virus.
Die Pandemie hat vieles verändert. So auch den Ton in der Literatur. Viele Autorinnen reagierten auf den Lockdown und die selbst für Schriftsteller ungewöhnliche Situation der Isolation mit dem Verfassen von Pandemie-Tagebüchern oder anderen selbstreflexiven Texten, die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzten. So auch Alan Bennett: Der zweite Text dieses schmalen Bändchens (Hausarrest) ist ein solches Pandemie-Tagebuch.
Dieses feine, kleine Büchlein aus der Salto-Reihe im Wagenbach-Verlag vereint demnach zwei kurze Texte von Alan Bennett, die bereits 2022 und 2024 im englischen Original erschienen sind: Killing Times, auf Deutsch: Zeit totschlagen, und House Arrest (Hausarrest), eben jenes Pandemie-Tagebuch.
Wie man das von Alan Bennett gewohnt ist, skizziert er mit wenigen, exakt gesetzten Strichen die Szene und charakterisiert seine Figuren auf dem Spielfeld mit einer Genauigkeit, dass man schon nach wenigen Sätzen eine sehr plastische Vorstellung der Akteure bekommt. Das ist, wie immer, meisterhaft.
Alan Bennett ist Jahrgang 1934, also inzwischen selbst über 90 Jahre alt; eine kurze Online-Recherche scheint zu bestätigen, dass es ihm gesundheitlich so weit gutgeht, was keine Selbstverständlichkeit ist, denn Bennett hat in dieser Hinsicht schon einiges hinter sich. So mag es auch nicht verwundern, dass die kurzen Texte in See you later insgesamt weniger witzig sind als frühere Erzählungen, denkt man an The Lady in the Van oder an Die souveräne Leserin, sondern alles wirkt vergleichsweise düster und ernst.
So ist auch das Pandemie-Tagebuch mit dem passenden Titel Hausarrest, genau genommen, weniger Pandemie-Tagebuch als ein nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, in denen man sich in Künstlerkreisen traf, Stücke schrieb und jede Menge Spaß hatte. Nostalgie und Wehmut also … Insofern dürfte es doch wieder ein typisches Pandemie-Tagebuch sein: Wir waren isoliert, mussten zuhause bleiben und sollten keine Freunde treffen. — Woran denkt man also die ganze Zeit, während man zuhause sitzt, nachdem man seine Wohnung blitzblank geputzt und alles auf Vordermann gebracht hat? Man träumt sich weg aus dieser Miere und erinnert sich sehnsüchtig an die Zeiten, in denen man sich unbeschwert und ohne Sicherheitsabstand mit Freunden traf, das Leben genoss und jede Menge Spaß miteinander hatte, ohne an die gesundheitlichen Folgen zu denken.
Gleichzeitig wird in Bennetts neuen Texten der Tod allgegenwärtig: in den Nachrichten, in der eigenen Straße: Er hört von Bekannten, die nicht mehr da sind, liest von Künstlerkollegen, die den Kampf gegen das Virus verloren haben, er versucht, gegen die eigene Einsamkeit anzukämpfen, sie zu verdrängen, die Erinnerung mit aller Macht auf schönere, bessere Zeiten zu lenken.
Die Lektüre dieses zweiten Textes dürfte vor allem für jene Leser interessant sein, die sich intensiver mit Alan Bennetts künstlerischem Werk auseinandergesetzt haben und/oder sich sehr gut in der britischen Intellektuellen-Szene auskennen; es fallen viele Namen von Kollegen, die man kennen sollte, und Bennett macht auch detaillierte Angaben zu seiner Lektüre in jener Zeit; darüber hinaus bleibt der (durchaus charmante) Eindruck, einen kauzigen Alten dabei zu beobachten, wie er sich mit seinem Partner auf diesen seltsamen Sonderfall eines nationalen Lockdowns einstellt und die hierdurch entstehenden Widrigkeiten des Alltags auf typisch britische Art meistert.
See you later ist der untrügliche Beweis dafür, dass Alan Bennett immer noch mit demselben Augenzwinkern wie früher auf die Welt blickt und auch in den alltäglichsten Banalitäten ein kleines Stück Anarchie und einen unbeugsamen Willen zum Widerstand entdecken kann.
Autor: Alan Bennett
Titel: „See you later“
Herausgeber: Verlag Klaus Wagenbach GmbH
Seitenzahl: 112 Seiten
ISBN-10: 3803113881
ISBN-13: 978-3803113887