Julia Friedrichs: „Ideale – Auf der Suche nach dem, was zählt“

Und wenn ich Dich zwei Fragen fragen würde, wär das: „Woran glaubst Du?“ und „Wofür lebest Du?““ Die Kölner Gruppe Klee singt das, was wir unsere Freunde an einem gemütlichen gemeinsamen Abend bei Wein und Kerzenschein fragen würden, uns oft aber nicht zu fragen trauen, weil wir vielleicht die Antwort oder gar die Gegenfrage fürchten.

Ideale, das ist ein starker, emotionsgeladener Begriff, der so gar nicht in unsere kalte, pragmatische Welt zu passen scheint. Und doch sind Ideale gerade auch für die heutige Zeit überlebenswichtig: „Ihr habt keine Wahl, ihr müsst euch einmischen“, meint Günter Grass in seinem Gespräch mit Julia Friedrichs, als es um die Probleme unserer Zeit geht, um Wasserverknappung, Klimaschutz, Diktatoren und Kriege und um all das, was die Welt bedroht. Doch braucht man dazu Ideale? Reicht es nicht vielleicht aus, sich den Problemen ganz einfach auf pragmatische Weise zu nähern?

Ideale können nicht schaden. Sie helfen sogar, dem eigenen Handeln eine Kraft zu verleihen, die es ohne eine idealistische Einstellung nicht hätte. Aus Idealen kann jedoch schnell eine Ideologie werden, wenn die Glaubenssätze nicht mehr hinterfragt und eine möglichen Korrektur unterzogen werden. In Stein gehauene Ideale werden zu ideologischen Gesetzmäßigkeiten, an denen nicht gerüttelt werden darf.

Die Journalistin und Autorin dieses Buches, Julia Friedrichs, ist bereits bei ihren vergangenen Buchveröffentlichungen durch ihr besonders stark ausgeprägtes Interesse an soziale Themen und durch ihre Empathie aufgefallen. Ihre Bücher „Deutschland dritter Klasse“ und „Gestatten: Elite“ lesen sich wie zwei Reisereportagen zu den Antipoden des sozialen Spektrums unserer Gesellschaft. Auf der einen Seite die dunkle und auswegslose Welt der Hartz-IV-ler am unteren Ende der sozialen Leiter; auf der anderen Seite die strahlend weiße und doch so eiskalte Welt der Schüler an Elite-Schulen und –Unis, die in 60-Stunden-Wochen schon frühzeitig fit gemacht werden für die Business-Welt der (Erfolg-)Reichen.

Dazwischen sind wir, der große Rest unserer Gesellschaft, die weder zu der einen noch der anderen Klasse gehören. Doch was treibt uns an? Was lässt uns morgens aufstehen und jeden Tag aufs Neue den Kampf mit den Widrigkeiten des Lebens aufnehmen? Woran glauben wir? Und wofür leben wir?

Julia Friedrichs ist der Frage nach den Idealen, die uns antreiben, aus einem eigenen Impuls heraus nachgegangen. Vor einiger Zeit kam ihr Sohn zur Welt, und die Autorin wusste, dass ihr Sohn in eine Welt geboren wurde, die alles Andere als gesund ist. Die Zeichen stehen auf Krise, nicht nur wegen Griechenland, sondern weil wir, die Menschheit, uns seit langem darauf ausruhen, verstanden zu haben, dass wir falsch handeln, aber keine oder nur sehr kleine Schritte unternehmen, um daran etwas zu ändern.

Wenn ihr Sohn alt ist, wird die Luft auf der Erde in etwa die Qualität der Luft in einem U-Boot haben. Falls die Welt nicht endlich radikal umdenkt und den Trend zur weiteren Klimaerwärmung stoppt, wird ihr Sohn sein Leben in einer von Altlasten versuchten Umwelt verbringen. Schuld daran sind auch seine Eltern, auch Julia Friedrichs selbst, wenn sie nichts gegen die weitere Erwärmung unternimmt. Julia Friedrichs weiß das, und sie möchte nicht mit den Schultern zucken, wenn ihr Sohn sie eines Tages fragt, was sie denn aktiv gegen die Klimakatastrophe, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, getan hat.

„Man müsste eigentlich…“ denkt sie, und: „Wenn wir alle…“, doch diese Gedanken helfen nicht weiter, sondern schieben das eigentliche Problem nur aus dem Sichtfeld der eigenen Verantwortung. „Ich allein kann ja nichts machen“, so denken viele. Doch jeder kann und jeder muss sich diese Frage jeden Tag aufs Neue stellen: „Was kann ich heute tun, um die Welt zu retten?“ Denn es sind die kleinen Dinge, die am Ende Großes bewirken, weil sie von allen gemacht werden. Wir müssen nicht immer gleich die ganze Welt retten, sondern sollten und können immer nur im Kleinen anfangen: mit Mülltrennung, der Drosselung der Heiztemperatur in der eigenen Wohnung um zwei Grad, mit dem Verzicht auf das Auto für Fahrten unter drei Kilometern, aber auch durch das Unterschreiben einer Petition oder durch die Teilnahme an einer Demonstration für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer.

Die Rettung der Welt beginnt vor der eigenen Haustür, ja mehr noch: im eigenen Kopf. Wenn ich an der Welt interessiert bin und mein Leben in Frage stelle, indem ich nach seinem Sinn frage, so werde ich schnell zu jenem altmodischen Begriff der Ideale vorstoßen, die dem Leben Sinn verleihen.

Woran glaube ich? Wofür lebe ich? Es gehört Mut dazu, sich diese beiden Grundfragen zu stellen und wirklich einmal nach Antworten zu suchen. Vielen Menschen ist es im Grunde egal, wofür sie leben, solange das Leben angenehm ist. Der Niedergang des Christentums in der westlichen Welt ist ein gutes Indiz für dieses Aufgeben der Ideale. Wir überlassen dieses Spielfeld den wenigen Idealisten, die noch leidenschaftlich von einer Idee begeistert sind. (Man beachte die Worte, mit denen wir Ideale umschreiben: Leidenschaft, Begeisterung.)

Die oben beschriebene Mehrheit der Zufriedenen lebt ein ruhiges Leben ohne Leidenschaften und ohne Begeisterung. Wir haben schon zu viel erlebt, um noch von etwas wirklich „be-geistert“ zu sein. Im Idealfall würden wir ein angenehmes und zufriedenes Leben im Hier und Jetzt führen. Doch wie sieht für die Meisten das Leben denn wirklich aus? Wir sind gehetzt und ständig unter Zeitdruck. Die äußeren Zwänge scheinen uns an die Wand zu drücken, und die Sorge um den Arbeitsplatz, die Beziehung, die Altersvorsorge und vieles Andere mehr lässt uns müde und grau werden. Für Ideale ist hier wirklich kein Platz mehr, tut mir leid. Oder etwa doch? Vielleicht gerade hier?

Wer einem Ideal folgt, verleiht seinem Dasein einen höheren Sinn. Oft geht es um hehre Ziele, öfter noch um idealistische Grundsätze. Denn ein Idealist ist vor allem ein Mensch mit moralischen Grundsätzen und mit einem aktivierten Werteapparat. Idealisten hängen ihr Fähnchen nicht in den Wind, sondern sind selbst Windmaschinen und Menschen, die Anderen ein Richtungsweiser sein können. Ideale verleihen einem Menschen nicht nur Würde und Ausstrahlung, sondern Idealisten ernten oft auch die Bewunderung ihrer Umwelt.

Tolle Sache, das. Woher bekommt man denn solch eine idealistische Grundhaltung? Wo kann man das kaufen? – Kaufen geht nicht. Sie müssen sich schon selbst den Kopf zerbrechen oder einfach mal überlegen, was Ihnen im Leben wichtig ist. Wenn Sie dann nur auf solche Äußerlichkeiten wie „viel Geld“, „schöne Reise machen“, „dicken Wagen fahren“ oder „schöne Frau haben“ kommen, auch gut. Dann sind Ideale vielleicht wirklich nichts, was Ihnen das Leben versüßen kann.

Aber falls Sie tief in Ihrem Herzen ein Stechen verspüren, wenn Sie an Ihr Ende denken, und das Gefühl haben, der Welt bislang noch nicht das gegeben zu haben, was Sie hätten geben können, oder dass Sie, wenn Sie nicht bald etwas änderten, Ihr Leben gar als verschwendet, verfehlt, vergeudet betrachten müssten, dann sind Sie auf der richtigen Spur. Folgen Sie ihr und entdecken Sie Ihre eigenen Ideale. Es wird Ihr Leben verändern, bereichern und mit einem tieferen Sinn erfüllen.

Julia Friedrichs machte sich eine eigene Liste von Dingen, die sie in ihrem Leben verändern und woran sie sich fortan halten wollte. Kleine Dinge, wie das Einkaufen in Läden, die keine Mitarbeiter ausbeuten und nach Tarif zahlen; innerhalb Deutschland nicht mehr zu fliegen; nach Flügen Geld an Projekte zu überweisen, die den Dreck, den ihr Flug verursacht hat, wieder ausgleichen; Kindern, denen es in ihrem Viertel nicht gut geht, in der Schule zu helfen; das Geld zu spenden, das sie nach dem Kirchenaustritt an Kirchensteuer spart.

Kleine Dinge, kleine Ideale, aber ein Anfang. Im Laufe des Buches wird sich die Autorin ihrer eigenen Ideale bewusst und verspricht, ihr Leben zukünftig danach auszurichten. Ihre Suche nach den eigenen Idealen führt Julia Friedrichs zu Begegnungen vielen interessanten Menschen, die sie in diesem Buch befragt. Es ist auch teilweise eine Begegnung mit den alten Idolen wie Gerhard Schröder.

Ideale und Idole – zwei Worte, die ähnlich klingen, jedoch ganz andere Konnotationen wecken. Ein Idol wird nicht hinterfragt, sondern angehimmelt. Es wird zum Abbild eines Ideals, ist jedoch aufgrund seiner Unantastbarkeit der Ideologie näher als dem Ideal.

Gerhard Schröder war solch ein Idol für die junge Julia Friedrichs. Al sie das erste Mal wählen durfte, beendete die Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler die sechzehnjährige Ära Kohl und ließ eine Hoffnung im Lande aufblühen, die Hoffnung auf einen Neuanfang und den Aufbruch in eine bessere Zukunft. Dann jedoch kam 2001, der Irakkrieg und Hartz-IV. Schnell drehte sich die Stimmung in der Gesellschaft, und Schröder wurde zum Sinnbild einer von Sachzwängen statt von Visionen bestimmten Politik.

Peter Hartz hingegen hält sich heute noch für einen Idealisten. Er wüsste, wie man die Arbeitslosigkeit in Deutschland beseitigen könnte, aber keiner hört ihm mehr zu. Seine Reformen seien nur halbherzig umgesetzt und deshalb zu einem Desaster geworden. Der besuch der Autorin bei dem ehemaligen Topmanager und Hoffnungsträger der Schröder-Regierung wird zu einem Ausflug in den hintersten Winkel der Republik und führt sie in ein Gewerbegebiet außerhalb Saarbrückens, wo Peter Hartz heute lebt.

Julia Friedrichs Buch lebt vor allem aufgrund seiner atmosphärischen Beschreibungen und durch die Ehrlichkeit der Autorin mit sich selbst. Sie macht dem Leser nichts vor, sondern legt alles offen, zeigt den Reifungsprozess von seinen Anfängen einer allgemeinen Unzufriedenheit während der ersten Silvesternacht ihres neugeborenen Sohnes bis zur Gewissheit, sich den eigenen Idealen gemäß zu verhalten und wenigstens zu versuchen, die Welt zu verändern. Diese Gewissheit erfährt Friedrichs auf den Kaimaninseln, als sie das hohle und wertfreie Leben der Finanzjongleure auf diesen „steuerneutralen“ Inseln in der Karibik kennen lernt.

„Ideale – Auf der Suche nach dem, was zählt“ ist ein doppelter Reiseführer. Er lässt uns teilhaben aan der persönlichen Selbstfindung der Autorin, wobei diese Umschreibung eigentlich aufgrund der ganz praktischen und lebensnahen Herangehensweise zu schwulstig und esoterisch klingt; andererseits nimmt die Journalistin uns mit zu faszinierenden Menschen, und befragt sie nach ihren Idealen. Die genannten Persönlichkeiten Gerhard Schröder und Peter Hartz werden flankiert von solch unterschiedlichen Menschen wie die Umweltaktivistin und Konsumverweigerin Hannah Poddig, der Schriftsteller Ingo Schulze, die Kindergärtnerin Bettina Leber, die Unfallchirurgin Nina Ofers oder auch Politiker wie Christian Ströbele und Rezzo Schlauch. Günter Grass liefert quasi als Altersweiser das Schlusskapitel dieses spannenden und sehr inspirierenden Buches.

Am Ende wird sich der Leser hoffentlich auch fragen, ob er sein Leben nicht vielleicht auch ein bisschen idealistischer leben sollte und sich die beiden Fragen stellen, die auch Klee in ihrem Lied „2 Fragen“ besingen: Woran glaubst Du? Und wofür lebst Du?

Julia Friedrichs hat diese Frage für sich bereits beantwortet. Und Sie?

Lesen Sie auch das ausführliche Interview mit Julia Friedrichs in Berlin, in dem es um Ideale, um die Vision einer solidarischen Gesellschaft und um den Weg dahin geht.

Autor: Julia Friedrichs
Titel: „Ideale – Auf der Suche nach dem, was zählt“
Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-10: 3455501877
ISBN-13: 978-3455501872

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