Douglas Coupland: „Marshall McLuhan – Eine Biografie“

Am 21. Juli 1911 wurde in Edmonton, Kanada, ein Mensch geboren, der die Welt und unseren Blick auf die Medien veränderte. Marshall McLuhan war der bekannteste Medienkritiker der 1960er Jahre und wurde in den USA und Kanada zu einem wissenschaftlichen Popstar und Kommunikations-Guru. Wie kaum ein anderer hat McLuhan unsere Welt der Medien kritisch betrachtet und zu ihrer kultur- und sozialwissenschaftlichen Deutung beigetragen.

Jeder kennt die von McLuhan stammenden berühmten Sätze und Begriffe wie „Das Medium ist die Botschaft“ (the medium is the message), „The Global Village“ oder „Die Gutenberg-Galaxis“. Sein Scharfsinn und Weitblick waren wirklich erstaunlich. Bereits 1962 sah er die Zukunft des Internets voraus, nur leider verstanden ihn damals nur wenige:

Das nächste Medium, was immer es ist – vielleicht eine Ausweitung unseres Bewusstseins -, wird das Fernsehen als Inhalt mit einbeziehen, nicht als dessen bloßes Umfeld, und es in eine Kunstform verwandeln. Der Computer als Forschungs- und Kommunikationsinstrument könnte die Recherche von Information steigern, die Zentralbibliotheken in ihrer bestehenden Form überflüssig machen, die enzyklopädische Funktion des Individuums wiederherstellen und in einen privaten Anschluss umkehren, über den individuell zugeschnittene Informationen sofort und für Geld abgerufen werden können.

Das schrieb Marshall McLuhan vor 49 Jahren – zu einer Zeit, als die Beatles noch im Hamburger Star Club Rock ´n´ Roll spielten, vor einem Jahr die Berliner Mauer gebaut wurde und Juri Gagarin gerade der erste Kosmonaut war, der in einem Raumschiff die Erde umkreiste.

Marshall McLuhan war ein seltsamer Mensch, ein genialer Denker aber auch der klassische Typ eines zerstreuten Professors. Er konnte ohne Punkt und Komma in einer seltsamen Sprache reden, die nur Eingeweihte verstanden; dann wieder blieb er mitten im Satz stehen und schwieg.

Solche Absencen hatten ihre Ursache nicht zuletzt in McLuhans seltenen anatomischen Eigenschaften. Er hatte nicht nur ein überdurchschnittlich feines Gehör, sondern besaß eine doppelte Arterie, die sein Gehirn mit Sauerstoff versorgte, was einerseits für eine bessere Durchblutung, andererseits aber auch zeitlebens für eine Vielzahl von Schlaganfällen sorgte.

Douglas Coupland fühlte sich seit langem mit Marshall McLuhan verbunden. Nicht nur sind beide Kanadier und setzen sich kritisch mit den Medien auseinander, sondern beide verbindet auch, dass sie ein besonderes Gespür und eine seltene Empfindsamkeit für semantische Zusammenhänge und feinste Signale haben.

Zu Beginn dieser Biografie von Marshall McLuhan erzählt Douglas Coupland, wie er 1988 mit dem rauchen aufhörte, dann von einem heftigen niesen ergriffen wurde und dann in seinem Taschentuch einen merkwürdigen Zellklumpen fand. Danach war sein Gehör kristallklar und überempfindlich gegen Lärm. Auch dies ist eine Gemeinsamkeit, die ihn mit Marshall McLuhan verbindet, der immer wieder über den Lärm in seiner Umwelt klagte.

Douglas Coupland hat ein wundervolles Buch über diesen interessanten Mann geschrieben. Ganz im Sinne einer Biografie über den vielleicht berühmtesten Medienkritiker aller Zeiten hat Coupland das Internet nicht nur für seine Recherchen benutzt, sondern seine Fundsachen auch gleich in Teilen in sein Manuskript integriert.

So liest sich Couplands Biografie von Marshall McLuhan wie ein mediales Mosaik und erweist auf diesem Wege McLuhans eigenen Büchern eine Hommage; denn McLuhans Büchern waren oft von einer wilden Strukturlosigkeit gekennzeichnet, stellten Bilder und Schrift scheinbar wahllos nebeneinander und zeigten typografische Besonderheiten, die wie die Inhalte der Texte ihrer Zeit weit voraus waren.

McLuhan zeigt Zusammenhänge auf, die uns oft nicht bewusst sind. Wieder klingt es wie eine Warnung vor der Allmacht des Internets, wenn er schreibt: „Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns.

Die Tatsache, dass wir nicht in der Lage sind, die Zukunft voraus zu sagen oder gar zu gestalten, fasst er in jenem seltsamen Bild zusammen, das McLuhans starken Pessimismus deutlich macht: „Wir betrachten die Gegenwart im Rückspiegel. Wir marschieren rückwärts in die Zukunft.

Mit solchen Beispielen könnte man noch lange fortfahren. Sie zeigen, wie einzigartig, fremd und seiner Zeit voraus McLuhans Denken in den 1960er Jahren war. Jeder, der sich für Medien interessiert (und wer tut das nicht, der in den Weiten des Internets unterwegs ist?), sollte Marshall McLuhan kennen und dieses Buch über sein Leben und Werk lesen.

Douglas Couplands Biografie ist sehr gut und spannend zu lesen und gibt einen guten Eindruck dieser vielschichtigen und schillernden Persönlichkeit, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre und doch so viel über unsere Zeit zu wissen und zu sagen schien.

Autor: Douglas Coupland
Titel: „Marshall McLuhan – Eine Biografie“
Gebundene Ausgabe: 221 Seiten
Verlag: Tropen Bei Klett-Cotta
ISBN-10: 3608503064
ISBN-13: 978-3608503067