Interview mit Stefan Kuzmany am 02.11.11 über sein Buch „Das können Sie glauben!“

KULTURBUCHTIPPS: Herr Kuzmany, im Laufe Ihrer Suche nach dem richtigen Glauben kommen Sie ja mit recht verschiedenen Religionen in Berührung und tragen Ihre Suche ja auch mit nach Hause, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben. Ihre Familie wird also nicht nur Zeuge Ihrer Suche, sondern wird aktiv in den Prozess der Glaubenssuche und des Ausprobierens mit einbezogen. – Nach all diesen gescheiterten Versuchen: Was glauben Sie, glaubt Ihre Frau, dass Sie glauben?

STEFAN KUZMANY: Diese Einbeziehung meiner Familie in den Prozess ist natürlich eine Konstruktion. Selbstverständlich habe ich diese Frau, und ich habe auch einen Sohn. Aber in dem Buch finden Sie natürlich nicht 1:1 meine Frau wieder gegeben, obwohl viele dieser Dialoge so stattgefunden haben könnten oder tatsächlich auch stattgefunden haben. Meine Frau beschäftigt sich im Grunde auch viel härter mit diesem Thema als ich. Ich selbst weiß immer nicht so richtig, und eigentlich fände ich es auch ganz schön, wenn ich etwas glauben könnte. Aber das ist relativ schwer, wie es ja auch aus meinem Buch hervor geht. Jedoch meine Frau hat schon ganz früh für sich entschieden, dass es so etwas wie das Jenseits  nicht gibt; sie ist also eine klassische Atheistin. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob sie damit wirklich so zufrieden ist, aber sie kann halt auch nicht anders. – Wenn Sie mich also fragen, was meine Frau glaubt, dass ich glaube, dann würde ich meinen, dass sie mich wahrscheinlich noch für solch einen Rest-Christen hält.

KULTURBUCHTIPPS: Sie sind getauft?

STEFAN KUZMANY: Ich bin getauft, und ich bin auch noch tatsächlich in der evangelischen Kirche. Wenn Sie mich jetzt fragten, warum ich noch nicht ausgetreten bin, so kann ich diese Frage eigentlich auch gar nicht so richtig beantworten. Wahrscheinlich ist es auch einfach Bequemlichkeit. Und dann ist es ja auch ganz so schlecht nicht, was die machen, gerade im sozialen Bereich. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir der Aufwand einfach zu groß. Hier in Berlin muss man ja dann extra aufs Amtsgericht gehen und so. Diesen Verwaltungsaufwand war mir der Austritt einfach noch nicht wert. Abgesehen davon, ist ein Austritt auch ein ganz klarer Schnitt mit der persönlichen Geschichte, zu dem ich mich bislang noch nicht durchringen konnte. Inhaltlich gesehen, hätte ich eigentlich schon längst austreten müssen, weil ich tatsächlich schon sehr lange nicht mehr anlassfrei am Sonntag in der Kirche war, sondern nur noch bei einer Beerdigung oder Hochzeit. Seit der Zeit nach meiner Konfirmation, als ich seinerzeit sehr begeistert war von der Kirche und dem Glauben, habe ich nach und nach komplett den Bezug verloren zu dem ganzen Thema. Ich könnte mich also wirklich nicht als einen praktizierenden Christen bezeichnen, ich weiß nicht einmal, ob ich noch ehrlich von mir sagen könnte, dass ich Christ bin.

KULTURBUCHTIPPS: Sie sind also noch Vereinsmitglied, üben jedoch keine aktive Mitgliedschaft mehr aus.

STEFAN KUZMANY: Genau.

KULTURBUCHTIPPS: Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Buch?

STEFAN KUZMANY: Tatsächlich interessiert mich das Thema schon sehr lange. Ich beschreibe das ja auch in dem Buch, dass ich nach meiner Konfirmation als Mesner, also als eine Art evangelischer Ministrant, sehr viel Zeit in der Gemeinde verbracht habe, bis dann alles irgendwie nachließ und im Sande verlaufen ist. Danach gingen viele Jahre ins Land, doch dann sind in meinem Leben viele verschiedene Dinge passiert: Ich habe meinen Sohn bekommen, dann ist mein Vater zwischenzeitlich gestorben. Gerade diese beiden Punkte brachten mich dazu, mich wieder mit den existenziellen Fragen zu beschäftigen, die lange Zeit gar keine Rolle in meinem Leben gespielt hatten. Ich fragte mich dann, sollte ich selbst vielleicht an etwas glauben oder sollte ich meinem Sohn später einmal etwas vermitteln? Was könnte das dann eigentlich sein? – Heute ist es ja nicht mehr so, dass man automatisch an die eine Sache glaubt, sondern dass man sich das quasi aussuchen kann. So entstand diese Idee, das mit dem Glauben auf diese Art und Weise einfach einmal auszuprobieren und aufzuschreiben.

KULTURBUCHTIPPS: Wie sind Sie dann konkret an dieses Projekt heran gegangen?

STEFAN KUZMANY: Die Ausgangsidee zu diesem Projekt war die Frage, was begegnet einem eigentlich, wenn man sich für diese Religionen interessiert. Mein Buch ist ja aus einer Konsumenten-Perspektive geschrieben, was natürlich gleichzeitig die Kritik daran impliziert, und deshalb sagt es zunächst gar nicht so sehr viel über die einzelnen Religionen aus. Natürlich finden Sie auch einige grundlegende Fakten über jede Religion, aber mein Text erzählt mehr darüber, was geschieht, wenn man sich dafür interessiert. An was für Vertreter dieser Religionen gerät man dann? Wenn man sich zum Beispiel hier in Berlin dafür interessiert, Moslem zu werden, dann muss man erste einmal gucken, wo überhaupt eine Moschee ist, in der Deutsch gesprochen wird. So geht’s schon mal los, das ist gar nicht so einfach. Der Koran selbst wird ja sowieso nimmer nur auf Arabisch rezitiert, aber die meisten Auslegungen sind natürlich meistens türkisch. Wo wird also Deutsch gesprochen, das ist schon einmal ein Punkt. Dann fangen Sie also an zu suchen und treffen auf verschiedene Figuren, die auch in dem Buch vorkommen. So auch beim Buddhismus, wo man ganz schnell beim Diamantweg-Buddhismus gelangt, weil dies ganz einfach die am weitesten verbreitete Richtung in Deutschland ist und von dem Dänen Ole Nydahl angeboten wird. Das Ergebnis solch einer Suche ist ja immer eine Frage von Angebot und Nachfrage, und so habe ich immer jenes Angebot gewählt, das einen als Erstes anspringt. Beim Christentum war es ein bisschen anders, weil ich mich dafür entschieden hatte, noch einmal in meine eigene  Vergangenheit zu gucken und jemanden zu sprechen, mit dem ich damals viel zu tun hatte, der damals Vikar war und jetzt Pfarrer ist. Beim Judentum ist es sowieso nicht so leicht, weil die nicht missionieren. Die Buddhisten behaupten das ja auch für sich, die nennen das eben nicht Missionieren, sondern die halten Vorträge. Die Juden jedoch sagen, dass es überhaupt kein Problem ist, wenn man kein Jude ist, und insofern schicken die einen auch eher mal wieder weg. Da musste ich mich also wirklich aktiv drum bemühen, aber wenn man etwas sucht, so ist ein Einstieg natürlich auch bei den Juden möglich. Ich habe mir dann einen sehr interessanten Vertreter heraus gesucht, den Walter Rothschild, der in Berlin Landesvertreter gewesen ist und mit dem es zu einem Skandal kam, weil er für manche Leute vielleicht etwas zu liberal gewesen ist. – Dies war also meine Herangehensweise: Wenn man sich dafür interessiert, welche Angebote gibt es da und wer begegnet einem dort.

KULTURBUCHTIPPS: Wie lange haben Sie für dieses Buch gebraucht?

STEFAN KUZMANY: Viel zu lang. Das liegt aber auch damit zusammen, dass ich den vertrag für das Buch unterschrieben hatte, als meine Frau noch schwanger war, und ich hatte mir eingebildet, dann ist das Kind da und schläft den ganzen Tag, und ich habe Zeit, das Buch zu schreiben. Das ist natürlich Unsinn gewesen. Danach war dann aber auch die Zeit rum, die ich mir für das Buch frei genommen hatte, damals hatte ich noch bei der taz gearbeitet, und dann musste ich wieder bei der Zeitung arbeiten. Insgesamt habe ich ungefähr von Ende 2007 bis Mitte 2011 an dem Projekt gearbeitet, allerdings mit riesigen Unterbrechungen. Natürlich hätte man das Buch wesentlich schneller schreiben können.

KULTURBUCHTIPPS: Es ist allerdings auch ein sehr gut und sorgfältig recherchiertes Buch. Es gibt ja viele, viele Fußnoten. Sie benutzen zur Recherche natürlich das Internet und so finden sich auch mehrere interessante Links zur weiteren Lektüre.

STEFAN KUZMANY: Ich habe schon versucht, das alles so hinzubekommen, dass alles belegt ist und stimmt, was ich da schreibe. Bei aller unterhaltsamen Erzählweise war mir das schon wichtig, dass ich keinen Unsinn schreibe. Ich habe auch nach Möglichkeit mein Manuskript Leuten zum Lesen gegeben, die mit der Materie vertraut sind und mir sagen konnten, wenn ich Fehler gemacht habe. Ich kann auch jetzt nicht ausschließen, dass das Eine oder Andere nicht stimmt, aber ich bin immer für Hinweise dankbar. Möglicherweise gibt es ja eine zweite Auflage, und dann würde ich solche Fehler natürlich korrigieren, aber ich habe mir schon Mühe gegeben, dass alles stimmt. Soweit es mir möglich war, bin ich auch immer selbst hingegangen und habe mir das selbst angeschaut. Denn mein Buch soll ja nicht nur lustig oder eine Polemik sein, sondern man soll im besten Fall ein bisschen was über diese Religionen erfahren, was man vorher noch nicht wusste oder was vielleicht ein Interesse aktivieren kann, obwohl ich nicht glaube, dass wirklich religiöse Menschen mit meinem Buch gut bedient sind.

KULTURBUCHTIPPS: Sie sind ja auch sehr vorsichtig und möchten gläubige Menschen nicht verletzen. So stellen Sie ja gleich im Vorwort klar, dass Sie niemanden in seinem Glauben verletzen möchten. Ich frage mich, ob Sie vielleicht sogar ein wenig Angst vor fundamentalistischen Eiferern haben?

STEFAN KUZMANY: Mir war wichtig, gleich von Anfang an klar zu machen, an wen sich dieses Buch nicht richtet. Es ist eben nicht dazu gedacht, dass Leute das Buch durchblättern und mit scharfem Blick nach dem suchen, was darin an Falschem oder Bösem über jene Dinge steht, an die sie so sehr glauben. Das ist weder mein Anspruch noch meine Absicht gewesen. Ich mache mir also nicht wirklich Sorgen, dass mir da jetzt Briefbomben ins Haus geschickt werden.

KULTURBUCHTIPPS: Wenn man sich, wie Sie, längere Zeit mit den großen Religionen beschäftigt, auf die Leute zugeht und mit ihnen zum Teil auch in engeren Kontakt tritt, bleiben dann solche Kontakte erhalten, oder anders gefragt: Einige der von Ihnen vorgestellten Religionen missionieren ja – gibt es da Nachfass-Aktionen und stehen manchmal noch Leute vor Ihrer Tür und fragen Sie, ob Sie nun endlich zum rechten Glauben gefunden haben?

STEFAN KUZMANY (lacht): Nein. Ich habe natürlich tunlichst nirgendwo meine Adresse hinterlassen. Im Buch gibt es diese Nachbarin mit ihrem superchristlichen Freund, die ist zwar aus anderen Gründen mittlerweile weggezogen, aber diese Nachbarin gibt es wirklich, und die stand dann tatsächlich noch ein paar Mal bei mir vor der Tür und wollte mit mir über Jesus reden. Allerdings wussten die auch, dass ich dieses Buch schreiben würde, und die wollten da ihre Sicht der Dinge noch einmal ganz klar machen. Bei Scientology habe ich nicht unter richtigem Namen operiert. Dann bei den Buddhisten gab es wieder so eine Liste, in die man seinen Namen eintragen konnte, das habe ich dann eben nicht getan. Und so habe ich es immer vermieden, meinen Namen preis zu geben, weil genau das mir auch unangenehm gewesen wäre. Ich könnte mir zwar schon vorstellen, dass es noch einige Punkte gäbe, über die ich mich mit dem Einen oder Anderen unterhalten könnte, aber dann würde ich von mir aus anrufen.

KULTURBUCHTIPPS: Jetzt ist das Buch ja fertig. Wie steht es denn heute um Ihren Glauben? Hat die Arbeit an diesem Buch irgendetwas verändert?

STEFAN KUZMANY: Ich könnte auch heute noch nicht sagen, welche Religion „die beste“ ist. Zumindest kann ich für mich selbst diese Frage nicht beantworten. Das hängt aber natürlich auch damit zusammen, dass das ganze Buch ja eigentlich eine Farce ist, weil es auf diese Art natürlich nicht möglich ist, Glauben wirklich zu erleben. Man kann eben nicht wie in einen Supermarkt gehen, obwohl immer wieder vom „Supermarkt der Religionen“ gesprochen wird. Aber das Ergebnis wird nie so sein, dass man tatsächlich einen echten Glauben daraus schöpfen könnte. Ein Glaubenserlebnis hat immer mit ganz persönlichen Erfahrungen zu tun und mit der Bereitschaft, sich diesen Erfahrungen auch zu öffnen. Außerdem kommt es auch immer auf die Situation an, in der man an eine Religion gerät und an wen man dort gerät. Ohne etwas gegen die einzelnen Religionen sagen zu wollen, habe ich bei meiner Suche in diesen Einrichtungen vor allem Personen getroffen, die mich eher davon abgeschreckt haben, als dass sie mich von ihrer Art zu glauben überzeugen konnten. Denn das Ganze ist natürlich auch ein Geschäft, da machen sich Leute wichtig und anderen Leuten Angst. Gerade diese „großen Nummern“ haben mich dann eher abgestoßen. Insofern hat mich mein Buch keiner Glaubensrichtung näher gebracht, aber ich würde auch nicht behaupten, dass es mich weiter weggebracht hat von der Suche nach dem Glauben. Ich möchte es also nicht ausschließen, dass ich irgendwann dazu komme, tatsächlich zu glauben, das ist dann allerdings kein Thema für ein Buch.

KULTURBUCHTIPPS: Was mir noch ein wenig fehlt, ist die Unterscheidung zwischen Glauben und Kirche. Denn beides hat nicht notwendig etwas miteinander zu tun. Wir können auch ohne Kirche glauben, und selbst eine kirchliche Organisation könnte ohne Glauben gut funktionieren, wobei sie dann natürlich durch nichts von einer weltlichen Organisation zu unterscheiden wäre. Aber konzentrieren wir uns noch einen Moment auf den Menschen. Ich frage jetzt mal ganz grundsätzlich: Braucht der Mensch einen Glauben?

STEFAN KUZMANY: Ich denke, jeder Mensch hat einen Glauben. Ich denke, dass es kaum jemanden gibt, der nicht an irgendetwas glaubt. Jedoch was wir Religion nennen, ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem Spektrum der Glaubensmöglichkeiten. Es gibt auch gläubige Materialisten, Menschen glauben ans Geld oder an den Erfolg oder an die Schönheit ihres Körpers, an den Sport oder an die Familie, an die Liebe usw. – Wir brauchen auch den Glauben daran, dass es Sinn macht, morgens aufzustehen, sonst würden wir es ja nicht tun. Ich denke also, dass es ganz tief in den Menschen drin steckt, an etwas zu glauben. Das gilt ja auch im ganz alltäglichen Sinne: Man möchte ja seinen Mitmenschen glauben, man möchte Vertrauen haben in irgendetwas oder in irgendjemanden, wir brauchen Dinge, auf die man sich verlassen kann. Wenn man diesen Gedanken noch weiterdenkt, dann ist unser ganzes Gesellschaftssystem gelebter Glaube, auch unsere Währung zum Beispiel, gerade bröckelt es ein bisschen, und wenn Sie sich mit Physikern unterhielten, würden die wahrscheinlich auch sagen, dass selbst unser Atommodell der Materie eine Konstruktion und somit eine Glaubensfrage ist. Insofern denke ich, dass die Menschen sowieso einen Glauben haben. Ob sie den Glauben im religiösen Sinne brauchen, da bin ich mir nicht sicher. Ich könnte mir vorstellen, dass es schön wäre, wenn die Menschheit sich einigen könnte, nach den sieben Noachitischen Gesetzen zu leben, dass man sich nicht gegenseitig umbringt, keine Tiere quält, keinen Inzest hat, dass man eine Gerichtsbarkeit bildet und so weiter, das wäre eine ethische Grundlage, die man aber gar nicht mit irgendeinem transzendenten Brimborium begründen müsste, sondern dass man eine Vernunftsgemeinschaft bildet, in der man sich nicht gegenseitig verletzt. Wenn man sich darauf verständigen könnte, fände ich das sehr schön. Aber bei der Frage, was danach kommt, nach dem Tod, auch da hat jeder seinen Glauben, auch der, der nichts glaubt, glaubt, dass da nichts ist. Wir wissen es einfach nicht.

KULTURBUCHTIPPS: Wir wissen es einfach nicht, ein schönes Schlusswort. In diesem Sinne: vielen Dank.

STEFAN KUZMANY: Ich danke Ihnen.

 

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