Anthony Kenny: „Die Geschichte der abendländischen Philosophie“ (in 4 Bänden)

Anthony Kenny: „Die Geschichte der abendländischen Philosophie“ (in 4 Bänden)Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ein Lehrbuch der Philosophie zu schreiben. Man kann sich den einzelnen Teildisziplinen der Philosophie widmen; man kann Kernfragen der Philosophie thematisieren; oder man kann die Geschichte der Philosophie erzählen und die wichtigsten Philosophen mit ihrem Leben und Werk beschreiben.

Anthony Kennys „Geschichte der abendländischen Philosophie“ macht all das zusammen in einer schönen vierbändigen Ausgabe, die jetzt in deutscher Übersetzung im Primus-Verlag erschienen ist.

Natürlich bleibt es selbst bei einem Gesamtumfang von rund 1400 Seiten nicht aus, dass Abstriche gemacht werden müssen, was den Inhalt betrifft. Zweieinhalbtausend Jahre abendländischer Philosophiegeschichte lassen sich auch auf 1400 Seiten nicht umfassend sowohl in diachroner als auch thematischer Gliederung beschreiben. Daher muss der Autor eine Auswahl aus der nahezu unüberschaubaren Menge der Möglichkeiten treffen, muss wichtige Philosophen auswählen und sich trauen, weniger wichtige wegzulassen. Das erfordert sowohl eine solide Kenntnis des zu behandelnden Stoffes als auch eine die Materie als Gesamtheit überschauende Perspektive.

Beides kann Anthony Kenny für sich in Anspruch nehmen. Er hat eine wirklich beeindruckende Laufbahn hinter sich. In seinem Wikipedia-Eintrag heißt es:

„Zunächst wurde er 1955 als Priester ordiniert, erwarb dann seinen Ph.D. in Philosophie an der Oxford University, war dann bis 1963 als wissenschaftlicher Assistent an der Universität von Liverpool tätig. Zugleich war er weiterhin katholischer Gemeindepfarrer in Liverpool (1959-1963). [Dann lief etwas schief…] 1963 wurde er in den Laienstand versetzt und 1965 nach seiner Heirat mit Nancy Gayley exkommuniziert. Er betrachtet sich seitdem als Agnostiker. In der Folgezeit war er an verschiedenen Einrichtungen und in verschiedenen Funktionen an der Universität Oxford tätig, zunächst als Tutor, dann als Lektor und schließlich als Professor. […] 1992 wurde Anthony Kenny von Königin Elizabeth II. zum Ritter (Knight Bachelor) geschlagen. Er ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler wissenschaftlicher Organisationen. Von 1989 bis 1993 war er Präsident der British Academy. In den Jahren 2006-2009 war er Präsident des Royal Institute of Philosophy.“

Diese Kurzbiographie zeigt sehr schön, mit wem wir es hier zu tun haben. Kennys Kompetenz in Sachen Philosophie und Theologie ist unbestritten. Allerdings muss der deutsche Leser seiner „Geschichte der abendländischen Philosophie“ einige kleine Einschränkungen hinnehmen.

Die Ursache liegt in der Tatsache begründet, dass Kenny Engländer ist und seine „Geschichte“ natürlich in erster Linie für englische Studenten der Philosophie geschrieben hat. – Der Terminus Student sei in diesem Zusammenhang in einem möglichst weiten Sinne verstanden, der auch den interessierten Laien wie den Philosophieprofessor meint und auf diese Weise jeden einschließt, der sich ernsthaft mit dem Studium der Philosophie und ihrer Geschichte beschäftigen möchte.

Die gerade angesprochene Einschränkung durch den Fokus auf die englische Leserschaft macht sich zum Beispiel durch eine etwas knappe Abhandlung des deutschen Idealismus bemerkbar, der doch zumindest für die deutsche Philosophiegeschichte eine wichtige Epoche darstellt.

Gleiches gilt für Kant, der auch bei Kenny durchaus präsent, jedoch nicht so dominant ist wie in deutschen Philosophiegeschichten. Doch all dies ist überhaupt kein Makel, sondern, genau genommen, vielleicht sogar von Vorteil, weil man gleichzeitig durch Kennys hervorragendes Werk einen näheren Bezug zu allen englischen Philosophen erhält.

Das Wunderbare an diesem philosophischen Kompendium ist, dass man die „Geschichte der abendländischen Philosophie“ gleich auf mindestens drei verschiedene Arten lesen kann: Zunächst einmal bietet sich die klassische Lesart (vom Anfang bis zum Ende) an. Die zweite Möglichkeit wäre jedoch, sich auf den geschichtlichen Abriss zu beschränken und so von der Antike bis zur Gegenwart die Philosophiegeschichte zu durchwandern.

Der dritte Weg durch dieses Werk ist jedoch vielleicht der interessante: Kenny hat die ewigen Fragen der Philosophie bestimmten Themen zugeordnet. Jeder Abschnitt behandelt die Lösungsansätze der Philosophen des jeweiligen Zeitabschnitts (Antike, Mittelalter, Neuzeit, Gegenwart). Wenn man sich also für die Geschichte der Metaphysik interessiert, so kann man Kenny Werk in der Weise benutzen, dass man sich die Abschnitte zur Metaphysik in den vier Teilbänden nacheinander vornimmt und auf diese Weise eine wunderbar konzentrierte „Philosophiegeschichte der Metaphysik“ erhält. Gleiches gilt natürlich für Logik, Physik, Erkenntnis, Geist und Seele, Gott, Ethik, Sprache und Politische Philosophie.

Auf diese Weise kann man sich in diesem Werk einrichten und es sich dort gemütlich machen. Die „Geschichte der abendländischen Philosophie würde so zu einem lebenslangen Begleiter für den angehenden Philosophen – ein Werk, auf dessen Schätze er immer wieder zurückgreifen und aus den Quellen schöpfen kann. 1400 Seiten wäre eine solide Grundlage, um das eigene Denken mit dem abendländischen Kanon der Philosophie abzugleichen.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass diese vier Bände reich illustriert, in einer gut lesbaren Schrifttype und in stabil gebundener Form zusammen mit einem passenden Schuber angeboten werden, dann sind EUR 149,00 eine sehr gut angelegte Investition in die eigene philosophische Bildung.

Autor: Anthony Kenny
Titel: „Die Geschichte der abendländischen Philosophie“ (in 4 Bänden)
Gebundene Ausgabe: 1408 Seiten
Verlag: Primus Verlag; Auflage: 1 (September 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3863123395  
ISBN-13: 978-3863123390