Berthold Franke, Ulrich Ribbert, Joachim Umlauf (Hg.): „Kanon und Bestenlisten – Was gilt in der Kultur? Was zählt für Deutschlands Nachbarn?“

Das Wort Kanon ist eine Entlehnung aus lateinisch canon = Norm, Regel, das ursprünglich aus dem Griechischen κανών, kanón = Leitfaden, Maßstab, etwas Mustergültiges, Maßgebendes stammt. Brauchen wir einen Kanon der deutschen Kultur? Sollte es einen verbindlichen Kern kultureller Wissenswerte geben, die an Schüler vermittelt werden sollen?

Eine gemeinsame Kultur ist identitäts- und sinnstiftend. Daran gibt es keinen Zweifel. Doch wie sieht die kulturelle Identität des deutschen Normalbürgers aus? Ist Deutschsein heute mehr als die gemeinsame Schnittmenge aus Currywurst, Goethe und DSDS? Gibt es wirklich noch den einen Kanon kultureller Werte? Und wenn ja, wer bestimmt, was dazu gehört und was nicht? Kann heute ein Kanon wirklich noch ein hermetisch abgeschlossenes Leitbild sein, das über die Vermittlung des kleinsten gemeinsamen Nenners deutscher Kultur hinaus geht? Oder muss die Suche nach einem Kanon mit einem weiteren Blick versucht werden, der die deutsche Kulturgeschichte als einen Teil der europäischen, ja abendländischen Kulturgeschichte begreift?

Die Geschichte der Kanons (oder Kanones, Canones) ist alt. In den vergangenen Jahrhunderten war es relativ leicht, einen in sich geschlossenen Maßstab zu finden, auf den sich alle einigten und der sich über lange Zeiten kaum veränderte und von der Deutungshoheit der Kirche und der herrschenden Klasse gezeichnet war.

Bildung bestand seit dem Beginn der Neuzeit vor allem in der Vermittlung christlicher Werte und Moralvorstellungen sowie grundlegender Kenntnisse der Wissenschaften, die jedoch selten über eine Grundversorgung hinaus gingen. Von einem Kanon im Sinne eines die Grundlagen der deutschen Kultur vermittelnden Lehrstoffes kann man erst sprechen, nachdem sich die deutsche Nation auch als politische Einheit manifestierte und dieses Nationalgefühl auch auf die Kultur übertrug.

Deutsche Kultur wurde in Abgrenzung zu anderen Kulturen verstanden und als solche durch einen verbindlichen Kanon der deutschen Kulturwerte zu einem allseits akzeptierten Teil der Bildung. In diesem Sinne wurde der Kanon zum Kristallisationspunkt eines sich selbst referierenden und stabilisierenden Systems.

Dieser Kanon deutscher Kultur fungierte in der Zeit der nationalen Identitätssuche der Deutschen als Fels in der Brandung, der auch den schlimmsten Stürmen kriegerischer Auseinandersetzungen und territorialer Verwerfungen widerstand und ein deutsches Nationalgefühl ermöglichte, das auf kulturellen Errungenschaften anstatt auf militärischen Erfolgen basierte.

In dem vom Goethe-Institut herausgegebenen Buch „Kanon und Bestenlisten“ versuchen mehrere Autoren im ersten Teil eine Annäherung an den Begriff des Kanons zu finden und sich darüber auszutauschen, ob es in einem Deutschland, das in eine europäische Kulturgemeinschaft eingebettet ist, einen solchen Kanon noch geben kann und darf und wie er aussehen kann.

Gleich zu Beginn wirft Christina von Braun die wichtige und für die aktuelle Kulturdiskussion charakteristische Frage nach dem „Geschlecht des Kanons“ auf. Betrachtet man die Entwicklung des Kanons nicht nur aus historischer Perspektive, sondern unter Berücksichtigung der Akteure, so wird schnell klar, dass es sich auch bei der Entstehung des Kanons um einen Auswahlprozess handelt, der bis heute stark und überwiegend durch männliche Einflüsse geprägt ist. Nun ist nicht alles schlecht, was männlich ist, so weit sind wir noch nicht. Aber der weibliche Anteil an der Diskussion muss gestärkt werden, um auch dem Kanon mehr Facetten und alternative Sichtweisen zuzugestehen.

Die größte Herausforderung eines weit gefassten und offenen Kanon-Verständnisses wird seine schwere Vermittelbarkeit sein. Jugendliche brauchen klare und verbindliche Lernziele. Mit offenen Angeboten und diskursiven Annäherungen kann man erst umgehen, wenn man über einen Grundstock an Wissen verfügt. Und genau an diesem Punkt schließt sich der Kreis, und wir stehen wieder am Anfang: Was ist verbindliches Grundlagenwissen? Was gehört zum Kanon der deutschen Kulturwerte?

Die Beantwortung dieser Fragen ist ein permanenter Prozess. Der Kreislauf von Thesen und Antithese, Prüfung und Korrektur wird niemals abgeschlossen sein. Der zeitliche Faktor wird Streichungen und Ergänzungen nötig machen und dem Kanon neue Färbungen verleihen. Der Kanon ist nichts Statisches, sondern ein kulturelles Projekt, an dem wir alle mitwirken.

Die in diesem Buch versammelten Essays zum Kanon schärfen den Blick und eröffnen vielfältige Möglichkeiten zu einer grundlegenden Kulturdebatte. Der Kanon ist nichts Statisches, sondern wird immer wieder durch neue kulturelle Werke bedroht, in Frage gestellt und verändert. Das macht die Beschäftigung mit Kultur so spannend und ein Leben mit und in der Kultur so lebenswert. Diese Erkenntnis zu vermitteln, ist die wichtigste Aufgabe eines kulturellen Kanons.

Der zweite Teil des vorliegenden Buches ist die Dokumentation einer Online-Umfrage, die das Goethe-Institut auf seinen Websites durchgeführt hat: Woran denken Sie, wenn Sie an Deutschland denken? Wer ist der wichtigste Deutsche? Welches ist das bedeutendste historische Ereignis, das Sie mit Deutschland verbinden?

Das sind nur einige der Fragen, die das Goethe-Institut in seiner europaweiten Online-Umfrage stellte. Die Antworten sind oft, wie man sie erwartet, aber manchmal auch verblüffend. Es eröffnet sich ein Deutschlandbild, das mitunter erstaunt.

Während zunächst alle Ergebnisse in einer gemeinsamen Tabelle zusammen gefasst sind, kann man im weiteren Verlauf des Buches die Umfrageergebnisse der einzelnen Länder studieren. Mit ein wenig Fantasie kann man hierbei viele Stunden vergnüglicher Forschung verbringen.

Wie subjektiv und wenig repräsentativ diese Umfrage ist, ahnt man an manchen Ergebnissen dieser Studie. So landet bei der Frage nach dem „schönsten deutschen Lied“ Beethovens „Mondscheinsonate“ mit Abstand auf Platz eins, allerdings gefolgt von Rammsteins „Ohne dich“. Dieses Ergebnis ist umso verblüffender, weil das Goethe-Institut bewusst keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben, sondern die Antworten frei wählbar gestaltet hat.

Die Top Ten der schönsten Musikstücke führt ausschließlich Klassik-Werke auf. Nur Platz zwei (Rammstein: „Ohne dich“), Platz acht (Rammstein: „Mutter“) und Platz zehn (Scorpions: „Wind of change“) sind von Pop-Musik besetzt. Der deutsche Schlager hingegen ist überhaupt nicht vertreten, was allerdings auch wieder ein Trost ist…

Fragwürdig scheint auch die Auswahl der „besten deutschen Bücher“. Goethes „Faust“ auf Platz eins war fast zu erwarten. Aber dass gleich drei Bücher von Erich Maria Remarque unter den zehn besten deutschen Büchern sind, verblüfft. Sicherlich ist Remarque kein schlechter Schriftsteller, aber wenn in derselben Top Ten solche Schwergewichte wie Schiller, Heine, Grass oder Daniela Katzenberger fehlen, lässt das nicht an der Qualität unseres Literaturbetriebs zweifeln, sondern an der Vermittelbarkeit deutscher Literatur im Ausland. Sind die Übersetzer schuld? Oder gibt es ein spezifisch Deutsches in der Literatur, was man außerhalb unseres Sprachraums einfach nicht versteht oder uninteressant findet?

Günter Grass schafft es immerhin bei den „besten deutschen Filmen“ mit der Schlöndorff-Verfilmung der „Blechtrommel“ auf den letzten Platz, noch hinter „Mondscheintarif“, „Keinohrhasen“ und „Lola rennt“. Je mehr Listen man anschaut, desto mehr ahnt man, dass sich an der Online-Umfrage vor allem ein junges, nicht besonders kulturell bewandertes, sondern eher von aktuellen Impulsentscheidungen getriebenes Publikum beteiligt haben muss.

Diese Thesen belegen auch die Antworten auf die Frage nach dem/der „bedeutendsten Deutschen“: Angela Merkel ist nahezu überall auf Platz eins zu finden, noch vor Johann Wolfgang von Goethe, Otto Bismarck und Albert Einstein. Angela Merkel als bedeutendste Deutsche? – Nun, im Moment vielleicht, aber historisch gesehen wäre das dann wohl doch zuviel der Ehre. Tröstlich ist allerdings, dass Hitler für das Deutschlandbild der Befragten offensichtlich keine Rolle mehr spielt.

Diese Antworten repräsentieren jedoch nur die Gesamtauswertung aller Antworten. Sieht man sich die länderspezifischen Umfrageergebnisse an, werden einige Tendenzen deutlich, die von den historischen und kulturellen Erfahrungen der jeweiligen Länder mit Deutschland in Zusammenhang gebracht werden können und teilweise ganz andere Deutschlandbilder entstehen lassen: Pikant ist z.B. dass in der Türkei Adolf Hitler noch vor Angela Merkel einen respektablen dritten Platz nach Goethe und Einstein einnimmt, während Merkel in Italien gar nicht unter den Top Ten ist.

Der praktische Wert solcher Umfragen ist zweifelhaft. Die Mehrzahl der Teilnehmer kommt aus dem Umfeld der Goethe-Institute, auf deren Websites die Umfrage zu finden war. Macht man sich bewusst, wie verschieden die Befragten bezüglich ihrer Herkunft, ihres Alters, ihrer Sozialisation usw. sein müssen, wird schnell klar, dass Aktualität und der Unterhaltungswert im Vordergrund stehen und lediglich einen Rückschluss auf die Sichtweise der Freunde und Gäste der europäischen Goethe-Institute auf Deutschland zulässt.

Eine alte Frau aus Ungarn, die den Holocaust überlebt hat, wird ein anderes Deutschlandbild haben als eine junge spanische Auszubildende aus Saragossa, ein finnischer Deutschlehrer ein anderes als ein griechischer Immobilienmakler, ein in Belgien lebender afrikanischer Flüchtling ein anderes als eine deutsche Beamtin im Gehobenen Dienst. Würden sie an dieser Umfrage beteiligt, sähe das Ergebnis wohl anders aus.

Unter der Berücksichtigung dieser Aspekte wird der praktische Segen einer Internet-Umfrage auch zu ihrem Fluch. Denn die ausschließliche Verwendung informationstechnologischer Umfragemittel muss auch eine Ausgrenzung schwächer sozialisierter und technologieferner Schichten und Altersgruppen vermuten lassen. Jene Ausgrenzung verschiebt die Ergebnisse und schließt ein breites Spektrum an Antwortmöglichkeiten von vornherein aus.

Trotzdem erfüllt die Publikation der Ergebnisse einer solch scheinbar beliebigen Umfrage noch einen weiteren Zweck: Sie schärft den Blick auf das eigene Land und hilft dem Leser zu verstehen, dass es niemals nur eine einzige Wahrheit gibt. Deutschland ist, was Sie darin sehen. Land und Kultur als Spiegel der eigenen Persönlichkeit, der individuellen Wünsche und Sehnsüchte, als Reflexionsfläche für das eigene kulturelle und nationale Empfinden.

Die Zweiteilung dieses vom Goethe-Institut herausgegebenen Readers bietet eine gute Grundlage für künftige Diskussionen. Die Frage nach der Gültigkeit und Sinnhaftigkeit eines einheitlichen Kanons der deutschen Geschichte und Kultur in einem europäischen Kontext und die stichpunktartige Beantwortung der Frage nach dem, was heute deutsch ist, eröffnen einen breiten diskursiven Spielraum für die öffentliche Suche nach der Antwort auf die Frage nach deiner deutschen Identität und die Möglichkeiten ihrer Vermittlung an kommende Generationen.

„Kanon und Bestenlisten“ ist ein wichtiges und grundlegendes Buch, das angenehm dadurch auffällt, dass es mehr Fragen stellt, als es beantwortet. Denn die Antworten müssen erst noch diskutiert, evaluiert und in einem permanenten Prozess der Annäherung vereinbart werden.

Autor: Berthold Franke, Ulrich Ribbert, Joachim Umlauf (Hg.)
Titel: „Kanon und Bestenlisten – Was gilt in der Kultur? Was zählt für Deutschlands Nachbarn?“
Broschiert: 205 Seiten
Verlag: Steidl
ISBN-10: 3869303727
ISBN-13: 978-3869303727