Interview mit Andrej Kurkow auf der Leipziger Buchmesse 2012 über „Der Gärtner von Otschakow“

RALPH KRÜGER:  Herr Kurkow, als wir uns das letzte Mal trafen – das war vor zwei Jahren, als gerade „Der Milchmann in der Nacht“ in Deutschland erschienen ist – erzählten Sie mir, dass Sie gerade an einer neuen Geschichte – über den „Gärtner von Otschakow“ – schreiben. Nun ist das Buch fertig. Wie lange haben Sie insgesamt an diesem Buch geschrieben?

ANDREJ KURKOW: Ungefähr zwei Jahre, aber die ersten Kapitel habe ich schon früher angefangen. Vor vier Jahren habe ich die geschrieben, aber dann schrieb ich etwas Anderes – nämlich „Der Milchmann in der Nacht“ – und danach bin ich dann zurück zum „Gärtner“ gekommen.

RALPH KRÜGER:  Können Sie unseren Lesern in ein, zwei Sätzen erzählen, worum es im „Gärtner von Otschakow“ geht?

ANDREJ KURKOW: Das ist eine mystische und abenteuerliche Geschichte mit einer Zeitreise. Es spielt in der heutigen Ukraine, aber es geht auch um das Leben im Jahre 1957 – in der kleinen ukrainischen Stadt Otschakow. Ich versuchte einfach, die Atmosphäre und das Leben in zwei verschiedenen Zeiten zu vergleichen. In meiner neuen Geschichte gibt es auch ein Krimi-Element, weil die Hauptfigur zufällig herausfindet, wie sie den Weg in die Vergangenheit antreten kann, indem er eine Milizuniform von 1957 benutzt. Die Uniform hatte er nach einem Abenteuer als ein Geschenk bekommen. Danach reist er regelmäßig in die Vergangenheit und verliebt sich dort in eine Frau, die verheiratet ist, und trifft dort auf einige gefährliche Leute.

RALPH KRÜGER:  Und das ist dann wieder die Verbindung zu dem Gärtner in unserer heutigen Zeit…

ANDREJ KURKOW: Genau. Alles beginnt mit einem ungefähr sechzigjährigen Mann, der auf dem Hof von Igor und seiner Mutter auftaucht. Die beiden sind von Kiev weg aufs Land gezogen und wohnen in einem Privathaus. Dieser Mann darf bei ihnen als Gärtner im Schuppen leben und dort zu arbeiten. Igor bemerkt eines Tages, dass der Gärtner ein nichtlesbares Tattoo auf dem Oberarm hat. Er findet dann heraus, dass diese Tätowierung von Stepans Vater gemacht wurde, als Stepan fünf Jahre alt war und eine Botschaft überbringen sollte. Als Stepan jedoch aufgewachsen war, war die Tätowierung herausgewachsen und nicht mehr zu entziffern. Igor ist aber sehr neugierig, macht ein digitales Foto von der Tätowierung, versucht es zunächst selbst zu entschlüsseln, schafft es aber nicht. Doch er hat einen Freund, der Computerspezialist ist, und dem gelingt es, die Tätowierung zu restaurieren. Und mit diesem Text beginnt die Reise, denn auf der Tätowierung war zu lesen: „Otschakow 1957, Jefim Tschagins Haus“.

RALPH KRÜGER:  Und so machen sich die beiden auf den Weg nach Otschakow und finden auch das Haus, in dem einst Jefim, der Onkel, gelebt hatte. Und dort in der Wand des verlassenenen Hauses finden Sie ein Versteck, in dem die Uniform und viele wertvolle, gestohlene Sachen aufbewahrt sind.  – Ich habe mich während des Lesens gefragt, wie Sie auf die Idee mit der Unifrom als Zeitmaschine gekommen sind?

ANDREJ KURKOW: Eine Uniform ändert immer die Persönlichkeit. Wenn ein Mann schwach ist, liebt er Uniformen, denn eine Uniform verleiht ihm mehr Persönlichkeit und mehr Macht.

RALPH KRÜGER:  In Ihrer Geschichte sind die Reisen in die vergangenheit parallel montiert. Immer in der Nacht geht die Reise zurück ins Jahr 1957. Doch mit der Zeit verstrickt sich Igor immer mehr in die verwickelte Geschichte Otschakows, die er in den Nächten besucht.

ANDREJ KURKOW: Igor ist plötzlich in einem Leben mit anderen Regeln engagiert, und er übernimmt diese Regeln und wird auf diese Weise immer mehr ein Teil dieser vergangenen Geschichte.

RALPH KRÜGER:  Das ist wirklich sehr schön geworden. Was machen Sie aktuell? Gibt es neue Projekte?

ANDREJ KURKOW: Ich habe vor einem Monat einen neuen Roman auf Russisch und Ukrainisch veröffentlicht. Der Roman heißt „Jimi Hendrix‘ Tournee nach Lemberg“. Das ist ein Roman mit zwei Handlungslinien. Es gibt sechs Helden, aber drei von diesen Helden sind reale Personen mit realen Namen und Adressen – die waren einverstanden, dass ich sie benutze. Es ist die Geschichte eines Hippies, der ist bis heute Hippie geblieben und war früher einer der Organisatoren der Hippie-Bewegung in der Westukraine. Es geht also um diesen Mann und um einen KGB-Offizier, der für Hippies verantwortlich war. Es gibt auch eine erfundene Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann, der nicht ganz bis zum Ende Medizin studiert hat, aber eine interessante Möglichkeit gefunden, Geld zu verdienen, und einer Frau, die in der Nacht in einer Geldwechselstube arbeitet, dabei jedoch immer lange Handschuhe trägt. Er denkt, dass sie besonders modisch ist, aber sie hat nur eine Geld-Allergie und kann kein Geld berühren. Das ist eine leicht verrückte Geschichte aus Lemberg, aber ich wollte auch einfach mal einen Roman über Lemberg schreiben.

RALPH KRÜGER:  Und Jimi Hendrix spielt auch eine wichtige Rolle?

ANDREJ KURKOW: Ja, eine sehr wichtige Rolle sogar! Aber ich möchte nicht jetzt schon alles verraten…

RALPH KRÜGER:  Dann sind wir gespannt. Aber zunächst wünsche ich Ihnen viel Erfolg mit dem aktuellen Buch „Der Gärtner von Otschakow“ und danke Ihnen für dieses Gespräch!

ANDREJ KURKOW: Ich danke Ihnen auch.