Anthony McCarten: „Hand aufs Herz“

Anthony McCarten: "Hand aufs Herz"In seinem abgewrackten Londoner Autohaus denkt sich Terry Back einen Wettbewerb aus, der ihm nicht nur einen Eintrag im „Guinness-Buch der Rekorde“ einbringen, sondern vor allem den Umsatz in seinem Laden wieder ankurbeln und ihn so aus seiner finanziellen Zwangslage befreien soll.

In seinem neuen Roman „Hand aufs Herz“ zeigt Anthony McCarten wieder einmal ein Herz für die Schwachen und Gescheiterten in der englischen Gesellschaft. In dieser Geschichte geht es vor allem zum zwei personen: Tom Shift und Jess Podorowski.

Tom Shift ist eigentlich ein Unternehmertyp, der jedoch mit seiner Firma für künstlerisch gestaltete Postkarten von russischen Museen übers Ohr gehauen wurde und somit vor dem finanziellen Ruin steht. Jess Podorowski ist eine Frau um die Vierzig, die sich nach dem Tod ihres Mannes als Politesse in der Londoner City durchschlagen muss, um ihre querschnittsgelähmte, erwachsene Tochter zu versorgen.

Und dann ist da noch Walter, der Rentner, der schon am Anfang des Wettbewerbs so aussieht, als gäbe es Schlimmeres, als mehrere Tage und Nächte am Stück wach zu bleiben, während man eine Hand auf einem neuen Geländewagen legt. – Denn darum geht es in diesem Wettbewerb: Wer am längsten durchhält und seine Hand nicht von dem Wagen lässt, während die Anderen wegen Müdigkeit aufgeben, der hat diesen viele Tausend Pfund teuren Wagen gewonnen.

Am Anfang sind es 40 Konkurrenten, die an den Start gehen. Dem Leser bietet sich ein Spiegelbild der Gescheiterten der britischen Gesellschaft: ein Mann aus Zaire, ein Schlafloser aus Billingsgate, ein Obdachloser, ein Rentner, ein Rumäne, ein Schlagzeuger, eine Hebamme, ein ehemaliger Fußballer, ein Berufssoldat, ein Schriftsteller aus Neuseeland (sic!), ein arbeitsloser Vater, ein entlassener Sträfling, ein verwöhntes Söhnchen namens Matt Brocklebank, eine junge Betsy Richards usw. usw.

Eine wirklich illustre Gesellschaft geht da an den Start, und jeder will das Auto aus seinen ganz individuellen Gründen gewinnen.

Während die Stimmung am Anfang noch kollegial ist, man sich gegenseitig hilft, guter Laune ist und Witze macht, ist Tom Shift von Anfang an ganz bei der Sache. Er geht diesen Wettbewerb professionell an, denn für ihn ist klar, dass er diesen Wagen gewinnen muss, um ihn gleich wieder zu verkaufen; er braucht das Geld, um wenigstens die gröbsten Schulden aus seinen missglückten Geschäften zu begleichen. Wozu bräuchte er auch einen Geländewagen? Er ist Londoner – was sollte er also mit einem nagelneuen „Discovery“ anfangen?!

Konsequent verfolgt er sein Ziel und schreckt auch nicht vor den perfiden Mitteln psychologischer Kriegsführung zurück, indem er die Mitstreiter demoralisiert. An seiner Seite steht seine stärkste Konkurrenz: Jess Podorowski, eine stille Frau aus Polen, die ebenfalls fest entschlossen ist, den Wagen zu gewinnen.

Je länger der Wettbewerb dauert, desto schwieriger wird es für die Kontrahenten, und umso direkter gehen sie aufeinander los. Der Autohändler Terry Back, von allen Hatch genannt, aktiviert die Presse und sieht in diesem verrückten Wettbewerb die einzige Chance, seinen verschuldeten Laden noch einmal flott zu machen. Während der Tage und Nächte des Wettbewerbs pendelt er zwischen dem Autohaus, seiner vernachlässigten Familie und seiner Geliebten hin und her und bekommt von allen Seiten Druck. Der Wettbewerb läuft nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte, seine Frau denkt über Scheidung nach, und seine Geliebte fordert endlich eine klare Entscheidung von Hatch für sie und gegen seine Frau.

Anthony McCarten ist Neuseeländer und erfolgreicher Schriftsteller. Weltweit bekannt wurde er spätestens, als sein Theaterstück „Ladies’ Night“ – übrigens ohne seine Zustimmung! – 1997 kongenial von Peter Cattaneo in der britischen Komödie „The Full Monty“ („Ganz oder gar nicht!“) verfilmt und zu einem riesigen Kinoerfolg wurde. Im Deutschen sind bislang auch seine Romane „Superhero“ und „Der englische Harem“ erschienen.

McCartens neuer Roman sieht nach einer netten Komödie aus, hat es aber faustdick hinter den Ohren. „Hand aufs Herz“ beginnt mit einem Wettbewerb, in dem es für die meisten der 40 Teilnehmer nicht nur um ein neues Auto geht, sondern aus verschiedenen Gründen ums nackte Überleben. Überraschend ist die Wende am Ende der Geschichte, wo aus dem unerbittlichen Kampf „Jeder gegen jeden“ plötzlich die Geschichte eines ungewöhnlichen Miteinanders und der Entwicklung einer zarten Liebesgeschichte wird.

Lassen Sie sich überraschen und lesen Sie „Hand aufs Herz“ von Anthony McCarten.

Autor: Anthony McCarten
Titel: „Hand aufs Herz“
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 3257067305
ISBN-13: 978-3257067309

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