Interview mit Werner Bartens auf der Leipziger Buchmesse 2012 zu einem Buch „Betrügen lernen“

RALPH KRÜGER: Herr Bartens, die Leser kennen Sie als Wisschenschaftsjournalist und Sachbuch-Autor. Nun ist Ihr neues Buch „Betrügen lernen“ erschienen. Wie kamen Sie auf die Idee, einen Roman zu schreiben?

WERNER BARTENS: Ich habe früher einmal Medizin studiert, aber eben auch Deutsch und Geschichte. Diese Studien habe ich aus Interesse gemacht. Wenn mich jemand gefragt hatte, warum ich denn diese ungewöhnliche Fächerkombination gewählt habe, habe ich immer gesagt, ich möchte später mal Arztromane schreiben. Das war natürlich nur halb ernst gemeint, aber ein bisschen Wahrheit steckt schon dahinter. Es gibt immer auch in den Sachbuchthemen oder auch im Journalismus bei der Süddeutschen Zeitung einen Punkt, an dem ich dachte, man müsste erzählerischer werden. Andere haben dann eher die Neigung, in Richtung Fachzeitschrift zu schreiben, also noch sachlicher und wissenschaftlicher, und ich finde eben das Erzählerische reizvoll. Zudem habe ich schon einmal in den neunziger Jahren für eine Seifenoper im Hörfunk für den WDR zwei Jahre lang die Drehbücher mitgeschrieben. Das war auch etwas, wo es nur um Liebe, Lust und Leidenschaft ging, also völlig weg von der Medizin. Und ich hatte auch schon einmal eine Art Fortsetzungsroman in einer Laborzeitschrift geschrieben. – Und die kurze Antwort auf Ihre Frage wäre: Als ich an meinem letzten Sachbuch saß, hatte ich die Idee von einem Mann, der Verhaltensforscher ist, was ja auch der Held in meinem Roman jetzt ist, und der immer wieder tragikomisch mit seinen Avancen scheitert, weil er entweder das, was er aus seiner Beobachtung von Tieren kennt, fälschlicherweise auf die Damenwelt überträgt, oder wenn es dann doch so weit ist, dass er einer Dame näher kommen kann, dann gibt’s andere tragikomische Momente, die das Ganze zum Scheitern bringen. Das Ganze ist eingebettet in die Geschichte einer fast zehnjährigen Ehe. Ich fand diese Kombination interessant, das Tabu mit dem Sex in der Ehe bzw. der Zustand, in den viele Partnerschaften nach langen Jahren geraten, mit jener tragikomischen Figur zu überhöhen und zu versuchen, dem Ganzen noch amüsante Momente abzugewinnen. In dem Moment hat mich das mehr fasziniert als die Arbeit an meinem Sachbuch, und so habe ich zunächst etwa hundert Seiten mit solchen Szenen aufgeschrieben, wo dieser mann mehr oder weniger lustvoll scheitert.

RALPH KRÜGER: Aus Ihren Sachbüchern kennt man Sie als einen Autoren, der in einem sehr erzählerischen Stil schreibt. Sie haben das ja eben schon selbst angesprochen. Aus Ihrer Vita ist mir bekannt, dass Sie auch in den USA studiert haben. Angloamerikanische Sachbücher sind bekannt für ihre gute Lesbarkeit und für die Fähigkeit der Autoren, auch komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge leicht verständlich zu erklären. Ist Ihnen der Aufenthalt in den USA in dieser Hinsicht vielleicht eine Hilfe oder Anregung gewesen, Ähnliches in ihren eigenen Büchern zu versuchen?

WERNER BARTENS: Das ist eine interessante Frage, über die ich mir eigentlich noch nie Gedanken gemacht habe. In meinem Studium haben wir ganz klar die amerikanischen und englischsprachigen Lehrbücher bewundert und sie zum Teil auch gekauft, weil die besser und anschaulicher waren. Aufs Wesentliche reduziert und trotzdem nicht schlecht, sondern im Gegenteil: einerseits umfangreicher und trotzdem verständlicher. Ein stärkerer Einfluss war wohl eher, dass viele Wissenschaftler und Kollegen, die aus der Physik, Biochemie, Biologie und Medizin kommen, vor allem die Tendenz haben, der Peer Group gefallen zu wollen, aus der sie selbst kommen. Ich freue mich viel mehr, wenn Leute mein Buch verstehen, die nichts mit Medizin zu tun haben. Ich freue mich natürlich auch über Lob aus der Fachwelt, aber wichtiger ist mir, wenn mir die Tante eines Freundes, die nicht studiert hat, sagt, dass sie mein Buch verstanden hat. Der zweite Punkt, der mich schon bei meinem ersten Sachbuch über die Tyrannei der Gene, die Ängste und Hoffnungen, die sich auch jetzt bei der Diskussion über die Gentechnik zeigen, sehr wichtig erschien, war die Tatsache, dass ich sehr viel recherchiert hatte, dann aber beim Zusammenschreiben gemerkt habe, dass die Leser gar nicht wissen wollen, was ich alles weiß, sondern sie wollen möglichst kurz und verständlich gemacht bekommen, worum es mir als Autor geht. Ich habe das Ganze dann radikal zusammengedampft und vor jedem Kapitel mit zehn oder fünfzehn Seiten überlegt, was die Kernaussagen sind, die ich erzählen möchte. Ich selbst habe dazu zwar hunderte Studien und etliche Bücher gelesen, aber ich muss nur eine kurze Geschichte von zehn bis fünfzehn Seiten erzählen… Darauf kommt’s an. Das war ein sehr lehrreicher Prozess. Viele Autoren haben eher eine gewisse Angst vorm weißen Blatt und meinen, sie müssten alles aufschreiben, was sie wissen. Doch schon Voltaire hatte dafür einen schönen Spruch: „Die Kunst zu langweilen besteht darin, alles zu erzählen.“ Als Rat für Autoren ist das sehr schön, und diesen Rat versuche auch ich zu beherzigen und nicht alles zu erzählen.

RALPH KRÜGER: Ich stelle es mir ziemlich schwierig vor, hier als Autor Disziplin zu halten und die Balance zu finden. Denn auch das Gegenteil kann ja passieren, wenn man so viel Wissen angehäuft hat, dass man vieles voraussetzt, das so gar nicht beim Leser vorhanden ist, und den eigenen Text zu knapp formuliert…

WERNER BARTENS: Sicher ist das auch eine Gefahr, aber noch gefährlicher ist die Eitelkeit des Autors, sein Wissen auszubreiten und zu sagen, guck‘ mal, was ich alles kenne und weiß und so weiter…

RALPH KRÜGER: Das belletristische Schreiben ist aber eine ganz andere Sache als das Schreiben von Sachbüchern. Da geht man doch an den Stoff ganz anders heran. Sie haben ja schon ein bisschen über die Idee zu diesem roman erzählt. Aber wie lief nun ganz konkret das Schreiben selbst ab? Hatten Sie ein Konzept und eine Gliederung für die Geschichte? Oder sind Sie von den Figuren ausgegangen und haben dann die Geschichte sich selbst immer weiter entwickeln lassen?

WERNER BARTENS: Ich hatte eine Gliederung und die beiden Hauptfiguren, also ein Ehepaar, das zwar einerseits sich gerne gegenseitig lieben möchte, aber dem andererseits die Liebe abhanden gekommen ist, deren Beziehung so langsam verwest und wo nur noch Restbestände übrig sind. Ich habe dann schon relativ bald gewusst, wo die beiden hinwollten, und dann habe ich die Geschichten weiter gesponnen. Ich habe bewusst keine Ortsangaben eingebaut und habe auch das Haus, in dem sie leben, nicht näher beschrieben. Ein Bekannter von mir hat gesagt, es wirkt fast wie eine Versuchsanordnung. Aber ich wollte es auf den Kern beschränken und keine epischen Landschaftsschilderungen und Ähnliches einbauen. Ich wollte es reduzieren auf diese seltsame Paarkonstellation: Er will Liebe von ihr, kriegt sie aber nicht. Also fantasiert er sich in seine verhaltensbiologischen Dinge hinein und denkt, dass eine Frau, sobald sie den Hals entblößt und den Kopf schräg, dass sie was von ihm will, nur weil das im Tierreich eine Unterwerfungsgeste ist. Und dann ist auf der anderen Seite die Frau, die eigentlich auch mehr Nähe und Liebe von ihm will, aber das bei ihm nicht findet und dann in ein Paar- und Beziehungsseminar geht. Daraus hat sich dann diese Geschichte weiter entwickelt. Ich habe dann bewusst auf ausschweifende Beschreibungen verzichtet, aber vielleicht wäre es dadurch noch gefälliger geworden, wenn ich noch ein bisschen üppiger die Szenerie drumrum beschrieben hätte…

RALPH KRÜGER: Ich empfand die Beschränkung aufs Wesentliche eher als einen Vorzug Ihres Buches. es geht hauptsächlich um die Gefühle und das Verhalten der beiden Hauptfiguren. Wobei ja beide Charaktere schon einigermaßen vorbelastet sind, was Paarbeziehungen angeht. Alex, der Mann, ist Primatenforscher und geht in gewisser Weise betriebsblind in die Paarbeziehung; seine Frau Clara ist als Urologin täglich mit vielen entblößten Unterleibern und männlichen Schwächen konfrontiert und bekommt auf diese Weise wohl eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Das macht es für die beiden sicherlich nicht leichter. – Mich würde natürlich interessieren, ob es sich bei Ihren beiden Protagonisten und ihrer Geschichte um rein fiktive Personen handelt oder ob es doch reale Vorlagen, ja vielleicht sogar autobiografische Anteile gibt? Ich bin nämlich ein bisschen sutzig geworden, als ich am Ende Ihres Romans eine Danksagung an „Klaus und Carolin, die immer noch ein glückliches Paar sind und ohne die dieses Buch kaum entstanden wäre“… Das kann ja nun vieles bedeuten.

WERNER BARTENS: Das ist gar nicht so spannend, denn Klaus und Carolin sind befreundete Lektoren, die beide bei unterschiedlichen Verlagen arbeiten, denen ich, nachdem ich ungefähr hundert Seiten zunächst für mich geschrieben hatte, das Manuskript gegeben habe, die aber soweit ich weiß, in keinster Weise in dem Roman vorkommen. Ich hatte die beiden dann gefragt, was sie als Freunde, aber eben auch als Lektoren von meinem Text hielten. Er ist Sachbuch-Lektor, und sie ist Belletristik-Lektorin bei unterschiedlichen Verlagen. Beide hatten mir gesagt, dass es oft Sachbuch-Autoren gibt, die versuchen, belletristische Texte zu schreiben, und sie müssten dann überlegen, wie sie es dem Kinde sagten… In meinem Fall hatten sie jedoch mehr im Spaß gesagt, dass sie sich streiteten, wer von den beiden Verlagsgruppen es denn nun machen solle. Deshalb meine Danksagung an die beiden, weil sie sich beide damit beschäftigt haben. Abgesehen davon, denke ich, dass in Deutschland neben der Fage nach dem Gehalt kaum ein Thema so tabuissiert ist, wie die Frage nach dem Sex in der Ehe und dem Zustand der Beziehungen, die länger dauern. Ich habe zu jener Zeit schon im Freundes- und Bekannntenkreis dieses Thema öfters mal angesprochen und fand es ziemlich überraschend. Denn Männer machen, das war jedenfalls meine Wahrnehmung, wenn sie überhaupt darüber reden, eher Sprüche oder gucken verschämt zu Boden. Und Frauen verdrehen oft die Augen. Es ist anscheinend vollkommen tabuisiert. Mit einigen habe ich dann aber doch darüber gesprochen, und dabei gab es dann doch so einige Geschichten oder Szenen, die ich mit reingenommen habe. zum Beispiel die Geschichte der Nacht im Hotel mit den Taubstummen im Nachbarzimmer: Die hat mir ein Kollege von einem Freund von sich erzählt, dem das passiert ist. das war nur eine ganz kurze Erwähnung, die ich dann zu einer ganzen Szene ausgesponnen habe. Ansonsten gibt es natürlich auch ein paar nebensächliche Anekdoten und Geschichtchen, die auch was mit mir selbst zu tun haben, aber nicht mit dem Hauptstrang. Man kann das wohl auch gar nicht so klar trennen, wenn man schreibt, da vermischen sich immer wieder Teile von selbst Erlebtem mit der Romanhandlung. Aber ich habe sehr darauf geachtet, dass ich nicht meine eigene Beziehung oder Ehe darin erzähle oder was Freunde mir im Vertrauen gesagt haben, dort öffentlich ausbreite.

RALPH KRÜGER: Sie haben also keinen Prozess zu erwarten und müssen auch nicht mit geschwärzten Passagen in Ihrem Buch rechnen.

WERNER BARTENS: Spontan nein, aber ich staune immer wieder, dass mich selbst bei Sachbüchern Leute ansprachen, die ich nur flüchtig kannte und von denen ich überhaupt nicht viel wusste, die sich da irgendwie beschrieben gefühlt haben. – Bei Sachbüchern! Wo es nur um die kurze Schilderung einer abendlichen Party geht, bei der etwas gereicht wurde und man auf seine Figur achtete… Das gibt’s millionen Mal in der Republik, und die habe ich auch gar nicht gemeint und weiß gar nicht, ob ich bei denen mal auf einer Party war – und trotzdem heißt es: Na, da hast du doch uns beschrieben…! – Also insofern: Wer weiß, was bei dem Roman noch kommt?!

RALPH KRÜGER: Ihr Roman ist auf jeden Fall sehr unterhaltsam geschrieben, und in gewisser Weise ahndelt es sich ja bei „Betrügen lernen“ um einen satirischen Roman, weil er ein im Grunde ernstes und manchmal sogar tragisches Thema auf eine Art beschreibt, die jene Geschichte sowohl für Frauen als auch für Männer zu einer unterhaltsamen und karthatischen Lektüre macht.

WERNER BARTENS: Das ist auch ein heikleres Thema, als ich es selber zunächst dachte. Einerseits gab es ein paar gute Bekannte, die es zwischen durch gelesen haben. Der eine hat mir dann sehr ausführlich geschrieben und sagte: Es ist wirklich unterhaltsam und lustig, aber an manchen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, weil der Text auch so traurige und fast melancholische Aspekte hat. Diese traurigen Aspekte werden natürlich oft von den überspitzten, satirischen Szenen überdeckt. Ich hatte jetzt schon ein paar Lesungen mit dem neuen Buch gehabt, unter anderem auch gestern, und da haben die Leute an manchen Stellen sehr gelacht und hatten wohl einen sehr unterhaltsamen Abend. Nach der Lesung gab es dann für die Zuhörer auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen, und ich hatte mir schon gedacht, dass es nach einer solch satirisch überspitzten Lesung wohl auch schwierig sein würde, ernsthaft über dieses Thema des chronischen Beziehungsversagens von Mann und Frau zu sprechen… und so war es dann auch.

RALPH KRÜGER: Wäre dieses Thema für Sie als Autor nicht auch als Sachbuch-Thema interessant? Sie kommen ja eigentlich von der medizinischen Seite, sind aber als Wissenschaftsjournalist auch in einem breiteren wissenschaftlichen Kontext tätig.

WERNER BARTENS: Mir hat es extrem viel Spaß gemacht, an diesem Buch zu arbeiten, und ich fand es auch lustig, diesem eigentlich traurigen Thema seine selbstironischen und amüsanten Seiten abzugewinnen. – Ich überlege gerade… In einer überhöhten, unterhaltsamen Sachbuch-Art ginge das Thema natürlich auch, aber dann hätte ich viel mehr Sorge, dass es in diesem Fall auch nicht immer angemessen sein mag, es so leichtfüßig zu machen. Einerseits mag ich es auch selbst, wenn Sachbücher unterhaltsam sind, andererseits bin ich mir nicht sicher, ob ich da auch den richtigen Ton treffen würde… Ich glaube, es ist einfacher, wenn man jemanden bei seinem Wellness-Wahnsinn und seinen Diät-Bemühungen ein bissche auf die Schippe, als wenn man das Thema meines Romans in einem Sachbuch mit entsprechenden Daten und Untersuchungen unterfüttert. Vielleicht schmunzeln die Leute dann auch über sich, aber ich wäre mir nicht sicher, ob ich dabei den Sachbuch-Ton so gut treffen würde…

RALPH KRÜGER: Weil das Thema auch so heikel ist…

WERNER BARTENS: Auf der anderen Seite gibt es ja hunderte von Beziehungsratgebern und Büchern über Sex. Da müsste ich noch den Dreh finden, dass ich denke, ja, das braucht die Welt jetzt auch noch von mir… Das war es auch, was ich mir bei meinen anderen Büchern zu verschiedenen medizinischen Themen gelungen ist: Solch einen Zugang zu jenen Themen gab’s eben vorher so noch nicht.

RALPH KRÜGER: Wie lange haben Sie denn an Ihrem Roman geschrieben?

WERNER BARTENS: Der Grundstock an Szenen, wo der Held gescheitert ist, das ging sehr, sehr schnell. Innerhalb von etwa drei bis vier Monaten war das fertig, und dann habe ich eher noch den Stoff reduziert. Aber letztlich hat da s Komponieren der gesamten Geschichte und die Integration seiner Frau, die ja auch eine Entwicklung durchmacht, noch einmal mehr als ein zusätzliches Jahr gedauert. insgesamt hat es also etwas anderthalb Jahre gebraucht, wobei ich ja während jener Zeit nicht nur an dem Buch geschrieben, sondern auch noch meine Redakteursstelle gehabt habe. Und das Schreiben ging auch anders als bei Sachbuchthemen. Da sind meine Gliederungen oft so klar, dass ich auch abends, wenn ich nur mal eine Stunde Zeit habe, dann dieses kleine Unterkapitel von zwei, drei Seiten schreiben kann. Das ging bei dem Roman gar nicht, da brauchte ich schon mehr Zeit am Stück, weil ich das Gefühl hatte, ich müsse erst wieder reinkommen in den Ton und die Entwicklung der Geschichte. Das konnte ich also nicht mal eben eine Stunde lang machen, sondern musste schon einen ganzen Abend oder ein ganzes Wochenende oder einen ganzen Tag frei haben, um damit weiter zu kommen.

RALPH KRÜGER: Haben Sie dieses Buch auch am Rechner geschrieben? Denn es gibt ja nach wie vor die zwei Fraktionen, gerade bei belletristischen Texten: Die einen bestehen darauf, mit der Hand schreiben zu müssen, weil dies den Schreibprozess sinnlich macht und nur dfas Schreiben per Hand die Kreativität anregt. Die anderen schreiben einfach am Rechner, weil es schneller geht und die Korrekturen viel leichter und angenehmer macht. – Aber Sie haben den Roman am Rechner geschrieben?

WERNER BARTENS: Ja. ich habe zwar meine medizinische Doktorarbeit damals noch per Hand geschrieben, weil meine damalige Freundin und ich uns den Computer geteilt hatten und sie an einer ewigen Hausarbeit saß und mir das nichts ausmachte. Aber meine erste journalistische Sozialisation war, dass ich all die Texte der Computer-Verweigerer redigiert habe, die Ende der neunziger Jahre in den Medien noch betont haben, warum sie bei der Handschrift bleiben und gar nicht am Computer schreiben wollen… Ich selbst bin nun nicht so besonders computer-affin, aber ich benutze den Computer sehr gern zum Schreiben. Und ich finde es auch als einen sehr großen Vorteil des Computers empfinde, weil ich keine besonders schöne Handschrift habe, ist die Tatsache, dass man es bei einer Handschrift immer ganz deutlich sieht, wenn jemand etwas gerade noch so auf eine Seite quetscht… Da sagt das Schriftbild schon sehr viel darüber aus, wie man das selbst findet, was man da geschrieben hat. Da ist der Computer viel unbestechlicher, weil alles gleich aussieht, auch der blödeste Gedanke. Im nachhinein ist das aber besser, weil man alles gleichberechtigt noch einmal lesen und prüfen kann und muss.

RALPH KRÜGER: Herr Bartens, der Roman ist geschrieben und erschienen. Was sind Ihre aktuellen Projekte?

WERNER BARTENS: Es gibt ein Sachbuch, was hoffentlich und wahrscheinlich im Herbst erscheint, über Medizinthemen: über die Ökonomisierung und Industrialisierung der Medizin. Und das wird nicht nur so theoretisch und gesundheitspolitisch behandelt, sondern geht den Fragen nach, warum das zusehens auch schädlich für die Patienten ist und warum die Medizin, als Wachstumsbranche verstanden, nicht dazu führt, dass die Menschen gesünder werden, sondern eher kränker. Und dann gibt es noch eine weitere Romanidee, abr da habe ich noch gar nicht angefangen…

RALPH KRÜGER: Wie sind Sie eigentlich zum Journalismus gekommen? Sie haben ja Medizin, Germanistik und Geschichte studiert, aber gab es damals schon die Idee, Journalist zu werden?

WERNER BARTENS: Die Neigung für beide Seiten war früh da. Die Unzufriedenheit mit der Medizin wuchs mit der Zeit, obwohl uns immer gesagt wurde, nach dem Physikum wird’s besser, im Praktischen Jahr wird’s besser, als Assistenz-Arzt wird’s besser… und ich habe eigentlich immer noch mehr die strukturellen Schwächen gesehen, die ich auch nicht als erster entdeckt habe, sondern dachte, dass das ein ziemlich reformunfähiger Haufen, und du wirst es wahrscheinlich, selbst wenn du in diesem System bleibst und dich bemühst, nicht schaffen, alle diese Themen – Psychosomatik, fehlende Interdisziplinarität, zuviel Bürokratie, zu wenig Zeit für Patienten – so schnell zu ändern, abgesehen davon, wie sich Ärzte qualifizieren – nämlich über Forschung und nicht über gute Arbeit mit Patienten. Ich habe ja selbst viel Forschung gemacht und fand das dann umso absurder, dass diejenigen, die sich immer dem Krankenbett entziehen, später jene sind, die später Karriere machen und Chefärzte werden. All das wurde immer stärker, und gleichzeitig gab es so ein Erweckungserlebnis: Als ich in den USA war, habe ich einen Film gesehen – „Lorenzo’s Oil“, eine wahre Geschichte über einen schwerkranken Jungen, und die Eltern organisieren dann Hilfe- und Selbsthilfe-Organisationen, Kongresse und vermeintliche Therapien. Das beruht auf einer wahren Geschichte. Den habe ich gesehen, und es war so ein melodramatischer Hollywood-Schinken, aber irgend etwas stimmte für mich daran nicht. Abend snach dem Labortag habe ich mich hingesetzt und eine Rezension geschrieben. Und als ich dann wieder auf die Uhr geguckt habe – etwas pathetisch überhöht -, war es ein Uhr nachts, und ich hatte die Zeit vergessen. nennen Sie es einfach Begeitserung oder „Flow“ oder wie auch immer, ich hatte damals nur gemerkt: Hoppla, das ist ja etwas, was dir bei deiner Tätigkeit im Labor oder anderswo nicht so widerfährt… Das ist etwas Kostbares. Dass dann der Text zwei Monate danach auf der Titelseite des Feuilletons der FAZ erschien, war zwar nett, aber nicht das Entscheidende. Ich hatte das Glück, dass der Film in Deutschland etwa zwei Monate später anlief als in den USA. Ich hatte meine Rezension an vier, fünf große Zeitungen in Deutschland geschickt, und als der Film in Deutschland rauskam, hat die FAZ es rausgebracht. Das war also mein erster journalistischer Text, und das ist ja kein so schlechter Erfolg dafür… Ich habe insgesamt so fünfzehn Texte losgeschickt, und nach der FAZ kamen dann auch die Rundschau und Die Zeit, und bis auf einen text wurden alle in den großen Medien gedruckt. Das war natürlich eine schöne Bestätigung, aber das Entscheidende war wirklich dieses Gefühl, das ich bis heute immer wieder habe, dieses völlige Vergessen der Zeit und die Freude, immer weiter am Text zu arbeiten und ihn zu verbessern. Bis heute komme ich in diesen Schwebezustand – nicht bei jeder kleinen Meldung, aber doch bei mittelgroßen Texten, die ich im Alltag schreibe.

RALPH KRÜGER: Schön.

WERNER BARTENS: Eben! und dies bei sich zu merken, war für mich sehr wichtig. natürlich war es dann auch nicht so leicht zu sagen, ich gebe das andere alles auf. ich hatte promoviert und hatte schon einige Fachveröffentlichungen und war eigentlich auf dem Weg zu einer akademischen Laufbahn. Alle haben gesagt, du hörst doch nicht mehr auf, nachdem du so viel investiert hast, aber ich habe es nicht bereut.

RALPH KRÜGER: Heute sind Sie Leitender Redakteur im Ressort Wissenschaft der Süddeutschen Zeitung. Hat ihnen da geholfen, dass Sie eigentlich nicht aus dem journalistischen, sondern aus dem medizinischen Bereich kommen?

WERNER BARTENS: Na, ich bin schon ein Quereinsteiger, aber man konnte es nicht ahnen und auch nicht planen. Ich war ja vorher bei der Badischen Zeitung in Freiburg. – Gerade der Wissenschaftsjournalismus ist ja ursprünglich eher von den Physikern geprägt, aber es war dann auch sehr gut, dass ich da reingeraten bin. Das hat sich über die Jahre entwickelt, weil ich regelmäßig für Die Zeit und die Süddeutsche frei geschrieben habe.

RALPH KRÜGER: Herr Bartens, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch.

WERNER BARTENS: Vielen Dank.

 

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